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Brettern und die Welt bedeuten

Für regelmäßige Grönemeyer-Konzert-Gänger oder Besucher anderer Mega-Gigs ist sie sicher ein längst gewohnter Anblick, für mich als Mega-Event-Verächter war sie letzte Woche bei Metallica ein erstes Mal: Die offene, in der Mitte der Halle positionierte Bühne.

Ich konnte den Fachterminus für den zentrierten Bühnenaufbau nicht herausfinden, doch es muss ihn geben, denn der enorme Einfluss einer solchen Bühne nicht nur auf den Ablauf einer Show, sondern auf die gesamte Planung, die Technik und die Dramaturgie braucht sicher einen anständigen Namen.

Ich kenne das gängige, Theater-ähnliche Bühnen-Setup sowohl aus Sicht des Publikums als auch aus Sicht der Aufführenden. Die klassische Bühne hat trotz ihres Haupt-Mankos, dass sie nämlich nur für einen kleinen Teil der Zuschauer in greifbarer Nähe sein kann, lange überlebt, was nicht nur daran liegen wird, dass in vielen Hallen die Bühne eben fest installiert ist. Ihr Standort, ihr Aufbau kommt nicht von ungefähr: Ein Bühnenbild (Projektionen, Vorhänge) benötigt Befestigungsmöglichkeiten unter der Decke und schließt die Bühne visuell ab — jemand, der hinter einer solchen klassischen Bühne säße, bekäme vom Geschehen on stage nicht viel mit.

Diese Bühne bietet gerade dadurch jedoch Raum für die Mitwirkenden an einer Show, die während der Aufführung nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen: Techniker, Bühnenbauer, Roadies, Sanitäter, Groupies, die Eltern von Slayer usw. — und nicht zuletzt hat es auch für eine Band (oder ein Ensemble) Vorteile, wenn eine Bühne über zwei Hauptseiten verfügt: Die dem Publikum zugewandte und die ihm abgewandte. Die „inoffizielle“ Kommunikation zwischen den Aufführenden, der prüfende Blick vom Basser zum Drummer, der Schluck aus der Wasserflasche, das Abtrocknen des Schweißes, eben all jene Dinge, die nicht „Teil der Show“ sind (und es dann auf eine Art wieder sind, aber das führt jetzt zu weit) können wenigstens ein bisschen unbeobachtet stattfinden. Der Musiker, der dem Publikum den Rücken zuwendet, gönnt sich eine Mikrosekunde Privatsphäre.

All dies verschwindet auf einer zentral in der Halle platzierten Bühne komplett. Rückzugsmöglichkeiten für Darsteller (in diesem Fall nur durch das tatsächliche Verlassen der Bühne zu ersetzen) entfallen genauso wie ein visueller Bühnenabschluss, spontaner Augenkontakt zwischen Musikern wird äußerst schwierig und was ich am schlimmsten fand: Eine Band als wirkliche Einheit bekommt man als Zuschauer kaum noch zu sehen, zu beschäftigt sind die Akteure damit, allen Zuschauern rund um die Bühne gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Es war für mich als Ex-Musiker ein faszinierendes Spektakel, nicht frei von Respekt für die Band, die mit einem solchen Setup umgehen muss. Insgesamt acht Mikrofone waren für Sänger James Hetfield aufgestellt (je vier an den Ecken, zusätzlich zwei auf jeder Längsseite) und sie kamen alle zum Einsatz. Die Verstärkertürme der Vergangenheit gehörten eben jener an, da sie die Sicht über die Bühne versperrt hätten, das mittig platzierte Schlagzeug wurde hin und wieder rotiert, damit alle mal den Hintern von Lars Ulrich bewundern konnten, während der Rest der Kapelle wie Tiere in einem Käfig an den Bühnenrändern entlangmarschierte.

Die erste Reihe bei einer 20×12-Meter-Bühne erstreckt sich plötzlich über 64 Meter, auf den ersten Blick ein Vorteil für die Besucher, die der Band nahe sein wollen — nur leider sind sie das nie. Das „Bespielen“ des Publikums durch einzelne Musiker, die andauernd darauf bedacht scheinen, sich gleichmäßig und fair zu verteilen: Es wirkte auf mich nicht homogen, und das kann es vielleicht auch gar nicht sein. Ich vermisste die Einheit, die Formation einer Band auf einer Live-Bühne, das ständige Kreisen machte es schwer, zu fokussieren und nach ein paar Stücken beschloss ich, für sowas zu altmodisch zu sein.

Ich kann mir vorstellen, dass Zentralbühnen (Da! Jetzt hab ich’s selbst erfunden!) für bestimmte Shows sehr gut funktionieren können (und meine damit nicht nur Musiker mit vier Köpfen oder hammerwerfende Sänger), für Rockbands bevorzuge ich wohl weiterhin die frontale Sicht.

Bonustrack: Die „Sarg-Edition“

Update: moeffju hat ein paar schicke Fotos gemacht, u.a. auf diesem hier sieht man, was ich meine.

21 Kommentare

  1. 01
    ups der erste heut

    ja, ist wie in der Schule – Frontalunterricht ist irgendwie besserer.

  2. 02

    …ist doch egal, Publikum, Blödsinn. Reinpacken, was reingeht, und rausquetschen, was rausgeht – it´s tube-time! Der nette Investor aus dem chicken-schicken Town-House nebenan kriegt seine Profit-Droge und der Besucher die hippe Eventualität. Dabeisein ist alles, Sehen oder Hören – vernachlässigbarer Old-School-Kram, braucht kein Mensch mehr heutzutage. Dafür ham wir doch das ganze iGedingse. Wir wolln Gänsehaut, wir Weihnachtsbraten!

  3. 03

    Sehr schön, aber ich muss jetzt mal zwei Dinge einwerfen. Erstens: bei meinen Recherchen zu meinem Artikel zum eher mäßigen Sound auf dem Metallica-Konzert in den Grönemeyer-Foren (2. Konzert in der Halle ever einen Tag nach Metallica) habe ich zur Kenntnis nehmen dürfen: für sie war die «Zentralbühne» (das ist lustige DDR-Termina oder?) offensichtlich ebenfalls ein Novum. (Nebenbei scheint «Sound» oder auch nur die Diskussion darüber für Grönemeyer-Fans etwas sehr Nebensächliches zu sein, entweder weil der immer gut oder immer schlecht ist oder in der Textsprache von Grönemeyer keine Rolle zu spielen scheint. Ich konnte nicht dahinter steigen.)

    Zweitens: ich als bekennender Drummer- und sowieso Lars Ulrich-Groupie war tatsächlich sehr froh für einen Moment auf des Drummer-Meisters-kleinen-Hintern ausgezeichnete Beinarbeit beim Trommeln gucken zu können. Das war ja nun wirklich mal eine andere Perspektive.

    Okay, Du magst Zentralbühnen also nicht.

  4. 04

    ich war vor ein paar jahren auf der letzten tour von peter gabriel, da war die bühne auch zentral aufgebaut und hat sich zudem permanent gedreht. die show (und auch die einbindung der techniker, kameraleute, etc.) war perfekt abgestimmt und ein echtes erlebnis. bei metalkonzerten bevorzuge ich allerdings auch die frontalansicht. (wobei ich sagen muss, dass die bands, die ich mir da anhöre und -sehe, eher in kleineren hallen spielen, wo sich eine zentrale bühne ohnehin nicht anbieten würde.)

  5. 05

    und ich dachte der anschutz sei so erzkonservativ… vielleicht hätte beizeiten jemand einen zusammenhang zwischen zentralbühnen und homosexualität herstellen sollen, dann wär einem sowas möglicherweise erspart geblieben.

    wie war denn die halle sonst so?

    edit: in der stadt aus der ich komme gibts ne großraumdisko mit drehender tanzfläche (!) … wenn das mal nix ist

  6. 06

    @BORED_MALTE: Man kann ja kaum noch über die Halle als solches reden, ohne sich der Unterstützung von Immobilienspekulanten verdächtig zu machen (hier Smiley vorstellen), aber:

    Die Halle ist, für das, was sie ist, nämlich eine große „Multifunktionshalle“ ziemlich klasse, finde ich. Die Ränge sind sehr steil gebaut, was dazu führt, dass man extrem gut sehen kann, ich fand die Sitze okay mit genügend Beinfreiheit und naja, ansonsten ist es halt ’ne große, moderne Sporthalle.

    Die Preise für Essen & Trinken sind sehr heftig (aber in welchen Riesen-Arenen sind sie das nicht?). Aber: Die Klos sind noch ganz sauber. :)

  7. 07

    schon klar… irgendwer muss ja schließlich auch die feindaufklärung auf sich nehmen, gell?

  8. 08

    1988 war Prince mit zentral platzierter, drehender Bühne unterwegs und brachte das Kunststück fertig, einen 67er Thunderbird auftauchen zu lassen, zwischendrin Basketball zu spielen und ewig viel Deko aus- und wieder einzufahren. Bandmitglieder kamen und gingen, ein Piano stand plötzlich da usw.

    Danach war er pleite, he, aber er hat gezeigt: Es geht. ;)

    Fiel mir grad so ein.

  9. 09
    alex

    Ich meine, der „Fachterminus für den zentrierten Bühnenaufbau“ ist Mittelbühne! Hab ich im Studium zumindest so gelernt!

  10. 10
  11. 11

    Ich fände es ja auch viel schöner, wenn die Musiker in einem Ring um das zentrierte Publikum rumspielen würden, dadurch könnten noch mehr Menschen am Rand zur Bühne stehen.

  12. 12
    ps

    1.) Diese Art Aufbau heisst Centerstage.

    2.) @creezy: es waren einige meiner Kollegen und Freunde auf dem Metallica-Konzert. Und alle fanden den Sound sehr gut.

  13. 13

    ist doch doof so, geht zuviel platz für die moshpit verloren :)

  14. 14

    Der Sound von Metallica war definitiv bescheiden. Und mich würds interessieren, woran das lag. Das Mischen muss ja mit so ner Bühne die Hölle sein. Andererseits hatte ich auch das Gefühl, Ulrich und Hetfield wurden gemäß ihres Standings innerhalb der Band mehr „gefeatured“ als die anderen beiden. Das Schlagzeug war erst abartig laut (Toms, Bassdrum) doch irgendwann war plötzlich die Snare weg, bzw. viel zu leise. Total irritierend.
    Wie auch immer, der Sound war schlecht, zumindest auf meinem eigentlich recht guten Platz im 1. Oberrang.

  15. 15
    ps

    @tim: Mischen und Abdeckung der PA ist was verschiedenes.
    Wenn es die ganze Zeit bescheiden klingt, ist i.A. die Einmessung der PA für Deinen Hörstandort bescheiden gewesen.
    Wenn es innerhalb des Sounds einzelner Instrumente Veränderungen während der Show gab, dann ist das eine Sache des Mischens.

    Dem Mischer ist es iA egal, wo er steht, Hauptsache er hört alles.

  16. 16

    @ps:
    Das freut mich zu lesen, weils die ersten Konzertgänger sind von denen ich das höre. Wir standen im Unterrang auf der kurzen Seite, dort war es erbärmlich, nur Drums, Bass ein einziger durchgehender Ton, gleiches im Grunde auch bei Hetfields Stimme. Die gleiche Kritik kam von Leuten von der gegenüberliegenden Seite und den oberen Rängen.

    Naja, letztendlich war’s eben wohl doch das erste Konzert in der Arena.

  17. 17
    Ron

    Müssten es dann nicht 20 Mikrofone sein?

  18. 18
    Kai

    Ich war auch auf dem Konzert und stand wenige Meter vor der Bühne im Innenraum. In meinen Ohren war der Sound in Ordnung, allerdings bin ich auch kein Musiker – wenn es ordentlich „rummst“ bin ich mit meinen 08/15 Ohren zufrieden. Dass die Bühne in der Mitte steht, ist für Metallica weder neu (siehe das Konzertvideo „Cunning Stunts“, das auch im Netz zu finden ist) noch per se schlecht. Ich war bisher auf zwei Konzerten von Metallica, die Open Air waren und mit einer „normalen“ Bühne stattfanden. Bei beiden war ich relativ weit von der Bühne entfernt. Diesmal hatten viel mehr Menschen die Gelegenheit direkt an der Bühne zu stehen und den Jungs so nah zu kommen eben weil sie in der Mitte stand. Ich fand auch nicht, dass das irgendwie den Gesamteindruck oder die Harmonie gestört hätte. Mir hat es sehr gut gefallen.

  19. 19
    Drexen

    Ich war noch nie auf einem Konzert mit Centerstage, mir bliebt der Gewinn der Metallica Karten dankt Zufallsauswahl ja leider verwährt ;)

    Aber ich kann daran nichts unmittelbar negatives finden.

    Erstens: Ein Moshpit kann um die gesamte Bühne Rocken ;)
    Zweitens: Die Künster wissen worauf sie sich einlassen.
    Drittens: Es sieht für mich anschaulicher mit mehr Effekt aus „eine Band mittendrin“, auch wenn ich dadurch nicht näher dran bin. Aber wenn ich das will kann ich es sowieso.
    Viertens: Privatsphäre während eines Auftrittes hat man sowieso nicht. Nicht mal danach oder davor. Darum macht man den Scheiss ja.
    Fünftens: Homogenität und Zusammenhalt einer Band sind Sache der Koreographie die eh vorher abgestimtm wird.

    Am Ende steht sich nur das Vermögen der 360° Darstellungskunst und die Mehrkosten gegenüber, welche entscheiden ob sich die Centerstage zum neuen Trend eigenet. Falls dem so ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese auch auf Festivals etc. vertreten sein wird.

  20. 20

    Klar würde ich wie sonst üblich auch mehr oder weniger direkt vor der Bühne stehen wollen. Aber: Wie laut muss dass denn sein? Alle Musiker mit denen ich unterwegs war hatten – wie ich – kein Oropax dabei. Oder wei dass heißt.

    So weit wie die meisten Rezipienten weg saßen war der Blick an sich schon gut. Von überall mein ich. Auch wenn meine Fotos nicht ganz so hübsch wie dem moeffju seine sind.

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