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Popgun! 38 The Muslims – Rock the Casbah

1965, die Beatles waren gerade dabei die USA mit wehenden Haaren im Sturm zu erobern, entwickelten zwei deutsche Kunststudenten für eine kleine Beat-Band, eine handvoll Ex-GIs, soetwas wie eine konterrevolutionäre Corporate Identity. Vom Artwork über Auftritt, Kleidung und Frisur wurden die Fünf komplett neu uniformiert. Das auffälligste phänotypische Merkmal und gleichzeitig Tippgeber für den Bandnamen war dabei die damals fürs politische Selbstempfinden so wichtige Frisur. Allen Fünf wurde aus dem Scheitel die Tonsur heraus rasiert. Konsequenterweise nannten sich die komplett schwarz gekleidenten Jungs fortan The Monks.

Das ironische an dieser aufwändigen Inszenierung inklusive des um den Hals baumelnden Stricks war, dass sie mit der Musik nicht viel gemeinsam hatte. Einzige Verbindung zwischen bigotter Verkleidung und dem monkschen Hardbeat war, dass beides die Antithese zur Beatlemania sein sollte.

Musikalisch waren die Monks, wie sollte es bei einer gescheiterten Band anders sein, ihrer Zeit einiges vorraus. Gegen die Einflüsse des Psychedelic Rock waren auch die Monks nicht immun, aber der bei ihren Songs alles dominierende Beat war härter und unbarmherziger als bei zeitgleich auftretenden Bands. Mit der Benennung dieser Spielart der Beatmusik hat man sich bis heute schwer getan. Hardbeat, Freakbeat oder gar Hop haben sich als Begriffe nie durchgesetzt. Freakbeat bezieht sich in erster Linie eher auf englische Bands und schließt die Monks damit sogar aus. Garage und Acid Rock sind in ihrer Genrebeschreibung sicherlich groß genug um die Monks mitaufzunehmen, werden ihnen aber nicht gerecht.

Die bis zu einer Minute dreißig kurzen Songs bauten auf einen unzerstörbaren Rhythmus. Während drei Monks im Song ‚Monk chant‘ zum Beispiel im Rudel auf eine Gitarre einhackten, trieben Schlagzeug und Bass den Beat unbeeindruckt weiter. Im Gegensatz zur Liverpooler Erfolgsband war die Melodie bei den Ex-GIs untergeordnet. Der typische Monks Song hatte eine simple Melodielinie, die dann auch gegen Ende gerne standesgemäß auseinander genommen wurde, während sich der Beat hypnotisch wiederholend einbrannte. Punk war da gar nicht mehr soweit entfernt.

Auch textlicht gaben sich die Monks größte Mühe den Massengeschmack zu verfehlen. Schlagzeilenartige Versatzstücke wurden mit politischen Imperativen, etwas Paranoia und Persönlichem gemixt. Das Ergebnis waren verwirrend dadaistische Textefragmente, die zu einigem Unmut beim vor allem süddeutschen Publikum geführt haben sollen:

Let’s go, it’s beat time, it’s hop time, it’s monk time now!
You know we don’t like the army.
What army?
Who cares what army?
Why do you kill all those kids over there in Vietnam?
Mad Viet Cong.
My brother died in Vietnam!
James Bond, who was he?

Erfolgreich sind die Monks trotz weniger Auftritte im öffentlich-rechtlichen Beat-Club und einem Plattenvertrag mit Polydor nie geworden. Ihr 1966er Debut ‚Black Monk Time‘ wurde ursprünglich weder in England, noch in den USA veröffentlicht. Ihre Touren in Deutschland beschränkten sich auf die Gasthäuser kleinerer Orte wie Mölln, Ginsheim-Gustavsburg oder Euskirchen. 1967 lösten sich The Monks noch vor einer geplanten Asien-Tour wegen chronischer Erfolglosigkeit auf.

Unter Musikern waren die Monks sehr bekannt. Henry Rollins, die Beastie Boys, Jello Biafra und Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen zählen die fünf Kuttenträger zu ihren Vorbildern. John Spencer von der John Spencer Blues Explosion bringt die Faszination über die Monks auf den Punkt:

The Monks are what Rock’n’Roll is all about. Just great raw, driving music, but crazy, […] that doesn’t make any sense, that makes you smile, that makes you wanna move.

[VIDEO] The Monks – ‚Oh, how to do now‘

Und dann 2008, 42 Jahre nach dem ersten Monks Album, sowas:
The Muslims.

[VIDEO] The Muslims – ‚Extinction‘
[VIDEO] The Muslims – ‚Parasites‘

[MP3] The Muslims – ‚Geez, geez, geez‘
[MP3] The Muslims – ‚Right and wrong‘
[MP3] The Muslims – ‚Beside myself‘
[MP3] The Muslims – ‚On my time‘

Und ich finds echt großartig. Und dabei ists egal dass es irgendwie dumm, dreist und naiv daher kommt, denn es geht gut ab.

Das selbstbetitelte, komplett weiß verpackte Debut von The Muslims kann man über die Webseite ihres Labels 1928 oder bei Insound beziehen. Die Löcher in der Hülle, shot by a former New York City Police Officer, erklärt Sänger Matt Lamkin dem Vice Magazin folgendermaßen:

Since we’re basically all broke we tried to buy everything as cheap as possible. The white record jackets were cheap and at that point we didn’t think we could afford to do a silkscreen, so the only solution I came up with to differentiate it from the Beatles‘ album is the bullet holes.

Die Monks haben sich schließlich 1999, 32 Jahre nach der Auflösung, nocheinmal wiedervereinigt, ein paar Konzerte gespielt, ein reguläres, ein Live- sowie ein B-Seiten-Album veröffentlicht. Inzwischen sind sowohl Drummer Roger Johnston (2006) als auch Gitarrist Dave Day (2008) verstorben. In diesem Jahr gewann die 2006er Monks Dokumentation ‚The transatlantic feedback‘ von Dietmar Post und Lucía Palacios den Grimme-Preis (Trailer1 & Trailer2).

Wo wir jetzt schon zwei Bands mit religiösem Namen beisammen haben, vielleicht steht euch ja der Sinn danach, weitere in den Kommentaren zusammen zu tragen.

11 Kommentare

  1. 01
    Flo

    Mal kurz klugscheißen. Es gibt eine Kategorisierung für die Monks: Überbeat.

  2. 02

    Den Film möchte ich übrigens dringend empfehlen. Lief vor Monaten im Fernsehen. Also bitte auf Wiederholung achten.

  3. 03
    Nico [Jackpot Baby!]

    @Flo: hast du da einen link zu, oder literaturtipp?

  4. 04
    ber

    Ich befürchte, die bekommen mit diesem Namen und Titeln kein Airplay. „The Muslims – Parasites“ un-pcer gehts ja gar nicht.

  5. 05

    Danke Nico :-)


    http://b5.ac-images.myspacecdn.com/01357/56/85/1357425865_l.gif

    Bin mal wieder beim Teppich knüpfen und nörgel so vor mich hin.

  6. 06
  7. 07
    corax

    Madonna!
    Judas Priest
    Nazareth
    The Jesus and Mary Chain
    The Bible

    ach, gibt bestimmt Tausende. ;-)

  8. 08

    die klingen gut, die jungs. danke für den tipp. mal im auge/ohr behalten.

  9. 09
    Nico [Jackpot Baby!]

    @PiPi: das ist ne hiphop band, pipi.

    @corax: ja, da gibts einige, ich hab auch noch welche:

    Suburban Kids With Biblical Names
    The Stevenson Ranch Davidians
    Reverend And The Makers
    The Revelations

  10. 10

    @PiPi (5): das ist ne hiphop band, pipi.

    Das muss man einem doch mal sagen.

    #01
    Flo:

    „Mal kurz klugscheißen. Es gibt eine Kategorisierung für die Monks: Überbeat.“

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