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Aschenblödel

Da hab ich ja drauf gewartet: Dass sich jemand die Lebensgeschichte eines Vorstadtjugendlichen greift, von den brennenden banlieues erzählt und wie aus ihrer Asche ein formidabler Fußballer hervorkriecht, den man dann wahlweise Phoenix oder Puttel rufen kann. Der durch nichts als harte Arbeit und Entschlossenheit zum Erfolg kam, und am Ende steht die Wahrheit unserer Tage in goldenen Lettern über einem Stadion: Du kannst alles schaffen, wenn Du Dich nur anstrengst: Just do it.

Christian Dittmar, den ich normalerweise durchaus schätze, erzählt diese Geschichte anhand Benzema. Nasri oder Ben-Harfa hätten sich durchaus auch angeboten: der schon jetzt legendäre ’87-Jahrgang, als die Störche Brasilianisches auf Frankreich niederregnen ließen. Leider hat den dreien das Schicksal den Tellerwäscher-Umweg erspart – aber hey. Dunkle Vorstädte, ein Setting wie bei „The Snake“, randalierende Freundesfreunde, integre Eltern, glorreiche Migrationsgeschichten, ich meine: so ein Drehbuch wäre schon würgerlich, aber als Artikel, holla.

Benzema jedenfalls, schreibt Dittmar,

wurde in einer dieser gesichtslosen Vorstädte Frankreichs, einer banlieue Lyons, geboren. Keine Ghettos, hier wohnen auch viele alteingesessene Franzosen, aber was die Bewohner eint, ist ihre Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Und so geht das in einem fort. Irgendwie Lichtenberg, aber Migrationshintergrund. Gesichtslose Vorstadt, aber kein Ghetto. Perspektivlosigkeit, aber keine Verzweiflung. Inferno, aber nicht da, wo Benzema herkommt, sondern irgendwo anders. Einwanderer, aber Franzose. Der zweiten Generation, wohlgemerkt. Aber algerisches Herz. Aber Franzose. Aber irgendwie halt auch wieder nicht. Weil banlieue. Weil Algerier. Aber integre Eltern. Harte Arbeit. Entschlossenheit. Aber auch ein Quentchen Glück. Aber auch Besessenheit. Aber Zidane. Aber dann doch Ronaldo. Aber Rhabarber.

Herrgott, kann man diese Geschichten auch mal erzählen, ohne schiefe Integrationsvergleiche hervorzuzaubern? Ohne brennende Mülltonnen? Mal ganz ohne aber?

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