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Boom Blox (Brief an Steven Spielberg)

Boom!

Sehr geehrter Herr Spielberg, lieber Steve,

zuerst einmal ganz herzlichen Glückwunsch zum Erscheinen Deines (OK?) ersten Videospiel-Projektes. Hat ja alles ganz gut geklappt, soweit ich das beurteilen kann.

Ich will auch gleich vorwegschicken, dass mir die Idee außerordentlich gut gefällt, und zwar nicht bloß auf dem Papier, sondern auch in der Anwendung. Es funktioniert ausgezeichnet, und Baseball trifft Yenga trifft Domino trifft’s ganz gut und sicherlich auch den Geschmack eines jeden Puzzle-Fans.

Meinen trifft’s jedenfalls, und Explosionen sind immer super, also Daumen hoch. :)

Der ganze Rest ist nicht Deine Schuld.

Es ist nicht Deine Schuld, dass ich nach mehrmonatiger Abstinenz zur Wii zurückkehre und immer noch Probleme mit der Genauigkeit der Fernbedienung habe. Manchmal werfe ich einen Ball und nix passiert; manchmal will ich ziehen, aber ich drücke — dafür kannst Du nichts, das scheint systembedingt, es passiert mir ja auch bei anderen Spielen.

Es ist auch nicht Deine Schuld, dass mir nach 30 Minuten Spiel der Arm wehtut, genauer gesagt alles vom Handgelenk bis zum Ellbogen. Meine Freundin ist Ärztin, also kein Grund zur Panik, und vermutlich liegt es eh an meinen schwachen Bändern oder fehlenden Muskeln. Ich stand vor 15 Jahren zuletzt auf einem Baseball-Platz.

Es ist auch nicht Deine Schuld, dass ich die Wii per Standardkabel an einem LCD-Fernseher betreibe. Wäre es Deine Schuld, würde ich Dich fragen, warum das Bild so verwaschen aussieht, aber es ist ja nicht Deine Schuld, sondern die der Herren Nintendo und Bravia. An einem kleinen, alten Röhrenfernseher sieht das Bild nämlich gar nicht so matschig aus, sondern ganz hübsch, rein zweckgebunden zwar, aber irgendwie retro-charming, wenn Du verstehst, was ich meine.

Es ist auch beim besten Willen nicht Deine Schuld, dass meine Mitspieler total verwirrt vor den Block-Menüs saßen. Die haben die aufpoppenden Erklärungen immer für Menüpunkte gehalten und dann versucht, diese auszuwählen; muss man ihnen nachsehen, die spielen nicht so oft Videospiele, Du kannst da jedenfalls nix für.

Was ich Dir vielleicht vorwerfen kann, ist, dass die Story ziemlicher Kokolores ist. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nach etwas weniger als acht Tafeln bereits nicht mehr hingeguckt bzw. gelesen habe, also vielleicht tue ich Dir da auch Unrecht. Wer nach fünf Minuten die Story von E.T. beurteilt, zieht schließlich auch die falschen Schlüsse.

Was wiederum überhaupt nicht Deine Schuld ist, sind die hohen Erwartungen, die einige Games-Journalisten an ein Spiel von Dir hatten. Mach Dir nichts draus, die spielen sonst nur Ballaspiele, und wenn Du denen eine coole, Action-bepackte Geschichte geliefert hättest, würden sie trotzdem meckern. So ist das manchmal, ist beim Film bestimmt nicht anders.

Ebenfalls nicht Deine Schuld sind die Spitzenwertungen von Seiten wie 1Up, IGN und Eurogamer. Du hast sie verdient, keine Frage, allein schon für den Mut, einfach das zu machen, wozu Du Lust hattest. Und wie gesagt sind Spielidee und -umsetzung ja auch ganz großartig, also Applaus Applaus, obwohl ich sicher nicht ganz so hoch bewerten würde. 9 von 10 ist schon ziemlich… außergewöhlich, aber ja nicht Deine Schuld.

Ebensowenig übrigens, wie meine Vorliebe für etwas längere Level und/oder zusammenhängendere Aufgabe. Da kannst Du nichts für, das ist so ein Ding von mir, nenn‘ es Spleen oder so, ich bin da nunmal etwas eigen. Mir ist das halt jeweils etwas zuuuuu kurz. Ein, zwei Bälle werfen und gucken, was passiert — das ist witzig und alles, aber es würde mir sicher noch viel mehr Spaß bereiten, wenn ich ganze Städte zerstören könnte, komplette Landschaften, Planeten, Univer… also, hüstel… jedenfalls mehr als jeweils nur eine Burg, einen Turm, eine kleine Ansammlung von komplexen Gebilden.

Nicht falsch verstehen, bitte, Steve. Die kurzen Level sind perfekt für das Spiel zwischendurch, und zu zweit wird es dadurch auch nicht so hektisch, aber ich spiele in der Regel nicht »zwischendurch«, jedenfalls nicht an der Wii, sondern in längeren Etappen. Das liegt an meinem Umfeld, meinem Zeitmanagement (das ich bestimmt verbessern muss und kann) und meiner sicher sehr eigenen Art, Videospiele zu konsumieren.

Wo ich gerade dabei bin, muss ich auch noch gestehen, dass ich erst am Anfang bin bei Deinem Spiel. Ich habe also noch nicht alles gesehen, und ich habe bei einigen Leveln auch sicher viel zu früh und schnell aufgegeben. Mir tat der Arm weh, die Augen auch, ich wurde müde und meine Kumpels wollten auf den Balkon. Ich muss mich also nochmal ransetzen, und ich werde mich auch nochmal ransetzen, und dann werde ich Dir wieder schreiben, wenn’s recht ist.

Zum Schluss erneut herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung Deines ersten Spiel-Projektes. Die Idee ist, wie gesagt, ganz hervorragend.

Lass Dich nicht unterkriegen!

Liebe Grüße

Marcus

PS: Magst Du den Leuten von Nintendo sagen, dass ihre Konsole ein ganz bescheidenes Bild auf HD-Fernsehern abliefert? Ich habe den Eindruck, als hätte Deine Stimme etwas mehr Gewicht als meine. Natürlich nur, wenn’s nicht zu viel Aufwand ist.

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