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Blätter, die die Welt bedeuten

Wenns schon kein Film ist, dann muss es dringend einer werden: Ingrid Betancourt, berühmteste Geisel seit Erfindung des Weihnachtsmanns, ist frei. Befreit durch einen ‚Husarenstreich‘ der kolumbianischen Armee. Da war alles drin gewesen: Undercover-Agenten, ein verprellter Verräter, eine undisziplinierte Rebellenorganisation, Hubschrauberschrabbschrabb und Che-Guevara-T-Shirts. Das war der Action-Teil.

Der zweite Teil gleicht mehr einer Nachmittagssoap, die irgendwas mit Familienzusammenführung im Konzept stehen hat. Ingrid Betancourt, abgekämpft und abgemagert, aber glücklich, im Scheinwerferlicht. Ingrid Betancourt, wie sie ihrer Mutter zuruft, sie sei frei und sie lebe. Ingrid Betancourt, wie sie Gott dankt und der Armee. Ingrid Betancourt, wie sie in Talkshows auftritt und Sarkozy die Patschhand schüttelt.

Ist das zynisch? Ist es zynisch, die Befreiung eines Menschen, der furchtbares durchlitten hat, als Hollywood-Produktion minderer Qualität wahrzunehmen? Bin ich ein schlechter Mensch, weil mir die meisten Hauptpersonen in dem Stück unsympathisch sind? Weil ich Uribe, Sarkozy und das kolumbianische Militär nicht sonderlich mag? Darf ich mir die TV-Aufzeichnungen von Betancourts Ankunft in Frankreich ansehen und mir sagen, dass man das ganze eher in der Großaufnahme hätte filmen müssen, um mehr Emotionalität einzufangen? Abgesehen davon, dass Carla Bruni fehlbesetzt wurde. Und Robert de Niro wäre für die Rolle des französischen Präsidenten bestimmt die bessere Alternative gewesen.

Und ist es zynisch, wenn der Schweizer Radiosender RSR die Frage stellt, ob die Befreiung nicht inszeniert gewesen wäre? Ob nicht 20 Millionen Dollar gezahlt worden wären, um Betancourt und 14 weitere Geisel freizukaufen? Und ist es zynisch, wenn das kolumbianische Militär jetzt einen Film präsentiert, um ihre Version der Geschichte zu stützen?

Ist es nicht. Jeder hat aus dem Material, dass ihm die Betancourt-Befreiung geliefert hat, seine eigene Geschichte gemacht. Mit einer eigenen Moral. Uribe freut sich über den Popularitätsschub, der es ihm womöglich erlauben wird, eine bisher verfassungswidrige dritte Amtszeit als kolumbianischer Präsident einzuleiten. Sarkozy durfte sich wichtig machen. Das kolumbianische Militär darf seine Effektivität betonen. Und RSR darf sich investigativ fühlen.

Und die übrigen Medien? Ich habe keinen Artikel gelesen, der nicht von Schmalz und Heldenmut, von Elend und Wiederauferstehung aus der Asche handelt. Der aktuelle Spiegel leitet seinen Artikel über Betancourt ohne Punkt, aber mit recht viel Komma ein:

Sie stieß die Worte in einem einzigen tränenerstickten Schwall hervor, unterbrochen nur von Schluchzern, den Zeigefinger ins linke Ohr gepresst, am anderen Ohr das Telefon, sie schrie an gegen den Lärm auf dem Flugplatz, auf dem sie stand, den blick verklärt in den Himmel gerichtet, über die ganzen uniformierten Männer hinweg, die um sie herumstanden, als wären sie einfach alle gar nicht da.

Ja. ‚Das Leuchten der Freiheit‘ heißt der Text. Hätte auch im Bastei-Verlag erscheinen können. Das ist genau die Art Literatur, die ich meinen Kindern, wenn ich welche hätte, verbieten würde. Das einzig tragische an der Geschichte inzwischen ist, dass Betancourts Jahre im Dschungel wohl tatsächlich tragisch waren. Davon ist in den Artikeln nicht mehr viel übrig geblieben.

13 Kommentare

  1. 01
    patrick

    Betancourt ist Politikerin, immerhin ehemalige Präsindentschaftskandidatin. Also gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sechs Jahre Geiselhaft haben sie völlig gebrochen und sie zieht sich total zurück, es gibt keine Show. Oder eben das, was du völlig richtig beobachtet hast. Zynisch. Andere sagen auch „zum Kotzen“.

  2. 02
    nicnac

    The medium is the message!
    Und all diese trolligen Marionetten tanzen nach den Vorgaben der unerträglichen Volksverblödungshow. Bislang bleibt mir jedoch verborgen, inwieweit Betancourt nur Opfer ist. Schickt sie sich gerade an, zur Täterin zu werden, weil sie für die reaktionären Kräfte Posing macht?
    Schwer zu sagen; so tief steck ich da nicht drin.

  3. 03
    Markus

    Ich find das auch alles befremdlich …

  4. 04

    Die Befremdlichkeit der gesamten (frei nach Tim und Struppi) Affäre Betanourt wird durch diesen Artikel sowie seine Kommentare mal wieder elegant gespiegelt und vervielfacht. Ob das ein Lob ist, darf wie immer jeder selbst entscheiden. Ist das zynisch?

  5. 05
    heike

    wenn sie es noch einnmal als präsidentin versucht, dann wäre ich schon froh. und ansonsten – nicht uribe und sarkozy haben diese pr nötig, noch geht es darum, glaube ich. kolumbien an sich braucht gute pr, weil sie auch neue investoren brauchen und wenn die farc so einen dämpfer bekommt, ist das auch für die bewohner besser. man könnte auf eine befriedung des landes hoffen. da darf der jubel auch mal größer sein. ich hab mich zumindest auch gefreut.

  6. 06
    christoph kratistos

    Interessant, dass selbst die Tatsache, dass die Frau 6 Jahre Geiselhaft im Dschungel erlebt hat für so manchen nichts an seinem allgemeinen Politikerhass ändert. Aber jedem das seine.

  7. 07

    @christoph kratistos:

    fred macht doch recht deutlich, dass sein unwohlsein sich auf die inszenierung bezieht, nicht auf betancourt als person.
    ist es vlt möglich, dass die medien keine sprache für tragik haben?
    das ist jetzt ins unreine gesprochen, aber der fall kampusch hat in mir ähnliches ausgelöst, spätestens seitdem das unglückliche mädchen talkshowhost ist.

  8. 08
    heike

    @Malte Welding: wenn ich einen intuitiven vergleich ziehen würde, dann käme mir eher nelson mandela in den sinn. der eben dann auch präsident geworden ist. der hatte auch ne harte zeit hinter sich und frau betancourt war eine politische gefangene im weitesten sinne!

  9. 09
    Frédéric Valin

    @Malte Welding: Ich glaube, es gibt eine Kategorie für Tragik: den unkommentierten Augenzeugenbericht oder manche Sorte Interview. Aber sie wird selten bedient: es scheint das Bild vorzuherrschen, die Öffentlichkeit gruselte und erschauerte lieber, als dass sie wirklich betroffen wäre.

  10. 10
    heike

    telenovelas sind ja auch die ekligste erfindung aus lateinamerika. fällt mir so gerade ein. also nix hollywood. alles selfmade.

  11. 11
    heike

    ähm, homemade

  12. 12
    christoph kratistos

    @Malte Welding:
    Ich meinte auch eher Patrick.

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