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Russland – Spanien 0:3

Wie zu erwarten verhielten sich Spanier und Russen zunächst wie Stachelschweine im Darkroom. Der Ball lief, aber die Tendenz ging dahin, ihm nicht hinterher zu laufen.

Es gab die zigste Aufführung des Schauspiels für einen Mann mit Pfeife (wie es in der Regieanweisung heißt): Die Angst des Schiedsrichters vorm Elfmeter. Ob nun Torres die Hand an der Kehle hat oder Lahm die Hüfte gebrochen wird, ob wiederum Lahm das Trikot seines Gegenspielers in Fetzen nach Hause trägt; gepfiffen wird nur an und ab. Niemals zum Elfmeter. Man will sich ja nicht in den Mittelpunkt stellen.

In der Pause die Gelegenheit, einen der viel zu selten zu hörenden echten Dellings zu genießen. Delling deutet auf einen Bildschirm, der das Gewitter über dem Stadion zeigt, beschreibt, was er sieht, was wir alle sehen und sagt dann:
„So hochspannend soll es weitergehen, deswegen blitzschnell zu den Kollegen aus Hamburg.“

Delling ist nicht zu karikieren. Kürzlich habe ich versehentlich entdeckt, dass er eine Personality/Talk/Reality/Dramedy-Show veranstaltet. Der Mann kann alles. Kann man eigentlich Fehler machen, wenn man einmal einen Moderatoren-Posten bei den Öffentlich-Rechtlichen ergattert hat? Denken Intendanten dort überhaupt in der Dimension „unterhaltsam“? „Eloquent“? „Geistreich“? „Ahnung vom Fußball“? „Ahnung vom Denken“?

Sein ihm geistig nicht nachstehender Mitmoderator Netzer, der Bewunderern als große alte Dame des Fußballs gilt, durfte auch noch einmal sein Bestes geben:
„Das ist Torres natürlich, der immer wieder gefährlich ist natürlich, besonders wenn er Platz hat, Torres ist ein Strafraumspieler.“
Next Stop: Aphasie.
Einen hat er noch:
„Sie werden ihr Spiel jetzt in der zweiten Halbzeit entwickeln, vielleicht auch erst in der Verlängerung.“

Vielleicht auch jetzt oder nie oder was interessiert mich mein Scheiß von vor 5 Sek…, ja, für mich auch noch einen, Sie alter Dummschwätzer, immer her mit dem, auf einem Bein kann man nicht, das wissen Sie doch am besten.

A propos am besten. Am besten rufen Sie jetzt an, denn es gibt wertlose Scheiße zu gewinnen.

Das Tor hat mich genauso auf dem falschen Fuß erwischt wie die russische Abwehr. Als Xavi mutterseelenallein gelassen wurde im Strafraum und entsprechend ungestört einnetzte, war ich auf der Seite die-wahl-der-qual.de, der Seite zum Buch von Kathrin Passig und Ira Strübel, das den schönen Untertitel „Ein Handbuch für Sadomasochisten und alle, die es werden wollen“ trägt.
Gleich drauf hatte Torres die Gelegenheit, das Spiel vorzuentscheiden, schoss jedoch über das Tor.

Die spanische Mannschaft hat etwas mönchisches. Konzentriert verrichten die Spieler ihr Tagwerk, sie sind immer in der Defensive und haben immer den Ball, sie pflügen das Feld mit gesenktem Blick, demütig in der Pflichterfüllung. Aber die wildesten Orgien des Mittelalters fanden im Kloster statt und wenn die Spanier das Spiel erst einmal unter Kontrolle haben, dann ist Feierabend.

Sobald sie vorne Platz haben, werden die Pässe aus dem Fußgelenk geschüttelt, dass es so viel Dope auf der Welt gar nicht gibt, nicht genug Venen, um es in die Blutbahn zu pumpen – da kommt keiner hinterher.

Denn der Ball schwitzt nicht, altes mediterranes Sprichwort.

Die deutsche Mannschaft geht als Außenseiter in das Finale, was paradoxerweise ein gutes Omen ist. In der obskuren FIFA-Weltrangliste ist Spanien die einzige europäische Mannschaft, die vor den Deutschen steht.

Es treffen die bestplatzierten Teams aufeinander. Damit konnte nun wirklich niemand rechnen.

(Nachtrag: Da habe ich mich offensichtlich geirrt – Italien liegt noch vor den beiden. Aber nicht mehr lange.)

12 Kommentare

  1. 01

    Aha, «der Ball schwitzt nicht, altes mediterranes Sprichwort.» Gut, ich bin vorbereitet. Genau das sind wohl die Argumente, die der spanische Kater Sonntag bringen wird.

    Schweinsteiger hat zum Glück was vom Bullen. Manchmal stirbt eben auch der Torero!

  2. 02
    henker

    Die Russenhaben das mit dem Hupen nicht verstanden!
    Nur der Sieger darf Hupen!

  3. 03
    corax

    Ich kann mich grad nicht entscheiden ob ich:

    Sein ihm geistig nicht nachstehender Mitmoderator Netzer,

    oder:

    Die spanische Mannschaft hat etwas mönchisches.

    schöner finden soll. THX

  4. 04

    Ich hab ja nicht geguckt, weil ich nicht so..und andere Gründe.
    Aber ich lese Eure* Spielberichte gerne und freue mich, wie horax an den Highlights der Fabulierkunst.
    Heute nähme ich bitte :

    „Kürzlich habe ich versehentlich entdeckt…….“

    *“Euch alle“ im Sinne des gottseeligen B.Becker. (War der nicht Mittelstürmer?)

  5. 05
  6. 06
  7. 07
    Rich

    Hinweis: Ich sehe in der Fifa-Liste noch ein anders europ. Land. Könnte mich aber auch irren – es ist spät. Oder auch nicht. Die Mannschaft, die jedenfalls auf dieser ominösen Liste noch vor ESP und D aufgeführt wird, gibbet im Wettbewerb schon nicht mehr.

  8. 08

    @Rich:

    da steht´s, du hast recht. was habe ich denn da gestern gesehen?

  9. 09

    Herr @corax (5).
    Ich bitte um weitherzige Vergebung für den Freudschen Verschreiber.
    Ich meinte natürlich Sie und schrieb den (gewohnten) anderen Namen ;)

    Danke aber für die Steilvorlage zur offenen Kritik an den verantwortlichen Spreeblicktechniker:
    Warum funzt die f****** Kommentar-Korrektur-Funktion nicht?
    Muß man sich jetzt hier wirklich demütigen lassen, für den Schwachsinn, den man verzapft?
    Demnächstt wieder anonym
    Eure Cara

  10. 10
    corax

    @Cara: Werteste Frau Cara, es gibt überhaupt nichts worum Sie mich um Vergebung bitten müssten. Bloß das mit dem „žSiezen“ sollte man hier auf dieser Baustelle unterlassen, man fällt sonst noch unangenehm auf. ;-)

    Man sieht sich, hier oder anderswo,
    Glück auf! :—)

  11. 11
    Rich

    Okay, viel wichtiger ist jetzt, dass ab nun Fouls im Strafraum erlaubt sind. Diese Regel hat sich zusammen mit der Verlängerung der Regelspielzeit auf 94 Minuten aus dieser EM evolutioniert. Finde ich beides gut.

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