0

Maschine Mensch

Es gibt, na klar, gute Gründe für den Videobeweis: die Entlastung der Schiedsrichter, die Einführung einer „unabhängigen“ Instanz, um eine mögliche (bewußte oder unbewußte) Voreingenommenheit der Schiedsrichter auszuschließen, und nich zuletzt das Ausbleiben der ganzen semiprofessionell gespielten Entrüstungsausbrüche vor den laufenden Kameras nach Spielschluß. Nur Thomas Doll findet den letzten Punkt unbestätigten Informationen zufolge nicht so super, weil: dann schmelze sein Spieltagsanalysepotential auf zweieinhalb Sätze zusammen, und das kann ja keiner wollen.

Es gibt auch gute Gründe gegen den Videobeweis: Der Spielfluß würde über Gebühr unterbrochen, die Spiele dauerten zu lange, und die technischen Unwägbarkeiten, die. Eben. Und wohin das führen würde: Soll dann jeder Eckball per Videobeweis bewiesen werden? Und wie sähe das mit Klagen benachteiligter Clubs vor diversen Sportgerichten aus?

Im Grunde dreht sich die ganze Diskussion immer nur um die Machbarkeiten, und wenn überhaupt Argumente kommen, dann in dieser Perspektive: Liegt der Videobeweis im Bereich des Möglichen, oder nicht. Darüber kann man sich streiten, Beispiele ranziehen, mit anderen Sportarten vergleichen, in Jugendturnieren ausprobieren: das geht. Ganz selten hört man allgemeiner gefasste Bedenken, die sich in ungefähr so lesen: Das macht den Fußball kaputt. Von Blatter bispielsweise lassen sich eine Menge Zitate in der Optik finden. Weiter gehen die Überlegungen selten.

Was seltsam ist, weil: den Videobeweis gibt es schon längst. Er ist bloß nicht Bestandteil der Regeln. Das ist ein Problem, denn vom geflügelte Wort, der Schiedsrichter müsse sich an seiner Leistung messen lasse, ist in ungefähr so viel übrig geblieben: Der Schiedsrichter muss sich mit einem Computer messen, mit den dutzenden von Kameras im Stadion, mit den Sportredaktionen übertragender Sendeanstalten, die sich häufig nicht entblöden, beispielsweise nicht geahndete Abseitspositionen bis auf den Milimeter und die Milisekunden in dutzenden von Wiederholungen wieder und wieder zu analysieren und zu kommentieren. Noch unschöner, wie es dem Merk bei Rosenbergs Tor passiert ist, wenn das ganze auch noch live im Stadion präsentiert wird, direkt nach dem Tor.

Dass es keine guten Schiedsrichter geben kann, ist klar. Das ist auf jedem Kreisligaplatz das gleiche, gerade in der Emotion des Spieles selbst tut man sich als Spieler oder Zuschauer schwer, dem Hansel mit der Pfeife in diesem Moment elementare Entscheidungen nur deswegen zu überlassen, weil er Trauerkleidung trägt und eine Pfeife zwischen den Zähnen. Hinterher ist es dann meistens okay, außer die Frau zu Hause ist ein Drachen und man braucht ein Opfer für die verkackte Lebensperspektive: dann schimpft man noch bis zum zweiten Bier. Problematisch wird es dann wenn solche Situationen im Stadion eingespielt werden, und den Spielern und den Zuschauern das Gefühl gegeben wird, mit ihrer Emotion, mit ihrer gefühlten Benachteiligung „im Recht“ zu sein, und sie quasi einem Justizirrtum unterliegen.

So falsch ich den Videobeweis finde, so sehr sehe ich die Situation, die Merk dazu veranlasst hat, öffentlich darüber nachzudenken: Weil es ihn ja schon gibt, warum sollte er dann „rechtlich“ irrelevant sein. Ganz oder gar nicht, das wäre die Entscheidung.

Keine Kommentare

  1. 01

    Man müsste ja eben nicht jede kleine Ecke auf Video prüfen. Gebt jeder Seite pro Spiel sagen wir zwei oder drei Mal die Möglichkeit, bei Bedarf zum vierten Offiziellen zu gehen und eine Videoprüfung einer strittigen Szene zu veranlassen. Wie eben bei Auswechslungen oder bei der Auszeit im Handball.

    Das wäre zu wenig, um den Spielfluss zu zerlegen und genug um Doll das Maul zu stopfen.

  2. 02

    Fred, mir gefällt deine These, dass es den Videobeweis schon gibt. Denn man muss hinzufügen, dass sich der DfB diesem ja sogar höchst offiziös bedient, um Fouls zu ahnden, die der Schiedsrichter nicht gesehen hat oder sehen konnte. Ich glaube, dass der Cottbusser da Silva schon mehrmals auf dieser Weise (zu Recht) gesperrt wurde.

    Ich glaube, es war Merk, der den Vorschlag in die Debatte einbrachte, dass jeder Trainer drei bis vier mal die Möglichkeit zur Überprüfung einer Szene haben sollte. Das klingt interessant, wäre das doch auch endlich eine Möglichkeit, die kurze Auszeit, wie man sie aus anderen Sportarten kennt, einzuführen.

    Das Spiel würde sich verändern. Aber das hat es sich sowieso schon über Jahre hinweg.

    Ich möchte noch eine ganz andere, sehr gewagte These in den Raum werfen: Ich glaube, dass die Entscheidungshoheit beim Schiri bleiben soll, weil es dann einfacher ist Spiele zu verschieben, entweder im Sinne der Fifa/Uefa, der starken Fußballnationen/Vereinen oder der Wettmafia. Wer könnte denn das goldene Kalb des Fußballs noch kontrollieren, wenn auf einmal die schwächeren zu ihren fairen Rechten kommen könnten?

    Ich verabschiede mich aus dieser Diskussion für ein paar Tage mit paranoiden, verschwörungstheoretischen Grüßen in den Urlaub.
    Und Tschüss!

  3. 03
    Blavont

    Eine der Stärken bei Merks Vorschlag ist doch, dass es höchstens zu 3×2 einminütigen Unterbrechungen kommen kann (je zwei durch die Mannschaften und zwei durch, habs vergessen, ein unabhängiges Gremium oder Schiedsrichter?). Die Zeit ist damit nicht das Problem (könnte zudem dadurch wesentlich abgemildert werden, wenn man die Kultur der Rudelbildung und des Lamentierens in den Griff bekommen würde).

  4. 04
    Philippe

    Ich denke nicht, dass man den Fussball so sehr beeinflussen darf.
    Schließlich kann so ein Gang zum vierten Offiziellen Spiele bedeutend entscheiden.
    Ich bin immer noch der Ansicht, was der Schiri pfeifft, gilt und die Kameras sind zum Übertragen der Spiele da. Klar, Schiris können sich irren, aber deswegen jede Situation gleich mit Bildbeweisen zerreissen? Dass wäre für mich kein Fussball mehr.

  5. 05

    Die Entwicklung, die mit drei zweiminütigen Unterbrechungen angestossn wird, ist nicht abzusehen: Dass das ein experimenteller Kompromissvorschlag ist, scheint ja klar. Was aus diesem Vorschlag in fünf bis zehn Jahren alles werden kann, ist für mich nicht abzusehen, aber wohl die Stoßrichtung, und die heißt Entmachtung des Schiedsrichters.
    Ob das jetzt gut oder schlecht ist, kann man mit Bestimmtheit wohl nicht sagen. Die bisherigen Erfahrungen mit dm Videobeweis habn gezeigt, dass Fehlentscheidungen in Minute 12 für den Gegentreffer kurz vorder Halbzeit verantwortlich gemacht werden. Das war nicht immer so, wird aber im Trend bei einer Bejahung des Videobeweises denke ich verstärkt.

  6. 06

    Mich ängstigt beim „regulären“ Videobeweis schon allein die Vorstellung, dass ich in 45 Minuten mehrmals kurze Werbeblöcke sehen müsste – denn das wäre nach kurzer Zeit sicher eingeführt.

    Die Perversion, dass man im Nachhinein mit Dutzenden von Kameras die Szenen aufschlüsselt (und dann bei 3 Leuten trotzdem zwei Meinungen hat), ist krass, fürwahr. Aber dass man derart viele Kameras braucht, ist ein so grandioses Lob für die Leistung der Schiris, da muss man fast lachen.

  7. 07

    Natürlich werden Spiele durch die Leistung des Schiedrichters entschieden, aber man glaubt kaum wieviele Spiele durch die Leistung der Spieler entschieden werden. Ein Schiri ist genau so ein Mensch wie jeder andere auch und dessen Entscheidungen mit Beweisen belegen oder anzufechten wollen ist, in meinen Augen, großer Unsinn. Wenn man jetzt daher geht und dem Schiedrichter irgendwelche technischen Hilfsmittel zur Seite stellt, kann man auch den Spielern Zielhilfen oder sowas einbauen. Ja, ich weiß das hinkt gewaltig, ist mir aber egal.

    Genauso wie Torwartpatzer oder ähnliches zum Fussball gehören, gehören auch Fehlentscheidungen des Schiedsrichters dazu. Diese Unart jedes Abseits mittlerweile mit tausend Zeitlupen zu entschlüsseln kotzt mich einfach nur noch an… Wenn ich mir ein Kreisligaspiel ansehe habe ich auch keinen Videowürfel an dem ich mir alles noch einmal anschauen kann.
    Was der Schiri pfeift ist Fakt. Da muss man sich doch mit abfinden können.

  8. 08

    Herbert Fandel hat dir die – zugegeben nicht sonderlich fernliegende – Überschrift geklaut.

  9. 09

Diesen Artikel kommentieren