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Popgun! 14 interviewt Bernd Begemann

Bernd Begemann ist so etwas wie die Schatteneminenz der neueren deutschen Popmusik. Wenn er gut gelaunt ist, behauptet er das gerne auch selbst. Und er muss sich damit auch nicht sonderlich aus dem Fenster lehnen, eine kurze Referenzkette über die Hamburger Schule führt uns ins Ostwestfalen der frühen 80er Jahre. Unter dem Kassettenlabel Fast Weltweit versammelten sich unter anderem spätere Mitglieder von Blumfeld, die Sterne und eben Bernd Begemann. Grund genug ihn nochmal über Fast Weltweit zu befragen.

Das nun folgende Interview sollte eigentlich nur der Auftakt einer größeren Arbeit um die Geschichte von Fast Weltweit sein. Nachdem sich Bernadette Hengst allerdings strikt weigerte über damals zu reden und zwei Interviewtermine mit Frank Spilker platzten, hab ich irgendwie aufgegeben. Die aktuelle Best-of Veröffentlichung ‚Glanz‘ von Bernd Begemann inklusive einiger Songs seiner früheren Band Die Antwort haben mich dann wieder daran erinnert, dass es da noch einiges zu erzählen gibt und ich hab das Interview endlich abgetippt.

Nico: Ich hab‘ gelesen der Name Fast Weltweit kommt von dir?

Bernd: Ich glaube nicht. Ich hab ihn vielleicht irgendwann mal ratifiziert, aber ausgedacht hab ich mir den nicht – weil der so … so klein ist. Es ist so ein Losername und zu der Zeit war ich irgendwie dagegen, sich selbst zu stigmatisieren. Von wegen: Wir sind so lustige Loser – irgendwie.

Nico: Das steckt da alles drin?

Bernd: Auf jeden Fall. Fast Weltweit, das ist doch der Typ der in einer Kneipe sitzt und sagt: „Wir hätten fast weltweit Erfolg gehabt. Wir wären fast nach Japan gekommen.“ Das ist eine lustige, augenzwinkernde Selbststigmatisierung. Mir war das zu viel. Gegründet hab ich es auch nicht richtig, weil ich zu schnell [aus Ostwestfalen] weg war. Fast Weltweit war im Grunde Frank Werners Mehrspuraufnahmegerät. Ich hab für den Tagesspiegel darüber einen Artikel geschrieben.

Nico: Ja, hab ich gelesen. Du dröselst das ganze über deine Teenager-Biographie auf. Da will ich auch anknüpfen. Es geht mir im Grunde darum, zu verstehen, was das damals für Umstände waren, die euch alle bewogen haben, sich zusammen zu finden. Wie sah euer Alltag aus, was habt ihr für Musik gehört, wie habt ihr euch kennen gelernt.

Bernd: Ich denke definitiv, dass da eine gewisse Ritterlichkeit mit dabei war und ein gewisser Heroismus. Eine unmögliche Aufgabe, die man sich selbst stellt, um das Leben das man führt zu etwas Besonderem zu machen. Aber um sich das vorstellen zu können, muss man sich vorstellen können was das für eine Atmosphäre war Anfang, Mitte der 80er. Wir befinden uns in einer Prä-Smith-Zeit. Wir befinden uns in einer Zeit in der alle versuchen, modern und für ewig und kalt und glatt zu sein. Wir erleben, dass es so etwas gibt wie die Neue Deutsche Welle, die insgesamt nur sieben Monate dauert. Und danach will absolut niemand mehr auf Deutsch singen, das ist danach ein absolutes Stigmata. Als ich mit meiner Band Die Antwort in Hamburg gastierte meinten alle immer nur so: „Oha, NDW ist doch vorbei.“ Und ich sagte: „Na, ich sing zwar auf Deutsch, aber das heißt ja nicht, dass das was mit NDW zu tun hat“. Und dann von der anderen Seite dann so: „Auf Deutsch singen echt nur Faschos.“ Was absurd war. Man muss in seiner eigenen Sprache singen können, weil man sonst nicht exakt sein kann. Das hab ich in dem Tagesspiegel Artikel auch geschrieben und deshalb werde ich mich jetzt wiederholen, aber das ist so die Essenz von dem Ganzen.

Du hast also die Atmosphäre einer angemaßten kindlichen Internationalität. Der Radio Hit des Tages hieß ‚New York, Rio, Tokio‘. Der lief in jedem Radio. [singt] „New York, Rio, Tokio.“ Du hast […] das Musikfernsehen, du siehst Duran Duran wie sie auf einer Yacht Champagner trinken und besoffen ins Wasser fallen. Das war so die Atmosphäre. Und dann guckst du aus dem Fenster und denkst: „Äh … ähm, ich bin hier in Bad Salzuflen. Meine Altersgenossen bauen Revell-Flugzeuge und hören Kansas‚Dust in the wind‘.“ Und du bringst das nicht zusammen. [lacht]. Du bringst das nicht zusammen mit deinen Bemühungen, entjungfert zu werden, die wirklich grauenhaft umständlich sind. Schaumovulum und Kondome, die nicht funktionieren, was hat das mit Duran Duran zu tun? Du willst eine Ausdrucksform finden, die deiner Existenz angemessen ist und du willst darüber mit deinen Nachbarn sprechen, damit es alle überprüfen können. Wie leben wir eigentlich? Wollen wir das eigentlich so? Warum machen wir diese verrückten Sachen? Bin das eigentlich nur ich, dem dieser Scheiß passiert?

Das klingt jetzt wie gar nichts, aber das war damals rückblickend ein absoluter Quantensprung, der existenziellen Bedürfnissen entsprang. Viele Leute beschäftigen sich mit Popmusik oder Musik weil sie sich verwandeln wollen. Ich hab mich mit Popmusik beschäftigt, weil ich meine Umgebung verwandeln wollte. Ich dachte Lieder könnten das. Lieder haben das nur für mich gemacht, dass sie die ganze Umgebung in goldenes Licht tauchen können oder sie können die Zeit anhalten. Auf einmal sieht man alles gestochen scharf. Für mich hat Musik das immer gemacht und ich dachte für jeden anderen wäre das auch so.

Da musste ich natürlich irgendwann herausfinden, dass Lieder nicht auf jeden Menschen den gleichen Eindruck machen. Für die meisten ist es nur irgendwas Nettes, was so nebenbei läuft und was man sich abends zur Entspannung geben kann. – Gut. Aber ich habe Lieder immer sehr ernst genommen und ich hab sie als das Einzige empfunden, das die Realität nicht außer Kraft setzen, sondern wirklich illuminieren kann. Nachhaltig. Heute ist es gar kein Thema mehr, wenn wir Deutsch singen. Aber mir wurde zum Beispiel ganz lange vorgeworfen, ich wäre rechts oder so. Weil ich Lieder geschrieben habe wie ‚Deutsche Hymne ohne Refrain‘. Da gibt es diese Zeile: „Ich will dieses Land verstehen“ und das wurde mir wirklich vorgeworfen. Es ginge nicht darum, dieses Land zu verstehen, es ginge darum, dieses Land zu zerstören. Das wurde mir von intelligenten Leuten vorgeworfen, die zehn Jahre lang studiert hatten. Die kamen dann mit diesem Verbalradikalismus als Antwort.

Nico: Der Punkansatz.

Bernd: Viele Punks, die ich kenne, haben diesen Ansatz nicht. Der kommt meistens von Akademikern die sich selbst gewisse Pfründe gesichert haben, aber denken, sie müssten noch dauernd irgendwelche Verbalradikalismen ablassen. Das sind im Grunde die Ersten, die Geld von den Institutionen annehmen. Und die dann immer auch drüber wachen, wer auch ordentlich radikal ist. Alles Schwachsinn. Ich kann dazu wirklich nur sagen, dass Musik und Kunst weit über politische Belange stehen und Musik darf nicht der Politik dienen, sondern die Politik sollte der Musik dienen. Ich seh‘ das wirklich genau umgekehrt. Und das Land zu verstehen finde ich weiterhin wichtig. Mein Ansatz war und ist es immer noch, dass man Expeditionen ins Bekannte unternehmen muss. In New York, Rio und Tokio gibt es nicht viel für uns zu holen, vielleicht einen interessanten, anregenden Urlaub, aber mehr auch nicht. Wir müssen erstmal unsere nächste Umgebung durchleuchten. Und wenn wir offenen Auges und wachen Verstandes sind, dann werden wir den utopischsten Landschaften begegnen. Ich hab das Gefühl in diesem Land tun alle so, als wüssten sie was läuft, aber keiner weiß es. Keiner weiß, was richtig abgeht, keiner weiß, was dieses Land zusammen hält. Diese ganzen feinen Uhrwerke, die laufen, hinter jeder Fassade. Niemand guckt dahin.

Nico: Ins Kleinstädtische.

Bernd: Mein Album ‚Rezession, Baby‘ behandelt praktisch schon Kleinstadtleben. Hinter den Abgründen. Handelt von den Drohungen, die hinter jeder Türschwelle lauern. Fand ich wichtig. Keiner machte das.

Nico: Ja. Das war dann der Ansatz, aus dem ihr euch damals zusammen gefunden habt? Kanntet ihr euch vorher? Frank Werner und …

Bernd: Ich kannte Frank Werner. Der war eine Klasse höher und hatte als Einziger weit und breit ein Aufnahmegerät. Heute hat jeder so etwas auf seinem Laptop, aber damals war ein Mehrspuraufnahmegerät der heilige Gral. Und Frank Werner hatte den. VIER Spuren. Um nichts Bestimmtes damit zu machen, er wollte einfach ein bisschen rumspielen, weil er so ein Tüftler ist. Und er sah aus wie John Lennon und mit dem hab ich mein erstes Demo gemacht, ‚Kleine Begebenheiten vor der Paketfabrik‘ hieß das, Untertitel ‚Leider musste ich die Stechkarte in die Stechuhr stecken.‘ Handelte von meinem ersten Ferienjob. – Sinnlos.

Wir hatten auch einen sehr guten Club in Herford, die Herforder Scala. Da hab ich die ganzen Bands gesehen als sie heiß waren: The Beat, Dead Kennedys, die Mekons, alle möglichen Wave und Pop Bands, Punk Festivals auch, mit Hans-A-Plast und DAF, als sie noch ein Trio waren. Wir haben wirklich eine Menge mitgekriegt. Alles durch die Scala. In den 60ern war das einer der wichtigsten Beat-Rock’n’Roll Klubs Deutschlands. Alle großen 60er Jahre Bands haben da gespielt, bis auf die Beatles und die Stones. Die Small Faces waren da, – okay, Jimi Hendrix hat auch nicht da gespielt, aber sonst alle, Wham! auch. […] Keith Moon von The Who hat natürlich das Hotelzimmer zerstört. Und ich dachte mir: Super. Einmal ist was passiert in Herford. Danke Keith. [lacht]

Nico: Und du selber? Kommst Du aus Herford oder aus Bad Salzuflen?

Bernd: Aus Bad Salzuflen, aber ich bin in beiden Städten zur Schule gegangen. Ich hab keinen Schulabschluss und ich bin auf mehreren Schulen gewesen. Das ist ne üble Sache.

Nico: Und dann hast du den Frank Werner wann kennen gelernt?

Bernd: Bestimmt so 1976, 1977, 1978. Frank war auch manchmal in der Scala und da hab ich ihn angesprochen und es zog sich alles ganz lange hin und dann irgendwann ist mir, ich hatte immer schon Lieder geschrieben, irgendwann ist mir mal aufgefallen, dass man die ja vielleicht mal aufnehmen sollte, dass Leute das auch mal hören können. Aber Frank hatte da noch keine Mikros. Also hat er sich die Mikros ganz mühsam abgespart: „In vier Monaten hab ich ein Sennheiser-Mikro.“ Und dann hat der monatelang von Cornflakes und Pulverkaffee gelebt. Das ist ein echter Märtyrer. Die Sterne, Bernadette Hengst, Blumfeld – sie alle haben Frank Werner ne Menge zu verdanken. Er hatte sich später sogar sich ein Achtspurgerät zusammen gespart und damit alle Leute in der Gegend angezogen, die irgendwie schon mal was gemacht hatten. Und Fast Weltweit, als es denn Namen noch nicht gab, war ganz lange einfach nur die Gelegenheit mit einem begeisterten Amateur, umsonst aufzunehmen.

Nico: Aus dieser Gelegenheit entwickelte sich dann dieser Zirkel?

Bernd. Ja wir haben uns oft getroffen. Und wir haben uns dann bei den Aufnahmen auch immer ausgeheult und sie uns gegenseitig vorgespielt.

Nico: Gab es dann eine gemeinsame Entwicklung, oder wie kann man sich das vorstellen?

Bernd: Nicht wirklich. Ich für meinen Teil war nur froh, dass da noch jemand ist. Das ist einfach schön zu sehen, dass es da mehr Leute gibt als einen selbst. Niemand hat mir je beim Songschreiben geholfen, außer den Leuten, die ich gehört habe. Es ist mir auch wirklich nie passiert, dass mich jemand von meinen Zeitgenossen angeregt hat. Ganz, ganz selten. Lieder die ich gehört hab, konnten das. Zum Beispiel amüsier‘ ich mich bei bestimmten Funny van Dannen Liedern. Aber die inspirieren mich nicht so wie mich zum Beispiel ’24 hours from Tulsa‘ von Burt Bacharach inspiriert hätte. Das ist einfach noch einen Tick härter. [lacht]

Nico: Gibt es Veröffentlichungen von Fast Weltweit?

Bernd: Die Komm Küssen Kompilation ist so ziemlich das einzige wo Fast Weltweit Aufnahmen im Nachhinein veröffentlicht wurden. Abgesehen von diesem ganzen komischen Vinyl-Zeug und den Kassettensamplern [die Fast Weltweit hauptsächlich heraus gebracht hat].

Nico: Genau. Ich habe mal Christoph Koch angeschrieben. Der hat mich daraufhin ein wenig in das Ganze eingeführt und mir neben einer Ausgabe seines Headspin Fanzines auch eine seiner letzten Kopien des Komm Küssen Samplers geschickt.

Bernd: Ich hab noch Aufnahmen [aus der Zeit]. Zum Beispiel Sachen, die Spüli, also Frank Spilker, gemacht hat. Er hat sich damals, nach Discount und vor den Sternen, Arthur Dent genannt und auf Achtspur völlig bombastische Sounds aufgenommen, aber er wird das nie veröffentlichen. Es ist eine Schande.

Nico: Das liegt bei dir noch rum?

Bernd: Ich musste ihm schwören, dass ich es niemandem gebe, deswegen werde ich es dir nicht geben können, aber ich kann dir sagen, dass das echt prima ist.

Nico: Du könntest es beschreiben. Hat er das alleine gemacht?

Bernd: Stell dir vor, jemand macht auf Achtspur Trevor Horn Produktionen. Völlig bombastische Soundgebilde, was natürlich nicht ganz geht. Ein Lied hat mich davon besonders beeindruckt, ‚Rosa Landschaft‘, wo Spüli einen extrem angenehmen Cinemascope-Sound finden will, einlullend und ein wenig bedrohlich. Und darüber singt er einen leicht theoretisierenden, selbstreflexiven Text wie: „Die Träume dieser Welt machen diese Welt erst möglich, aber immer waren es Träume von einer weichen rosa Landschaft“. Das ist eine sehr interessante Aufnahme. Vielleicht hat er das Gefühl, dass das Die Sterne irgendwie beschädigt. Die Sterne haben ja nicht diese riesigen Klangwelten sondern sind immer sehr vorsichtig dabei, bloß nicht zuviel drauf zu tun.

Nico: Die letzte Platte noch mehr als zuvor.

Bernd: Und Jochen Distelmeyers Bienenjäger klangen zu dem Zeitpunkt wie Aztek Camera auf Deutsch. Noch ein bisschen ungelenk […] und hakelig. Es ist sein gutes Recht, dass nicht veröffentlichen zu wollen. Obwohl ich es schade finde, denn das war doch ganz gut. Meine eigenen Sachen find ich auch immer noch gut. [lacht] Die große Ballade ‚Es wird noch ein sehr schöner Tag werden‘ von der Platte ‚Unsere Liebe ist ein Aufstand‘ zum Beispiel – das ist das zweite Lied das ich je aufgenommen habe und es ist eigentlich nur ganz leicht verändert worden. Und ich halte das immer noch für ein starkes Lied. Ein anderer Titel von damals ‚Die Nacht, die niemand haben wollte‘ ist dann auf der ‚Jetzt bist du in Talkshows‘ CD gelandet. Wichtiges Lied für mich und meine Karriere. [lacht]

Nico: Was ist aus den Anderen bei Fast Weltweit geworden?

Bernd: Das war wie ein Hubschrauberabsturz in Vietnam. Alle versuchten sich zum Dschungelrand durchzuschlagen und ein paar haben es eben nicht geschafft, die für die Mission aber sehr wichtig waren, oder auch verrückt und sind dann doch angekommen. Achim Knorr, zum Beispiel, hieß damals Der Fremde, hat eine Platte gemacht auf der ich Bass gespielt hab. Wir haben immer irgendwie die Anderen bei ihren Aufnahmen unterstützt. Mal ein paar Handclaps hier oder im Backgroundchor da. Achim Knorr ist jetzt jedenfalls ein Comedian, wie man so sagt, tritt bei Nightwash auf und einige von seinen Witzchen werden sogar von der Bild zitiert.

Nico: Hat der ein Pseudonym oder tritt er als Achim Knorr auf?

Bernd: Der tritt als Achim Knorr auf.

Nico: Echt? Ich hab neulich erst ‚Gib mir deinen Mantel damit ich mich verwandel“, oder so, gehört. Das war unglaublich spannend.

Bernd: Interessant ne? Aber Achim Knorr hat sich in der Musikerrolle nie so wohl gefühlt. Er war athletischer als wir alle, Kreisschwimmmeister, hatte eine große Statur und war ein bisschen verspielter als die anderen, aber auch ein bisschen schüchterner. Schwierig zu sagen. Der war zum Beispiel sehr angepisst von der ganzen Didaktik. Gerade wenn Leute Anfang 20 sind, dann sind sie ja sehr didaktisch und stellen hohe Anforderungen an alles und erfinden dauernd irgendwelche Regeln, also man darf das nicht und man darf das nicht. Das war ihm immer zutiefst zuwider, war eher so ein Leben und Leben lassen Typ. Und damit passte er natürlich nicht gut in die Musikszene. Ich würde mich freuen, ihn mal wieder zu sehen. Und natürlich Andreas Henning von den Time Twisters, eine Beatband aus Bielefeld. Der hat dann irgendwann ein Lied über eine Frau geschrieben, die er heimlich verehrte, war aber mit einer Anderen zusammen, als die das Lied gehört hat, von da an hat er nur noch Instrumentalstücke gemacht. Der hatte ne Frau und zwei Kinder und so, dann…

Nico: … war die Sache zu heiß.

Bernd: Er kann eben nur die Wahrheit sagen, das ist eben scheiße [lacht]. Ja das muss ich schon echt sagen, meine Lieder haben mir echt auch ne Menge Ärger mit meinen Freundinnen gebracht.
Ich bin immer überwältigt davon. Welchen Aufwandes es bedarf, bis ein Mann und eine Frau, oder von mir aus eine Frau und eine Frau, oder zwei Leute, die sich lieben, wirklich zusammen sein können. Das ist so epochal. Ein unglaublicher Aufwand. So eine wahnsinnige Reise irgendwie. Man kann sofort mit irgendeinem Fremden intim sein, man kann sich auch sofort irgendjemandem nah fühlen, aber wirklich mit jemandem zu sein, ein Fleisch zu sein. Was weiß ich: Eins zu sein. – Oh mein Gott! Wenn man das einmal erlebt hat, kann man sich nicht mit weniger zufrieden geben.

Da hab ich meine eigenen Theorien drüber. Ich denke da sehr viel drüber nach. Zum Beispiel die ganze Platte ‚Endlich‘ war eine Neudefinition von Romantik meinerseits. Zuerst war da die Frage: Was finde ich denn eigentlich romantisch? Denn was im Allgemeinen so als romantisch empfunden wird, was so was wäre wie: Irgendwie wird irgendwann mal vielleicht was Schönes passieren oder so… – Nein. Wird es nicht. Das ist nicht romantisch. Das wird nicht passieren. Weder jetzt noch irgendwann. Das ist Schwachsinn. Das ist was man Sekretärinnen erzählt, um sie ruhig zu stellen. Was ist denn wirklich romantisch? ‚Endlich‘. Diese Platte, die erfüllt das für mich. Wirklich romantisch ist, was zwei Menschen verbindet, was sie teilen, die Sprache die sie teilen. Das, was übrig bleibt nach der Enttäuschung. Die Verbundenheit, die nicht mehr gelöst werden kann. Das ist romantisch. – Naja, ich hätte es vielleicht so sagen können. Ich muss nicht gleich die ganze Platte machen. Jedenfalls war das so ungefähr meine Schlussfolgerung. Und vielleicht sehe ich das in fünf Jahren anders, im Augenblick seh‘ ich das so. Wenn man das einmal erlebt hat. Diese Verzauberung, diesen Ausblick, den das so haben kann.

Nico: Aber was kann denn so was wieder kaputt machen? Wenn man diesen Moment erreicht hat?

Bernd: Der nächste Moment.

Nico: So oder so sind es aber nur Momente und nichts Dauerhaftes.

Bernd: Es kann sowieso sein, dass das hier in nächste Zeit unser Zeitverständnis ändern wird, dass wir Sachen sowieso nicht mehr linear sehen. Also zum Beispiel meine Idee von Älter werden war, dass man alles Gute, was man war, behält und alles was man als schlecht erkannt hat, abstößt. Also ich bin immer auch sieben. Das heißt aber nicht, dass ich rumschreie und nerve, sondern dass ich diese Verzauberung bewahre. Dass ich in der Lage bin, verzaubert zu sein.

Nico: Von Schnee.

Bernd: Von was auch immer.

Nico: Ich glaube das ist ein großes Problem, was diese ganzen Leute haben, die Neon lesen.

Bernd: Ja?

Nico: Die kommen damit nicht klar.

Bernd: Oh, ja diese Neon-Sache ist, da hast du also Leute, die Trends hinter her laufen. Irgendwann hat irgendjemand mal so einen Roman über die 80er geschrieben und dann alle: „Oh ich hab damals auch Captain Future geguckt.“ Alles Schwachsinn. Also dann von wegen: „Ach, wir sind ja so herrlich verrückte Kindsköpfe.“

Nico: Ja genau.

Bernd: Obwohl wir jetzt 35 sind und einen Volvo fahren.

Nico: Das nervt mich tierisch.

Bernd: Die haben das völlig falsch verstanden. Wir sollen keine blöden Kindsköpfe sein, die den selben Schwachsinn jahrzehntelang tun. Sondern wir sollen das Wertvolle behalten. Wir sollen uns nicht abschneiden von dem, was gut war an uns. Das sollen wir bewahren und wachsen lassen. Und anwenden, meine Güte. Ein Erwachsener ist jemand, der Dinge anwenden kann. Der Dinge zum funktionieren bringen kann.

Nico: Ja aber mich nervt auch dieser Versuch, dieser Energieaufwand einfach zu hinterfragen: Wann bin ich erwachsen, bin ich jetzt erwachsen, ich will nicht erwachsen werden. Das geht mir so auf den Sack.

Bernd: Weil das die größte Eitelkeit überhaupt ist. Der Metatext dahinter ist ja: „Bin ich nicht ein herrlich liebenswertes Kind geblieben?“

Nico: Ja.

Bernd: Das ist so narzistisch. Das ist völlig… – Das stört. Das steht im Weg rum. Das führt zu gar nichts.

Bei Max‘ Portishead-Konzertbericht hat sich neulich ein junger Leser darüber beschwert, dass der Bericht ja ganz nett sei, er aber lieber den Mitschnitt sehen und hören wollen würde. Wahrscheinlich wird er dazu auch irgendwann in naher Zukunft die Gelegenheit haben. Mit Aufnahmen aus der Fast Weltweit-Zeit sieht es da schon etwas schwieriger aus. Viele Beteiligten, wie Frank Spilker und Jochen Distelmeyer wollen die Sachen nicht mehr veröffentlichen, andere wie Bernadette La Hengst nicht einmal mehr drüber reden. Und die wenigen Titel, die herausgebracht wurden, wie der erwähnte Komm küssen-Sampler, sind natürlich längst vergriffen. Kein Youtube-Livemitschnitt, keine illegale Mp3 aus der Hypemachine. Nichts. Scheint so, als müssten sich die jüngeren Leser diesmal einzig und allein anhand des Erzählten vorstellen wie das gewesen sein könnte, damals in Ostwestfalen.

Ganz anders natürlich die aktuellen Arbeiten der Fast Weltweit Clique. Bernd Begemann zum Beispiel, da findet sich so einiges, Videos und freie Mp3s zum Beispiel. Das vor zwei Wochen veröffentlichte Best-of Album ‚Glanz‘ ist im Übrigen ein hervorragender Einstieg in das Werk des elektrischen Liedermachers. Live ist er einer der besten Entertainer des Landes und ständig in selbigem auf Tour unterwegs, in den nächsten Monaten vielleicht etwas zu Hamburg-lastig.

[MP3] Bernd Begemann – ‚Ich habe nichts erreicht außer dir‘

Vielen Dank an Christoph Koch, Popexperte, für seine Unterstützung.

Weiterführende Artikel: Die Fast Weltweit-Bande, eine detaillierte Auflistung von Christoph Koch (1995). Der Eingangs erwähnte Artikel im Tagesspiegel Ost-Westfalen, Fast-Weltweit von Bernd Begemann (2005) und das umfangreiche Presse-Archiv auf Bernd Begemanns Internetseiten.

26 Kommentare

  1. 01

    Ich finde den Artikel toll. Wer Bernd Begemann mal fast live über Filme sprechen hören möchte der kann das beim Podcast „Ohrensessel“.

  2. 02

    Wunderbares Interview übrigens. Fein, daß Du nichts bzw. nur sehr wenig gekürzt hast – da merkt man mal wieder, wie glatt und weichgespült die allermeisten anderen Gespräche sind.

  3. 03

    Wahrscheinlich das bislang beste Interview auf Spreeblick.

  4. 04
    sven

    Ui, der Komm küssen-Sampler ist inzwischen was wert? Als ich den bei ebay geschossen hab wurd das Heft da regelmäßig angeboten. Da hör ich doch gleich mal wieder rein.

    Danke für das Interview, gefällt mir als großem Bernd-Fan natürlich besonders gut.

  5. 05
    michael

    Hab zwar noch nie zuvor was von Bernd Begemann gehört … aber hey :-) Endlich mal wieder ein Interview bei Spreeblick. Und dann auch noch ein recht nettes.

  6. 06

    Stimme ich zu. Ein sehr schönes Interview.

  7. 07
    Nico [Jackpot Baby!]

    @Marc Bastian: Guter Hinweis, der Ohrensessel ist einer der besten Podcasts.

    @Marc | Wissenswerkstatt: Das ist sogar mehr als 2/3 gekürzt.

    @sven: Ich hab meinen Sampler auch irgendwo in Umzugskisten liegen und dummerweise seit dem Interview die ganzen alten Sachen, vor allem von Frank Spilker und Achim Knorr als Ohrwurm. Großartige Titel. Vielleicht sollte mal man an eine Wiederveröffentlichung denken.

  8. 08
    sven

    Nico: Die Sterne-Single „Verregneter Sommer“ gabs vor einiger Zeit im Hanseplatte-Shop, da hatten sie wohl einen vergessenen Karton im Proberaum entdeckt. Da habe ich auch sofort zugeschlagen, das ist ja doch ein ganz besonderes Stück.

  9. 09
    Reifenstein-Herbig

    Es gibt `ne wohlmeinende Satire über die `Hamburger Schule´ von Herrn Begemann ( http://moderne21.de/satire.htm ). Die Geschichte fand paradoxerweise in Berlin ausreichend Publikum und wurde in Hamburg selbst nur einmal (im Erotic Art Museum) aufgeführt, da sich auf der Reeperbahn selbst kein Veranstalter dafür fand.

  10. 10
    Nico [Jackpot Baby!]

    @sven: ein super titel. passt auch sehr schön vor „hier kommt die kaltfront“ aus neuerer zeit. ich hab auch gerade den komm küssen sampler gefunden. und festgestellt dass der song von Der Fremde, der im Interview erwähnt wird, ‚Life is live‘ heißt.

  11. 11
    gerd speke

    „keine illegale Mp3 aus der Hypemachine.“

    was macht dich sicher?

  12. 12
    gerd speke

    .. und hoert mal mit „aber hey“ auf.

  13. 13
    ovit

    der fremde hat bei uns auch immer für ausreichend unterhaltung gesorgt. das ist aber auch schon wirklich lange her.
    vielen dank für das informative interview. wer besorgt jetzt arthur dent?

  14. 14
    Nico [Jackpot Baby!]

    @gerd speke: zuerst hab ich es nur vermutet, inzwischen auch nachgeprüft. oder hast du etwas gefunden?

    @ovit: keine ahnung, ist jemand ganz dicke mit bernd begemann? hat seinen hausschlüssel für’s blumen gießen?

  15. 15
    DerOli

    Eine Anmerkung zum Hamburg-lastigen Auftrittsverhalten des gemeinen Begemanns: Zumindest letzten Sommer war es so, dass er im Knust jeden Monat eine seiner Platten komplett zum Besten gegeben hat. Was für ein herrlich verrückter Kindskopf! Vielleicht ist das ja immer noch so?

  16. 16
    slow

    Bernd spielt immer noch jeden Monat in Hamburg – und ich/wir gehen jeden Monat hin. Mittlerweile spielt er nicht mehr jeweils eine Platte (das war auch jeweils nur die erste Hälfte).
    Ich kann es jedenfalls sehr empfehlen, 10 Euro an der Abendkasse, dafür spielt er dann meistens von halb 10 bis 1, halb 2, 2 uhr, je nachdem wie so die laune bei ihm, der band, usw, ist. Sowas nennt man doch wohl gutes Preis-Leistungsverhältnis in Zeiten wo man weniger heimlich gehypte Leute unter nem Fuchs nichtmal mehr sieht – und die dann nach zwei Vorbands gelangweilt ne Stunde rummuggen.

  17. 17

    Sehr lesenswerter Beitrag und identisches Interview! Super!

  18. 18

    Tolles Interview und der „Ohrensessel“ ist in der Tat ein ganz fantastischer Podcast. Ich nehme mir schon ewig vor mal eines seiner Konzerte im Knust anzuschauen, wird allmählich Zeit, denke ich.

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