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Türkei – Tschechien 3:2

Ein Achtelfinale, meinte der ORF-Reporter wieder und wieder, ein Achtelfinale könnte man das heißen. Türkei gegen Tschechien, ich erwartete Uefa-Cup-Niveau. Tschechien ist das Werder Bremen der Fußballnationen: spielen die Spieler im weißen Dress, werden sie automatisch um 15% besser. Die Türkei aber, als Außenseiter, nicht zu unterschätzen, eher Getafe: rabiat, taktisch bisweilen ein wenig undiszipliniert, aber mit spielerisch hervorragend besetztem Mittelfeld.

Die Tschechen hatten beschlossen, ihre Taktik der hohen Bälle von hinten nach außen zu verlagern und endlich von den Flügeln her zu flanken: da standen regelmäßig Plasil, das zahnlose Wiesel, und Sionko, der Luchs. Während Plasil sich wieder und wieder in der unfreundlichen Brust Hamit Altintops festrannte, kreiselte Sionko sich bisweilen an seinen zwei bis drei Gegenspielern vorbei, um in die Mitte zu dreschen. Den Ball. Und den Gegner.

Bei den Türken hatte Trainer Fatih Terim nur Tuncay, dem Frisurenzwilling Peter Maffays, verraten, wo das Tor stand: der Rest wirkte mit seinen Schüssen aus geschätzten 50 Metern wie eine Kindergartengruppe, die verbundenen Augs einem auf Pappe gemalten Esel einen Schwanz anzustecken hat.

Knappe 35 Minuten dauerte es, bis Koller im persönlichen Fingerschnakeln mit Servet den Daumen oben hatte und nach einer Flanke von Grygera einnickte: danach Schockstarre der Türken. Aber die Tschechen sind keine guten Salamanderjäger und zuckten die Achseln.

Nach der Pause sah es aus, als würde sich Tschechiens Taktik bewähren: hinten ein sicheres, stabiles Fundament, vorne ein tragender Balken: Koller. Der Türke kam relativ früh, entblößte sich auch dabei, aber ohne – um dem billigen Wortspiel das Plastikkrönchen aufzusetzen – das ihm was ins Netz ging. Die Verteidigung in Rot verlegte sich auf Brandschatzung, weswegen die Hälfte der Spieler nach ungefähr einer Stunde aussah wie die beiden Kriegsparteien nach der Schlacht um Wien. Als Plasil in der 62. einen Konter sauber zu Ende spielte, war das Genfer Grün ein Lazarett.

Zu diesem Zeitpunkt zahlten die ersten Buchhalter schon die Siegprämien für all diejenigen aus, die auf Tschechien gesetzt hatten: da abar kam Arda. Ein unspektakuläres Tor, ein Querpass von rechts außen aufs linke Sechzehnereck, ein schwacher Schuß: die Ouvertüre zum Walkürenritt.

Denn Cech, der am 2:1 die Finger dran hatte, hat danach viel Zeit gehabt, sich in die Handschuhe zu weinen, bis sie glitschig waren wie Krötenhaut. Verhängnisvoll, schicksalhaft, große Worte wollen bemüht werden, oder aber Ironie: Drei Minuten waren noch zu spielen, als ihm ein Flankenball entglitt, er also den Wiese machte. Nihat stand, wo ein Stürmer zu stehen hat, selbst wenn er kein Stürmer ist, nämlich richtig. An der tatsächlichen Formel arbeiten die Wissenschaftler und Felix Magath noch, bisher macht nur Erfolg klug, und den hatte Nihat: Ausgleich.

Was hab ich mich aufs Elfmeterschießen gefreut. So sehr, dass ich mich über den Siegtreffer der Türken weder richtig freuen konnte, noch wollte. Nihat fiel der Ball in die Kuhle seines Spannes, die Gott (oder Allah oder Buddha oder Darwin oder Terry Pratchett) nur dafür ausgehobelt hatte, der Ball hinter Cech ins Tor. Wenn Sie bisher nicht wussten, was ein Zeugma ist, das war eines. Aber stilistische Kapriolen passen zum Spiel. Siegtreffer.

Anakoluthe zum. Das Ende war Glanz und Gloria, wers verpasst hat, sollte sich schämen: Volkan Demirel, Torwart der Türken, sah rot und dann rot, stieß erst den tragenden Balken des tschechischen Hauses weg (worauf es zusammenbrach), flog vom Platz und Tuncay, eigentlich Stürmer, musste das Schatzkästelchen hüten. Kurze Gebete, noch drei Minuten, noch zwei, noch eine, Schlußpfiff. Jetzt jedenfalls bin ich ganz froh, nicht in Neukölln zu nächtigen, sondern auf dem Land, wo mir kein Gehupe auf die Hupe gehen kann. Mein Beileid an alle nicht-türkischen Problembezirksbewohner.

Ach, und die Schweiz hat übrigens gewonnen, 2:0 gegen Portugal. Tschüß, ihr wart gute Gastgeber, auch wenn ihr nur 100 Stunden bleiben konntet, lasst ruhig die Speisekammer noch was offen. Immerhin wars doch ein versöhnliches Ende, ich bin geneigt zu sagen: Die Schweiz und der Fußball, sie werden Freunde bleiben. Märsi.

13 Kommentare

  1. 01

    Dabei wäre Elfmeterschießen ohne echten Torwart sooo interessant geworden.

    Die Türken haben sich zumindest in meiner Gegend heute doch ziemlich zurückgehalten, was das Hupen angeht.

  2. 02

    Hey, fast so gut wie das Spiel, der Text! Chapeau!

    Hach, ich bin sehr zufrieden (dass das richtige Spiel überbtragen wurde)! Das Gehupe und Feuerwerkszenario geht eigentlich, meldet T-Hof/Grenze Neukölln. Den Schiedsrichter an rot zu verlieren, muss man auch erst mal schaffen. Aber seitdem weiß man, dass Koller zwar groß aber auch nur ein Streichholzmännchen ist.

  3. 03
    Frédéric Valin

    @creezy: Frankreich kuck ich übrigens in Neukölln, und zwar im Freien Neukölln. Da gibts Pastis, aber keinen Käse. Nicht mal holländischen. Dafür aber Oliven (hoffentlich keine italienischen).

  4. 04

    War ein Spitzenspiel, keiner hat sich was geschenkt und die Türken haben verdient gewonnen. Man muss übrigens nicht unbedingt in Berlin leben, um ein ordentliches Hupkonzert zu bekommen. In der der Provinz nah am Ruhrgebiet geht es momentan auch zur Sache :)

  5. 05
    Samuel

    IM Ruhrgebiet auch^^. Verdammt, mal ehrlich: Jahrelang war die Taktik der Tschechen, Flanken auf Koller zu spielen, auf dass er sie einnicke. Nur als die Türken dann keinen Torwart mehr haben und noch drei Minuten Zeit sind, da klappt das nicht. Verdammt nochmal, ich hätte so gern das Elfmeterschießen mit Tulcay gesehen…

  6. 06
    Peter H aus B

    Sensationell, das Spiel.
    Ich konnte es gar nicht fassen, das tatsächlich einmal die bessere, kämpferischere Mannschaft gewonnen hat. Ich habe selten einer nicht deutschen Mannschaft so die Daumen gedrückt. Endlich hat es mal geholfen..

  7. 07

    @Frédéric Valin:
    notiert — und woran erkenne ich Dich?

  8. 08

    mir wurde am frühen morgen raki aufgenötigt in der innenstadt, der gute mit 65% umdrehungen versteht sich „¦

    wenn die ins finale kommen wird party neu definiert, sylvester wirkte im vergleich wie der bußundbettag, unglaublich!

  9. 09
    Frédéric Valin

    @creezy: Braune Lederjacke, Stift in der Hand und sitzt im Raucherbereich. Hat außerdem ein Radler vor sich stehen.

  10. 10

    Gratulation an die Türkei. Aber da sieht man mal wieder, dass sobald man sich hinten zurückzieht und auf Ergebnis halten spielt, es entweder verdammt knapp wird oder man eben verliert. Da haben sich die Tschechen mit dem 2:0 doch glatt zu sicher gefühlt.

  11. 11

    Das war wirklich ein tolles Spiel. Die Spiele bei der EM sind bisher sowieso in der Mehrzahl super-spanned. Echt ne klasse EM.

    Nen Elfmeterschießen ohne türkischen Torhüter wäre wirklich spannend geworden. Mich würde es auch nicht wundern, wenn die Tschechen das Elfmeterschießen dann noch verloren hätten. :)

  12. 12

    @Frédéric Valin:
    Ein Radler ist kein Pastis aber ich bekomme das hin! Platz freihalten!

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