9

Popgun! 33 Freakbeats von Kingsize

Seit ich mich in schöner Regelmäßigkeit freiwillig wie Schlachtvieh behandeln lasse und von einer großen irischen Fluglinie von Schönefeld nach Stansted getrieben werde, hat sich meine Wahrnehmung ein wenig verzerrt. Grund ist nicht die Reklameallgegenwart, die die Blaugelben Dank völkerrechtswidriger Menschenversuche perfektioniert haben, sondern ein spezieller Typus der mitreisenden Engländer.

Engländer auf diesen Flügen, Engländer generell, sind entweder stoisch, oder besoffen. Die stoische Version gibt es in sarkastisch und versnobt, die besoffene in kurzen Hosen und rosa Minirock (immer eine Nummer zu klein). Irgendwo zwischen stoisch versnobt und rosa besoffen: Die Sorte Engländer meines Interesses, die ihre übergroßen Gitarrenkoffer zum Sperrgepäck rollen. Auf jedem Flug sind vier bis fünf dieser unglaublich jungen Jungs dabei, die durch jede ihrer Gesten Rockstartum zelebrieren. Jede einzelne Bewegung ist übermenschlich einstudiert. Alles sitzt. Einzig die BGS-Männer an der Passkontrolle beweisen sich als die besseren Schüler Zenons. Sie allein sind in der Lage ein wenig Unsicherheit in die von Unsicherheiten befreiten Welt eines angehenden Rockstars zu bringen.

Auf die Größe einer Boeing 737-800 hochgerechnet ist jeder 32. Engländer aufstrebender Rockmusiker. Wenn die kühle Härte dieser Zahl noch nicht erschreckt, dann ganz sicher die Tatsache, dass jede dieser Rockformationen wie der x-te Aufguss einer Clash-Coverband klingt. Ich weiß es, ich hab sie alle gehört.
Man – das ist in erster Linie das Zentralorgan englischer Musikkritik, der NME – ist in England vor lauter Hyperei des ewig Gleichen inzwischen so verzweifelt, dass man sich auf die neuen Oasis und Travis Alben zu freuen beginnt und schlimmer noch, die Coolness der Amerikaner ausruft.

Diese zwischen Berlin und London pendelnden Clichés von einer Rockband haben mir inzwischen ein ganzes Genre englischer Musik verdorben. The Metros konnten dieses Jahr mit Selbstironie, Witz und Spielfreude ein wenig was reissen, ansonsten sah es eher mau aus im englischsten aller Genres – bis mir vor kurzem die neue Platte von Kingsize auf den Tisch fiel.

Kingsize passen auf dem Papier in das beschriebene Cliché: Jung. Jungs. Vier. London. Berlin.

London ist ihre Heimatstadt, hier haben sie mit Brian O’Shaughnessy die erste und in Berlin mit Chikinkis Ed East die zweite Hälfte von ‚Love, lust and other disasters‘ aufgenommen. Vom Albumtitel sollte man sich nicht, und damit sind wir endlich im Herzen der Rezension, täuschen lassen. Die Platte ist eine der reifesten Rockplatten, die mir seit langem untergekommen ist. Sie sprüht nur so vor Ideen, wie Breaks, Tempo- und Effektwechsel und, dieser Tage unvermeidlich, direktem Bezug auf die Musik der Eltern. Darunter ist eine Menge früher Londoner Punk, aber – und so einfach kann es manchmal sein – Kingsize gehen noch einen Schritt weiter zurück. Zurück zur New Yorker Punkszene um das CBGB, konsequenterweise auch noch weiter zurück zu Ska und Reggae. Beide Einflüsse, CBGB-Punk und Reggae, haben sich vor allem in Text und Rhytmus der vier Londoner eingeprägt. Der Reggaebeat in ‚Beat of a friday night‘ zieht einem die Schuhe aus, Sänger Mike McCartney schlägt die Rhytmusgitarre beneidenswert locker, um dann im richtigen Moment das Tempo anzuziehen und den Song in einen Punkkracher umzubrechen.

Das ist weiter als bis zur Haustür gedacht und damit allein wären Kingsize ihren rockenden Kollegen schon einen Schritt vorraus, wenn da nicht noch ein unglaublich sicheres Händchen für gute Melodien hinzu kommen würde. ‚Daze‘, das erwähnte ‚Beat of a friday night‘ und ‚Rock’n’Roll dreams‘ sind allesamt Musterbeispiele für Rocksongs, die man nicht mehr vergißt. Zwei Beispiele:

[VIDEO] Kingsize – ‚Daze‘
[MP3]
Kingsize – ‚Rock’n’Roll dreams‘

Vier weitere Songs vom Kingsize Debutalbum auf ihrer Myspace-Seite. Anspieltipp: ‚Beat of a friday night‘. Das Album ist seit dem 25. Juli europaweit erhältlich.

ZUGABE: Als Bonus hintendran noch ein Song vom neuen Okkervil River Album, das im September erscheinen soll. ‚Lost coastlines‘ ist ein klassischer Okkervil River. Scheint so, als wären die Texaner in der Lage, herausragende Alben in Serie zu produzieren.

[MP3] Okkervil River – ‚Lost coastlines‘

9 Kommentare

  1. 01
    Pipi

    Dear Nico,

    Du hast es mal wieder geschafft. [nörgel}
    ‚Als Querdenker mit der Erlaubnis User zu beschäftigen.‘

    Na Prima

    Aber bei dem vorherrschend schönen Wetter sind meine
    persönlichen Präferenzen anderer Natur.

    Bis demnächst ;-)

  2. 02

    ne mischung aus den alten mystery jets und razorlight?

    so doll ist das nun jetzt auch nicht.

    und lost coastlines ist kein klassischer okkervil river, sondern das erste duett überhaupt in der bandkarriere. ändert nichts daran, dass er natürlich herausragend ist.

  3. 03
    nrq

    Haarspalterei: stimmt nicht, europaweit erhältlich… die armen Engländer müssen bis September auf „˜Love, lust and other disasters“™ warten. Hab‘ gerade zuerst bei Amazon.co.uk danach gesucht und mich gewundert, das man es dort noch nicht bestellen kann. Krieg‘ ich jetzt ’n Keks? :D

  4. 04
    Nico [Jackpot Baby!]

    @nrq: tatsache. aber in deutschland isses schon raus. hab ich mich auf die falsche angabe der plattenfirma verlassen. poldi will nen keks?

  5. 05
    nrq

    Bittebitte.

  6. 06

    Sonnenbrand auf meiner Stirn

    KEKSE werden, wenn überhaupt, ganz woanders nur von bestimmten Personen vergeben.

    Wobei diese ‚ich geb Dir und Du gibst mir Mentalität‘ [vgl.:Blogroll] auch in
    vermeintlich Zivilisierten Foren noch Bestand haben.

    Ich weiss um die Verknüpfungen nicht Bescheid.

    Alles Gute

  7. 07
    Nico [Jackpot Baby!]

    @nrq: [MP3] TV on the Radio – ‚Wolf like me‘ vom Album ‚Return to COOKIE mountain‘

    @PiPi: Der Stirnsonnenbrand ist echt eine zu Gute Vorlage. Oh man.

Diesen Artikel kommentieren