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Nachbarn

Schlimmer als Chartsmusik ist für die Charts konzipierte Musik, die keiner kaufen wollte. Außer meinen Nachbarn.

Das Prinzip Nachbarschaft ist den Älteren ja vielleicht noch in Erinnerung aus der Lindenstraße: Man kennt sich, man zieht beieinander ein, man hat mit allen Geschlechtsverkehr und am Ende gibt es gar kein Ende, denn es geht immer weiter.

Realexistierende Nachbarn sind dagegen zuallererst Geräuschkulisse.

Manchmal manifestieren sie sich als verhuschtes Gothicmädchen, das keine Milch mehr hat, manchmal als verhaschtes Ökotophologenmännchen, das einen größeren Kochtopf braucht. Aber meistens bleiben sie Geräusch. Das Paar über uns, das nur brüllend miteinander kommuniziert oder gar nicht. Manchmal versteht man, um was es geht (“Meine Mutter ist krank und dich interessiert das gar nicht”), aber generell geht gar nichts, alle zwei Monate hört man einen weiblichen Orgasmus und dann wütendes Getrampel, wahrscheinlich ist sie dann wieder zu früh gekommen.

Vor kurzem ist gegenüber ein Mann gestorben. Tag für Tag, Abend für Abend saß er vor einem Schachcomputer, immer war er allein, auch Weihnachten. Gerade Weihnachten. Dann standen eines Tages Leute in seiner Wohnung und machten Notizen und dann wurde alles, was er angesammelt hatte, in großen blauen Tüten raustransportiert.
Er war keiner von denen, die wochenlang verfaulten, irgendjemand musste an irgendetwas gemerkt haben, dass er gestorben war. Ich stelle mir gern vor, dass sein Leben so aufregend war, dass er in jedem Hafen so viele Kinder gezeugt und so vielen Welträtsel nachgespürt hatte, dass er die letzten Jahre damit verbringen wollte, Schachprobleme zu lösen. Mal Zeit zu haben für sich.

Der hat nie Geräusche gemacht.

Rentner sind überhaupt die besten Nachbarn. Die beobachten einen heimlich, also benimmt man sich automatisch besser, streben keine Gesangskarriere an und selbst Bratsche spielen sie selten. Tatsächlich ist die Kombination Bratsche/Gesang tödlich. Ich wohnte einmal unter einer Wohngemeinschaft aus einem Bratschisten, der nebenbei Ethnologie studierte und einem Kampfkünstler, der sich jeden Tag an “I believe I can fly” probierte. Die beiden waren verfeindet, so dass immer die Bratsche ausgepackt wurde, wenn der Kampfkünstler ins Falsett ging.

Mein Nervenkostüm riss meistens um acht Uhr morgens, was zu recht würdelosen Szenen führte. Drei Männer in Pantoffeln, die sich anschreien, einer von ihnen außer mit den Pantoffeln nur mit einer Bratsche bekleidet, das mag in ZDF-Komödien mit Christine Neubauer außerordentlich komisch sein, im echten Leben macht es Augenringe.

Jetzt lege ich eine Wagner-Oper ein, drehe auf “startender Jumbo” und gehe einkaufen. Im Supermarkt ist es so schön ruhig.

16 Kommentare

  1. 01

    Wenn die Nachbarin um 6.30 Uhr morgens mal wieder laut Viva aufdreht ist auch “No Sleep Til Brooklyn” eine Wohltat. Und auch wenn es statt 6.30 Uhr 3.30 Uhr ist. Nur blöd, dass man dann selbst auch nicht schlafen kann.

  2. 02

    Dank solchen Artikeln wird mir dann immer wieder klar, warum es so schön ist in einem 2000 Einwohner-Dorf zu wohnen und dann auch noch am Ende des gleichen. Frei von jeglichen Nachbarn, aber direkt an der Hauptstraße zur Großstadt.

    Meine Musik ist so laut wie ich es gerne mag. Punkt.

  3. 03

    ich habe es schon geschafft, 3 feet high and rising scheiße zu finden und das ist nun wirklich das beste album überhaupt. es war 4 uhr nachts, ich hatte gerade drei mücken getötet und eine vierte kroch gerade in mein ohr, italien hatte das wm-viertelfinale der heim-wm 1990 gewonnen und ganz italien feierte unter meinem fenster, ausgerechnet mit de la soul, warum auch immer.

  4. 04

    @Matthias:

    na, der deal ist ja klar: ich kann drogenparties feiern, nur mit einer barbourjacke bekleidet rumlaufen und dabei den ganzen tag tierpornos laufen lassen, ich könnte mir sogar einen schnauz stehen lassen oder einen iro – das ist das wunder der anonymität.
    aber dafür können die den ganzen tag lieder hören, in denen sich love auf above reimt, die können sich die köpfe einschlagen, sterben und verfaulen.
    berlin gibt die freiheit, sein haar doof zu tragen und unbemerkt zu vergammeln. yeah.

  5. 05

    @Malte Welding: Soviel Freiheit hat man hier nicht. Gut, machen kann man das alles auch, nur wird man mit nur einer Barbourjacke bekleidet im Tante Emma Laden um die Ecke (ja, die gibt es hier noch) gesichtet, dann ist man Jahrelang DAS Dorfgespräch. Anonym ist hier nicht viel.

    Ich denke es steht dann 1:1.

  6. 06
    Oliver

    in kreuzberg wohnte ich einmal direkt über einer türkischen familie mit schreiendem kind. an sich nicht schlimm, kinder schreien halt mal. die familie wollte das aber auch nicht hören und drehte den fernseher so laut auf, bis sie das kind nicht mehr hörten. dann mussten sie sich aber alle laut anschreien, um sich zu unterhalten, weil der fernseher ja so laut war. ich habe keine nacht ohne ohrstöpsel geschlafen.

    denn das alles ging jeden abend pünktlich um mitternacht erst los.

  7. 07

    @Oliver: Und hinterher hat wieder keiner was gemerkt! SCNR ;)

    @Matthias: Ich würde sagen: 2:0 für dich, denn was glaubst du wohl, wie unmöglich es hier ist, zum Stadtgespräch zu werden?

  8. 08
    Robert

    Und mal hingehen und nett fragen, was das soll, das ist eine utopische Kleinstadtfantasie?

  9. 09

    @Robert:

    man weiß ja zum teil gar nicht, wo die geräusche herkommen

  10. 10

    Rentner sind überhaupt die besten Nachbarn. Die […], streben keine Gesangskarriere an und selbst Bratsche spielen sie selten.

    Du hast wohl noch nie ueber/unter/neben schwerhoerigen Rentnern gelebt?

    Gibt allerdings interessante Effekte wenn man die Stimmen von Coronation Street auf einmal bei Billy Bragg auf Mermaid Avenue hoert. Oder wenn man sich fragt wieso bei John Peel im Studio einer was vom Wetter morgen (sunny intervals in the north) erzaehlt.

    Hatte ich mal ein paar Jahre.

  11. 11

    Meine Nachbarn ziehen gerade aus (mehrparteienhaus) – Doof, war doch gerade der Zuckercouleur für meine grandiose Bolognese-Sauce aus.

    Aber wenigstens hatte ich nen Grund, mein Fahrrad zu entstauben und eben zum Supermarkt zu radeln – hatte ganz vergessen wie toll es ist bei rasanten Geschwindigkeiten von 2x km/h ohne Helm und sonstiges einfach mal den Wind zu genießen. Nur, Soll ich ihnen nun sauer oder dankbar sein?

  12. 12
    Maltefan

    Pfff. Ich wohne neben einer Schauspielerin, die es für eine wahnsinnig tolle Idee hält, sich in einem handtuchgroßen Reihenhausgarten Außenlautsprecher zu installieren und den ganzen Tag grenzdebilen Ethnopop in meinen Garten schallen zu lassen. Nachdem wir schon ziemlich oft reingegangen sind, weil wir das ständige Gedudel nicht mehr ausgehalten haben, hab ich mir mal ein Herz gefasst und die Dame freundlich gefragt, ob es ihr viel ausmachen würde, draussen keine Musik anzumachen.

    Was soll ich sagen, die ist sofort pampig geworden, hat dummes Zeug von wegen Zimmerlautstärke dahergefaselt und meinte dann, sie könne es etwas leiser machen, aber ausmachen könne(!) sie die Musik nicht.

    Wenn das Gedudel den Sommer so weitergeht (die Krönung ist ja dass es oft dudelt wenn gar niemand draussen ist, weil sie es wohl nicht rafft, die Aussenlautsprecher abzustellen), dann rüste ich auf und schalle zurück, und zwar ganztägig und mit Schönberg, Schnittke und Stockhausen, jawoll. Die sind btw bedeutend besser als Wagner, denn deren Musik gefällt ausser mir und meinem Mann nur gefühlten 0.1% der Bevölkerung.

  13. 13

    Ich mache mir ja eigentlich nichts aus Rentnern – aber das, was Du Dir da vorstellst, das stelle ich mir jetzt auch vor, denn die Wahrheit ist ja kaum zu ertragen..

  14. 14
    turbo

    lets make love and listen death from above

    cansei de ser sexy

    also ich mags ja, das love und das above

  15. 15
  16. 16
    Maltefan

    @corax: ROFL :))
    Ich hoffe ja immer noch dass es nicht nötig sein wird …

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