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In meiner Mitte entspringt ein Fluss

Die Störche fliegen tief dieser Tage, ständig stößt befreundeten Pärchen etwas zu, was in neun Monaten nachts mehr Krach macht als ein Haustier und mehr Arbeit sowieso. Und weil sie sich alle um ihre Rente die Zukunft ihres Kindes sorgen, hören sie mit dem rauchen auf und überlegen sich, in welcher Zweitsprache das Balg parallelaufgezogen werden soll. Dank meiner Erfahrungen in Zweisprachigkeit bin ich ein beliebter Gesprächspartner geworden und hab kaum mehr Zeit, Artikel zu schreiben, so oft werde ich zu Kaffee und Kuchen geladen, in Wohnungen mit überflüssigen Zimmern. Jetzt hab ich permanent Sodbrennen, das ist nicht gesund. Drum, abschließend: Wie ist das denn mit der Zweisprachigkeit?

1. Kindheit
Am Anfang war es so: Ich kannte den Unterschied nicht zwischen den Sprachen. Das ist eine Sprache, darin gibt es ungemütiche und gemütliche Worte. Hat man die Wahl, und die hat man als Zweisprachiger ja immer, nimmt man das gemütlichere Wort. Zum Beispiel sind Apfel und Topf sehr ungemütliche Worte, wegen des pf. Also sagte ich stattdessen pomme und pot. Als ich dann zu einer deutschen Tagesmutter abgeschoben wurde, gabs statt gesunder Äpfel, die mein Leib verlangte, frittierte Kartoffeln, ich wurde fett, unglücklich und selbstmordgefährdet. Und wenn ich auf den Topf musste, vor der Babysitterin steht und „Po, Po, Po“ ruft, kriegte ich als Nachwuchs-Sexist erst mal eine geschallert. Und gleich danach nochmal, wegen, na, das dürft ihr euch jetzt selbst ausdenken.

2. Präpubertät
In jedem meiner Zeugnisse stand drin, ich sei frühreif, was eine nette Umschreibung für Klugscheißerei ist. Ich war überhaupt nicht frühreif, ich benutzte nur sagenhaft (exorbitant!) viele Fremdworte. Gar nicht aus Eitelkeit, sondern weil das sprachökonomisch sinnvoller war: Statt wiederholen kann man auch rekapitulieren sagen, das ist dies- und jenseits des Rheins das gleiche Wort und man muss sich nicht so viel merken. Ich sage auch nie zweisprachig, sondern bilingual. Dank der ganzen Fremdworte versteht einen in Deutschland keiner mehr, und wenn man in Deutschland als Kind nicht verstanden wird, steht man auf der Stelle in der Nachwuchs-Sloterdijk-Ecke. Dies sei affirmiert, da will keiner hin. Echt nicht. Da stinkts nämlich.

3. Pubertät
Super auch, dass sich reihenweise Frauen in einen verlieben, weil sie Frankreich toll finden. Nächtelang muss man Gedichte von Appolinaire und Prévert vorlesen für Damen, die wissen, dass ersteres kein Wasser und zweiteres keine Kondommarke ist. Ist einem nach Jahr und Tag die Stimme zerbrochen, ziehen die Damen nach Bordeaux oder Paris und heiraten einen echten Franzosen.

4. Alltagskommunikation
Selbst wen sich die Sprachschwierigkeiten normalisieren im Laufe der Zeit, ganz kriegt man das nie raus. Vor allem, was Fehlassoziationen anbelangt. Ich erwähnte es bereits, dass ich jedesmal, wenn irgendwer „Hängematte“ sagt, an einen Vokuhila denke. Ein Kraftakt ist ein nackter Schwarzenegger, ein Aufhänger ein stricklieseliger Selbstmörder, und so weiter und so weiter. Das ist zwar nicht komisch, kichern muss ich aber trotzdem jedesmal. Ein Sozialverhalten, dass sich besonders gut bei Bewerbungsgesprächen, ersten Dates und Stil-Diskussionen mit Türstehern bewährt hat. Zweisprachigkeit bedingt also Arbeitslosigkeit, Liebesmangel und ein langweiliges Nachtleben.

5. Entwurzelung
Ich bin zwar zweisprachig, aber monokulturell aufgezogen worden. An unserem Gartenzaun endete Deutschland, unsere Türglocke spielte die Marseillaise, jedes Abendessen dauerte vier Stunden, und wenn im Kühlschrank Lebensmittel schimmelten, wurden sie nicht weggeworfen, sondern als Delikatesse den Nachbarn geschenkt. Die sie dann weggeworfen haben.
Die Auswirkungen auf die frühkindliche Entwicklung sind fatal. Wenn ich in den Mittagspausen genussvoll in zarte Froschschenkel biss, käuten und schluckten meine Kameraden angewidert ihr Wurstbrot und äugten misstrauisch zu mir her. Der kulturelle Dialog beschränkte ich in solchen Momenten auf: Bäh. Oder aber: Pfuibäh. Schulisch hat mich meine Zweisprachigkeit nicht nur nicht weitergebracht, sondern in manchen Fächern weit zurückgeworfen. In Geschichte beispielsweise: als ich in einem denkwürdigen, promotionswürdigen Aufsatz die Schuldfrage 1914 restlos aufgeklärt hatte, gab mir Herr Stolzer, der alte Wilhelmianer, eine glatte sechs wegen Geschichtsrevisionismus. „Du kannst die Vorkriegssituation nicht auf die Länge des wilhelminischen Geschlechtsorgans reduzieren“, schrieb er unter meinen Abschlusssatz („Vive la France et le bon temps!“). Le salaud. Kann ich wohl. Und würde ich jedes Mal wieder machen.

6. Gespaltene Persönlichkeit
Ich habe gar keinen Namen. Das, was meine Mutter für mich erdachte, kann niemand aussprechen, außer vielleicht meiner Mutter. Fred, Fredo, Fredi, Freddi, Fredie, Freddie, Freddy, Fritz, Franzose, Franzi, Ric, Eric, Friedrich, Klaus, Heinz, Dieter und Hans-Hubert, so hieß ich schon, je nach Gelegenheit und Blutalkohol. Mit dem Ergebnis, das auf belebten Straßen jeder noch so absurde, rumgebrüllte Name meiner sein könnte. Drum lauf ich durch die Straßen wie ein aus der Achse gekippter Wackeldackel, was nichts weniger freut als meine Nackenwirbel. Merke: Zweisprachigkeit freut nur Krankengymnasten.

Also, Moral: Zweisprachigkeit nix gut. Echt nicht. Und jetzt hört auf, mich ständig anzurufen, ich muss Blauschimmel-Rotwein trinken.

26 Kommentare

  1. 01
    bunki

    mal abgesehen davon, dass ein aus der Achse gekippter Wackeldackel gar nicht mehr läuft sehr, sehr schön.

  2. 02
    Frederic

    „Fred, Fredo, Fredi, Freddi, Fredie, Freddie, Freddy …“
    Das kommt mir irgendwie sehr bekannt vor.

    Frederic
    [Der eigentlich auch mit Accents geschrieben wird, dem es aber schon zu Grundschulzeiten mächtich auf die Eier ging, wenn jeder Depp fragte „Sind deine Eltern Franzosen?“ Nein, sind sie nicht. Ich mag meinen Namen trotzdem, Danke. Und nein, je ne comprends pas francais.]

  3. 03
    marcus

    hach Hans-Hubert, deine Texte sind jedes mal wieder ein Genuss :p

  4. 04
    heidrun

    auch blöd ist aber, wenn man ständig gefragt wird, ob man denn zweisprachig und so weiter, und dann antworten muss: nein, denn meine deutsche familie hält als preussisches bildungsbürgertum leider alle sprachen (kulturen eigentlich auch) außer der deutschen für mehr oder weniger überflüssig und konnte sich damit gegen meine mutter durchsetzen. bin somit zwar mit fließendem, aber dennoch äusserst unperfekten englisch ausgestattet. schade eigentlich.
    aber die amis sind ja eh schweine. wurde neulich halbernst gefragt, wie ich denn mit dieser doppelschuld klarkäme. wtf???

  5. 05

    Würde mich interessieren, warum du glaubst, dass deine Assoziations-Fähigkeiten (finde die sehr bereichernd, auch wenn sie Alltagskommunikation erschweren mögen, aber alles hat nun mal seinen Preis), warum diese Assoziations-Fähigkeiten mit der Zweisprachigkeit zu tun haben sollen?

  6. 06
    farenheit_451

    tja, meine (deutsche) mutter und mein (ungarischer) vater haben sich deshalb die namensgebung auch gut überlegt. so heisse ich david, und mein bruder peter, was in beiden sprachen ziemlich ähnlich klingt. nur in deutschland isses ziemlich nervig, wenn ich gefragt werde, ob mein name david, oder „david“ (wie hasselhoff) ausgesprochen wird.
    aber ok, meine eltern haben diese namensprobleme auch am eigenen leib erfahren müssen: die ungarn peilen einfach nicht, dass es den namen birgit geben könnte, und glauben an schreibfehler, und was die deutschen mit andrás anstellen, ist sowieso zum schiessen.

  7. 07
    Simon Pfirsich

    Ich wusste immer, dass das mit den französischen Spezialitäten so läuft: „wenn im Kühlschrank Lebensmittel schimmelten, wurden sie nicht weggeworfen, sondern als Delikatesse den Nachbarn geschenkt.“
    Doof nur, dass wir das Prinzip nicht verstanden haben: erstens bekommen wirs nicht geschenkt und zweitens schmeißen wir es dann nicht wenigstens noch weg.

  8. 08

    sag mal bitte jemand etwas zum titel.
    lo-oos.

  9. 09
    erpel

    Klingt als müsste jemand aufs Klo!

  10. 10
    Daniel

    Zum Titel: [Klugscheiß] Der Rhein entspringt im vorrangig Deutschsprachigen – also ned grad in der Mitte [/Klugscheiß] Sehr nette Idee ;)

  11. 11

    Warum wurde das interessanteste eigentlich noch nicht gefragt? Freddi (sic!), wann veröffentlichst du hier deinen Schulaufsatz? :-D

  12. 12

    @Endur: Ich bin auch schwer dafür!

  13. 13
    Frieder

    @Fragezeichner:
    aus meiner Sicht ist das so, weil unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Bilder und Paradigmen verwenden. wenn du nun viele sprachen kennst, spielst du automatisch mit den bildern – das verfließt dann zu einem brei, oder wie man das nennt, wenn viele bilder aufeinander folgen / sich mischen: film.
    und die engländer leben in einem anderen film als die franzosen als die deutschen als die polen als die….

  14. 14

    @Frieder:

    Nicht nur Sprachen, sogar Kulturen/Laender. Es gibt verschiedene Redewendungen die im AE etwas ganz anderes als im BE bedeuten. Teilweise sogar etwas genau entgegengesetztes, wie z.B „to table“.

    Duerfte es im Deutschen auch geben, nur faellt mir da gerade kein Beispiel ein.

  15. 15
    Maltefan

    @Frédéric: Nicht zweisprachig aufzuwachsen ist aber viel beschissener, da man sich mit der Hälfte seiner Familie nicht vernünftig verständigen kann und immer der Ausländer / Aussenseiter bleibt. Ich kann nur jedem bilingualen Paar davon abraten, so einen Scheiss zu machen.

  16. 16
    kanzler

    die (fr)EDER(ic) ist mit 177 km Fließstrecke der längste und größte sowie ein linker bzw. westlicher Zufluss der Fulda in Nordrhein-Westfalen und Hessen, Deutschland (wikipedia).
    allerdings ein fluss ohne frankreich-bezug.
    PS: aber er führt gold!

  17. 17
    Frieder

    @Armin:
    wobei ich mich oft frage, ob das land -> die menschen -> die sprache -> den volkscharakter beeinflussen, oder in welcher reihenfolge das passiert.

  18. 18

    Oh, was habe ich gelacht! Nunja, wenigstens sind Deine Freunde klug genug, sich jemanden einzuladen, der tatsächlich zwei Sprachen spricht. Meine Freunde wollen ihren Sohn zweisprachig aufziehen. Sie sind beide Deutsche. Der Mann kann kaum genug Englisch, um einen Fernsehfilm durchzustehen, und ihr Englisch klingt ziemlich Deutsch, aber ok. Was das Kind allerdings nun dabei lernen soll, entzieht sich meiner Auffassungsgabe…

    Malte hat aber auch recht. Wenn man schon als internationales Paar (of Mystery?) auftritt, sollte das Kind beide Sprachen mitbekommen. Sonst ist das auch im Umgang mit den Grosseltern ziemlich blöde.

  19. 19

    Hans-Hubert, lieber Frédéric, passt super! Habe den Artikel gerade nach Frankreich gemailt, wo das kleine Mädchen in Frankreich mit einer deutschen Mutter und einem russischen Vater aufwächst „¦

  20. 20

    Ah, la vie est un long fleuve tranquille, fred. Ich führe selbst ein bilinguales Leben und muss gestehen, dass ich auch immens viele Fremdwörter im Usus habe.

    Cordialement depuis Sainte-Maxime,
    vitou

  21. 21

    scheint ja trotzdem was aus dir geworden zu sein…

  22. 22
    Frédéric Valin

    @Endur: Oha. Das hinwiederum würde mich in die völlige Isolation treiben.

  23. 23

    Sehr schön, merci dafür!

  24. 24

    @Blog Queen: Da hamse natürlich Recht. Hat überhaupt ein wenig etwas forciertes. Wenn s wie bei Hans akzidentiell passiert, okay, kann man ja als Bonus zum Malus mal mitnehmen, aber so erzwingen… ist das der Traum vom geeinten Europa, oder der Alptraum Hochleistungsgesellschaft der da an die Türe klopft?

    Text ist übrigens sehr schön.

  25. 25

    Ich bin halbenglisch, halbdeutsch, meine freundin französisch. unser kind wird dreisprachig aufwachsen!
    Nee, quatsch. Auf jeden Fall aber zweisprachig, mir gehts da wie heidrun (4). Mir egal, ob das dann mit Fremdwörtern um sich wirft. Außerdem kann sich ja bei einsprachiger erziehung ein elternteil ja nie zu 100% so ausdrücken wie in seiner muttersprache, oder?

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