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Sporn

Gebt einem 14-Jährigen einen Filzmarker, und er wird einen Penis an die Fahrstuhlwand malen. Gebt ihm einen Klumpen Knete, und er wird Brüste daraus formen. Gebt ihm eine Software, mit der man absurde Lebewesen auf dem Computerbildschirm kreieren kann, und er wird stundenlang kopulierende Zweiwesengeschöpfe mit drei gigantischen Phalli und dollypartonesken Brüsten formen, sie animieren, mit Musik unterlegen, bei YouTube veröffentlichen und mindestens drei Tage lang Freude daran haben, Kommentare zu seinem Video zu lesen, die im Wesentlichen aus den Buchstaben R, O, T, F, L, M, A und O bestehen.

Wenigstens lungert der junge Kreative nicht auf der Straße rum oder absolviert unbezahlte Praktika, sollte man meinen, doch EA, der Hersteller der Software, die all das möglich macht, is not amused.

Denn das Darstellen von „expliziten sexuellen Referenzen“ ist laut Nutzungsbedingungen nicht erlaubt in SPORE, dem neuen Werk des SIMS-Erfinders Will Wright. Das Spiel, das den Spieler Fantasiewesen erstellen lässt und auf die Interaktion dieser Wesen via Internet setzt, rühmt sich zwar mit der Darstellung von Evolution, möchte diese jedoch bibelgleich unbefleckt vonstatten gehen lassen. Und so versendet EA derzeit Mails an die Urheber derjenigen Kreaturen, die man im Netz unter dem zwar naheliegenden, dadurch jedoch nicht weniger kreativen Namen Sporn finden kann, mit dem deutlichen Hinweis, dass diese Wesen leider nicht in der Spore-Schöpfungsgeschichte berücksichtigt werden können.

Es ist verständlich, dass EA und Will Wright ihre Spielwelt lieber mit süßen Knuddeltierchen als mit der überdimensionalen Visualisierung von Viagra-Spam bevölkert sehen wollen (Vaginas scheinen übrigens eine bisher selten gemeisterte kreative Herausforderung zu sein — eben wie im echten Leben eines, pardon the pun, Heranwachsenden), doch die kreativen Leistungen der männlichen Adoleszenz lassen sich nun einmal schwer steuern.

Und so wäre es viel klüger, die Balls flach zu halten, den Kindern ihren Spaß zu lassen und auf Selbstregulierung zu bauen. Für das Spore Labor dürften die völlig absurden, albernen und auf infantile Art sehr unterhaltsamen YouTube-Kreationen prima PR bei der Zielgruppe sein und letztendlich wird die Klasse des kommenden, tatsächlichen Spiels (bisher gibt es nur das Kreaturen-Labor) darüber entscheiden, ob Spieler wirklich als Dauererektion durch den Digitalwald hüpfen wollen. Die Lust an der Lustigkeit tanzender Penisse dürfte sich in zeitlichen, alters- und geschlechtsbedingten Grenzen halten, und schließlich begegnet man ja auch im echten Leben jeder Menge Kreaturen, die man als „Dickhead“ bezeichnen kann.

(Beinahe erheiternder als die Sporn-Clips selbst sind die darauf folgenden Anmerkungen der YouTube-Nutzer: Ein vermutlich relativ junger Zuschauer kommentiert eine Kreatur, die zwei Wesen bei einer im allgemeinen Sprachgebrauch wunderbar treffend als „69“ bezeichneten Verflechtung zeigt, mit den Worten: „Why does he like to sniff her butt lmao“.)

(Hinweis: EA ist ein langjähriger Kunde unserer ehemaligen Agentur und des Spreeblick-Verlags)

15 Kommentare

  1. 01

    Drin nach fliegenden Penissen.

    Und Bloggern, die die „Darf EA das denn ?“-Frage ein wenig vernachlässigen.

    „Hallo, AOL-Polizei ? Ich habe Pornografie in Internet gefunden !“

  2. 02
    Nanuk

    Wann greift endlich Christan Pfeiffer ein…

    Alice Schwarzer ergreift schon vor lauter Phallussymbolen schlagartig die flucht…
    Pfui Pfui Pfui… ;)

  3. 03
    Jan(TM)

    Johnny, dürfen deine Kinder damit spielen?

  4. 04

    @erlehmann: Die Frage, ob ein Unternehmen das darf, stellt sich in der bestehenden Realität kaum. In dem Moment, in dem ich eine Software benutze, akzeptiere ich die Nutzungsbedingungen, und in denen kann grundsätzlich alles legal Mögliche stehen. Ob das jetzt im o.a. Fall sinnvoll ist, was da drin steht, steht auf einem anderen Blatt.

    Der Vergleich mit dem Internet hinkt, denn es gibt (glücklicherweise) keine AGB fürs Netz. Sehr wohl aber für einzelne Angebote, und bei denen ist man wiederum an die Bedingungen gebunden. So schließen wir hier bspw. Werbung in Kommentaren aus und behalten uns auch Löschung von Kommentaren vor.

    Dürfen wir das? Ja.

  5. 05

    @Jan(TM): Haben sie noch nicht bisher, es regiert derzeit König Fußball „¦ Aber warum nicht? Und wenn sie lustige Penisse machen wollen: Von mir aus?

  6. 06

    @Johnny Haeusler: Ich schließe mich Johnny an… ob die Kids nun Penise oder sonstige unterleibsorientierte Symbole basteln, es gehört zum einen ganz einfach zu der Entwicklung ihres Erfahrungshorizontes dazu (und WIR haben das im Prinzip nicht anders getan, nur eben meist nicht am Computer) und dann ist ein Penis doch einfach nur ein Körperteil das meines Erachtens im Gegensatz zu anderen viel zu überbewertet wird und bei dem in aller Regel seltsame Reaktionen hervorgerufen werden, wenn es bedacht wird. Meine Güte!

  7. 07
    christoph

    @stan
    den Penis im Allgemeinen kann man gar nicht überbewerten

  8. 08
    westernworld

    spornstreichs den ansporn für die nächste welle geliefert, sauber EA sporales marketing vom feisten „¦

  9. 09

    @westernworld: Sag‘ ich ja: Schaden wird das nicht, ist schließlich genau die oder eine der Zielgruppe(n).

  10. 10
    shoggoth

    Ich glaube ja, dass die Anwälte der Firmen über kurz oder lang die PR-Abteilung unnötig machen… *lol*

  11. 11

    @Johnny Haeusler: Es ging mir schon eher um die Aspekte „moralisch“ und „sinnvolle Beschränkungen“, so Reflektionen wie von Stan in Kommentar 06 angedeutet halt. Rein vom rechtlichen ist man eh nur mit freier Software auf der sicheren Seite und das ist Spore nun einmal nicht.

  12. 12

    Soweit ich als Minderbegabter das Thema interpretieren kann, scheint es wohl doch so zu sein, dass die ‚kleinen kreativen‘ ihrem inneren Drang folgend, die gesezten Grenzen bis zum äussersten ausprobieren. Da hat der Erziehungs-berechtigte Schuld?

    ———————————————————————

    War erst neulich auf St. Pauli unterwegs.
    Da sieht man erst den ‚Sozialen Kollateralschaden‘.

    (Das WWW ist eine Ansammlung von Lügen u. Betrügen.)

    http://entwicklungspsychologie.stangl.eu/Ich-Entwicklung.shtml

  13. 13
    Jan(TM)

    @Johnny Haeusler: Ich dachte eher daran das man eigene Kinder oft anders behandelt. Bei Kerner-Beckmann sind ständig TV-Sternchen die stolz darauf sind das ihre Kinder ohne Fernseher aufwachsen.

    And now to something …

    Läuft das auf dem MacBook? Die Mobility Radeon 9200 in meinem Wintel Schlepptop ist dem Teil zu langsam.

    Können die Sporlinge sich eigentlich auch gegenseitig fressen?

  14. 14

    @Jan(TM): Schon korrekt, die Frage mit den Kindern, die man sich ja auch dauernd selbst stellt. Auch und gerade vor und bei dem Tippen solcher Zeilen. Aber: Der Spore Creator ist harmlos und lustig und macht Spaß, und auch die Pimmelvideos sind doch eher albern.

    MacBook läuft, höre aber, dass es auf nur wenig älteren Rechnern nicht so dolle läuft. Und ob die sich fressen können, weiß ich noch nicht „¦

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