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Sex-Arbeit

Der Werdegang der ehemaligen Sowjetrepubliken ist in vielerlei Hinsicht nicht unbedingt eine Werbung für den Weg in die westliche Wertegemeinschaft. Die ukrainische Regierung hat eine Kampagne gestartet (via), die Frauen davon abhalten soll, ja: wovon eigentlich? Sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in ein westeuropäisches Land locken zu lassen? Arm zu sein und sich deshalb freiwillig zu prostituieren?

Unter anderem ausgelöst durch den Fall Friedman ist das Thema Zwangsprostitution auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Wobei ich mit diesem Ausdruck immer Probleme habe, denn hat etwa Prostitution auf dem Drogenstrich, die es allein deshalb gibt, weil sich der Staat nicht zu einer verantwortungsvollen Drogenpolitik durchringen kann, keinen Zwangscharakter? Geschehen Elends- und Schuldenprostitution nicht aus Zwang heraus?

Ich fand den Weg, den Rot-Grün mit der Legalisierung der Prostitution eingeschlagen hat, absolut richtig und auch wenn die Prostituierte, mit der wir ein Interview geführt haben, mit Sicherheit keine typische Vertreterin ihres Gewerbes war, so kann ich mir vorstellen, dass für manche der Frauen Prostitution eine freiwillig ausgeübte Tätigkeit ist.

Für alle anderen gilt: Die Warnung der ukrainischen Regierung ist gut gemeint und sogar gut gemacht, aber solange osteuropäische Armut auf eine westeuropäische Konsumhaltung trifft, die sich mit Fragen der persönlichen Verantwortung nicht lange aufhält (Friedmann hat zu dem Schicksal seiner naturgeilen Ukrainerinnen kein Wort gesagt), wird sie verpuffen (no pun intended).

Sehr interessant ist dieser Artikel in der taz, in der geschildert wird, wie das Springerblatt B.Z., das besonders empört über Friedman berichtet hat, sich weigert, wenigstens für ihre Kleinanzeigen Mindeststandards einzuhalten:

Was den Inhalt der Anzeigen angeht, geht Klee, die Streiterin für mehr Akzeptanz von legaler Prostitution, mit Prasad, der Kämpferin gegen illegalen Frauenhandel, in vielen Fällen d’accord: Beide fordern Mindeststandards und damit das Verbot bestimmter Formulierungen. „Tabulos“ zum Beispiel, weil das wie „pur“ ein Codewort für ungeschützten Sex sei, so Klee, oder „Lolita“, was oft für Minderjährige stehe. „Sklavin ohne Grenzen“ sei ebenfalls nicht in Ordnung, weil es auch im SM-Geschäft Grenzen gebe, die vorher ausgehandelt würden. Der Zusatz „ohne Grenzen“ treffe nun oft Frauen, die kaum Deutsch sprechen und deswegen nichts aushandeln könnten, sagt Prasad. Stephanie Klee berichtet, sie habe immer wieder versucht, mit der Anzeigenabteilung Mindeststandards auszuhandeln. „Die sind wie die Affen, die nichts hören und nichts sehen. Aber sie kassieren.“

Was da wohl der Papst zu sagt, mit dem sich die Springer-Leute so gerne fotografieren lassen?

15 Kommentare

  1. 01
    damone

    Mir fällt da gerade ein Spiegel Artikel von neulich ein, den ich auch nach längerem suchen nicht finden konnte. Darin ging es um eines dieser „Adelsblättchen“ welches seit Jahrzehnten als Stellenmarkt für Bordelle in ganz Deutschland dient.

    Der Chefredakteur der Zeitschrift (deren Name mir AUCH nicht einfällt) meinte auf Nachfrage durch den Spiegel nur, das hätte sich halt irgendwann so etabliert und man könne halt aufgrund der kleinen Auflage des Blattes solche Anzeigen aus Kostengründen halt nicht ablehnen.

    Was Bild da treibt, nunja….es ist halt Bild.

    Vielleicht hat der Papst sein OK gegeben, solange sichergestellt ist, dass die in der Bild angebotenen Frauen auch ja nicht verhüten?

    *wie immer kopfschüttelnd*
    Damone

  2. 02
  3. 03
    Lena

    Das ProstG war das kürzeste Gesetz, dass ich jemals eingeordnet habe (in die roten Gesetzeskästen). Fiel mir grad ein.

    Danke für den Hinweis auf den taz Artikel.

  4. 04
    nabab

    es gibt wenige sachen, die man der ukrainischen regierung guthalten kann. aber das ist genau das richtige schritt – aufklärung. armut führt sicher nicht zwangsläufig zu prostitution. und im ukrainischen fall wäre etwas differenzierung angebracht. es ist aufklärung im eigentlichen sinne. denn was einigen ukrainischen frauen (im vergleich zum großen rest der ukrainerinnen, die nicht als prostituierte arbeiten) widerfährt ist tatsächlich ausnutzung ihrer unkenntnis. ausnutzung fehlender sprachkenntnisse, ausnutzung ihrer hoffnungen, ausnutzung der hohen hürden für reisen ukrainischer bürger in staaten des schengener abkommens, etc.

    aber schön, wie du weiterhin deinen eigenen klischees von osteuropäischer armut und westeuropäischer konsumhaltung verhaftet bleibst. vielleicht solltest du dich einfach mal abends gesundbrunnen in den zug setzen und 24 h später in kyiv aussteigen. keine sorge, du brauchst kein visum. dann versuch, dich mit deinen sprachkenntnissen dort durchzuschlagen. klar wirst du dort armut sehen. vielleicht wird sie dir sogar mehr ins gesicht springen, weil du darauf achtest. vor allem wirst du aber eine konsumhaltung sehen, die deine als westlich beschriebene in die tasche stecken wird. es ist nämlich ganz schön kuschelig bei uns in deutschland.

    ich könnte mir hier die ganze wut von der seele schreiben darüber, dass frauen vor allem aus der ukraine immer wieder als prostituierte dargestellt werden. fahrt doch einfach mal hin und übernehmt nicht jedes klischee.

  5. 05
  6. 06
    nabab

    weißt du, wie man in postsowjetischen staaten bilanzen erstellt? es gibt sowohl in unternehmen als auch bei privaten personen eigentlich immer zwei. eine für den staat, nach der man seine abgaben bezahlt. aus der ergibt sich auch deine „statistik“. und es gibt die echte für sich bzw. bei unternehmen ist es die für die geschäftspartner.

    ein praktisches beispiel: wenn du arbeitest, bekommst du ein offizielles gehalt, das irgendwo leicht über dieser summe liegt, die da angegeben wurde. irgendwo zwischen 250 und 400 €. auf diese summe zahlst du die einkommensteuer, deine kommunalen abgaben (strom, wasser, gas), etc. tatsächlich erhältst du aber mehr geld, da man von diesem geld offensichtlich nicht leben kann. natürlich fallen bei einem solchen „system“ viele menschen hinten runter. das sind vor allem rentner und allein erziehende. natürlich gibt es riesige probleme. es gibt verwaiste dörfer in der westukraine, da die eltern in westeuropa arbeiten und die kinder und alten zu hause geblieben sind. aber es ist ein sehr großes land und da sollte man auch differenzieren.

  7. 07

    @nabab:

    hier übrigens ein hinweis darauf, dass wir in der sache nicht so weit auseinanderliegen, wie du vlt glaubst: ein beitrag von mir bei fooligan

  8. 08
    nabab

    lieber malte,

    ist ja auch nicht so wild, dass wir uns hier bekeifen müssten. manchmal rege ich mich halt wegen einiger lockerer sprüche auf. Mir, Druzhba, Shokolad (Frieden, Freundschaft, Schokolade)?

  9. 09
  10. 10

    Diese Kleinanzeigen sind halt so eine Sache. Man kann es widerlich finden, neben welchen Angeboten man sich da manchmal wiederfindet, aber eine echte Alternative gibt es eben auch nicht.

  11. 11

    @Melanie:

    der vorwurf geht ja auch überhaupt nicht gegen dich. monopole kann man halt nicht boykottieren.
    das ist auch eh kein gebiet für vorwürfe an personen. ob der freier im einzelnen feststellen kann, wie die situation der frau ist, kann man nicht sagen, menschenhandel ist strafbar, minderjährigenprostitution ebenso, also geht es um kleine, praktische schritte und eine hoffnung auf verbesserung der wirtschaftlichen lage aller. aber das kommt ja der vorfreude auf weiße weihnacht gleich.

  12. 12

    Nein, ich hatte es auch nicht als Vorwurf aufgefasst, mich ärgert das nur selbst schon lange.
    Es gibt durchaus Dinge, an denen man erkennen kann, ob die Frau das freiwillig macht oder nicht, aber der Durchschnittsfreier ist da sicher nicht so sensibilisiert, um das wirklich richtig zu deuten.

  13. 13
    andreas

    Vor zwei Monaten gab es zur Prostitutionsthematik eine Demonstration in Kiew, die international Aufsehen erregte, da sie einen Zusammenhang zwischen (Zwangs-)Prostitution und Fußballeuropameisterschaft 2012 (Ukraine/Polen) aufzeigte.
    Wen es interessiert:
    http://www.ukraine-nachrichten.de/index.php?id=581

  14. 14

    „¦ aber der Durchschnittsfreier ist da sicher nicht so sensibilisiert, um das wirklich richtig zu deuten.

    Der Durchschnittsfreier ist der erste, der diese Anzeigensprache akzentfrei spricht und problemlos versteht. Für den ist die ja exakt gemacht worden. Hier orientiert sich das Angebot absolut an dem Verständnis der Nachfragenden.

  15. 15

    @creezy:

    ja, was leistung ist, aber wie sie zustande kommt doch wohl eher nicht. und auge in auge ist der unterschied doch wohl auch nicht jedem klar.

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