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Knie sucks

Damals, ich war siebzehn, hat mir einer das Knie übers Knie gebrochen. Unschön, sowas. Die Bänder sahen aus wie ein Teller Tagliatelle carbonara, das Ei war übrigens der Knorpel. Jedenfalls: Krankenhaus, besorgte Gesichter (Tut’s weh? – Ja, verdammt.), Radiologie, besorgte Gesichter (Tut’s weh? – Machense hinne.), Radiologe, besorgtes Gesicht (Tut’s weh? – Scheißen Pferde?), und dann, irgendwas unterschreiben. Einer sollte sich mal ein Herz nehmen und der Ärzteschaft mitteilen, dass es wenig bis gar keinen Sinn macht, einem hilflos delirierenden, dopamin- und andrenalingeschwängerten Patienten ein Blatt Papier unter die Nase zu halten, in dem Neben- und Auswirkungen der Kontrastflüssigkeit minutiös und in beinah rechtschreibfehlerfreiem Deutsch geschildert werden, um ihm anschließend ein Einverständnis zur Injektion abzuringen. Da könnte statt Kontrastflüssigkeit auch Weihwasser stehen, von mir aus. Dann, ab in die Kiste.

Das allerdings ist ein Erlebnis, vor allem, sollte man am Knie computertomographiert werden. Denn statt das kürzere Ende in den vom Angstschweiß klaustrophober Vorgänger ranzig gewordenen Kubus zu stecken, wird der ganze Oberkörper in diese Sarg gewordene Kaspar Hauser-Vision hineingeschoben. Das Ding macht auch sehr lustige Geräusche, irgendwas zwischen abstürzender Raumkapsel und Goa-Party. Praise Youri Gagarin, und bete zum Gott gewordenen Sozialismus, es möge dem Fortschritt dienen. Und das ist, für ein Mal, ganz wörtlich gemeint.

Jedenfalls, dann: schöne Bilder. Ähneln ein wenig dem Resultat der Versuche Bacons, mit der Achselhöhle nächtliche Landschaftsansichten in mit Teer vermengtem Aquarell zu malen. Kann man sich ins Zimmer hängen, besser noch ans Fenster: wegen der Kontraste. Und zu erzählen hat man hinterher auch so allerlei.

Zum Beispiel, wie das Wetter übermorgen wird. Inzwischen habe ich, was meteorologische Fähigkeiten anbelangt, meinen kriegsversehrten Großvater bereits um Längen übertroffen: sagt er „Sturm“, sag ich die Windstärke. Mit dem Resultat, dass meine Großmutter lange Zeit nicht nur auch über das Wetter mit mir sprechen wollte, sondern ausschließlich. Mit dem Resultat, dass ihr der einzige Gesprächsstoff mit meinem Großvater abhanden gekommen ist. Mit dem Resultat, dass sie sich beinah getrennt hätten, wegen Schweigen am Küchentisch. Bis sie die Frisur des Lottozahlenansagers (oder der Lottozahlenansagerin) als Konversationsthema zur Küchentischtauglichkeit erhoben. So ein zerborstenes Knie gefährdet also, Vorsicht: Moral, nicht nur das eigene Gleichgewicht, sondern gar ganze Ehen.

Jedenfalls, Wunder o Wunder, gab es immer noch die Möglichkeit, Fußball zu spielen: Nur sollte ich meine Oberschenkelmuskulatur auf Arnold Schwarzenegger-Umfang auftrainieren. Bis heute bin ich nicht sicher, ob der Sportmediziner mit diesem Satz Schwarzeneggers Oberschenkelmuskulatur (der quadriceps femoris wars, glaube ich) oder gar die ganze Person meinte. Also, vom Umfang her. Weil, was die Intelligenz anbelangt, hat mein Oberschenkel sicherlich das Zeug zum kalifornischen Gouverneur, da bin ich ganz unskeptisch.

Hab ich gemacht, das Auftrainieren. Auf dem Dorf hat man ja sonst nichts zu tun. Aber dann: Studium. Und deswegen: Großstadt. Und da: keine Zeit. Und sowieso: Hartplätze. Und deswegen: Schluß mit kicken.

Dieser Artikel endet – in stiller Reminiszenz an meine und Sebastian Deislers verhinderte Fußball-Karriere – ohne Pointe, sondern still und leise.

Keine Kommentare

  1. 01

    Als jemand, der sich seit seinem vierzehnten Lebensjahr (neben anderen, auch mal etwas gravierenderen Verletzungen) zuverlässig jedes Jahr zumindest einen Bänderriss zuzieht, hast Du mein volles Mitgefühl.

    (Ist natürlich gelogen: Ich glaube, 1999 kam ich ohne aus.)

  2. 02

    Fußballkarrieren werden bis heute geknieckt. Mein Kollege kann davon ein Lied singen. Oder zwei.

  3. 03

    Eijeijei, das sind aber unschöne Bilder da bei Dir, uli. Nix zum vorm Schlafen gehen unter Bettkissen legbares dabei.

  4. 04
    tylerdurden

    von diesem ‚verletzen‘ halte ich ja irgendwie garnix.

  5. 05

    Ich hab mir davon das Knie gehalten ;)

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