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Wie Marcel Reich-Ranicki im hohen Alter keinen Fernsehpreis, aber dafür eine Tochter bekam

Sobald man etwas schreibt, das mehr Leute als die eigene Mutter und das willenlose Haustier lesen, neigt man dazu, Gespräche Interviews zu nennen und googlen Recherche. Was nicht ganz abwegig ist, denn Journalisten googlen heutzutage nicht einmal mehr.

Marcel Reich-Ranicki hat den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises abgelehnt. Und er hat nicht einfach am Telefon „Lassen Sie mich mit dem Quatsch in Ruhe“ gebrüllt, er hat den großen Auftritt gesucht.
Und so hat der ruhmreiche Gut/Schlecht-Finder Reich-Ranicki dem verdutzten Thomas Gottschalk ins freundliche Gesicht geblafft, da, wo der sich den Preis hinschieben könne, scheine weniger Sonne als in einer Maulwurfsnasennebenhöhle. (Ich muss an dieser Stelle improvisieren, das ZDF hat sowas geahnt und zeigt die Preisverleihung heute Abend als Aufzeichnung.)

Erfahren habe ich von dem Aufbegehren des großen alten Zausels bei Spiegel Online. Dort verpasst man ihm nicht nur drei Schreibweisen (früher gab es in jeder Stadt einen Schreibweisen, der Schriftliches erledigt hat, war vielleicht keine schlechte Einrichtung), sondern als Dreingabe auch noch eine Tochter.

Nun finde ich es ganz hervorragend, wenn jemand Fersehschaffenden an den Karren pinkelt (denn das Gerät, das mich ab und an aus der Ecke meines monitorlichtumfluteten Wohnzimmers anspringt, ist mittlerweile gefährlicher als ein Aktiendepot), und daher habe ich nachgeschaut, was sonst noch über den Eklat zu erfahren ist. Bei den Contentdieben von Google-News. Das Magazin Kultur und Visionen (kuvi) berichtete ebenfalls über den Auftritt Reich-Ranickis, nur ein Detail unterschied sich vom Spiegel-Artikel (wenn man eine fehlerhaft bearbeitete Agentur-Meldung denn so nennen will):

Hat Gottschalk nun den Preis der Tochter oder der Biographin in die Hand gedrückt?
Wikipedia bestätigte mir daraufhin Nach kurzer Recherche fand ich heraus, dass Marcel Reich-Ranicki gar keine Tochter hat. Mittlerweile hat Spiegel den Fehler korrigiert.

So. Na und? Gar nichts. Das war nur ein Abschweifen bevor es eigentlich losgeht. Mir sind schon viel schlimmere Fehler passiert. Was mich nur irritiert: Warum so dürre Worte beim Spiegel? Kommt erst am Montag wieder jemand, der zur Affäre eine Meinung haben darf? Denn meinen kann man dazu ja schließlich eine ganze Menge.

Dem alten Mann sitzt was quer

Der Tod von Jörg Haider nötigte dem Spiegel eine bizarre Klickstrecke zu dessen „umstrittenen Äußerungen“ ab (wie hieß nochmal das, was sich im Mund regt, wenn man da was reinschiebt? Achja: Geschmack), aber der Reich-Ranicki-Rant hätte die wunderbarste Klickstreckenvorlage gegeben, die man sich denken kann: Das Grauen des deutschen Fernsehens in fünftausend Bildern.

Ob man einfach die zwei verschiedenen Gesichtsausdrücke von Birgit Schrowange (von anderen angeödet/von sich selbst angeödet) bei hundert verschiedenen Gelegenheiten zeigt oder jede Sendung, in der Johannes B. Kerner („Das Zwischeninitial ist der Doktortitel des kleinen Mannes“, habe ich kürzlich gelesen) auftritt oder ob man gleich die Napalmgranaten auspackt und in die finstersten Abgründe abtaucht (Alles in Ordnung, eine Sendung, die ausgerechnet nach Kalkofe läuft, ist so erbärmlich, dass man, wenn man dabei einnickt, träumt, jemand ziehe einem mit einer Vakuumpumpe das Gehirn aus den Ohren).

Fernsehen macht nicht nur aggressiv, es macht auch Angst. Denn die Vorstellung, dass hinter all dem lieblosen Auswurf, dem reinen Betrug und den dreckigen Witzen, menschliche Intelligenz sitzen könnte (das heißt: die, die für taff verantwortlich sind, nehmen auch am Straßenverkehr teil!), ist so grauenhaft, dass man sich stattdessen lieber vorstellt, in der Redaktion von Die ultimative Chartshow säßen die Nebenrollen von Westworld.

Das literarische Quartett war natürlich auch schon mehr Show als Literatursendung.
Aber eins habe ich durch Boybands gelernt: Massenmedial wird alles immer schlechter.
Auf Duran Duran folgte a-ha, auf a-ha Bros, auf Bros New Kids on the Block, dann Take That, Caught in the Act, Bed&Breakfast und heute gibt es ausschließlich Boygroups, es sei denn, man hat eine Girlgroup vor sich oder Bro´Sis.

Aber zu Kulturpessimismus besteht kein Anlass. Denn fast noch ein bisschen besser als Donnerstagabende in den 80ern mit Dalli Dalli oder heute Kochen mit dem Ex von Schrowange ist, endlich mit der 5. Staffel von West Wing anzufangen und wenn die Fernsehschaffenden als Zielgruppe ausschließlich Komapatienten anstreben: Viel Spaß.

Mehr zum Thema Fernsehen: Ich verlor meinen Humor an einem Fun-Freitag

Vollprogramm

TV: Kurzer Hype oder Dienst mit Mehrwert

UPDATE

Der Auftritt ist jetzt auch bei Youtube zu sehen (Danke, Martin!):

33 Kommentare

  1. 01

    Die parodieren sich ja selbst.

  2. 02

    Ich lieg‘ gerade am Boden.

  3. 03
    Akkupunk

    „Auf Duran Duran folgte a-ha, auf a-ha Bros, auf Bros New Kids on the Block, dann Take That, Caught in the Act, Bed&Breakfast und heute gibt es ausschließlich Boygroups, es sei denn, man hat eine Girlgroup vor sich oder Bro´Sis.“

    ist wie zu behaupten dass das Traumschiff an Qualität verloren hätte mit den Folgen…es wird nicht wirklich schlechter als es ohnehin ist, durch die ständigen Wiederholungen wird man es nur leid…was für mich viel mehr das Bild des Fernsehen prägt. Wiederholungen und Kopien vermeintlich erfolgreicher primitiver Konzepte.

  4. 04

    Mit Verlaub: Deine „žSchreibwaisen“ machten mich stutzig und ich begab mich auf die Recherche zu Wikipedia, ob zu sehen, ob es eigentlich um Weisheit ging, oder tatsächlich Elternlosigkeit. Und stieß auf die „žSchreibWaisen„:

    Die SchreibWaisen sind eine Autoren-Gruppe […]
    Die drei Autoren schreiben Drehbücher, in erster Linie für Comedyserien. Außerdem stammte von ihnen die Idee für die Serien Alles Atze und Ritas Welt

    Der Fun-Freitag lauert überall…

  5. 05
    Jörg T. F.

    Ihr seid die Besten, Ihr seit die Besten, Ihr seit die Besten…

  6. 06

    @partikelfernsteuerung:

    das ist in dem zusammenhang ja mehr als peinlich.

  7. 07

    Jetzt geht schon das Schreiben im Internetz den Bach runter, ich glaube bald nur noch Twitter :D

  8. 08

    Den kritischen Journalismus all derer, die sich zwar schwarz kleiden, aber schon lange nicht mehr so denken, suche ich schon lange vergebens…
    Schade, diese Ablehnung wäre mal wieder eine gute Chance gewesen… Sind denn nur noch Helmut Schmidt und Reich-Ranicki ehrlich?

  9. 09

    @sevenjobs:

    das alter hat den unbestreitbaren vorteil, dass man nicht mehr kriechen muss.

  10. 10

    Herrlich passend dazu der Kommentar von Fr. Heidenreich bei der FAZ:

    Reich-Ranickis gerechter Zorn
    http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EE91B6E359E494E34BE66891A5D35B7AB~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  11. 11
    jo

    Alles in Ordnung, eine Sendung, die ausgerechnet nach Kalkofe läuft, ist so erbärmlich, dass man, wenn man dabei einnickt, träumt, jemand ziehe einem mit einer Vakuumpumpe das Gehirn aus den Ohren).

    Komisch, das Gefühl habe eher bei Kalkhofe. „Alles in Ordnung“ hingegen halte ich für das vielleicht großartigste Format, das derzeit im Privatfernsehen läuft. Liefe es am Vorabend, im Umfeld der Formate, die es parodiert, ich wette: die Zielgruppe würde den Unterschied nicht bemerken (Test ist in Vorbereitung, ich werde berichten …). Und das ist – mal kurz erkenntnistheoretisch betrachtet – doch weit erschreckender als Kalkofes Verbaldiarrhoe in Ballonseide.

  12. 12

    @malte: bis zum Alter kann ich nicht warten… Dann verbrenne ich mir lieber heute schon den Mund…:-)

  13. 13

    А откуда такой красивый скин скачали ? Скиньте плз ссылку на мыло мне. Спасибо заранее.

    edit:jetzt redet der spam schon in zungen

  14. 14

    endlich sagt mal einer wie es ist. tv ist heute größtenteils dreck.

    was soll ich denn mal meinen kindern erzählen, warum kids tv früher mal wahnsinn fanden?!

  15. 15

    Lieber Malte,

    der Nissenkamm den Du benutzt, wird immer etwas aus den Haaren ªMedien] herausfiltern können. Das Thema ist unendlich. Da bleibt immer mal was hängen.

    Ungeachtet dessen habe ich deinen Beitrag sehr genossen. Alles Liebe @PiPi

  16. 16
    imani

    ich habs mir grad im zdf angeschaut. wie die leute da alle lachten und applaudierten, ich glaub die begriffen kaum, was der ranicki ihnen da vorhielt. all die doofen moderatoren und comedy visagen, wie sie glotzten, und als am ende auch noch dieses grauenvolle streicher jingle beim abgang eingespielt wurde, gefolgt von dem ralf schmitz – gehts noch schlimmer?

  17. 17

    @sevenjobs
    Es ist tatsächlich erstaunlich, wie kurz der Bruch in der Sendung nur war, bis Gottschalk und Blockbustermusik die Lage wieder im Griff hatten. Allerdings muss man der Preisverleihung doch an der einen oder anderen Stelle eine bewusste Selbstironie anerkennen (mein komplettes Fazit).

  18. 18
    Tim

    Das Lachen sagte mehr über den Zustand des TVs aus, als die Ranickis Rede.

  19. 19
  20. 20

    Ich fand Marcel Reich Ranicki einfach großartig.

    „Es ist tatsächlich erstaunlich, wie kurz der Bruch in der Sendung nur war, bis Gottschalk und Blockbustermusik die Lage wieder im Griff hatten.“

    Das hat mich allerdings auch erstaunt. Diese Fernsehwelt ist so unglaublich schleimig dass selbst die größte Anklage und Erschütterung keine weiteren Spuren hinterlässt. Der Spalt schliesst sich einfach wie bei einem Gallertwürfel. Nichts mehr zu sehen.

    Ich glaube nicht das diese doofe Sendung über das Niveau des Fernsehens irgendetwas bringt und hätte mir gewünscht, dass Ranicki das Angebot schlicht ablehnt. Das ist leider nicht passiert.
    Abgesehen davon sollte man Gottschalk mal in Rente schicken. Ich hab ja nichts gegen ihn … aber dass ist nur eine Frage der Zeit.

    Es war trotzdem einer der schönsten Momente im Deutschen Fernsehen, diesen eloquenten Querkopf mit dieser eigenartigen Aussprache, live, vor wahrscheinlich millionen Zuschauern, Tacheles reden zu hören! Großartig!

  21. 21

    Ach eins noch: auf Take That folgte Robby Williams und dass ist doch nun wirklich eine Steigerung! Oder etwa nicht?

  22. 22

    @stoertebeker: Das, was am Sonntag zu sehen war, war m. E. eine geschnittene Fassung.
    Der Vergleich mit dem Gallertwürfel ist großartig!

  23. 23

    @stoertebeker:
    tatsächlich war ich gestern in das singen eines take-that-liedes involviert und habe mich gefragt, ob die liste so zu halten ist.

  24. 24
    moses

    drollig, ich liebe diesen mann!
    habe mir sofort seine Biographie als Audiobuch – von ihm gelesen – gekauft!

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