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Medienfrei

Meme haben die hinterlistige Eigenschaft, dass es sie nicht kümmert, ob man sich gern mit ihnen beschäftigt. Man gibt sie einfach weiter wie Grippeviren und macht sich damit beispielsweise zum Überträger von Heidi Klum. Man kann nicht nicht über Heidi Klum reden und man kann auch nicht keine Meinung zu Obama haben. Steckt man im Mem-Sumpf Internet fest, klickt man dann eben doch auf Videos, die beweisen, dass Hillary eine Hexe ist, liest die Meldung, dass Lothar Matthäus die Verständigung mit Israel auf Vordermann bringt und Gott sei´s geklagt: Auch von der Brust-OP von Lothars Freundin weiß man.

Um den Kopf wieder frei zu bekommen und kein Mem-Mutterschiff zu sein, müsste man doch eigentlich nur auf Medien verzichten. Ich schlage das der Lieblingslektorin vor und die ist sofort ganz begeistert.

Aber sie hat auch leicht reden, schließlich ist sie nahezu medienfrei aufgewachsen. Was bedeutet, dass sie Dinge unmittelbar erlebt hat! Bis heute wirken ihre Hirnstrukturen unbeschadeter auf mich als – sagen wir: meine.
Während ich noch heute die Besetzung der Backstreet Boys auswendig kann und weiß, dass Lance Bass der einzige bekennende Homosexuelle bei N´Sync war (und beinahe in den Weltraum gereist ist), beendet sie ihr Studium in Regelstudienzeit und kann mir auch aus dem Auslandssemesteraufenthaltsraum heraus sagen, wo meine verdammte dunkelblaue Jeans ist.

Ein Ereignis wie die Wahl in Hessen lässt sie mit buckelwalgleicher Prustigkeit an sich vorüberziehen, Franz Beckenbauer hält sie für einen österreichischen Politiker und Kennedy für ein Mixgetränk aus Cola und Bier. So möchte ich auch gerne sein.

Also schlage ich vor: „Lass uns ein Jahr auf Medien verzichten. Nicht für immer, schließlich sind wir keine Eremiten. Aber lass uns sehen, was es uns bringt. Wieder mehr Dinge machen. Mal in den Wald, nach Rom fahren, deinen Bruder besuchen in Florenz, Robben retten, Afghanistan erleben, was Leute so tun, die nicht dauernd bei Rivva rumhängen.“

„Aber Bücher zählen nicht als Medien, oder?“
„Nein, Bücher sind in Ordnung. Lass uns sagen: Ein Jahr ohne Neuigkeiten. Keine News-Flashs mehr.“
„Was ist mit Seinfeld, Larry David, der neuen Dexter-Staffel?“
„Also die schaden ja eigentlich niemandem. Die also auch. Serien sind ok.“
„Also ein Jahr nur mit Serien und Büchern, das können wir machen. Juchu. Dann haben wir ganz viel Zeit füreinander.“
„Fußball.“
„Fußball?“
„Naja, ist ja bald EM und ich kann ja nicht die EM nicht sehen.“
„Dann fangen wir danach an.“
„Danach ist Bundesliga.“
„Du kannst ja an Samstagen für eine Stunde abends den Fernseher anmachen.“
„Ok. Auf Blogs müsste ich natürlich auch verzichten. Nur noch aus mir selbst heraus bloggen.“
„Aber dann hast du ja auch endlich das, was die Leute da draußen `ein Leben´ nennen! Dann geht das schon.“
„Ich gehe also ins Internet, gehe nicht auf Spiegel Online, schaue nicht auf die anderen Artikel bei Spreeblick, sondern blogge blind?“
„Genau.“
„Und wenn was passiert?“
„Was soll passieren?“
„Naja, Al Quaida, Krieg gegen den Iran, Bush bleibt Präsident.“
„Was geht dich das an?“
„Ich mache mich doch zum Gespött, wenn ich über Robbenrettung schreibe, während George Bush Obama verhaften lässt.“
„Das geht schon, glaub mir.“

Ich glaube ihr. Nach der EM ganz bestimmt. Ein Monat fürs erste. Kein Radio, keine Zeitung, kein Fernsehen, im Internet nur die eigenen Blogs. Nicht einmal Trackbacks lesen ist erlaubt. An Kiosken mit Scheuklappe vorbei gehen, sonst weiß ich doch wieder, mit wem Dieter Bohlen schläft.

Mit dem Rauchen aufhören wäre dagegen ein Kinderspiel.

35 Kommentare

  1. 01

    Schaffst Du nie! ;)

  2. 02

    Ein Monat?
    Vielleicht solltest du für die Zeit aufs Land ziehen, da gibt’s keine Kioske. Und mehr Natur. Mehr Leben?

  3. 03

    ;) Bin jedenfalls selbst immer wieder überrascht, wie wenig passiert ist, wenn ich mal zwei Wochen medien-abwesend war.
    Nur einmal habe ich etwas wichtiges verpasst, den Tod von Falco. Ich habe an seinem einjährigen Todestag einen Riesenschreck bekommen.

  4. 04

    Ein Leben ohne Boulevard ist doch wie Sex ohne schmutzig ;)

  5. 05

    Ein alter Freund verbringt seit 5 Jahren den ganzen Sommer auf einer Alm. Kein TV, Radio oder Zeitung. Nur ein paar Bücher und ein Notfall-Handy (mit Solarstrom geladen).

    Ich wüsste nicht, dass er bisher was verpasst hätte…

  6. 06
    Ole

    Das letzte Mal, als ich zwei Wochen Medienfrei war, sind zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen. Wirklich wahr: Ich hab in der Toskana gesessen und erst drei Tage später erfahren, was passiert ist.

  7. 07

    @ Ole (06):
    Und, was hat es ausgemacht, dass Du es erst drei Tage später erfahren hast? ;-)

  8. 08
    Ole

    @argus: Ich habe – bis heute – die Bilder nur wenige Male gesehen. Und ich habe es aus Zeitungen erfahren, die zu diesem Zeitpunkt schon Analyse betrieben haben und nicht mehr Panikverbreitung. Insgesamt bin ich wohl nicht traumatisiert, indem ich eben zu keinem Zeitpunkt an 3. Weltkrieg oder so denken musste.

  9. 09

    Na, da überwiegen ja die positiven Wirkungen Deiner medienfreien Zeit! Wird bei Malte auch so sein … ;-)

  10. 10

    Viel Erfolg.
    PS: Mit dem Rauchen aufzuhören ist ein Kinderspiel.

  11. 11
    Frédéric Valin

    @Stefan Ramone: PS: Find ich auch, die letzten vierzehn Mal hats bei mir ganz gut geklappt.

  12. 12

    Na da hast du dir aber was vorgenommen. Ich bin gespannt ob du das durchhälst. Ich könnte es jedenfalls nicht… Eig. schon schlimm genug.

  13. 13

    @robert:

    ein tag! wäre schon hart.
    im urlaub, klar, da ginge das. aber so. am ende erzählen mir die leute noch privates:)

  14. 14

    Ich war jetzt nach der re:publika, zwangsweise eine Woche lang ohne Internet.
    Schlimm wenn der „cold turkey“ dich dann im griff hat.

  15. 15
    euphoriefetzen

    @Stefan Ramone: wie wahr. mit dem rauchen aufhören gehört zu meinen leichtesten übungen. immer wieder toll die letzte zigarette zu rauchen. ,)

    die summe der laster bleibt aber gleich. ;)

  16. 16
    PiPi

    Internetsucht

    Die Sucht nach Information und Medieninhalten…
    Sich zwingend selbst ein zu bringen.
    Der Permanenten Illusion aufgesessen, immer
    etwas verpassen zu können. Dies dient auch
    den „Zugriffen“ einzelner (hmm.) Web-Seiten

    Komisch

  17. 17
    Sebastian

    ich frag mich wielang das dauert bis du über die kommentare einen newsüberblick erhältst.
    aber im ernst: ich halte nen kasten bier deiner wahl dagegen.

    gruß Sebastian

  18. 18

    Ich werde dann in den Kommentaren Deiner Artikel das Weltgeschehen spoilern. hähä

  19. 19
  20. 20

    Erfahrungsbericht einer College-Klasse 24 Stunden ohne elektronische Medien in der Washington Post: The Longest Day

  21. 21

    rauchen anfangen
    ist 1 kinderspiel,
    richtig.

  22. 22
  23. 23

    Ich lebe weitestgehend medienfrei. Ich lese ein Newsblog zu Kameras und einen zu Macs. Hin und wieder versuche ich zu Netzpolitik reinzugucken, aber das ist mir oft einfach zu viel und zu negativ. Das war es im Prinzip. Kein Radio, kein TV, Zeitungen sowieso nicht. Was ich davon habe? Zeit. Bessere Laune. Kein belastenden Scheiß im Kopf. Aber ich bekomme auch keine guten neuen Kinofilme mit. Mit sich selbst beschäftigen ist eh spannender.

  24. 24
    Johannes

    Eine politisch und gesellschaftliche fundierte Meinungsbildung ist ja auch nicht wichtig. Politiker und Manager werden das Kind schon schaukeln. Klappt ja auch in China.

  25. 25

    da sage ich einfach: into the wild: http://www.youtube.com/watch?v=C7OAhbOkOC0

    henry david thoreau wußte es schon längst. wir müssen wieder in die wildnis.

    die meme-theorie ist schon interessant.

  26. 26
    MakeAMillYen

    lol, Malte, das ist das schoene daran im ausland zu wohnen. ich hab auch gar nicht den eindruck, etwas zu verpassen.

  27. 27

    Schreib bloß Tagebuch darüber. Täglich! ,-)

  28. 28

    @Johannes:

    das ist eben die frage: ist medienfrei nicht gleichzusetzen mit meinungsfreiheit im sinne von: frei von meinung sein. das totale biedermeier?

  29. 29
    PiPi

    @Malte Welding:
    Nicht Biederemeier, aber wenigstens einhundert Jahre zurück.

    Sitzung des Gewerbegerichts Stuttgart vom 09. April…
    „Das ist eine Buberei, so etwas zu machen“, sagte in der Aufregung der Eisendreher F. K. bei der Firma Friedrich Stein, Maschinenfabrik in Cannstatt, weil auf seinem Zahltagtäschchen stand, dass ihm gekündigt sei. K. benützte diese Charakterisierung, weil er vorher schon selbst gekündigt hatte. Wegen dieser nach Ansicht der Firma als eine grobe Beleidigung aufzufassenden Äußerung wurde der Arbeiter sofort entlassen. Dieser betrachtet jedoch die sofortige Entlassung als zu unrecht erfolgt und verlangt als Entschädigung für die Kündigungsfrist die Summe von 30 Mk. Das Gericht gab der Klage statt. Der Ausdruck „Buberei“ sei zwar als eine Beleidigung, nicht aber als eine schwere Beleidigung anzusehen. Aber nur eine solche berechtige zur sofortigen Entlassung…
    (Schwäbische Tagwacht, 14. April 1908)

    Buberei bedeutet wohl etwas schlechtes.

    PiPi ;-)))

  30. 30

    Viel Erfolg, ich sehe deine Erfolgsaussichten in der heutigen Welt allerdings eher gering ;)

  31. 31

    Vor lauter Medienbäumen scheint man heutzutage den Wald nicht mehr zu sehen. Aber das ist ja sowieso ein prinzipielles Problem des Menschen und letztendlich der Grund dafür, warum wir uns immer wieder auf dem Holzweg befinden.

  32. 32
    Alexander

    Du kannst nicht „Robben retten“-fahren, wenn Du über den Zustand der Welt nicht informiert bist. Wenn Kennedy ein Mixgetränk ist, verpennt man die Welt. Informationsreize im Detail sind sinnvoll aber von einem Extrem ins andere zu rutschen wär fatal.

  33. 33
    PiPi

    Einer geht noch…

    Sicherlich ist es Euch auch schon passiert,
    aus reiner Gewohnheit tippt man mal eben die gewünschte Seite in das Adressfeld des Bowsers ein, und erhält durch einen ‚fehler‘ eine vollkommen neue Sicht dessen, was es so alles gibt.
    (Vorzugsweise nur die ‚Unklomplizierten.Domains)

    Yotube dient nur als Beispiel

  34. 34
    Rob

    das mache ich schon lange so =D beste leben, ich sags euch.
    die nachrichten die man so zu hören bekommt sind eh immer schlecht, und dadurch weiss man eben auch nicht was in der welt passiert, sondern nur was in der welt passiert und schlecht ist, und auch davon nur eine kleine auswahl. also kann man´s auch ganz lassen.

    edit: hehe ich sehe gerade Georg hat weiter oben schon genau beschrieben wie das ist =)

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