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Ente zum Spieltag (fünf Gänge, Servietten inklusive)

Cottbus – Hannover 5:1
Cottbus lebt. Wer da Samstag Abend durch die Innenstadt schlendert, mag geneigt sein, Gegenteiliges zu behaupten*: Uns interessieren hier aber Zeiten, die Großmütter gerne nutzen, anderen Großmüttern ihr frisch gewienertes Porzellan mit etwas vollzugießen, das sie „Kaffee“ nennen, das sich aber bei genauerer Betrachtung nur als eine traurige Reminiszenz an die aufgekochte Baumrinde entpuppt, die sie aus Vorkindheitstagen in Ostvorpommern erinnert. Nur, der Zucker, der. Eben.
Gleichwohl: Cottbus ist der Beweis dafür, das etwas nicht stimmt in der Bundesliga: Als, zu Beginn der Saison, Sander tatsächlich seine Spieler mit der Vorgabe überforderte, den Ball, sofern man ihn hat (hätte!), auf gefälligere Art und Weise nach vorne zu bringen, als per Schaufelschwung, wurde er herausgeschnitten und fortgeworfen, abgezupft und umgetopft. Das traurigste Gesicht der Bundesliga (früher hätte man sich so Nieselregengötter vorgestellt, rauchende) ersetzt durch einen jovialen, lustigen Mann mit Bauch, Bojan Prasnikar, der sich schnell als Hegel der Fußballphilosophie entpuppte: Weniger Fußball und mehr Vragel da Silva mach dann doch irgendwie mehr Fußball, und keiner versteht, warum.
Das Ergebnis da oben täuscht: der momentane Tabellenstand auch. Es wird, da bin ich sicher, reichen, vor allem mir, wenn ich mir nochmal so Spiele wie gegen den HSV ankucken muss.

Hannover hingegen, Heimstatt mittelmäßiger Nationalspieler, und nicht nur in dieser Hinsicht der Hertha verwandt, wird überschätzt (ein bißchen). Richtig viel überzeugendes war da nicht dabei, abgesehen von Werder, und auch das: nicht überzeugend, sehr spannend allerdings. Das Pflichtprogramm, das lief gut, aber dann: Gegen die Bayern und Leverkusen untergegangen, zu pomadig gegen Hamburg und gegen Schalke schlichtweg, oder aber schlechterdings am Schlingern gewesen. Zwei drei Ausrutscher (wie dieses Mal), und heraus kommt wieder ein Friedrich (Caspar David) als Saisongesamtbild.

*(Diese Aussage ist durch gebürtige Cottbusser verifiziert, also wehe, es schreit jemand „Ost-Bashing“. In einem solchen Falle müsste ich mit einem fröhlich-jovialem „Faschist“ antworten, und zwar einfach so.)

Schalke – Nürnberg 2:1
Schalkes Chancen: Aus fünf Metern Strand das Meer nicht treffen. Paragdigmatischer Halil Altintop: Wenn er knipsen sollte, gehen alle Alarmleuchten an. Ich ertappe mich beim Gedanken, das könnte was im Kopf sein, diese Fehlleistungen im gegnerischen Sechzehner: aber mit den Füßen klappts ja auch nicht. Gegen Hamburg, gegen Werder, gegen Stuttgart, Leverkusen, München und Rostock geführt, sich dann an der Nase herumführen lassen wie ein mittelmäßiger Tanzbär. Aber sympathisch: weil schlechte Verwalter.

Nürnberg dagegen, den Stuttgartern verbrüdert. Gut eingekauft, aber dann: lange Aufenthalte auf der Quarantänestation für die Neuankömmlinge. Verletzungspech und anderweitig auch, insgesamt sozusagen; trotzdem, keiner hat vor, den Weihnachtsbaum in Schutt und Asche zu legen. Obwohl, der Roth macht sowas gerne normalerweise. Im Gegensatz zu Middendorp aber wird Hans Meyer offensichtlich ernst genommen. Und wenn schon Ansprüche unterbieten, dann richtig.

Bremen – Leverkusen 5:2
Bremen: toll. Schwer, sich nicht vor Begeisterung die Schamhaare grün zu färben: noch schwerer, zu sagen, dass das CL-Ausscheiden trotz allem okay ist. Denn Stalteri war wegweisend in gewisser Hinsicht, was Werders Europa-Ausflüge anbelangte: Bei den Bremern gibt es immer ein, zwei Positionen, die zwar gut genug für die Bundesliga, in der CL andauernd überfordert. So viele schlechte Tage hat man selbst als Alkoholiker nicht, wie Pasanen, Vranjes, Schulz und Magnin so im Laufe der Zeit. Andererseits: Rosenberg. Ja, stimmt. Klappt aber nicht immer, leider.

Leverkusen aber, irgendwie unheimlich. Unter dem Schirm durchgerutscht. Kann mich kaum erinnern, die stehen da oben und ich weiß nicht warum. Wessen ich mich noch entsinne, sind Stefan Kießlings wenig graziös anmutende Versuche, den Ball so zu treffen, das er eine wie auch immer gewünschte Richtung einschlägt: häufiger scheiterte es schon am Treffen. Wenn der Ball Kießlings Geliebte ist, dann aber zickig wie Vickie Beckham.

Bielefeld – Stuttgart 2:0
Bielefeld, Meisterschaftskandidat, Bayernjäger, Bratwurst-Ernie, sektgefüllt, damals schon Wackeldackelkandidat, dann: Leistungsloch, langanhaltend. Debakelfußball: Middendrop raus. Wozu Mathias Hain noch sagt:

Ernst hat eine sehr spezielle Art und spezielle Methoden. Kurzfristig funktioniert das, aber langfristig scheint es schwer, diese Form wirkungsvoll durchzuziehen.

Jetzt also Frontzeck, auch der hat spezielle Methoden im Gepäck, die zwar erfolglos, aber antialkoholisch sind. Der frische Wind hat einen frischen Atem in Bielefeld.

Stuttgart tut einiges dafür die letzten Jahre, die Fanfluktuation auf Rekordniveau zu halten. Nach dem hoffnungsvollen Start gegen Schalke ging das Dopamin aus, und Veh schaute ratlos. Veh kann sehr schön ratlos schauen: Er runzelt dann etwas die Augenbrauen, steckt die Hände in die Taschen, wippt die Wampe leicht nach vorne und linst beinah schon in die Ferne, entdeckt dort nichts und dreht dann leck. Hat er häufig gemacht die Saison, das gibt extra Haltungspunkte, die aber mit den Minuspunkten in puncto Schäfer und Gomez (denen die Fähigkeit des nachdenklich Schauens nicht gegeben scheint) verrechnet wird.

Karlsruhe – Hamburg 1:1
Alle Jubeljahre darf sich ein anderer Kleiner im Konzert der Großen versuchen, Sympathieträger sein und sich hinterher auskaufen lassen: Nürnberg, Bielefeld, Gladbach, Bochum, 1860, und so weiter, und so weiter. Karlsruhe wird wohl die kürzeste Saison aller Bundesligisten spielen: Man darf gespannt sein, wie nach 35 erreichten Punkten die Leistungen aussehen werden. Jedenfalls seit Freiburg der rundheraus sympathischste Verein, dessen Verlauf ich ohne Herzklopfen mitansehe; das Management allerdings, das gibt Abzugspunkte.

Hamburg, räusper. Hamburg ist Cottbus2.0, nein: 1:0. Aber schön zu sehen, wie sich der HSV bemüht, allgegenwärtige Gemeinplätze realitätsnah zu dekonstruieren: Huub Stevens sieht noch immer aus wie eine eingedellte Tomate spanischer Provenienz. Erfolg macht eben nicht sexy.
Verwunderlich, dass ein so pragmatisch spielender Verein im Falle Van der Vaart an derart biedere, altbackene Gefühle appelliert: Anstand. Vertrauen. Maß. Gerüchteweise ging die Kunde, HSV-Fans hätten versucht, ein selbstgemaltes Plakatschild mit ins Stadion zu schmuggeln, auf welchem, mit blutroten Lettern, geschrieben stand: Unsre Ehre heißt Treue. Aber weil man es ihnen am Eingang abgenommen hat und das alles sowieso nur unbestätigte Gerüchte und überhaupt: Schwamm drüber.

Berlin – Bayern 0:0
Schön, diese Interviews mit Hoeneß, wenn er verstohlen zwinkernd darauf hinweist, man habe ja zwei brasilianische Nationalspieler im Kader und werde deswegen benachteiligt. Weil, wenn die die WM-Qualifikation. Jetlag. Kann nicht sein, sowas. Alte Tanten vertragen sowas schlecht, da muss man Rücksicht drauf nehmen. Andersrum lässt sich sagen, dass Hoeneß als Schönheitschirurg jede Saison aufs neue versagt: Es will einfach nicht gelingen, aus der Hertha ein modernes Hübschchen zu schneiden, ansehnlich und lecker. Was aber gelingt, und häufig: ihr die Würde zu nehmen.

Bei den Bayern hingegen, da geht das Märchen so: Weihnachtsmann Hoeneß ließ es Geschenke regnen auf Familienpapa Hitzfeld, bis der Rumenigge, aus rotgeränderten Gesichtsmuskeln zuckend, den Ruprecht gab, mit Verbalpeitsche. Nur eines der Kinder durfte am Krippenspiel mitwirken: Ribéry nämlich, als Wichtel. Und im Sack: ein neuer Trainer.

Wolfsburg – Dortmund 4:0
„Wir kaufen keine Konzepte, wir kaufen den ganzen Mann.“ So muss das geklungen haben im Turn- und Sportverein Volkswagen. Fairerweise soll gesagt werden, dass Magath keinen einfachen Job übernommen hat: 35 Leute im Kader, und trotzdem krebst die zweite Mannschaft auf dem letzten Platz der Regionalliga Nord herum. Also stimmt wohl etwas grundsätzlich nicht bei den zahnlosen, von Altersrheumatismen geschüttelten Wölfen, worüber man wochenlang schreiben könnte. Nur, eben: keinen interessierts. Und wie sagt Oscar Wilde so schön?

Gleichgültigkeit ist die Rache der Welt an den Mittelmäßigen.

Zitat des Jahres, Thomas Doll: „Jetzt weiß ich, auf wen ich mich verlassen kann.“ Hat er ab dem zweiten Spieltag jedes Mal die Mikrofone wissen lassen. Mal sehen (aber gähnend, Wiederholungen sind nicht so sehr mein Fall), wer ihn im Laufe der Spielzeit noch so alles verlässt.

Nachtisch folgt.

Keine Kommentare

  1. 01
    Boris

    Magnin spielt bei Bremen seit… wann genau?

  2. 02

    Spielte. Aber schlecht. Schlechter als bei Stuttgart, jedenfalls.

  3. 03
    Jürgen

    Mal sehen was aus dem Experiment Wolfsburg wird, soviel Machtfülle wie Magath hatte noch keiner in der Liga bei einem Verein. Eins sollte man ihm aber noch lassen und das ist Zeit, aus einem Beinahe Absteiger macht man nicht so einfach einen Tobklub.

  4. 04

    Wie schon mal hier erwähnt: Ich bin als fast-gebürtiger Karlsruher erstaunt über die diesjährige Ruhe und Bodenständigkeit, mit der in der Landeshauptstadt mit dem Höhenflug und dem fast sicheren Klassenerhalt umgegangen wird. Erstaunlich, der Mensch scheint lernfähig!

  5. 05

    Diese Saison sind es insbesondere wieder mal zwei Bremer, die nicht gut genug für die CL sind: Frank Vranjes und Jurica Baumann. Können beide keinen Pass über zehn Meter, der ankommt. Und warum „Baumi“ (der Spitzname passt zu seiner Spielweise) immer noch Kapitän ist, verstehe wer will. Ich jedenfalls nicht.

  6. 06
    Samuel

    Das mit Baumann hab ich nie kapiert.

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