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Über die Unmöglichkeit, ein Spiel querzulesen

Nix geht mehr!

Foto: Daquella manera

Neulich saß ich auf dem Klo und las ein Buch. Ich las es in 10 Minuten; von vorne bis hinten, vom wahrlich bemühten Anfang bis zum vorhersehbar bitteren Ende. Ich könnte den Inhalt komplett wiedergeben, sogar einige der unsäglich schwachen Dialoge.

Ich wäre auch gewappnet für ein etwaiges Streitgespräch mit einer verblendeten Seele, die auf irgendeiner Party womöglich damit anfangen würde, wie »grandios witzig« dieses lachhafte Stück Literatur sei.

140 Seiten. 10 Minuten. Als ich die Spülung betätigte, fielen mir jede Menge Schuppen von den Augen…

Eines der größten Probleme, das ich mit Videospielen habe, hatte und vermutlich immer haben werde, ist, dass ich nur bei einem Teil von ihnen das Ende erlebe. Man kann das sicher auf ganz persönliche Gründe schieben — chronischer Zeitmangel, Interessensschwankungen, schlechtes Langzeit- und Namensgedächtnis –, aber die letztliche Ursache ist doch immer die gleiche.

Ich nenne sie mal: Inhalts-Aufmerksamkeits-Diskrepanz. :)

Oder: Der Weg ist das ist Ziel ist der Weg ist doof.

Es ist doch so: Wird ein Buch langweilig oder der Text zu kompliziert, überfliege ich die Seiten und blättre zur Not auch einfach weiter. Hat ein Film extreme Längen, oder werden für mich unerträgliche Details gezeigt, passe ich nicht mehr richtig auf oder schließe gar bewusst die Augen. Gefällt mir die Musik nicht mehr, die aus den Boxen dröhnt, mache ich leiser oder schalte weiter, bei einem Konzertbesuch beschäftige ich mich kurzfristig mit Lippenlesen.

Meine Aufmerksamkeit kann also in gleichem Maße abnehmen wie mein Interesse am jeweiligen Inhalt.

Bei Spielen dagegen ist es genau umgekehrt: Ja langweiliger eine Such- und Sammelorgie, je schwieriger ein Endgegner, je brutaler oder angsteinflößender die EKELVIECHER (büäh), desto mehr Aufmerksamkeit wird von mir verlangt.

Deshalb habe ich Myst nie zu Ende gespielt (U-Bahn, anyone?), kann mit Metroid nichts anfangen (Backtracking saugt richtig), hänge bei Lost Planet an einer aggressiven Mega-Biene fest (zu hart), und bei Half-Life 2 immer noch in Ravenholm herum (sooo öööööööööde).

Die jeweiligen Hürden sind dabei sowohl für die weitere Story als auch den weiteren Spielverlauf völlig irrelevant. Ich lerne nichts wesentliches dazu, ich »brauche« die zu machende Erfahrung nicht für die Folgelevel — weder inhaltlich noch technisch. Mir fehlt bloß irgendein Objekt, ein paar Energiepunkte oder ein klein wenig der Überblick.

Man stelle sich das mal in einem Krimi vor, ganz egal ob Buch oder Film. Ein Mord, das Opfer landet in der Pathologie. Um »weiterzukommen« soll der Leser oder Zuschauer nun erst einmal eine Formel oder ein Rätsel lösen. Falsches Ergebnis = Replay der letzten 10 Minuten bzw. erneute Zwangslesung der letzten sieben Seiten.

Würde sich niemand antun, und tatsächlich kann ich in Film, Funk und Literatur geflissentlich über zu komplizierte Dinge hinwegsehen, ohne gleichzeitig auf große Teile des Gesamtwerkes verzichten zu müssen.

Stephen Hawking, Sofies Welt…

Spiele zwingen mich dagegen erbarmungslos ihre Wege entlang und halten die jeweiligen Ziele (auch Zwischenziele) so lange vor mir verborgen, bis ich mich beuge. Lasse ich mich nicht beugen — ätsch, vorbei.

Ich habe für dieses »Problem« natürlich keine Lösung, es ist mir seit der Klo-Sitzung lediglich extrem bewusst. Vielleicht könnte aber mal über eine »Vorspul«- oder »Autopilot«-Option nachgedacht werden; oder über von-vornherein-freigeschaltete Level und damit das wirkliche Ernstnehmen des Spielers als mündigen Konsumenten.

Cheats, meine Damen und Herren, stellen jedenfalls nur eine Überbückung dar. Das ist Symptom-Bekämpfung, wenn überhaupt. Und die Kapitel-Teaser aus HL2 sind, gelinde gesagt, eine absolute Frechheit. ;)

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