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Dopende Russen? Kein Gas für die SZ!

In der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung wurde mehr oder weniger deutlich darüber spekuliert, ob die russische Mannschaft gedopt ist.

Unter der Überschrift Eine Lektion vom Vater-Trainer schreibt Jürgen Schmieder:

Beim Training jedenfalls lässt sich keine besondere Konditionsarbeit erkennen. Entweder übernimmt Hiddink zufällig stets laufstarke Teams oder es gibt noch Sonderschichten hinter verschlossenen Türen.

Und in dem Meinungs-Beitrag Russlands Schalter fügt Thomas Kistner hinzu:

Seine topfitten Australier wurden im WM-Achtelfinale 2006 mit Mühe von Italien gestoppt, 2002 jagten seine Südkoreaner gar ins Halbfinale. Damals musste sich Hiddink übrigens eines, naja, Verdachts erwehren. „Grundschnelligkeit verbessert man nicht mit Medikamenten“, erklärte er, „wer Beweise hat, soll sie vorlegen.“

Da bedient Hiddink den alten Mythos vom Fußball als dem Sport, bei dem Doping nicht von Nutzen ist. Diese Legende ist längst widerlegt (Wikipedia-Eintrag, Spiegel-Artikel).
Daher schließt Kistner auch nicht ohne Sarkasmus:

Kein Zweifel, dass da alles sauber abläuft. Wird das Ganze eben zur Bankrotterklärung für alle Trainer und Kompetenzteamleiter, deren Profis den Russen körperlich so heillos unterlegen sind wie Schweden und Holländer.

Was Zahlen angeht, ist der Süddeutschen wie eh und je nicht zu trauen. In einem Artikel heißt es:

Die russische Elf läuft laut Statistik vier Kilometer mehr als jede andere Mannschaft.

Im nächsten Artikel dann:

Es ist in der Tat nur schwer zu erklären, wie diese russische Mannschaft – die in den drei Gruppenspielen durchschnittlich jeweils drei Kilometer mehr lief als die gegnerische Elf — in der Lage war, auch nach 90 Minuten das holländische Team unter Druck zu setzen, deren Spieler von Minute zu Minute müder wurden.

Drei oder vier Kilometer? Und was bedeutet diese Zahl? Dass jeder Spieler im Schnitt 400 Meter mehr gerannt ist? Oder 300 Meter?

Man weiß es nicht. Wie gesagt, Zahlen sind nicht so das Spezialgebiet der SZ. Äußerst kompetent allerdings ist die Sport-Redaktion der Süddeutschen Zeitung beim Thema Doping. Und sehr hartnäckig. Ich bin gespannt, ob sie für die Vermutungen noch Belege finden werden.

23 Kommentare

  1. 01

    Die 3 oder 4 Mehrkilometer sind die gesamt gelaufenen Kilometer aller russischen Spieler im Vergleich zu den Spieler der jeweiligen gegnerischen Mannschaft. Die unterschiedlichen Zahlen kommen aus den verschieden angesetzten Spielen, die berücksichtigt wurden.
    Dass Doping im Fußball ein Thema ist und war ist unbestritten, auch die Wirksamkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Inwieweit die UEFA-Kontrollen aber, wie gemunkelt wird, eine Farce sind will ich lieber nicht beurteilen.

  2. 02

    Weniger kritische Argumente bzgl. der Kondition ist das benennen des Durchschnittsalters der Mannschaft. Der ehemalige Ostblock kennt sich
    in Sachen ‚Doping‘ bestimmt nicht so aus wie die ebenfalls erfahrenen
    Zweiradtuner. Fordere hiermit eine Blutanalyse bei jedem Turnier-Sportler.

  3. 03
    Frédéric Valin

    Hier kann man übrigens die Laufwege mal ab- und vergleichen.

  4. 04
    westernworld

    der hiddinkeffekt ist schon sehr deutlich und die unschuldsvermutung in einem sport mit solchem finaziellem hebel und solchen emotionalen einsätzen ganzer länder eher naiv.

    die drei kilometer können sich nur auf die laufstrecke pro spieler pro spiel beziehen alles andere wäre unerheblich. zum vergleich michael ballack läuft 10km pro spiel und das gillt als herrausragende leistung.

    man muß ja immer bedenken das ein großteil besonders bei offensivspielern sprint oder sprintähnliche laufwege sind.

    letztlich ist doping heute viel nützlicher zur erreichung des spielerischen ideals des one-touch-football als es das zu zeiten von standfußballern wie netzer je hätte sein können.

  5. 05
    Van Tango

    Bevor man verurteilt, muss man – was ich morgen mal machen werde – die Zahlen ein bisschen genauer analysieren. Weiß z.B. jemand, welche Laufwege erfasst werden? Nur die bei laufendem Spiel, oder auch die bei abgepfiffenem? Zum Beispiel, wenn ein rechter Mittelfeldspieler wie Schweinsteiger auch die Ecken von Links tritt, er dazu einmal diagonal über den halben Platz und anschließend wieder zurück laufen muss, ist man in einem Spiel schnell mal bei 400-500 mehr gelaufenen Metern.
    Das Gleiche gilt für große Stürmer wie Koller, Toni, Gomez, die im Gegensatz zu Villa, bei wirklich jeder Standardsituation vor dem eigenen Tor über den ganzen Platz und zurück müssen. Manche Mannschaften haben sehr offensivfreudige Innenverteidiger, während Mertesacker nur zu Standards nach vorne geht und noch in keinem Spiel mehr als 10 km gelaufen ist. Solche Kleinigkeiten addieren sich doch schnell zu durchschnittlich 300 Meter pro Mann.

  6. 06

    Ich sag das jetzt mal an alle, weil es mich immer ein wenig ärgert. First of all, natürlich kann ich auch nicht sagen was an solchen Geschichten dran ist. Tatsache ist aber, es wird immer viel geredet, kaum einer kennt aber die Intensität der Belastungen, und noch weniger das was möglich ist. Und wenn sich das jetzt ein wenig arrogant anhören mag, ich denke das ich da nicht die inkompetenteste Person bin.

    Was westernworld beschreibt ist so nicht ganz in Ordnung, gerade beim Fußball sind die Pausen im laufe eines Spieles durchaus vorhanden (es ist nicht nur der Sprint). Aber auch in anderen Sportarten (bei mir Feldhockey Bundesliga), sind solche Belastungen locker zu leisten. Des weiteren gibt es auch deutliche konditionelle Unterschiede auf höchstem Niveau. Wenn jemand seit seiner Jugend fast jeden Tag trainiert (Belastung, Regeneration, Kraft usw.), sind solche Leistungen ohne Mittel „locker“ möglich.

    Und jetzt komme ich zum Fazit: Der Stein fällt in der Jugendarbeit, (Vorsicht Klischeeverdacht), da sind die Russen nicht die schlechtesten. Aber auch als aktueller Trainer kann man so was noch beeinflussen. Jeder der seinen Körper auf solchem Niveau trainiert hat, kennt die Möglichkeiten.

  7. 07
    Van Tango

    Was Westernworld beschreibt, ist nicht ganz korrekt. In der Tat beziehen sich die drei km Mehrleistung auf die gesamte Mannschaft, exemplarisch habe ich mir einmal die Vorrundenbegegnung RUS-GRE angeschaut, die mit dem Ergebnis RUS 109,33 km : GRE 106,38 km endete. Knappe drei Kilometer mehr für die gesamte Mannschaft, also etwa 270 Meter pro Spieler, bzw drei Meter pro Spieler pro Minute. Vernachlässigenswert, wenn Werte wie „Gras fressen“ oder „Deutsche Tugenden“ gepredigt werden.

  8. 08

    die russen wirkten zweifellos über die gesamte spieldauer, besonders aber in der verlängerung frischer. was sich unter umständen auch dadurch erklären lässt, dass in der russischen liga erst 11 spieltage absolviert sind. erst im zusammenhang mit der australischen und südkoreanischen mannschaft (wobei in diesen beiden ländern der von nilsn angesprchene aspekt jugendarbeit eher nicht ausschlaggebend ist) ergeben sich zweifel.
    wichtig übrigens: ähnlich skeptisch äußerte sich die sz bereits zu dem erfolg der griechen und auch die legendäre turnierqualität der deutschen mannschaft(en) wurde dort schon (wenn ich mich nicht falsch erinnere) mit doping in zusammenhang gebracht.

  9. 09
    Alberto Green

    Ich habe vor ein paar Monaten mit dem Rauchen aufgehört und stattdessen mit dem Laufen angefangen. Leider komme ich nur ein- bis zweimal in der Woche dazu. Trotzdem war ich als mäßig sportlicher Mensch mit einer 20 Jahre lang vollgeteerten Lunge nach zwei Monaten in der Lage 10 km in einer Stunde zu laufen. Manchmal mache ich „Tempotraining“ (klingt das arrogant) und laufe dieselbe Strecke in Einzelsprints mit einzelnen, kurzen Pausen und brauche keine 90 min dafür.
    Wenn ich als ExRaucher und unnsportlicher Freizeitjogger das in 2 Monaten schaffe, schafft ein Profisportler, der nicht zwischendurch arbeiten muß, das sicher durch Training.
    Das soll kein Das-schaff-ich-doch-auch-Kommentar sein, weil ich zu der Strecke niemals taktisches Verständnis, Ballgefühl und Auf-die-Fresse-Fliegen-ohne-mich-zu-verletzen hinkriegen würde, aber:

    Für den körperlichen Aufwand eines Fußballspiels braucht man kein Doping, wenn man die Zeit hat, ein wenig zu trainieren.

  10. 10

    Wenn ich es richtig sehe, dann beruhte ein Teil des Erfolgs des osteuropäischen Sports auf einer hohen Trainingsbelastung.
    … auf einer hohen Trainingsbelastung schon in frühen Jahren.

    Jetzt darf man es als Überraschung auffassen, daß „Europas Fuballer des Jahres“ Oleg Blochin und Igor Belanow mit Anfang 20 „körperlich überlegen“ schienen und mit Ende 20 – nach zahlreichen Verletzungen – körperlich am Ende waren.
    Es wäre sicherlich auch überraschend, wenn die heutigen Jung-Kicker der Sowjet…äh… Rußlands mit Ende 20 „fertig“ wären.

    Ähnliche Überlegungen äußerte mal der Ex-DDR- und gesamtdt. Nationalspieler Heiko Scholz und verwies gleichzeitig auf die gute Jugendarbeit der DDR und das vergleichsweise frühe Karriereende der Herren Scholz und Sammer … nach schweren Verletzungen.

    … man könnte sich auch fragen, warum bei Bor. Dortmund so junge Spieler in das Profigeschäft kamen. Doping ? Wie sieht eigentlich die Krankengeschichte der Herren Odonkor, Gambino, Vrzogic, Tyrala aus ?

  11. 11
    archeophyt

    —edit—

  12. 12
    archeophyt

    @Alberto Green: Es ist dann aber doch ein kleiner Unterschied, ob man einfach so 10 km läuft oder ob man 10-12 km auf dem Fußballplatz zurücklegt. Das anstrengende ist ja nicht das gemächliche Vor- und Zurücktraben, wenn der Ball mal wieder aus dem Spiel ist, sondern die vielen Kurzsprints über ein paar Meter. Deshalb ist auch ein Vergleich von Laufleistungen ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, da die Gesamtdistanz sehr unterschiedlich erlaufen wird.

  13. 13
    Jan(TM)

    Das was die SZ macht ist billiger Antirussismus, es kann nicht sein das der russische Untermensch besser trainiert ist als der deutsche Herrenmensch – deshalb muss es Dopping sein!

  14. 14

    @Jan(TM):

    wie in kommentar 8 schon gesagt:
    ähnlich skeptisch äußerte sich die sz bereits zu dem erfolg der griechen und auch die legendäre turnierqualität der deutschen mannschaft(en) wurde dort schon (wenn ich mich nicht falsch erinnere) mit doping in zusammenhang gebracht.

  15. 15
    Alberto Green

    @archeophyt: Ich weiß, daß mein Kommentar sehr lang und umständlich formuliert ist, aber schau nochmal nach, ob ich was zu kurzen Zwischensprints geschrieben habe.

  16. 16
    Maltefan

    @Alberto Green: Du bist ein Held :)
    Mal im Ernst, den gleichen Kommentar hat mein Mann auch gebracht, dass 10km in 90 Minuten nicht sonderlich viel sind, aber die laufen bei den Sprints schon ziemlich schnell, und Erschöpfung ist ja nichts lineares (d.h. wenn Du 10km in 60 Minuten läufst bist Du nicht halb so erschöpft wie wenn Du sie in 30 Minuten läufst). Ich weiss ja nicht wie schnell Du da sprintest, aber renn mal 100m so schnell dass Du Dir die Lunge rauskotzt und schau, wie lange Du brauchst um Dich davon zu erholen bzw. wie oft Du das machen kannst bevor nichts mehr geht. Klar kann man das auch trainieren, aber das machen ja schließlich alle.
    Ich denke allerdings auch dass das Alter der russischen Manschaft eine Rolle spielt bei der Kondition.

  17. 17
    martin

    um nochmal den bogen zu den radlern zu spannen… da sowieso ALLE gedopt haben ist es häufig fast schon wieder ein fairer wettkampf. gut ist das nicht. spass macht es auch keinen. aber es wurde ja auch bereits zum fussball angemerkt, dass es nicht um fussball geht, sondern eben um entertainment gladiatoren.

  18. 18
    Alberto Green

    @Maltefan: Es nicht immer leicht ein Held zu sein, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Ständig Sehnenscheidenenztündung vom Autogramme geben: Kricht man mit Training weg. Ich sag ja nichts mehr. Ich wollte nur mal kurz anmelden, daß man Draußen(TM) fitter sein kann, als man hier drinnen (?) denkt.

  19. 19
  20. 20
    dopingspürhund

  21. 21
    dopingspürhund

    wer km-zahlen braucht: die sind hier.(<=kontrastarmer link)

    wenn’s danach ginge wären die türken auch gedopt.

    eine mannschaft muss nunmal diejenige mit meisten kilometer sein. und wer weiß, vielleicht gehört das bei manchem trainer ja sogar zur taktik, mehr zu laufen, und ist nicht nur fitnessbedingung.

    die einen machen’s über den ballbesitz, die anderen über die laufstrecke. Bei letzterem heißt das dann Spiel ohne Ball, oder?

  22. 22
    Samuel

    Also ob man direkt Doping schreien muss…
    Ich fand Fußballer schon immer ausgesprochen konditionell schwach. Nach 90 Minuten liegen sie vor der Verlängerung flennend auf dem Boden und lassen sich die Waden massieren und deren Leistung in diesen 90 Minuten ist gar nichts gegen Handballer oder – Gott bewahre! – Eishockeyspieler. Da liegt niemand rum und jammert,obwohl der Sport doppelt so schnell ist und nicht eine Sekunde den leerlauf aufweist, der sich im Fußball bisweilen einstellt(ich liebe Fußball, so ist das nicht gemeint). Also finde ich es nicht gleich verdächtig, weil ein Team mal konditionell fitter und leistungsstärker ist, als ein anderes, oder auch viele andere.
    Zumal, wie schon oft erwähnt, die Russen ein junges Team sind und auch erst 11 Ligaspieltage hinter sich haben, das heißt nicht nur konditionell noch gut drauf, sondern grundsätzlich eingespielt und schon gut im Training angereist sind. Außerdem – die SZ weiß genau über Hiddinks geheimes Training bescheid? Naja…
    Und sonst: Südkorea? Ha! Asiaten sind Monster wenn es um Leistung geht, das klingt vielleicht nach nem doofen Klischee, aber es ist so, ich hab da genug Erfahrung mit gemacht. Verbiete denen als Boss umzukippen und sie kippen nicht um, die Japaner sind sicher am krassesten, aber dieses Leistungsprinzip gilt in Asien so ziemlich überall… Ein Autoritärer Hiddink kann da genau der richtige Trainer sein.
    Australien, vielleicht ist das sogar ein wenig der Ecuador-Effekt, das Team ist einfach extremere Bedingungen gewöhnt, selbst wenn sie im Ausland spielen durch Heimspiele. Kann schon sein das sie da in einem milderen Klima konditionell halt besser drauf sind.
    Natürlich es können auch wirklich alle gedopt sein, ausschließen will ichs nicht.

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