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Ein anderes Serbienbild

Als vorige Woche Karadjic verhaftet wurde, hielt sich die Euphorie in Grenzen. Es wurde viel darüber spekuliert, wie ein Bart entsteht und ob Miraculix-Anspielungen statthaft wären. Wenn es denn Lob gab für die neue serbische Regierung, dann verhalten: Serbien ist nicht der Lieblingszögling der deutschen Medien.

Allerdings gab es auch kaum Ausreißer in alte Zeiten der Kriegsmetaphorik, als es gängig war, die Serben mit den Nazis gleichzusetzen und unter drei KZ-Vergleichen pro Satz gar nichts ging. Einzige Ausnahme in dieser Hinsicht war ein Stück in der SZ, mit dem bildhaften Titel: Das Gesicht des Bösen.

Endlich hatte die von den USA geführte Nato die Serben in die Defensive gebracht – nach Jahren, in denen der Westen und die Vereinten Nationen nur schwach auf die serbischen Aggressionen und die ethnischen Säuberungen in Bosnien reagierten. (…)
Karadžics Verhaftung ist nicht bloß eine historische Fußnote, es schafft einen Mann aus dem Weg, der immer noch den Frieden und den Fortschritt auf dem Balkan unterminierte und der sich mit seinem begeisterten Eintreten für ethnische Säuberungen einen ganz speziellen Platz in der Geschichte verdient.

Da flammt sie wieder auf, die alte Kriegsschreibe. Verfasst hat dieses Protokoll einer Begegnung mit Karadzic der damalige US-Unterhändler Richard Holbrooke, der für die schmissigen Einschätzungen der Festnahme verantwortlich ist gerade.

Ansonsten muss man nicht der verschwörungstheoretischen Fraktion rund um Handke und Elsässer angehören, um sich zu wundern, warum den paar Ausschreitungen eine solche Aufmerksamkeit zugestanden wurde, während tatsächlich spannende Nachrichten gar nicht an die Öffentlichkeit kamen. Dass die bosnischen Serben nach der Verhaftung ruhig geblieben sind beispielsweise, oder dass 43% der serbischen Bevölkerung ausdrücklich für eine Ausweisung Karadzics war. Es mag sein, dass Karadzic von vielen Serben noch „als Held und Patriot verehrt wird„, aber das scheint eine Minderheit zu sein angesichts dieser Umstände.

Serbien steht klar in der Sündenbock-Ecke seit Ausbruch des Jugoslawienkrieges. Das hat zum Teil seine Berechtigung, aber schon damals war nicht einzusehen, warum serbischer Nationalismus böse und schlimm ist, kroatischer, bosnischer und kosovarischer Nationalismus aber gut. Und warum Autokraten wie Tudjman und Izetbegovic ein so viel besseres Standing haben als der Oberteufel Milosevic.

Diese Einschätzungen hatten sehr wenig mit der Realität zu tun, und sehr viel mit einer spezifischen Inszenierung. Für diese Inszenierung war maßgeblich verantwortlich die PR-Agentur Ruder Finn, die die Marketingkampagne für die kroatische, bosnische und kosovarische Seite machte. Der ehemalige Direktor James Harrf antwortete in einem Interview auf die Frage, welche der Aktionen ihn mit besonderen Stolz erfüllten, folgendes:

Dass es uns gelang, die jüdische Meinung auf unsere Seite zu ziehen. Dies war eine sensible Angelegenheit. (…) Präsident Tudjman war in seinem Buch „ºÖdland der geschichtlichen Wirklichkeit“¹ sehr leichtsinnig, denn wenn man sein Werk liest, könnte man ihn des Antisemitismus bezichtigen. In Bosnien war die Situation nicht besser: Präsident Izetbegovic unterstützt in seinem Buch „ºDie islamische Erklärung“¹ sehr stark die Bildung eines fundamentalistischen islamischen Staates. Abgesehen davon war die kroatische und bosnische Vergangenheit stark von einem wirklichen und brutalen Antisemitismus geprägt. Zehntausende von Juden kamen in den kroatischen Lagern um. All dies sprach dafür, daß Intellektuelle und jüdische Organisationen den Kroaten und Bosniern gegenüber feindlich eingestellt sein würden. Die Herausforderung für uns lag nun darin, diese Einstellung in ihr Gegenteil zu wenden. Und wir meisterten diese Aufgabe mit Bravour. Anfang August 1992 veröffentlichte New York Newsday einen Artikel über serbische Lager. Wir ergriffen diese Gelegenheit sofort. Wir überlisteten drei große jüdische Organisationen – die B’nai B’rith Anti-Defamation League, das American Jewish Committee und den American Jewish Congress. Wir schlugen vor, dass diese eine Annonce in der New York Times veröffentlichen und eine Demonstration vor der UNO organisieren. Das war ein großartiger Coup. Als die jüdischen Organisationen in das Spiel auf Seiten der moslemischen Bosnier eingriffen, konnten wir sofort in der öffentlichen Meinung die Serben mit Nazis gleichsetzen. (…) Mit einem einzigen Schlag konnten wir nun die einfache Story von den guten und den bösen Jungs präsentieren, die sich ganz von alleine weiterspielte. Wir gewannen, weil wir auf die Beeinflussung des jüdischen Publikums setzten. Fast unmittelbar danach benutzten die Medien eine andere Sprache mit sehr emotionsgeladenen Begriffen, wie ethnische Säuberung, Konzentrationslager etc., Begriffe, die man mit Bildern aus Nazi-Deutschland und den Gaskammern von Auschwitz assoziiert. Niemand konnte sich mehr dagegen wenden, ohne des Revisionismus angeklagt zu werden. Wir hatten hundertprozentigen Erfolg.

Sie hatten tatsächlich hundertprozentigen Erfolg. Später übernahm selbst die deutsche Bundesregierung diese Metaphorik, während sie den eigenen Kriegseintritt sprachlich zu verschleiern suchte. Damals prägte Schröder folgendes formidable Wort: „Wir führen keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen, eine friedliche Lösung im Kosovo auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen.“ Damit war die deutsche Außenpolitik wieder im 19. Jahrhundert angelangt.

Inzwischen kommt die Balkanberichterstattung wieder differenzierter daher: trotzdem sind einige Ressentiments geblieben. Es steht zu befürchten, dass die ausstehende Verhaftung Mladics sehr viel höhere Wellen schlagen wird als Karadjics Festsetzung. Vor Ort, denn Mladic hat ein sehr viel besseres Standing bei den konservativen und nationalistischen Kräften. Und hier, denn dann werden die Risse in der serbischen Gesellschaft nochmal klarer hervortreten. Was zu besorgt-skeptischen Leitartikeln Anlass geben wird, das ist abzusehen.

Serbien orientiert sich gerade stark an der EU, obwohl sich Europa weder politisch noch medial mit Ruhm bekleckert hat was den Balkan anbelangt. Das ist eine gute Nachricht, und es ist an der Zeit, die Beitrittsverhandlungen Serbiens auf den gleichen Stand zu bringen wie Kroatien. Wenn es die demokratischen Kräfte sind, die die Unterstützung der EU bedürfen, ist es an der Zeit, dass sich Europa ausnahmsweise einmal konstruktiv an den politischen Prozessen beteiligt.

21 Kommentare

  1. 01
    schomsko

    Wenn Soldaten auf unbewaffnete Zivilisten schießen, dann ist das schon Nazi-artig. Und wenn eine Minderheit in der Bevölkerung dass im Nachhinein nicht so schlimm findet, dann wirft das eben ein schlechtes Bild auf das ganze Volk.
    Auch im Krieg sollte es Regeln geben. Und wenn nur 43% das glauben, dann finde ich das zu wenig.

  2. 02
    Frédéric Valin

    43% finden, dass er zurecht ausgeliefert wird. Nicht, dass auf Zivilisten zurecht geschossen wird. Das ist ein Unterschied. Was sehr viel mit einem Haager Autoritätsproblem zu tun hat.

  3. 03
    schomsko

    Das Haager Autoritätsproblem wiederum hat mit Vergangenheitsbewältigung zu tun. Alle haben Verbrechen begangen und Den Haag ist auf dem „Nato-Kumpel“-Auge blind. Das eigene Leid kann aber keine Entschuldigung sein. Eine hinkende Justiz kann keine Legitimation für Anarchie sein. Die eigenen Verbrecher müssen verurteilt werden, auch wenn die Richter andere laufen lassen.
    Wenn das bei 57% noch nicht angekommen ist, dann sind die noch nicht reif für das Abendland. Mann muss sich das mal vorstellen: „Lasst unsere Vergewaltiger laufen denn die anderen laufen ja auch rum.“

  4. 04

    @schomsko: So herum darf das natürlich überhaupt nicht laufen, klar. Überhaupt gibt es nichts zu relativieren, dennoch sind die von Fred aufgezeigten Punkte erwähnenswert.

  5. 05
    Peter H aus B

    Alles nur halb so wild? Oder wie soll ich das verstehen?
    Komme nicht hinter den Sinn des Artikels… Opportunismus?

  6. 06

    @Peter H aus B: Man sollte ein Land und dessen Menschen nicht immer aus Trägheit und – ja – aus Opportunismus stigmatisieren. Leider ist es immer wieder einfacher für die Medien, die Rollen für die Guten und die Bösen klar zu besetzen und dann das so geschaffene Schema abzuarbeiten ohne die komplizierten Sachverhalte erklären zu müssen.

  7. 07

    Wie so oft, sag ich mal wieder „Danke für den Artikel“.

  8. 08
    Frédéric Valin

    @schomsko: Dass die Kriegsverbrecher verurteilt werden müssen, ist klar. Auf jeden Fall. Daraus schließe ich nicht, dass 57% nicht reif fürsa Abendland sind. Sondern dass viele Serben darauf bestehen, die Kriegsverbrecher vor eigenen Gerichten zu richten, und das unvereinbar ist mit der Haager Idee.

    Den Haag ist nicht gleich Justiz. Ich persönlich finde die Einrichtung des Haager Tribunals sehr gut. Aber seine Kritiker haben starke Argumente, viele davon kann ich mitgehen, sofern sie nicht die Idee dieser Institution angreifen, sondern ihre Umsetzung. Und da gibt es Nachbesserungsbedarf.

  9. 09
    lonyx

    @schomsko: das hager tribunal ist von der uno einzig zur juristischen aufarbeitung der kriegsverbrechen auf dem balkan eingerichtet worden. wenn jetzt hier was von „natoö-kumpel-blindheit“ geschrieben steht, ist das einfach falsch. für alle anderen (kriegs)verbrechen gibt es noch deninternationalen strafgerichtshof, der ja straftaten wie im sudan, in dafur etc bearbeitet. ob jemals straftaten wie guantanamo zur anklage kommen ist sicher zu recht zu bezweifeln, zumindest den haag hat damit regelkonform nichts zu tun.

    und die frage, ob eine mutmassliche ablehnung einer auslieferung durch 57″ der leute (ich denke ja eher, dass es weit weniger sind, weil die immer große gruppe “ ich weiß nicht“ nicht automatisch dazugerechnet werden darf) selbstredend dokumentiert, dass das serbische völkchen nicht „reif für das abendland“ ist, ist absurd. die moralische bewertung unseres gröfaz hat im nachkriegsdeutschland auch jahre gebraucht und ist letztlich immernoch nicht bis in jedes sächsische dorf vorgedrungen.

  10. 10
    Peter H aus B

    ..“aber schon damals war nicht einzusehen, warum serbischer Nationalismus böse und schlimm ist, kroatischer, bosnischer und kosovarischer Nationalismus aber gut. Und warum Autokraten wie Tudjman und Izetbegovic ein so viel besseres Standing haben als der Oberteufel Milosevic..“

    U. a. vielleicht wegen Srebrenica?

    Aber klar : die Nazis waren böse, aber die Tschechen auch doch auch, die haben die Deutschen aus dem Sudentland vertrieben.. Und die Wehrmacht war doch gar nicht sooo schlimm; die Russen haben ganz Berlin vergewaltigt, da schreit kein Hahn danach..

    Ich finde den Artikel mitterweile höchst peinlich für Spreeblick..

  11. 11
    das.ben

    @Peter H aus B: „U. a. vielleicht wegen Srebrenica?“

    Das wäre ein guter Grund den serbischen Nationalismus zu verteufeln. MiloÅ¡ević und der Staat Serbien hatten gerade damit aber nicht mehr allzu viel zu tun. Das ist jetzt bitte nicht als Verteidigung der Politiker in Belgrad zu interpretieren: zu diesem Zeitpunkt hatten diese schon genug andere Verbrechen zu verantworten. Was dann aber immer noch die Frage offen ließe, warum die kroatischen, bosniakischen und albanischen Nationalisten nicht ebenfalls zu verteufeln wären. Verbrechen, und ja, auch Kriegsverbrechen – wenn auch nicht in dem singulären Ausmaß von Srebrenica – wurden von allen Seiten begangen.

    @lonyx: das hager tribunal ist von der uno einzig zur juristischen aufarbeitung der kriegsverbrechen auf dem balkan eingerichtet worden. wenn jetzt hier was von „natoö-kumpel-blindheit“ geschrieben steht, ist das einfach falsch.

    Ich nehme an, dass schomsko damit den mangelnden Ehrgeiz des ICTY auch Täter der anderen Völker (sowie der NATO) zu verfolgen und zu verurteilen meinte. Zuletzt hat z.B. die Freilassung von Naser Orić in Serbien ziemliches Unverständnis ausgelöst, was die Legitimation des Tribunals in den Augen der Bevölkerung sicher nicht erhöht hat. Dazu kommen dann noch Dinge wie langjährige Untersuchungshaften ohne formelle Anklage, die nicht unbedingt für das Gericht sprechen.

  12. 12
    Peter H aus B

    Nationalismus ist IMMER Scheisse.. aber manche „übertreiben“ es eben, andere weniger. So einfach ist das.

    Wirklich, das geht in die Richtung „relativieren“ und genau das ist angesichts der serbischen Verbrechen, genau wie der des Hitlerregimes, äusserst unangebracht..

  13. 13
    Frédéric Valin

    Aber klar : die Nazis waren böse, aber die Tschechen auch doch auch, die haben die Deutschen aus dem Sudentland vertrieben.. Und die Wehrmacht war doch gar nicht sooo schlimm; die Russen haben ganz Berlin vergewaltigt, da schreit kein Hahn danach..

    Hä? Zeige ich oben nicht deutlich, dass die Nazi-Vergleiche nicht darauf abzielen, irgendwas klarzumachen, sondern aus rein propagandistischen Erwägungen in die Welt gesetzt worden sind? Und Srebrenica ist vom Ausmaß her das fürchterlichste der Kriegsverbrechen gewesen, keine Frage: bloß, was hat das mit den Nazis zu tun?

  14. 14
    Peter H aus B

    @ das.ben
    Srebrenica:
    Soweit ich mich erinnere, fand das ganze unter der pol. Führung Karadzics statt.. Wenn der nicht für Serbien steht – wer dann?

  15. 15
    Peter H aus B

    @Frédéric Valin:
    Das hat , wie du schon bemerkt hast, gar nichts mit den Nazis zu tun.
    Steht da auch nicht.
    Lediglich deine Relativierung – die Bosnier etc waren genauso schlimm – hat was von dem von mir erwähnten Vergleich Tschechen oder meinetwegen auch Russen vers. Nazis.. und das geht eben nicht!

    Dennoch: da die Nazis für extremste Greuel stehen, wie keine andere Truppe, müssen sich die Serben, mit den von ihnen zu verantwortenden, extremsten Massakern der Nachkriegzeit, nun mal in der Nähe der Nazis stellen lassen.

    BTW: auch der Text über Harrf ist grenzwertig: Die Juden sind an allem Schuld? Ohne die Juden wäre alles anders gekommen? Was soll der Schnipsel? Glaubt irgendjemand wirklich, das war die Idee eines Marketing Directors?

  16. 16
    Frédéric Valin

    @Peter H aus B: Relativieren wäre, Gotovina gegen Mladic aufzurechnen oder Vertriebene gegen Vertriebene. Dass die Bosnier genauso schlimm waren, steht da nicht. Da steht, dass es schon vor Srebrenica einen starken Skeptizismus gegen den serbischen Nationalismus gab. Und wenn man den serbischen Nationalismus nicht mit dem Nationalismus der Nachbarn vergleichen kann, frag ich mich, womit sonst.

  17. 17
    Thomas I aus C

    @Peter H aus B: Genau! Wenn einem die Argumente fehlen, denn holt man einfach die verbale Keule und wirft dem anderen entweder Faschismus oder die Relativierung von Verbrechen vor. Toll!

    Weder der Artikel noch die Kommentare relativieren die Greuel sondern stellen Fragen. Niemand bestreitet die Greuel der serbischen Seite, aber die Verbrechen der anderen Seite wurden mehr als ignoriert und das tust du auch. Ich frage mich warum?

    Oder wie erklärst du dir, dass die Anzahl der Serben in Kroatien von ca. 13% (1991) auf unter 3% gesunken ist und es kein Schwein in Deutschland interessiert. Oder mit den ca. 200.000 geflüchteten Serben aus Kosovo. Oder das man die serbischen Lager in Bosnien in jeden Leitartikel mind. 2x erwähnt und die Lager der anderen Seite nicht. Oder das man immer von 200.000-300.000 Toten in Bosnien redet obwohl die offizielle Zahl von 97.000 schon lange feststeht.

    Warum wird auch total ignoriert das der Bürgerkrieg 1991-95 leider die zweite Halbzeit dessen war was 1941-45 stattfand wo der prozentuelle Anteil der Serben von knapp an die 50% auf etwas über 30% runtergefallen ist und das in Jasenovac (Kroatien) neben Juden und Roma 10.000e Serben umgebracht worden sind?

    Oder liegt das einfach dass die „Eliten“ (Politiker, Journalisten etc.) ihre Verbündeten aus alten Zeiten in Schutz nehmen?

  18. 18
    schomsko

    OK, das hier nicht relativiert werden soll hat Johnny ja schon gesagt. Und ich verstehe durchaus die gute Absicht des Artikels. Ich möchte auch nicht alle Serben in einen Topf werfen. Und ich verstehe die Integration der Serben in ein Europa auch als eine Chance für die guten Kräfte in Serbien, sich zu konsolidieren.
    Aber genau da ist mein Punkt mit der Statistik und den 43 Prozent. Das Misstrauen gegen die internationale Justiz wird gerade durch die nationalistischen Kräfte geschürt. Und Nationalisten pochen immer darauf, dass die anderen Staaten einen fertig machen wollen. Ich sehe keinen rationalen Grund für eine Verurteilung durch ein serbisches Gericht — wer hat den schließlich die ganzen Beweise gesammelt und Leichenberge dokumentiert.

    „Karadžics Verhaftung ist nicht bloß eine historische Fußnote, es schafft einen Mann aus dem Weg, der immer noch den Frieden und den Fortschritt auf dem Balkan unterminierte und der sich mit seinem begeisterten Eintreten für ethnische Säuberungen einen ganz speziellen Platz in der Geschichte verdient.“

    Es ist für ich an dieser Stelle wichtig, den Serben noch einmal und immer wieder ihr hässliches Bild vorzuhalten. Nur so können sie sich davon frei machen.
    Hmm ach ja und die Vokabel „Abendland“ war etwas provozierend von mir. Ich meinte das nicht bayrisch sondern eher im Sinne von „Freude schöner Götterfunken“.

  19. 19
    das.ben

    @Peter H aus B: Wenn der nicht für Serbien steht – wer dann?

    Milošević. Und der hatte zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend mit Karadžićs bosnischen Serben gebrochen, da eine enge Bindung nicht mehr vorteilhaft erschien. Man sollte auf jeden Fall nicht Serbien und bosnische Serben andauernd in einen Topf werfen.

    Im Übrigen will ich hier wirklich nichts relativieren. Die serbischen Verbrechen (egal ob jugoslawisches Militär, bosnische Milizen oder paramilitärische Einheiten) sind absolut zu verurteilen und ich begrüße auch eine internationale Strafverfolgung – auch wenn ich mit dem ICTY bisher alles andere als zufrieden bin. Nur bin ich eben auch der Meinung, dass alle Verbrecher dieser Zeit belangt werden sollten. Und ja, all die genannten Seiten haben es „übertrieben“. Wir müssen das hoffentlich nicht an irgendwelchen Zahlen aufhängen – ich finde die Aufrechnung von Opfer- & Vertriebenenzahlen ehrlich gesagt ziemlich pervers. Und ja, bei Verbrechen aller involvierten Parteien wurden Grenzen überschritten, nach denen man nicht mehr von „bedauernswerten Einzelfällen“ sprechen kann. Eine Aufarbeitung der Ereignisse, die in keinen der Nachfolgestaaten Jugoslawiens bisher wirklich stattgefunden hat, ist Grundlage dafür, dass in den Beziehungen zwischen den… naja, „Nationen“, irgendwann wieder Normalität einkehrt. Und Aufarbeitung bedeutet eben auch Verbrecher umfassend zu identifizieren und zu bestrafen. Die Dämonisierung einer Seite ist kontraproduktiv.

  20. 20
    grochi

    Ich habe am Samstag Morgen einen Mitarbeiter im Außenministerium der Republik Srpska (der serbischen Teilrepublik von Bosna i Hercegovina) gesprochen und ihm die Frage gestellt, warum denn im Gegensatz zu Serbien (und dort vor allem Belgrad) in Banja Luka (der Hauptstadt der Republika Srpksa) keine Demonstrationen gegen die Festnahme und Auslieferung von Karadzic stattfanden.
    Darauf seine Antwort: „Er hat ja auch uns betrogen und bestohlen, nicht Serbien“.

    Grundsätzlich kann ich dem Tenor des Artikels nur zustimmen. Eine Ungleichbehandlung in Medien und Politik ist natürlich feststellbar, jedoch bin ich kein Freund von Verschwörungstheorien und schiebe es daher auf leidliches Unwissen (SEHR häufig: es gibt kaum deutsche Journalisten vor Ort, der Spiegel bildet eine löbliche Ausnahme) und vor allem das Verlangen des Publikums nach Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Dann kommen vielleicht noch die etwas engeren Beziehungen zu Kroatien ins Spiel.

    Nur noch eine Aussage zum Verhalten beider Kräfte in Hinsicht der Bosniaken (also muslimischer Kroaten und Serben): zuerst versuchten die Serben die Bosniaken als natürliche Brüder des Serbentums zu erklären um diese auf ihre Seite zu ziehen. Die kroatischen Versuche stellten sich jedoch als erfolgreicher heraus, die Bosniaken wurden zunehmend sogar als „Blumen des Kroatentums“ dargestellt, nach dieser Theorie entspringt der kroatische Nationalismus und die kroatische Kultur den muslimischen Bosniaken.
    In jeden Fall gelang es diesen den muslimisch-boniakischen Nationalismus (der zuvor noch aufs blutigste in Mostar bekämpft wurde) auf ihre Seite zu ziehen, das sichtbarste Ergebniss dieser Versuche ist die bosniakisch-kroatische Federacije, die Förderation als zweiter Teilstaat von BiH.

    Zuletzt noch ein Hinweis: bitte nehmt Abstand von den folgenlosen Aufzählungen nach Opfer/Täter etc. Es funktioniert schon nicht in der Region, hier wird es einem noch weniger gelingen.
    Ein wirkliches Umdenken muss auch hier stattfinden um den Prozess vor Ort zu unterstützten.

  21. 21

    Meiner bescheidenen Meinung nach, kann man in so ner Bürgerkriegssituation sowieso nicht damit argumentieren ‚die haben aber angefangen‘ oder ‚die haben das und das gemacht‘ oder ‚das sind die Bösen und das sind die Guten‘. Weil Krieg trifft sowieso immer auch die Falschen.

    Wenn man sich dazu entscheidet militärisch einzugreifen und dem ein Ende zu bereiten, dann kann man nur ganz grob gucken, auf welche Seite man sich stellt. Egal was man macht, man tut der andern Seite immer Unrecht. Und Krieg ist sowieso Unrecht und trifft im Zweifel sowieso immer die Falschen.

    Aber trotzdem halte ich es in Einzelfall für gerechtfertigt, „kräftig auf den Tisch zu hauen“ und einem, mit der Vorgeschichte sehr langen und grausamen, Bürgerkrieg ein Ende zu bereiten.
    Und das Wichtigste dabei ist nicht, auf wessen Seite man sich stellt, sondern, dass man hinterher Verantwortung für die Region übernimmt.

    Also im Fall des Kosovo und dem ehem. Jugoslawien insgesamt, dass man das Kosovo unter EU-Verwaltung stellt und dass man dort Soldaten stationiert und dass man den ehem. jugoslawischen Staaten mittelfristig eine Perspektive hin zu Europa und Wohlstand gibt.

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