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Das Internet hat mein Leben zerstört

Früher war alles besser, heute ist alles Besserwisser. Das Internet hat mein Leben zerstört.

Ich kann keine Entscheidungen mehr treffen

Brauche einen neuen Kopfhörer, vielleicht den, den Max auch hat. Aber lieber erstmal Gadget-Blogs checken: Treffer! Gleich rüber zum Shop. Doch halt … die Shop-Community ist nicht begeistert — die Verarbeitung lässt zu wünschen übrig. Ah! Der hier ist zwar etwas teurer, hat aber mehr Bewertungspunkte … Mist, nicht lieferbar. Vielleicht in einem anderen Online-Store … da fällt mir ein, dass die Backup-Festplatte randvoll ist, mal sehen, wo derzeit ein Terabyte preislich liegt … okay … das geht ja. Ist die netzwerkfähig? Keine Angabe. Dann wohl nicht. Obwohl … die Hersteller-Website sagt: ja. Ich frag mal lieber in einem Forum nach.

Sauber! Nächste Woche kommt das neue Modell des Kopfhörers raus, den ich ursprünglich kaufen wollte, soll viel besser verarbeitet sein! Dann warte ich besser noch. Obwohl das Modell der anderen Marke ja auch …

Was? Schon 15 Uhr?

Meine Ideen gehen verloren

Habe die Recherche für ein tolles Thema bei Google angefangen. Bin nach vier Stunden beim dritten Link, über den ich einen Experten gefunden habe, mit dem ich ein Telefon-Interview vereinbaren will, finde aber seine E-Mail-Adresse auf der Seite nicht, in seiner Linkliste verweist er dafür auf ein völlig irres Forum, Wahnsinn, hab’s sofort den anderen Autoren gemailt, wir beschließen eine ganze Artikel-Serie, das gibt Stoff für drei Wochen! Erstmal muss ich aber den anderen Artikel weitertippen, den ich angefangen habe. Wo hatte ich den gespeichert?

Ich kann mich nicht mehr konzentrieren

Ich sollte mir eine To-Do-Liste zulegen, kann man doch prima auf dem Rechner erledigen, gleich mit Erinnerungsfunktion. Wäre cool, wenn man so eine Liste auch mobil immer dabei hätte, sollte ja mit iPhone kein Problem sein. Tatsächlich: 15 verschiedene Listenprogramme zeigt der AppStore, gleich mal testen. Ok … dieses hier lässt sich nicht mit dem Desktop-Rechner synchronisieren, aber jenes schon, man muss sich nur kurz auf der dazugehörigen Website registrieren, kein Problem, schon erledigt. Nur noch auf die Bestätigungsmail warten. Währenddessen teste ich mal noch eine weitere Liste, die auch viel netter gestaltet ist. Jau, so macht das Arbeiten Spaß! Die benutze ich ab jetzt … ach Mist, die lässt sich ja wieder nicht synchronisieren.

Die Bestätigungsmail ist noch immer nicht da … aber ein alter Schulfreund hat meinen kürzlich zu Recherchezwecken reaktivierten MySpace-Account gefunden (habe nach drei Stunden mit dem „Designer-Tool“ ein ganz passables Ergebnis hinbekommen), wie sage ich dem jetzt möglichst nett, dass ich den Account gar nicht wirklich nutze, wollte doch nur mal probieren … ich sollte den Account einfach löschen. Wo geht das? Hier! Mein Passwort? Mist. Welches Passwort hatte ich denn da genommen …?

Ich kann mir nichts mehr merken

Wie hieß doch gleich dieser Autor dieses einen Buches, das ich unbedingt lesen wollte? Ich hatte den Namen doch neulich noch getwittert … Und wie war nochmal die Adresse von dem Augenarzt, der mir gestern empfohlen wurde? War in der Nähe vom Büro, glaube ich, mal GoogleMaps checken, vielleicht ist er dort eingetragen … was? Der kleine nette Laden hier an der Ecke ist nicht auf GoogleMaps? Das muss ich gleich mal ändern.

Wie war denn bloß nochmal der Name von dem To-Do-Listen-Programm, in dem ich mir alles eintragen wollte, vielleicht hatte die Adresse des Augenarztes ja da reingeschrieben … ? Wie hieß das Ding?? Ich find’s nicht mehr …

Ich gehe nicht mehr aus

Neulich wollte ich mich mit jemandem zum Bier verabreden, aber dann haben wir uns bei der gemeinsamen Qype-Recherche nach der richtigen Kneipe via Jabber festgequatscht. Egal, die Kneipe wäre dann sowieso geschlossen gewesen.

Ich freue mich auf nichts mehr

Monate bevor Dark Knight und Wall-E in den deutschen Kinos anlaufen, hab‘ ich schon alle Friends (ich habe keine Freunde mehr) auf Grundlage einer verwackelten, im Kinosaal mitgefilmten, Pre-Release-Version vor dem Besuch gewarnt und Obama wird sicherlich auch per Mogulus übertragen und getwittert und außerdem gibt es später auf YouTube die auf 10 Minuten komprimierte Version zu sehen und Live-Konzerte kosten viel zu viel Geld, die spinnen doch. Gibt’s im Internet alles umsonst!

Ich traue niemandem mehr

Mein Nachbar hat neulich einer Frau mit Kopftuch ziemlich verächtlich hinterhergeschaut. Sicher ein islamophobischer PI-Leser. Im Job kuschen und dann Abends schön „anonym“ den eigenen Frust in rassistischen Blog-Kommentaren ablassen, kennt man ja. Und der Typ neulich im Café, der mich etwas zu lange angesehen hat? Das war bestimmt dieser Stalker, der diese merkwürdigen E-Mails schreibt, weil er in den Kommentaren gesperrt ist. Der hat vor ein paar Tagen angedeutet, dass er wüsste, wo ich wohne. Scary!

Kürzlich hat sich eine Praktikantin beworben. Über die war nichts bei Google zu finden, kein bisschen. Abgelehnt.

Ich weiß nichts mehr

Ich weiß nur noch, wo es steht. Und wenn es da nicht steht, frage ich auf Twitter nach. Vielleicht weiß es ja da jemand. Und wenn nicht, war’s wohl auch nicht so wichtig.

Worum ging’s überhaupt?

Ich interessiere mich nicht mehr für Künstler

Ich will den Content. Den Song. Das Video. Von allen. Hab‘ ich auch, bekomme ich immer. Sofort. Übers Netz. Heute schon fünf neue Alben gesaugt, die neue Radiohead hatte ich auch schon ein halbes Jahr vor allen anderen.

Muss ich mir mal anhören, irgendwann.

Ich habe jeglichen Realitätsbezug verloren

Ich bin Blogger und neulich war im Spiegel etwas über deutsche Blogs, das wohl nicht so begeistert klang. Hab‘ ich gelesen. In einem Blog. Und es war ganz, ganz erbärmlich recherchiert, wie immer, bei allen Journalisten, den Idioten, haben alle keine Ahnung. Ich bin sicher, dass Spiegel-Autoren panische Angst vor mir haben.

Ich schaue nicht mehr auf den Sinn

Ich schaue nur noch, ob es WLAN hat. Egal, was es ist.

Ich kann nichts mehr wegwerfen

Ich speichere einfach alles ab, wenn’s sein muss 148mal.

Ich kann nicht mehr schreiben

Habe bei der Recherche festgestellt, dass schon jemand anderes vor mir darüber geschrieben hat. Über alles. Und immer, wenn ich kurz vor der Fertigstellung eines Artikels bin, fällt mir ein, dass ich unbedingt noch

147 Kommentare

  1. 01

    Ein brillanter Beitrag! Der zum Nachdenken animiert. Vielen Dank dafür — und ich hoffe sehr für Dich, dass vieles davon Ironie ist…

  2. 02
    rolf_h_karling

    du bist echt aus der spur!! nimm einen hammer, lass ihn laufen; und frei bist wieder!!

  3. 03

    @#683687:
    Der Kommentar von „Mac“ ist nicht von mir!
    Aber erschreckend nahe an dem dran, was ich auch geschrieben haben könnte…

    Nur, wer hat den geschrieben?!
    Ein Bekannter der mir damit ein Signal senden will?
    Oder gar ich selbst: (M)ein erster Fall von Internet Schizophrenie?!

    Hilfe, the internet fucked up my life!

  4. 04

    Bei mir war es auch beinahe so weit. Zum Glück kamen dann die Kinder. Mit denen habe ich nicht mal mehr Zeit zum Bloggen. Ich empfehle daher viele, viele, viele Kinder.
    Dass man dann den Absprung geschafft hat, weiß man, wenn das Kind sagt: Mama, wie kannst Du das alles ohne Internet wissen?

  5. 05

    Die Kinder haben bei mir nicht geholfen. Und wenn sie mich etwas fragen und ich das mal nicht weiss, dann sagt die 5-jährige: „Dann schau doch mal im Internet…“ ;)

  6. 06

    Was haben wir eigentlich früher gemacht?

  7. 07

    Drum schrieb ich schon vor 6 Jahren folgendes herzzerreißende ;-) Gedicht mit dem hitverdächtigen Titel ANALOGISIERE MICH (wer die Chords will, kann er/sie gerne bei mir abholen ist auch vertont). And it goes like this:

    Ich ein Modul.
    Digitalisiert, systemisch integriert —
    Ich ein Modul
    ..
    Schaltungszustand im Flow.
    Null und eins gesetzt, hybridisiert —
    Schaltungszustand im Flow.

    Analogisiere mich Vergangenheit,
    Gib mir Zeit zum Zeitvertreib.

    Schnittstellennaht,
    Medienorgan, Wirklichkeit profan —
    Schnittstellennaht.

    Es verfolgt mich mein Ich.
    Manipuliert, korrumpiert —
    Es verfolgt mich mein Ich.

    Analogisiere mich Vergangenheit,
    Gib mir Zeit zum Zeitvertreib.
    AMEN

  8. 08
    konstantin

    hmm sollte ich angst bekommen, wenn das zu 90% auf mich zutrifft?

    toller artikel!

  9. 09
    Niklas

    Was muss ich machen, wenn ich keine Freunde habe und nicht mehr in die Schule gehen will und Zuhause nur rum gammel und auch depressiv bin?

  10. 10

    Rausgehen, gute Musik hören, gute Bücher lesen.

  11. 11

    Ach, das trifft mich 90% auf mich auch zu. Nur den Stalker rausnehmen und du hättest über mich gebloggt…

  12. 12

    wenn jemand den totalen ablöscher hat soll er / sie warten, bis es vorbei ist. tiefs sind so normal wie hochs. je schneller du reinsaust desto schneller bist du wider oben u. s. w .
    Nein blödsinn!!!
    denke einfach darüber nach.
    *was du eigentlich für einen LEBENSTRAUM hast*
    du bist dein eigener reschisör und nur du dreshst den film alles andere sind schauspieler.:-))))
    Dan mache einen möglichst genauen plahn und dan gehe ihm nach, deinem lebenstraum.
    Alles ist möglich.
    Sei achtsam und gehe langsam , alles war dir begegnet könnte leben sein.
    Echte freuntlich keit hat noch nie einem geschadet

  13. 13
    gisela

    gisela: toller artikel!hat mir viel geholfen bei meiner pruefungsvorbereitung (ich hab dasselbe thema) entschuldigung fur fehler, ich bin aus russland;))

  14. 14

    das Internet ist gerade dabei, auch mein Leben zu zerstören! Und es tut so gut…

  15. 15
    Henning

    Ein SUPER Artikel. Mir geht es ganz Genauso“¦ : (

  16. 16
    Stefan

    meinen größten Respekt. Wieviel wahr und wieviel Fiktion ist, egal, ich sehe einige Paralellen zu meinem (Internet)leben und es ist beunruhigend. ICh merkte es vorher nicht wirklich, aber es jetzt so zu lesen hat eine erstaunliche Wirkung. Nochmal Respekt, hat mich tief ins nachdenken gebracht.

  17. 17
    Anonym

    Der Autor spricht mir aus der Seele. Ich wünschte, das Internet würde es nicht geben bzw. hätte es nie gegeben… das Leben wär viel stressfreier.

  18. 18

    Genau so gehts mir, ich vergesse dann sogar noch, was ich bloggen wollte….es ist erbärmlich, aber genau so ist es, und es funktioniert doch :)

  19. 19
    ENDE

    Nachdem ich diesen Artikel gelesen habe und alle Kommentare dazu und bemerkt habe, wieviel Übereinstimmung zu mir besteht, habe ich beschlossen Schluss zu machen.
    Ich ziehe jetzt den Stecker. Das Lan-Kabel. Und WEG!
    KEIN ABER. KEIN WENN. EINFACH WEG! ARIVIDERCI!
    Auf NIMMERWIEDERSEHEN!

    E N D E

  20. 20
    saiofadf

    Wirklich, dieser Artikel trifft es auf den Punkt.
    Man macht überhaupt keine realen Erfahrungen mehr, alles basiert auf dem Internet. Vielleicht noch nicht heute, aber die nächsten Generationen begründen sich auf „Kultur“ und „Wissen“, dass über das Internet verbreitet wird. Ist das eine Grundlage für eine Gesellschaft? Höchst zweifelhaft.

  21. 21
    Herr Müller

    Mit fing es an. oder . Letztlich waren es immer nur bilder. und wenn du dies von phantasie trennen kannst, hast du letztlich gewonnen.

  22. 22
    Herr Müller

    Mit ‚uuencode‘ fing es an. oder ‚uudecode‘. Letztlich waren es immer nur bilder. und wenn du dies von phantasie trennen kannst, hast du letztlich gewonnen.

  23. 23
    yvo

    Super geschrieben! erinnerte mich an Benjamin von Stuckrad-Barre .. schreib weiter !

  24. 24
    justman

    naja opfaaaaaaaaaa dein leben is im arsch nein du darfst das internet nicht über dein leben entscheiden lassen

  25. 25
    dark

    @#683687: internet kann helfen und zerstören, aber mal ehrlich das können waffen auch oder? es kommt auf den benutzer drauf an ob er sich zerstören lassen will oder nicht. es ist dumm zu sagen das inet hat mein leben zerstört, hallo? du hast es selbst zerstört weil du es so wolltest nicht weil das inet gesagt hat, „hey heut werd ich mal sein leben zerstören.“ der witz ist sowie so man sagt das leben ist zerstört und erkennt die türen nicht die noch da sind wo man durch gehen kann und davon gibts unendlich viele. ich habs momentan auch nen bissel schwer muß weihnachten und silvester immer allein verbringen hab nu auch mein job verloren und ich sag mir naaaaa und da gibt es ne tür wo ich durch muß und es geht dann wieder aufwärts. so spielt halt das leben und es spielt auch nur so weil wir es auch so spielen wollen, wir wollen doch alles was wir momentan haben. kriege, konsum, kapitalismus, regierungen usw. man hat bis heut nur gering aus den ganzen sprüchen gelernt wie man ist des eigen schicksals schmied und unsere zukunft ist die die wir daraus machen.

    ihr sagt inet hat euer leben zerstört, könnt nicht mehr lernen lesen und haste nicht gesehen?

    ich sage ihr wolltet es so, bin seit jahren inet junkie und hol mir drotzallem immer wieder mal nen buch zum lesen bastle rum nutze das inet weil es informationen hat die mir in manchen richtungen noch fehlen und tipps hat auf die man in aller freundschaft nicht im normalen kommen würde.

  26. 26

    So true! Aber wie bin ich ueberhaupt auf diese Seite gekommen; und warum ist es schon wieder so spaet?

  27. 27
    tobias

    „So true! Aber wie bin ich ueberhaupt auf diese Seite gekommen; und warum ist es schon wieder so spaet?“

    /sign

  28. 28

    Abe wennste Dich wieder annen Augenarzt erinnerst, sag mal Bescheid! Oder schick ‘ne Mail.

  29. 29
    nicole

    Hey, ich hab mir den Artikel noch nicht mal ganz durchgelesen, aber ich denke das ist auch nicht nötig.
    ‚Das Internet‘ hat dein Leben zerstört?
    Um so einen Artikel zu schreiben bedarf es schon einiger Dreistigkeit.
    Es ist nicht so, als könne man seinen Lebensstil gänzlich auf die Nutzung des Internets zurückführen,ein persönlicher Faktor ist da immer dabei.
    Außerdem gibt es verschiedenste Arten, wie man das Netz nutzen kann.
    Das Netz ist ein Ort, in dem man sich selbst verwirklichen kann….und als Blogger solltest du das ja auch kennen, oder?
    Es gibt unglaublich viele Seiten, auf denen Menschen ihre Kunst in Form von Literatur, Bildern oder Fotos hochladen, ohne es zu ihrem Beruf zu machen. Diese Bekanntheit könnten sie nie erreichen, wenn nicht eine bestimmte Vernetzung durch das Internet vorhanden wäre.
    Ob man nun darin versinkt und nicht mehr aus der Wohnung geht, hängt an einem selber.
    Dass deine Ideen verloren gehen, kann ich gar nicht nachvollziehen, da ich mich eher durch die Kunst, die ich auf meinen Seiten zu Gesicht bekomme, inspiriert fühle. Dadurch, dass ich meine Texte veröffentliche, halte ich einen gewissen Rhythmus beim Schreien ein, und habe mich in letzter Zeit um Einiges verbessert. Normalerweise wäre eine Geschichte nach zwei Kapiteln auf meinem Pc vergammelt.
    Dass man mehr Möglichkeiten zum Vergleichen hat, ist doch auch nur ein Vorteil dabei, Entscheidungen zu treffen. Und wenn du wirklich keine Vergleichsmöglichkeit haben wolltest, warum besuchst du dann nicht einfach einen Laden in deiner Nähe?
    Das Misstrauen ist bis zu einer Grenze nachvollziehbar, aber paranoid machen mich soziale Netzwerke nicht. Vorsichtig sollte man trotzdem mit seinen Daten sein, und damit, wie viel davon Fremden zugänglich ist.
    Wenn du dein Hirn nicht nutzt, und lieber eine Art post-it Funktion im Internet benutzt, ist das denn nicht auch aus Bequemlichkeit?
    Ich will damit nicht ausschließen, dass man sich das Leben durchs Internet ganz schön versauen kann, auf verschiedenste Arten. Aber es kommt immer noch auf den Nutzer an, und wie er mit der Kommunikationsmöglichkeit umgeht.

  30. 30

    Das Schlimmste am Internet ist die ganze Ironie darin, die man nicht versteht. ;-)

  31. 31

    @nicole: Hey, ich hab mir deinen Kommentar noch nicht mal ganz durchgelesen, aber ich denke das ist auch nicht nötig.