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Gustav: Verlass die Stadt

Als die Wiener Künstlerin Eva Jantschitsch vor einigen Jahren unter dem Namen GUSTAV im Sinatra-esken, von Violinen bestimmten Song „Rettet die Wale“ bei Lebensmüdigkeit den Freitod empfahl und Eltern riet, ihren Kindern entweder deren Meinung zu lassen oder sie beim nächsten Mal früher abzutreiben, da ging ein Raunen durch die deutschsprachige Popwelt. Soviel zuckersüße — darf ich es wagen? — Ehrlichkeit hatte man lange vermisst. Mit „Verlass die Stadt“ legt GUSTAV nun das zweite Album vor und vorweg lautet die Antwort auf die Frage, ob es die Versprechungen des Erstlings halten kann: Ja. Aber voll.

Man kann GUSTAV gar nicht oft genug dafür loben, mit welcher Leichtigkeit die neu(e)n Lieder auf „Verlass die Stadt“ daherkommen. In der deutschen Sprache zu texten und zu singen und dabei weder den Schlager zu streifen noch anders peinlich zu werden, dabei auch noch politisch zu sein — das ist eine Kunst, die nur Wenige beherrschen. Und nicht zuletzt trägt die Eleganz, mit der Eva Jantschitsch jede inhaltliche und stimmliche Koketterie vermeidet, dazu bei, dass dieses Album Spaß macht, ohne banal zu sein und dass man sich die Songs sowohl auf einer Party als auch in kopfhöriger Einsamkeit im Wald vorstellen kann.

Obwohl „Verlass die Stadt“ wie der Vorgänger eine feine Mischung aus modernsten Klängen und Samples sowie traditioneller Instrumentierung ist, die man am ehesten und frei von Ironie als „zeitgemäßen Liedermacher-Sound“ bezeichnen kann, lauert unter der Oberfläche der größtenteils fast vorsichtigen Stücke eine Art „romantische Aggression“. Wenn GUSTAVs Songs im Café an der Ecke laufen (was sie in den kommenden Wochen in einigen Bezirken garantiert tun werden), dann dürfte der ein oder andere Gast aufhorchen, wenn Eva Jantschitsch fragt: „Bist du Soldatin oder Veteran?“.

Ich habe beschlossen, ich gehe konform
ich stelle mich richtig und entspreche der Norm

So singt Jantschitsch in „Abgesang“ und lässt diesen Zeilen ein geradezu twitterhaftes „Tschiep, tschiep“ folgen. Es ist der erste Track auf dem Album und er scheint allein dafür gemacht zu sein, als zartes Vögelchen in der Hand des Hörers Platz nehmen zu dürfen. Um ihm danach, fast zufällig und scheinbar unbeabsichtigt, hin und wieder in die Finger zu hacken.

Doch keine Bange: „Alles renkt sich wieder ein“, weiß Eva Jantschitsch, ein Optimismus-befreites Album ist „Verlass die Stadt“ also keineswegs. Ganz im Gegenteil:

Wut und Mut reimen sich nicht nur, sie passen bei GUSTAV auch ansonsten wunderbar zusammen.

(Vorhören hier oder hier)

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7 Kommentare

  1. 01

    Klingt als wollte ich es mir auf jeden Fall mal anhören. Schade das sie nicht über CDBaby vertreiben, ich bin doch so unflexibel ;)

  2. 02

    Vielen Dank, wäre nie auf die Idee gekommen, dass die junge Frau nochmal ein Album rausbringt. Rettet die Wale ist ja auch schon eine Weile her, gleichwohl mich das Album nachhaltig beeindruckt hat.

    Hat jemand Liveerfahrungen mit Gustav, lohnt sich der Gang in den Festsaal Kreuzberg am 26.05?

  3. 03
    _Jan

    Freitod… Abtreibung … was war nochmal die Kultur des Todes?

  4. 04

    Danke für den Tipp. Auf die erste Platte wurde ich eher zufällig aufmerksam, weil Grissemann und Stermann „Rettet die Wale“ auf Radio1 hin und wieder spielten. Die CD aufzutreiben war gar nicht so einfach. Da gab es sie noch nicht bei Amazon. Aber nun ist ja alles besser :)

    @Helmut: Ich habe sie vor zwei oder drei Jahren im Tränenpalast gesehen. Richtige Konzertatmosphäre kam nicht auf. Die Leute saßen an ihren Tischen, tranken Rotwein und lauschten den Klängen. Klingt nach Satire, war aber wirklich so. Ein Mehrgewinn gegenüber dem Hören zuhause auf dem Sofa gab es also kaum.

  5. 05

    Das sind doch gute Nachrichten. Mag das erste Album sehr. Aber sehr schade, daß es die Musik nicht direkt etwas günstiger bei ihr übers Netz gibt. Brauche keine CD. Und 10€ direkt an die Künstlerin würden mir besser gefallen als 17 an Amazon.

  6. 06

    @Helmut: Hab Gustav gestern abend in Wien gesehen (im kleinen Rhiz), und es war großartig. Abgesehen davon dass es keinen Platz zum Sitzen gegeben hätte: So tanzbar wie viele der neuen Stücke sind (und sie hat bis auf die Zugabe ausschließlich das neue Album gespielt), würde bestimmt niemand sitzen bleiben wollen.
    Wenn ich mir jetzt so die CD anhöre: Live war’s noch besser, kann ich also nur empfehlen.

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