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Ballack vs Löw: Generation Pampers

Michael Ballack hat etwas höchst Ungewöhnliches gemacht. Er hat in einem Interview mit der FAZ einige gezielte Seitenhiebe gegen Bundestrainer Joachim Löw ausgeteilt.

Zum von Löw augerufenen Leistungsprinzip sagte er:

Im Umkehrschluss frage ich mich natürlich, ob es in der Vergangenheit in der Nationalelf wohl Fälle gab, bei denen das Leistungsprinzip nicht angewendet worden ist.

Es sind hier offensichtlich zwei unterschiedliche Begriffe von Leistung im Umlauf – dabei muss man doch unterscheiden: die bereits erbrachte und die noch zu erwartende Leistung. Baut man auf das erste Prinzip, dann gehört man zu denen, die es folgerichtig fanden, dass Lothar Matthäus mit 97 Jahren bei der EM 2000 den Bällen hinterherhumpelte. Denn – Mann! – was hatte der in der Rückrunde der Saison 26/27 gespielt! Ist man ein reiner Vertreter der zweiten Lehre, müsste man sein Team Woche für Woche der Kicker-Elf der Woche angleichen.

Ein Trainer muss zum einen Anreize für die Bankdrücker geben, indem er deutlich macht, dass man in der Hierarchie nach oben rücken kann, zum anderen muss er den Stammspielern vermitteln, dass sie sein Vertrauen genießen, damit die sensiblen Fußartisten nicht vor lauter Sorge den Ball verspringen lassen.

Vor dieser Problematik steht jeder Trainer und man kann davon ausgehen, dass Löw in dieser Frage besonders sensibel vorgeht. (Der englische Nationaltrainer Fabio Capello lässt Spielern angeblich von seinen Assistenten mitteilen, dass sie nicht spielen werden. Weil er schließlich mit denen zu tun habe, die am Spiel teilnehmen.)
Wenn Löw sich nun zum Leistungsprinzip bekennt, dann bedeutet das zum einen, dass er gewillt ist, verstärkt nach dem aktuellen Leistungsstand aufzustellen – zum anderen aber eben auch, dass er eine neue Hierarchie installieren will.

Was interessant ist, denn inhaltlich hat Ballack in seiner Verteidigungsrede zugunsten von Kuranyi und Frings nicht Recht.
Kevin Kuranyi hat nicht die Klasse von Klose, Gomez und Podolski und vermutlich auch nicht die von Helmes. Der wiederum ist in besonders guter Verfassung. Und Frings ist – sieht man eben von den früheren Leistungen ab – wenigstens von Rolfes überholt worden.
Ballack lässt sich also von fachfremden Erwägungen leiten: Entweder geht es um persönliche Sympathie oder um die Sorge um den eigenen Stellenwert. Die Rolle von Ballack ist allerdings noch nicht strittig. Wegen seiner Verletzungsanfälligkeit reicht er zwar bei weitem nicht an seine Bestform heran, aber von Ballacks Bestform sind eben auch Schweinsteiger und Trochowski – trotz derzeitigen Zwischenhochs – noch einige Jahre entfernt. Wenn sie überhaupt dessen Potenzial haben.
Kroos kommt im Verein nicht zum Zuge und Özil wird noch zu beweisen haben, was er aus seinem gewaltigen Talent macht.

Borowski, der der natürliche Ballack-Ersatz wäre, hat einen typischen Fußballerfehler gemacht: Er ist zu Bayern München gewechselt. Die Zahl der Spieler, die dort gespielt haben, als hätten sie die Legionellen, ist Legion. Rau, Schlaudraff, Frings (!), Jansen – und nun eben Borowski. (Frédéric erklärt das damit, dass der Begriff von der Bayern-Familie einem Mythos entspringt: „Die bauen keinen auf, das mit der Familiengeschichte ist Quark. Bayern ist keine große Familie, sondern ein Dorf: die haben sich nicht lieb, die ziehen alle übereinander her und versuchen sich zu übervorteilen.“)

Zudem ist Ballack für gewöhnlich ein intelligenter und sympathischer Zeitgenosse, was eine Versöhnung wahrscheinlich macht. Im Fall von Frings kommt dessen Persönlichkeit jedoch verschärfend zur Formkrise hinzu:
Ob Frings´generelle Raunzigkeit an seinem Sternzeichen Skorpion liegt, wie der Spiegel nahelegt, wage ich nicht zu beurteilen. Dass sie aber nicht dazu angetan ist, ihm in der Nationalmannschaft einen Haufen neuer Freunde zu verschaffen, dürfte außer Frage stehen.

Letztlich wird es so aussehen, dass Ballack der Mannschaft erhalten bleiben wird, weil Löw nicht auf ihn verzichten kann/will und Ballack ernsthaft hofft, Weltmeister zu werden. Eine echte Krise ist dieses Rumgemaule der Generation Pampers nicht, dazu ist das Team im Sturm und im Mittelfeld zu gut besetzt.
Das eigentliche Krisengebiet der deutschen Mannschaft bleibt hinten rechts. Wenn man den Innenverteidiger von Hertha BSC zum Außenverteidiger umfunktionieren muss, dann hat man ein Problem. Ein Problem, das man nicht einmal wegdiskutieren kann.

Darüber hinaus hat die Mannschaft weiterhin massive Schwierigkeiten damit, einen Vorsprung einfach mal über die Zeit zu bringen. Zuletzt spielte sie entweder von Anfang an katastrophal, dann erübrigte sich das Über-die-Zeit-Bringen oder sie fing furios an und geriet dann in Fisimatenten. Das sofort verklärte 3:2 gegen Portugal wurde noch eine echte Zitterpartie, das 2:1 gegen Russland hätte sich niemals so entwickeln dürfen und selbst von der Türkei ließ man sich die Windeln nass machen.

Löw (und Klinsmann) haben noch nicht bewiesen, dass sie eine über „Tempo, Tempo“ und „Vertikal!“ hinausgehende Spielidee haben. Zudem braucht Löw erstaunlich lange, um einem Spiel durch einen geschickten Wechsel noch eine Wendung zu geben.

Er ist ein guter Trainer, aber noch weit von der Weltklasse entfernt. Fast so weit wie seine Spieler. Bei so viel Gemeinsamkeiten findet sich bestimmt eine Lösung.

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16 Kommentare

  1. 01

    Und ich dachte schon, die nehmen sich jetzt komplett auseinander… *puh* *beruhigtbin*

  2. 02
    D. Botson

    Billiger Applaus ist stets zu haben, wenn man über die katholische Kirche oder Bayern München herzieht.

  3. 03

    Löw hat schon seine Lieblinge (dass Gomez nach der EM überhaupt noch spielen darf…naja) und den dt. Sturm als gut zu bezeichnen, würde ich nicht, finde er könnte noch mehr spielwitz gebrauchen *gäähnn*

  4. 04
    James Tea Kirk

    Der Ballack macht den Gewerkschaftsboss. Der Löw pocht auf die Gesetze des Marktes. Frings kann leider keine Billy Bragg Songs singen. Und Kuranyi ist keine richtige Kämpfernatur. Leider.
    *
    Diese ganze Diskussion erscheint so unnötig. Die Mannschaft spielt meistens gut, das Trainerteam ist extrem kompetent und die Ergebnisse stimmen auch. Klar, gibt’s immer was zu verbessern. Oder zu meckern. Trotzdem merkt man, da ist Dampf im Kessel – da wollen alle zur WM.
    *
    Die 3€ gehen ins Phrasenschwein und, Herr Frings, immer Martin Pieckenhagens Spruch beherzigen: Arsch hoch kriegen und Eier zeigen. Verdammt, das waren schon wieder 3€ ..

  5. 05

    die figuren des teaser-bildes erinnern mich aber verdammt stark an die happy tree friends… würde auch nen tollen sketch abgeben, das windel-thema.

  6. 06
    antifalten

    hm, ist doch eigentlich alles nicht so tragisch. aber durch eine hysterische „diskussionskultur“ in deutschland (in den letzten wochen häufig nach dem motto: wer stört, fliegt raus) wird sowas extrem aufgeblasen. es gibt derzeit wohl kaum nationalmannschaften, die erfolgreicher sind und eine bessere perspektive haben als die deutsche.

    frings wurde in den letzten jahren überbewertet, der war nie weltklasse, sonst hätte der sich bei bayern durchgesetzt.

    @Frédéric: der begriff „familie“ ist im profi-fußball wohl eh nicht angebracht, bis auf wenige, wenige ausnahmen. wer gut genug ist, setzt sich bei bayern allerdings schon durch.

  7. 07
    Pillemann

    Ich finde es schon arg grenzwertig wie sich Herr Ballack in der Öffentlichkeit mit dem Trainer bzw. auch mit dem Manager anlegt.
    Natürlich hat er als Kapitän das Recht seine Meinung zu sagen, aber muß das denn wirklich in der Öffentlichkeit sein? Anscheinend denkt Ballack „Der kann mir doch ehh nix. Ich bin für die Mannschaft unverzichtbar“.
    Aber sorry, wenn der Löw da nicht bald mal kräftig auf den Tisch haut und klar macht, wer der Chef ist, bekommt er aber ein ernsthaftes Autoritätsproblem.
    Schade eigentlich, daß das Spiel gegen Liechtenstein erst im März ist. Wäre mal ne gute Gelegenheit gewesen, Ballack auf der Bank zu lassen…

  8. 08
    Frédéric Valin

    @antifalten: „wer gut genug ist, setzt sich bei bayern allerdings schon durch.“

    Das ist, mit Verlaub, nicht richtig. Auch Bayern spielt ein System, und es gibt Spielertypen, die in bestimmte Systeme nicht reinpassen. Die setzen sich dann nicht durch. Auch nicht bei Bayern.

  9. 09

    In keiner Sportart wird so viel in der Öffentlichkeit gelabert wie im
    Fussball.(Man nehme nur diese komische Sendung Sonntag vormittags
    im DSF). Vor allem hört man in keiner Sportart so viele hochbezahlte
    Sportler labern und meckern wie im Fussball. Meistens handelt es sich
    entweder um Leute mit Profilneurose oder es sind Sportler deren Leistung (wofür sie ja hochbezahlt sind) seit geraumer Zeit nachlässt.
    Da diejenigen von ihrem Leistungsabfall auch selbst wissen, bekommen sie anscheinend irgendeinen psychischen Koller, der sie entweder zu winselnden oder bockigen Kleinkindern werden lässt.
    Eine einfache Möglichkeit wäre für diese Menschen: Das zu tun, für
    das sie bezahlt werden und wenn ihre Leistung nicht entsprechend ist,
    sollten sie sich erst einmal selbst hinterfragen und an einer Verbesse-
    rung der Leistung arbeiten. Was gerade im Falle B. und F. auf jeden
    Fall angebracht wäre.

  10. 10

    malte, mit dem meisten gehe ich d´aaccord, aber das du immerwieder, spätestens seit der em, versuchst gomez zum besten spieler der welt hochzuschreiben, das ist mir ein ewiges rätsel. gomez ist ungefähr auf selbem niveua wie kuranyi, nur mit dem unterschied, das kuranyi noch manchmal (viel zu selten) trifft, wenn er soll und gomez dafür aber gar nicht.

  11. 11
    antifalten

    @Frédéric Valin:

    stimmt. bezog sich mehr auf die verbreitete sicht junge-deutsche-talente-haben-bei-bayern-eh-keine-chance. was durch aktuelle beispiele wie lahm-schweinsteiger-lell zu widerlegen ist. natürlich gibt es auch viele gegenbeispiele (ohne ende), aber die sind dann eher an anderen dingen als an zu wenig chancen gescheitert. man weiß ja auch, was einen bei bayern erwartet…

    @nilz:
    gomez hat möglichkeiten, von denen kuranyi nicht zu träumen wagt. vor allem in punkto durchsetzungsvermögen und schusstechnik. ist nur eine frage der zeit, bis der seinen durchbruch auch in der nationalmannschaft hat. der kommende mann ist aber trotzdem helmes :)

  12. 12
    Frédéric Valin

    @antifalten: Lell ist das beste Beispiel für ein Antitalent. Der kann gar nichts außer beißen. Ballkontrolle wie ein Schaufelbagger, Spielverständnis eines Kicker-Redakteurs. Lahm wurde für genau die Position geholt, die er auch spielen kann, und Schweinsteiger ist tatsächlich die Ausnahme.

    Junge Talente haben es bei Bayern tatsächlich schwer, nicht nur deutsche Talente, sondern fast alle. Während Bremen, Hamburg, Stuttgart und Leverkusen ihren jungen Spielern auch mal ein paar Schwächephasen gönnen, wird in München auf der Stelle rotiert, sobald es nicht mehr läuft. Weil sie es sich a) leisten können und b) viel vom Konkerrenzkampf halten. Dazu muss ich sagen, dass ich bei vielen Spielern nicht den Eindruck habe, sie schöpften bei den Bayern ihr Potential aus. Eine Hand voll ja, Demichelis, Toni und Ribéry letzte Saison, Lahm auch, und Schweinsteiger. Dabei ist Lahm der einzige, den ich auch mal in einem anderen Verein regelmäßig gesehen habe und der da ungefähr die gleiche Leistung gebracht hat. Von Klose bis van Buyten, von Lucio bis Podolski, die meisten hatte ich vor ihren Wechseln besser in Erinnerung.

    Und jetzt lassen sie Kroos auf der Bank verschimmeln, statt ihn eine Saison irgendwohin auszuleihen.

  13. 13
    antifalten

    @Frédéric Valin:
    naja, antitalent ist doch ein wenig hart. soo genau hab ich den ehrlich gesagt aber auch noch nicht beobachtet… auf jeden fall erstaunlich, dass der für die nationalmannschaft noch so garkeine rolle spielt. eine alternative wäre er auf alle fälle. ich glaube, er wird auch als „schwieriger charakter“ eingestuft, das haben sie ja nicht gerne…

    auch in bremen hat es ein aaron hunt schwer regelmäßig zu spielen und marcel jansen wird es auch beim hsv nicht einfach haben.

    sei froh, dass die bei bayern nicht alle ihr potential ausschöpfen, sonst wäre die liga wirklich langweilig :)

  14. 14

    „Zudem ist Ballack für gewöhnlich ein intelligenter und sympathischer Zeitgenosse“ … also ich glaub es hackt. Ich schmeiß Euch aus meinem RSS-Feedreader! Wie kann man so einen Studd schreiben? ;-)

  15. 15

    Genau, happy tree friends!

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