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Über das Anbrüllen von Kindern

Vor ein paar Tagen habe ich ein Kind angebrüllt. Ich war auf dem Weg zum Beachvolleyball und kam durch eine recht beschauliche Wohngegend, saturierter grüner Mittelstand. Hunde grillten, junge Mütter setzten Haufen auf die Straße, manchmal wechselten sie sich bei diesen Tätigkeiten ab und ließen anschließend Luftballons aus Jute steigen.
Dann sah ich dieses Kind.

Ein dürrer Knabe, der ein kleines Mädchen, das ein kleines Stück größer war als er, trat. Dann trat er es nochmal, dann sprang er auf das Mädchen drauf, schlug auf die Kleine ein, die nun versuchte, auf ihrem Rad zu fliehen, er sprang gegen das Rad, sie klemmte sich ihre Beine ein. Die ganze Zeit über weinte das Mädchen stumm und – solange man sein Herz noch nicht gegrillt hatte – herzzerreißend. Dann entkam es, der Junge hinterher.
Da habe ich gebrüllt.
Ein Tischtennis spielendes Mädchen sicherte sich ab, indem es sagte, er sei nicht ihr Bruder. Dann beleidigte sie eine Mutter. Meine Lieblingslektorin fragte nach: „Meine Mutter ist verrückt?“ Das Mädchen sagte: „Nee, dem seine Mutter.“

Auf mein Brüllen kam der Kleine ganz brav zurück geradelt und hörte sich stumm an, dass das nicht gehe, man Mädchen (Ausführungen zu Geschlechtergerechtigkeit und allgemeiner Gewaltlosigkeit sparte ich mir) nicht schlage und überhaupt, wo kämen wir denn da hin? Auf einmal war der Bully von eben nur noch ein kleiner verschüchterter Junge. Ich tätschelte dämlich seinen Kopf und wünschte ihm einen besinnlichen Sommer.

Ich frage mich seitdem: Bin ich bekloppt oder die ungefähr 47 Elternpaare die dabei saßen? Aus meiner Sicht war das eine Form von Brutalität, die ich von unter Zehnjährigen noch nie gesehen habe. Oder habe ich falsche Erinnerungen an die Ritterlichkeit von Grundschulzweikämpfen? Und überhaupt: Gilt bei Kindern das „Interne-Angelegenheiten-Prinzip“ der UNO, damit sich die bekanntermaßen unendlich viel nachtragendern Erwachsenen nicht noch befehden, wenn die süßen Irren schon längst wieder friedlich Bloodsports miteinander spielen?

20 Kommentare

  1. 01

    … alles richtig gemacht, würde ich sagen. Es heißt Zivil-Courage. Selten, aber wertvoll.

    Herzlichst Guido

  2. 02
    Ludwig

    Recht so! Hab ähnliche Situationen auch schon erlebt und genauso reagiert. Gerade bei Kindern kann man noch was machen, die sind noch dafür offen dass es abweichende Normen gibt. Im Zweifelsfall sind wir die Erwachsenen und ein Vorbild. Es ist ein Unding dass viele Leute einfach wegschauen – je häufiger solche (kleinen) Menschen sich derart austoben können, umso mehr werden sie das für „normal“ und ihr „Recht“ halten.

  3. 03

    Ich weiß kaum etwas über Kinder und wie die heute so ticken, denke aber, dass Dein Verhalten in Ordnung geht.

    Aber, Guido (01): Mit Zivilcourage hat das nach meine Dafürhalten nichts zu tun. Wo wären wir, wenn man Mut bräuchte, um sich als Erwachsener mit (unbewaffneten) Kindern anzulegen? Das war anständig. Nicht mehr, aber immerhin.

  4. 04

    sehe ich auch so, mut sammeln musst eich nicht gerade, aber das meinte Erfolgs-Blogger wohl auch nicht:)

  5. 05

    Raufereien unter Kindern sind wichtig, um den Umgang mit Gewalt zu lernen. Kindern müssen erleben, was passiert, wenn sie ihrem 3 jährigem Kumpel Sand ins Gesicht feuern oder mit 10 Ohrfeigen verteilen. Sie erleben den Schmerz des anderen und bekommen dadurch normalerweise Mitleid und Schuldgefühle. Bei kleinen Kindern wird eher zu viel bei harmlosen Auseinandersetzungen dazwischen gegangen. Kinder lernen nicht durch Vorträge und Theorie.

  6. 06
    Markus

    Gut gemacht!

  7. 07

    @jcn:

    Kommt drauf an. Wenn einem daraufhin der 2.03m 120kg (Muskeln, nicht fett) wuetende Vater des Jungen gegenuebersteht was einem denn einfallen wuerde, dann gehoert da schon Zivilcourage dazu.

  8. 08
    westernworld

    @n2: @N2 du warst zuwenig opfer in deiner kindheit oder bist genauso wie malte in einer beschützenden werkstatt aufgewachsen, ich fand das noch eher harmlos da hab ich ganz andere erinnerungen an gewalt unter kindern.

    wenn ich meine lehrer für einen satz gehaßt habe dann war es „macht das unter euch aus“ wenn ich es straffrei könnte würde ich ihnen heute meine faust bis zum ellenbogen ins gesicht stecken.

    einmal hatte einer meiner netten mitschüler mir die nase gebrochen und ich ging zum lehrerzimmer, mir wurde bedeutet ich solle doch die tür nicht vollbluten. das verständnis von pädagogik an grund und hauptschulen mit entsprechend rustikalem klientel ist halt ein etwas anderes.

    wenn erwachsene den selben verfolgungsdruck erdulden müßten wie es die schwächeren im klassenverband tun, würden sie ihr leben als hölle beschreiben.
    aus bequemlichkeit und dummheit kinder dem auszusetzen finde ich nicht akzeptabel.

    andererseits will ich auch keine hysterischen amerikanisch suburbanen verhältnisse in denen jeder stubser vor gericht landet.

    aber wer „macht das unter euch aus “ bejaht gehörte als kind zu den in der regel zu den siegern.

  9. 09

    @Armin: Zivilcourage wäre es, wenn man vorher schon sicher wüsste, dass nach der Ermahnung des Kindes zwangsläufig das Muskelpaket erscheint.

    Will sagen: Nicht den Begriff Zivilcourage überstrapazieren. Sie liegt nach meinem Dafürhalten nur dann vor, wenn man sich beim ersten Tätigwerden bewusst einem Risiko aussetzt (derjenige, der Malte zur Hilfe eilt, wenn er unerwartet dem tobenden Muskelpaket gegenübersteht, hätte eine Chance, Zivilcourage zu praktizieren).

    Will nicht: Korinthen kacken. Wir sind uns hier ja im Prinzip einig, dass Gewalt doof ist und Malte eine gute Tat vollbracht hat. Meinerseits daher: </wortklauberei>

  10. 10

    Du hast nur einen minimalen Ausschnitt aus der Realität gesehen. Was Minuten, Stunden oder Jahre vorher passiert ist, weisst du nicht. Vielleicht hat dieses scheinbar unschuldige und wehrlose Mädchen den armen jungen schon seit einer Ewigkeit gepiesackt und provoziert, ihm seine Spielsachen kapputt gemacht und vor seinen Freunden gedemütigt. Und gerade als du vorbeikamst hat dieser unterdrückte Junge sich ein Herz gefasst und beschlossen,sich jetzt endlich mal zu wehren… Es ist oft schwer aus spontanen Situationen auf die ganze Wahrheit zu schliessen.
    Aber ich wäre natürlich genau so dazwischen gegangen wie du.

  11. 11

    Ich kenns bisher nur andersrum: Mal eine Mutter, die ihrem Kind mitten auf dem Weihnachtsmarkt hier in Bonn dermaßen heftig eine geknallt hat, dass es hintenüber gefallen ist, zur Sau gemacht. Angeblicher Grund für den „Ausrutscher“: Der Kleine hat seit einer Stunde das gleiche Weihnachtslied gesungen. Die umstehenden Wohlfühlfamilien und Präsenz-zeige-Polizisten haben sich einen Dreck geschert.
    In deiner Situation hätte ich wohl ebenso gehandelt. Gewalt=Geht nicht=Eingreifen. So einfach.
    MaBU

  12. 12

    Ich habe mal ziemlich lange eine Pfadfindergruppe geleitet und hatte deswegen immer mal wieder mit dem Problem zu tun. Zunächst fällt mir dazu ein: Gewalt unter Kindern ist einerseits häufig brutaler als gewöhnlich, weil sie mit brutaler wirkenden Methoden ausgeführt wird. Andererseits gehen Kinder allgemein „körperlicher“ miteinander um, sind auch in anderen Zusammenhängen oft körperlicher Kraftentfaltung ausgesetzt (Stürze vom Fahrrad etc.). Oft ist es längst nicht so schlimm (und wird vom Opfer auch nicht so schlimm empfunden) wie es aussieht. In Einzelfällen (wie dem oben von Westernworld beschriebenen) mag das aber auch anders sein.

    Ich reagiere in solchen Fällen meist so, dass ich versuche, die Selbstkontrollmechanismen der Gruppe zu stärken. Das heißt, ich nehme die Älteren, Stärkeren, Anerkannteren in die Verantwortung, ihre jüngeren Spielkameraden zu kontrollieren. Erst, wo das nicht möglich ist, greife ich selbst ein. Dann gehören Strafe, Anschreien etc. aber durchaus mit zum Programm. Insofern hätte ich mich vermutlich genauso wie du verhalten, und ich verstehe genausowenig das Verhalten der mitanwesenden Elternpaare.

    Ob deine Lieblingslektorin in diesem Moment überlegt hat, wie du dich wohl als Vater machen würdest? ;-)

  13. 13

    Neulich auf einem Berliner Hinterhof-Spielplatz:

    Eine Mutter nutzt mit ihren beiden Töchtern das gute Wetter. Die Kinder haben Spaß und sind deshalb auch etwas lauter. Plötzlich schreit ein männliche Stimme aus dem 5. Stock: „Ruhe da unten oder ick komm‘ runter!“
    Die Mutter schreit zurück:“Ja, und dann?“
    „Mit’m Hund!“

    Ungelogen. Apropos, was hat 4 Beine und einen Arm? Ein Pitbull auf dem Kinderspielplatz.

  14. 14
    der große Bruder

    Maltes Fragen kann ich nicht beantworten, weil ich sie mir selbst auch schon oft ergebnisoffen gestellt habe.

    Wenn ich daran denke, in welchem blutrünstigem
    Ausmaß sich mein kleiner Bruder und ich früher bearbeiteten, wundere ich mich, was dann doch noch für nette Kerle aus uns geworden sind.

    Lustig war immer, wie der Satz „das ist nur mein Bruder“ zivilcouragierte Rentner erstummen lies. Gewalt in der Familie scheint dann doch legitim zu sein.

    Aber trotzdem nutze ich gleich mal die Gelegenheit: Sorry Ralf, war nicht so gemeint!

  15. 15

    Gute Entscheidung dazwischen zu gehen. Obwohl Mädels zwar meist schwächer sind, sind sie psychologisch meist die böseren, wir jungs sind halt schneller mit den Fäusten als mit dem Mund (also ich zumindestens).

    PS: Dass soll nicht heißen, das ich meine Freundin haue… ausser wenn sie’s will, aber das ist wohl hier nicht das thema.

  16. 16

    Ich habe neulich auf dem Klassentreffen ein kleines Kind böse angeschaut. Es fing an, zu heulen.

  17. 17

    @n2: Boah, was für ein Quatsch. Wenn ein Kind dauernd anderen den Sand in die Augen haut und sich keiner von den Spielkameraden traut, das gleiche zu machen, lernt das Kind nur, dass es ein mieses Arschloch sein kann und damit durchkommt.

    Damit Kinder ihre Grenzen kennenlernen, kämpfen lernen, verlieren lernen, Regeln einhalten lernen, sollte man sie lieber zum Fußball schicken, oder gleich zum Boxen. Erwachsene dürfen nicht mal eben wen kloppen, wenn sie eine Auseinandersetzung regeln wollen, warum sollen Kinder lernen, dass es ok ist? Wann soll es bei denen nicht mehr ok sein? Mit 18? 14? 12? 10? „Jetzt bist du ja groß, jetzt musst du deine Konflikte geschickter lösen!“ Ja wie denn, wenn man das nicht gelernt und geübt hat?

  18. 18

    Meine Grundschulzeit Mitte der 70er brachte genauso viele klaffende Fleischwunden mit sich wie die ungleich längere anschließende Skateboardzeit (!).

  19. 19

    Immer Gegentreten, zeigen wer der Stärkere ist.

    Kennt jemand von Euch das nie wirklich unterdrückt worden oder gar verprügelt worden zu sein? Mag zum einen daran liegen, dass ich die dickeren Arme hatte.
    Jedenfalls erfuhr ich nie eine Blessur von anderen. Dafür habe ich schon selbst
    gesorgt. Kinder können grausam berechnend sein. Erziehungsberechtigte ??!

  20. 20

    generation frech und blöd,

    der apfel fällt nicht weit vom stamm.

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