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Schreiben im WWWeb II


Fasse Dich kurz. Wiederhole Dich. Fasse Dich kurz. Und sag schon am Anfang, in der Headline, worum es geht. So ungefähr lautet die kurze Zusammenfassung Renés Artikel über das Schreiben im WWWeb. (René bezieht sich in erster Linie auf Ankündigungen, ich behaupte, das gilt für alle Blogtext-Sorten, auch literarische.) Stilistisch also mehr Kräuterschnaps als Rotwein, vor allem, weil es von Anfang an burnen muss: das wichtigste ist die Headline, sagt er, wenn ich das mal zusammenfassen darf, in seinem Artikel.

Texte im Netz funktionieren anders als gedruckte Texte. Am Bildschirm liest der Leser 20% schneller, das muss man beachten, denn wer schneller liest, überliest auch gerne mal was, deswegen die Wiederholungen. Und wer schneller liest, interessiert sich weniger für Zusammenhänge, sondern schaut nach den Schlagworten. Selektives Lesen nennt man das, und das geht ungefähr so, als wenn ein Spätpubertärer seine Dorfdisse betritt und sich nach Mädels umschaut. Oder eine Spätpubertierende nach Jungs. Scheiß auf den Charakter, der erste Eindruck ist entscheidend, ist halt so wegen Darwin und Evolution und Unterbewusstsein und Freud und bei Dawkins steht bestimmt auch irgendwas in die Richtung.

Sexyness ist ein Garant für Aufmerksamkeit und Freibier oder was man dafür zu halten geneigt ist. Es gibt ein paar Methoden, Texte sexy machen, eine davon: Authentizität suggerieren. Einen auf Dieter Bohlen machen, schön ehrlich sein und geradeheraus, frank und frei, aus dem Herzen und frisch von der Leber schreiben, was einem an die Nieren geht oder auf den Magen drückt. Aus dem Bauch heraus schreiben, na klar. Oder zumindest so tun, als ob.

Und dabei — noch mal Bohlen — einfach bleiben. Oder wie Jesus: ein Doppelgebot der Liebe (oder was ähnliches) aufstellen, das ganze breit auswalzen und dann vier Mal variieren, fertig ist das Lebenswerk, man kann sich nageln lassen und jung sterben. Ruhm und Ehre den einfachen Botschaften, die jeden Leser erreichen. Im Zweifelsfall ist davon auszugehen, dass Kindergartenkinder mitlesen. (Pferde Hottehü und Autos Brummbrumm zu nennen hat sich trotzdem nicht durchgesetzt.) Oder der Leser am anderen Ende des Internets betrunken ist.

Oder man steht am Tresen und macht einen auf interessant. Im Text heißt das: das intellektuell anspruchsvollere Publikum einbinden. Dafür haben die Griechen Witz und Geistesreichtum erfunden. Wobei darunter alles zwischen Kalauern, Ironie und Sarkasmus fällt, letztere müssen markiert werden. Kalauer nicht, die versteht sogar Dieter Bohlen hin und wieder. Für Ironie gibt es Smileys, Sarkasmus ist nur in ganz wenigen Fällen erlaubt, bei persönlichen Missgeschicken. Sich sarkastisch über Politik zu äußern geht am Stammtisch, Sarkasmus über den letzten Klempnerbesuch oder die Hartz 4-Misere, die der Onkel zweiten Grades durchlebt (den man im Text zum Vater machen muss, wegen Authentizität), weckt den Mutterinstinkt im Leser und man kriegt den Kommentarbereich getätschelt. Wegen Darwin und Evolution und Unterbewusstsein und Freud und bei Dawkins steht bestimmt auch irgendwas in die Richtung.

Notfalls geht auch Humor, der ist aber a) schwierig zu erlernen und b) schwierig aufzuschreiben. Wer gerne humorvoll wäre, stelle sich an englische Bahnhöfe und denke darüber nach, was John Cleese jetzt sagen würde. Dann fahre er/sie nach Hause, schaue sich an, was John Cleese tatsächlich gesagt habe, achselzucke über den Qualitätsunterschied und klaue unverhohlen. Denn besser Witze klauen als unlustig sein. Überhaupt darf alles geklaut werden, im Zweifelsfall auch ohne Verweis. Inzwischen ist sowieso schon alles von allen gesagt worden, es ist Postmoderne, Erntezeit der Ideen, es gibt nichts neues mehr unter der Sonne, die allen aus dem Arsch scheint, alles wird einfach in neue Zusammenhänge eingebettet, zum Beispiel fremde Artikel ins eigene Design. Dadurch entsteht ein neues Bezugsfeld, das ist doch was, Eigenleistung nämlich. Wenn sich in den Kommentaren trotzdem wer beschwert, es gibt probate Mittel, den Querulanten, den dummdreisten, zum Schweigen zu bringen, indem Autoritäten sprechen.

(Autoritäten muss man zitieren, denn nur so kann man sich ein bisschen was von der Aura klauen, die sie umgibt, und außerdem beweist man seine Belesenheit, seine Kultur und sein Wissen. Das ist gut fürs Karma, das sieht gut aus, das ist, als würde man in der Dorfdisse den Barkeeper kennen: Wettbewerbsvorteil.)

Nicht jede Autorität taugt dazu, zitiert zu werden, Habermas ist zum Beispiel schwierig, Joachim Fest auch, beide nicht sehr sexy. Leute wie Lautréamont hingegen, die eignen sich hervorragend, von dem haben ganz wenige erst gehört, der ist intellektuelle Subkultur. Und der hat vor 150 Jahren oder so schon gesagt, worum es geht: Le plagiat est nécessaire. Le progrès l“™implique. Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt bringt es mit sich. Solche Sätze erledigen jeden Einwand, denn wer wird schon einem uruguayisch-französischen Dichter, der Apokalypsen geschrieben hat, widersprechen wollen, vor allem wenn er nicht weiß, dass es sich um einen uruguayisch-französischen Dichter, der Apokalypsen geschrieben hat, handelt. Wenige nur, und das sind Trolle. Zitierfähig sind Surrealisten, Dadaisten, Beatnicks und alles, was vor 1815 geschrieben worden ist: notfalls kann man das passende Zitat auch erfinden und anschließend behaupten, es sei in einem noch unredigierten Briefwechsel mit Simone de Beauvoir oder Diderot gefallen.

Über Themen ist, soweit ich das sehe, schon alles gesagt worden: am besten funktionieren Erfahrungsberichte und Videos über Sex mit Tieren, vor allem Katzen. Überhaupt sind Videos Texten vorzuziehen, wie jeder weiß, dessen Lesezentrum sich schon einmal in einen Schreibratgeber verirrt hat: Videos sind die einzige Variante, die dem Grundsatz „Show, don’t tell“ gerecht werden.

Prost Kräuterschnaps, die dritte Leserevolution kann kommen. Die Zukunft ist leserlos, es geht auch ganz ohne Text, dann kann man sich Artikel wie den eben gelesenen auch ganz sparen. Ich wiederhole mich da gerne: Der wichtigste Bestandteil der Tastatur wird in Zukunft das Auslassungszeichen sein.

18 Kommentare

  1. 01

    Nennt man das jetzt Ironie oder Sarkasmus?
    Man schreibt nur dann gut, wenn man anders schreibt als die andern, meine ich. Aber ich kann da eh nicht mitreden. Ich nehm mich da raus.

  2. 02

    Wäre doch mal wieder Zeit für eine schöne Studie mit Bloggern. Vielleicht mit Technorati oder so?

  3. 03
    Aron

    Nein. Nein. Und nochmals Nein. Mach(t) mal schön weiter so. Eure Tastaturen haben – im Gegenteil – noch viel zu viele Auslassungszeichen.

  4. 04

    @Michael: „Kurt Beck hat keine Trackbacks“ ? ;)

  5. 05

    @erlehmann: Ich verstehe nicht was du meinst. Erklär mal bitte :)

  6. 06

    und so viel text um dann genau nur ein zitat einzubinden. Frédéric: dünne lesesuppe heute!

    ;-)

  7. 07
  8. 08
    Schmierwurst

    Herr Valin,
    ich lese Sie ausgesprochen gerne. Vielen Dank.

  9. 09

    Das mit der Lesegeschwindigkeit ist mir nie so richtig aufgefallen, aber jetzt wo ihr es erwähnt fällt es auf. Von daher erklärt sich wahrscheinlich unter anderem warum ich ungern am pc lese ^^

  10. 10

    Ich habe den Text nicht gelesen, zu lang und ohne Video.

  11. 11
    Jan(TM)

    Lieber Frédéric,
    das wichtigste hast du vergessen – Fasse Dich kurz!

  12. 12
    up

    großartig ^^

  13. 13
    Frédéric Valin

    @Jan(TM): .

    @Schmierwurst: Danke sehr.

    @Herr Jeh: Zukunftsvision!

    @Michael: Versteh ich nicht. Eine Studie, wie lang Artikel sind? Im Vergleich zu Zeitungsartikeln?

    @JST: Buchstabenlesesuppe!

    @nilsn: Brauchste auch nicht: Das Bild erklärt auch schon alles.

  14. 14
  15. 15
    Trendlicht

    zum Schreiben brauch man gutes Licht.

    [Edit: Link gelöscht. Beim Schreiben will man nicht von Werbung gestört werden.]

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