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WM revisited – Fahne zeigen

In einer Umfrage von Forsa im Auftrag der Zwangsarbeiter-Stiftung bekannten 86 Prozent der 14- bis 18-Jährigen, stolz auf ihre Nationalität zu sein. (…) Immerhin 65 Prozent nannten den dritten Platz bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Grund.

Aus der Zeit. Und ich weiß wieder, warum mir bei diesem ganzen Fahnengeschwenke richtiggehend übel geworden ist, damals. Und immer wieder übel werden wird.

Überhaupt: Fahnen. Ganz unsympathische Dinger. Außer, man hat selbst eine (Bier, Jägermeister, Lektorat).

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  1. 01

    Davon wird Dir übel? Wird Dir denn auch bei Kosovo-Albanern,
    US-Amerikanern, Franzosen oder Schweden übel, wenn die ihre Fahnen schwenken? Und warum?

    Kann man das mit dem Nationalstolz nicht ein wenig tiefer hängen? Was ist denn einer der Gründe dafür, dass viele bei einem Länderspiel eher mit der eigenen Mannschaft mitfiebern? Wie soll man das nennen?

    Wie sollen Menschen die Begeisterung für die eigene Mannschaft bei einem Fußballspiel Deiner Meinung nach zeigen? Mit Jubeln, Schreien, Kreischen – aber nicht mit Fahnen, weil die historisch belastet sind? Was ist mit Choreografien in Stadien, bei denen Fahnen geschwenkt werden? Auch bäh? Anders gefragt: bei welchem Jubelhilfsmittel bzw.
    Stammeszugehörigkeitssymbol wird fred nicht übel? Was ist mit Adlern,
    weißen Trikots, Bierseideln, Sandalen, Lederhosen et al.?

    Und sind die Antworten der Jugendlichen in
    der Studie
    nicht differenziert und durchaus interessant? Kann man als Deutscher stolz darauf sein, dass eine solche Studie aus Steuergeldern finanziert wird?

    Und was soll man davon halten, dass einer der Autoren der Studie Schäuble heißt? Ist die Antwort „nur Sonntags“ auf die Frage „Seid ihr stolz, deutsch zu sein?“ nicht genial?

  2. 02

    Ja, davon wird mir übel. Ja, egal wer Nationalflaggen schwenkt, verursacht mir Übelkeit. Weil: dieses ganze Nationalismus-Gehabe (ohne das es im Endeffekt eins sein darf, es ist ja gar kein richtiger Nationalismus, es ist ja nur Spaß, also Spaß-Nationalismus, und auch nicht richtig ernst gemeint, nicht wahr, also so richtig ohne Vorgeschichte und so, einfach bloß für den Moment: Spaß haben) dieses Nationalismus-Gehabe geht mir auf die Eier. Dieses saudämliche „wir“-Gefühl.

    Mit der eigenen Mannschaft mitfiebern: okay. Aber das ist ne Mannschaft, keine Nation. Und nein, das ist auch nicht (wie gar nicht so schlecht viele Feuilletonisten das herbeideliriert haben) das Sinnbild einer Nation (auch in Frankreich übrigens nicht, als anscheinend 1998 bleu blanc rouge von black blanc beurre abgelöst hat sein sollen).

    Die Leute sollen machen, was ihnen Spaß macht: wenn sie Fahnen schwenken wollen, bitte. Diese Uniformierung der Freude, diese unsäglichen Legionen von Fahnen: mein Gott, ging mir das auf den Sack. Entschuldige bitte die deutliche Ausdrucksweise.

    Auf Deine letzte Frage aber, da antworte ich ganz unumwunden: ja.

    Beim zweiten Mal durchlesen merke ich: Ich bin ein bißchen schnauzig gerade. Ist nicht persönlich gemeint. Ich bin heute erstens ironieresistent, und zweitens in schönster Stammtischmanier zum Schimpfen aufgelegt.

  3. 03

    Juchei!

    Lasst sie alle über die Klinge springen, die Fahnenschwenker, ihre Kritiker und diejenigen, die solch dämlichen Studien machen jeweils dreimal hin und zurück. Man muss sich einfach mal fragen, was da gemessen wird. Nämlich nichts weiter als sozial erwünschte Antworten. Es ist nämlich seit dem Sommermärchen geradezu zwingend, dass man die Frage nach dem Nationalstolz mit der WM in Verbindung bringt. Das sagt also nichts anderes aus, als dass 65% der Befragten ein Gespür dafür haben, was die richtigen Antworten auf die falschen Fragen sind. Nicht mehr und nicht weniger.

    Die Autoren dürfen drei mal springen, weil sie diese kulturelle kognitive Schematisierung auch noch unreflektiert in einer Studie unterbringen. Springt, springt, springt!

  4. 04

    Dieses saudämliche Wir Gefühl? Aber wenn es Dir einmal im Leben schlecht gehen sollte, dann biste auch wiederum froh wenn „Wir“ dafür sorgt, daß Du was zum Beißen und ein Dach überm Kopf bekommst. Und wenn Du Dir mal die Haxen brichst, dann bist Du wahrscheinlich auch froh, daß „Wir“ dich ganz ordentlich versorgt und man Dich nicht einfach so auf der Straße liegen läßt. Und weißt Du was, dieses Deinen Worten nach saudämliche „Wir“ kümmert sich auch um Leute, die es saudämlich finden.

  5. 05

    Was Du meinst, heißt Sozialstaat. Nicht nationale Masse.

  6. 06

    65,5 Prozent der befragten Jugendlichen sollen ja auch aus Stolz auf den Sozialstaat bei der WM ihre Deutschland-Fahnen geschwenkt haben.

  7. 07

    Ganz offensichtlich, weil ihnen sonst nichts eingefallen ist.

  8. 08

    Fred, mein junger Salonlinker: das war ein Scherz. Hat Dir Max übrigens schon ausgerichtet, dass ich Dir zum Start der Stammtischdiskussion ein Bier ausgeben möchte?

  9. 09

    Achso, ich dachte immer ein Staat bildet sich aus einer nationalen Masse. Daß dies zwei verschiedene Paar Schuhe sind ist mir jetzt aber neu. Man lernt immer wieder dazu.

  10. 10

    @ probek: (Ich meinen Kopf gegen die Tischplatte hauend): Verdammt. die Ironieresistenz hat sich über die Nacht gerettet. Ich bin dermaßen beschämt und trinke darauf morgens um viertel nach elf (in Deutschland) ein Bier. Danke dafür.

    @ verschwender: Oha. Da haben wir ein Faß aufgemacht, glaube ich. Aber Staaten bilden sich normalerweise nicht aus nationalen Massen heraus: die nationale Masse ist ja ein konstruiertes „Wir“. Diese Konstruktion funktioniert über eine Opposition, nämlich zu „den anderen“. In einem Satz: Für den Nationalstaat (den es sowieso in seiner Reinform weder je gegeben hat noch geben wird) sind „die anderen“ notwendige Bedingung. Als wirklich klitzekleines, historisches Beispiel würde ich gerne die Entstehungsgeschichte der modernen Nationalstaaten herbeizitieren, die fast allesamt in ihrer Anfangszeit die brutalstmögliche Form der Ausgrenzung eben jener „anderen“ praktizierten: den Genozid. In Spanien wären das die Morisken und die Sephardim, in Frankreich die Albigenser (und im Laufe der Geschichte noch einige andere mehr), in der Türkei die Armenier.
    Nationalstaaten haben sich übrigens selten auf das Staatsgebiet ihrer Nation beschränken lassen wollen.

    War das jetzt zu verschwurbelt?

  11. 11

    Fred: Kein Bier vor Vier! Das Bier spendiere ich ggf. in München (oder in Berlin, aber da komme ich so schnell nicht hin) und nach Sonnenuntergang – und lade den Verschwender selbstverständlich auch dazu ein.

    Ansonsten: tiefer hängen. Ich halte es für maßlos übertrieben, die durch Fahnenschwenken oder ähnliche Symbolik demonstrierte Freude bei nationalen und internationalen Fußballwettkämpfen mit den Auswüchsen eines übertriebenen Nationalismus‘ zu verbinden*. Sicherlich gab und gibt es diverse Beispiele dafür, dass eine Ausgrenzung „Anderer“ der erste Schritt zu Gewalt und Todschlag sein kann. Diese Ausgrenzung aber schon beim Fahnen schwenkenden Fan eines Fußballspiels – das ja per se ein Wettkampf der Einen gegen die Anderen ist (ein egalitäres Fußballspiel möchte wahrscheinlich selbst Fred nicht sehen) – zu vermuten und negativ zu berurteilen, hat weder die Fahne noch der Fan verdient.

    *Negativbeispiel: Honduras und El Salvador

  12. 12

    Na, dit is maln Wort! (Nach München komm ich allerdings auch nicht so schnell.)

    Es geht mir auch ganz ausdrücklich nicht um Fans: gings mir während der WM auch nicht. Sondern um den Teilzeit-„Sommermärchen“-Fan. Das hätte ich wohl nochmal klar machen sollen.

  13. 13

    Eins noch (da kommt der Sick in mir durch), in Ergänzung meines vorherigen Kommentars:

    | Tod Tot

    (zur Verteidigung der bösen, bösen nationalen Teilzeitfans ist es mir jetzt noch zu hell)

  14. 14

    Du verwechselst anscheinend leider das Handeln von Staaten mit dem Grundgedanken des Staates.

  15. 15
    Charon

    verschwender, erläutern bitte?

    Ansonsten: Props für freds Beiträge zu dem Thema. Geht mir genauso; unter anderem, aber nicht nur auf Grund meiner Ausländer-Perspektive. Und ich bin heilfroh, dass ich nicht der einzige bin, dem es in Bezug auf die Sommermärchen-Fans mulmig wurde. Manchmal kam es mir fast schon so vor.

  16. 16

    @ verschwender: Der Grundgedanke des Staates, also seine Ideologie, ist doch genau das, wor dessen Hintergrund seine tatsächlichen Handlungen legitimiert werden.
    (Dazu ist noch anzumerken, dass die Anfänge der Idee des „Sozialstaates“ nicht im Nationalismus geboren wurden, sondern im Internationalismus.)

  17. 17
  18. 18

    :)
    Indeed. Indeed.

  19. 19
  20. 20
  21. 21

    Wenn Fred mag und Zeit hat, spendiere ich ihm am 19. April 2008 Nachmittags (vor Sonnenuntergang, zwischen 16 und 18 Uhr) an einem Berliner Ort seiner Wahl das versprochene Bier. Ggf. auch – wie ursprünglich geplant – gerne nach Sonnenuntergang (der ist an dem Tag um 20:13 Uhr), da bin ich aber darauf angewiesen, dass er ebenfalls ins Olympiastadion kommt.

  22. 22
    Cato

    >>dass die Anfänge der Idee des “Sozialstaates” nicht im Nationalismus geboren wurden, sondern im Internationalismus<<

    DAS ist natürlich grober Unfug, ein typisches populäres Mißverständnis.
    Das Gegenteil ist zutreffend: Die 68er Bewegung z.B. trat als Kritikerin der wohlfahrtsstaatlich organisierten Massendemokratie (und der ihr innewohnenden totalitären Tendenz) auf den Plan, nicht als deren Verfechterin.

    Ohne den nationalen, kulturalistischen Bezugsrahmen, der ihn hervorgebracht hat (Bismarck !), ist kein Wohlfahrtsstaat denkbar. Eine Gesellschaft, die in aparte ethnische Communities zerfällt, ist – wie man gerade am Beispiel der Obama`schen Healthcare-Pläne sehen kann – konstitutionell unfähig, einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat hervorzubringen. Es ist demnach kein Zufall, daß das Land, in dem die Idee des Sozialstaates zu ihren letzten Konsequenzen fortentwickelt wurde – das Schweden der 70er und 80er Jahre – eine der ethnisch homogensten Gesellschaften weltweit war.

    Götz Aly – Hitlers Volksstaat

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hitlers_Volksstaat

  23. 23
    Cato

    Eine Zeitlang gaben Sozialdemokraten sich der Illusion hin, es könne so etwas wie einen „europäischen Sozialstaat“ geben. Inzwischen haben auch die gemerkt, daß ein „europäischer Sozialstaat“ eine ebenso absurde Vorstellung ist, wie ein „atheistisches Christentum“. Wohlfahrtsstaaten beruhen auf Solidargemeinschaften, und solche verdanken ihren Zusammenhalt der gemeinsamen geschichtlichen Prägung ihrer Angehörigen. Wer meint, dieses auf organischen Gegebenheiten beruhende System sei mechanisch auf die internationale Ebene übertragbar, hängt einem Köhlerglauben an.

    Und so ist dann auch nichts draus geworden: Keine Institution ist so typisch für den Geist des „vereinten Europas“ wie die des „Wettbewerbs-Kommissars“ – ein paradoxes Zwitterwesen, das seine Existenz der irrsinnigen Überzeugung verdankt, man könne die neoliberale Ideologie mit der sozialdemokratischen Methode obrigkeitlicher Intervention in Realität umsetzen.

    Aller internationalistischen Rhetorik zum Trotz, war der Wohlfahrtsstaat auch in seiner östlichen, realsozialistischen Variante auf das nationalstaatliche Paradigma bezogen.

    Das mußte mal gesagt werden…auch wenn es mit Fußball nichts zu tun hat.

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