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Little Big Planet: Ein erster Test

Anderthalb Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal der Faszination von Little Big Planet erlag, einem Spiel, das es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Umso enttäuschter war ich in diesen Tagen, als der Release des Spiels erneut verschoben wurde, diesmal auf den 7. November 2008. Und umso überraschter — und verwirrter — war ich gestern Abend, als ich das Game beim Videogame-An- und Verkauf meines Kiezes und Vertrauens herumstehen sah.

Von meinen Zweifeln an der Echtheit des Spiels konnte mich der Verkäufer befreien: Das wäre schon korrekt, Sony habe das Spiel nach einer ersten Auslieferung in den USA wieder vom Markt genommen, da einer der vorkommenden Songs einen Text aus dem Koran enthielt (in Wahrheit handelt es sich wohl nur um ein paar Worte) — man befürchtete nicht-amüsierte Reaktionen von Muslimen.

Ich fragte den Händler, was er als muslimischer Videospiel-Verkäufer und somit Fachmann in doppelter Hinsicht von der Rückrufaktion halte. „Mir egal“, meinte er, „sollen die doch aus dem Koran vorsingen in dem Spiel“. Um nach einigen Sekunden Bedenkzeit hinzuzufügen: „Naja … kommt vielleicht auch darauf an, was sie singen.“

Der Rest unserer Diskussion drehte sich allein um die erheiternden Fragen, ob sich da wohl ein Programmierer oder Musiker einen Scherz erlaubt habe, wieviel so eine Rückrufaktion wohl kosten mag und jetzt her mit dem Spiel.

Ich hatte gestern nur zwei Stunden lang Zeit, einen ersten Blick auf das Spiel und mich danach übermüdet ins Bett zu werfen, insofern darf dieser Artikel nicht als Review gewertet werden. Dennoch: Ich hab’s „in echt“ gespielt, nicht als Demo, nicht als Präsentation. Und bin zwar über die Übungslevel und allererste Editor-Tests nicht hinausgekommen, kann aber einiges zum Look & Feel sagen.

Das Spiel (das trotz US-Ausgabe auch die deutsche Version beinhaltet, vielleicht ein wichtiger Hinweis) gilt als Sonys große Hoffnung und wird als PS3-Killerapp bezeichnet, denn das, was bei Little Big Planet grafisch und inhaltlich geleistet wird, entspricht komplett dem unten zu sehenden Trailer und setzt sich damit massiv von anderen Games ab. „Echte“ Materialien „verhalten“ sich so, wie sie sich verhalten sollen: Stoffe reagieren auf die Spielfigur weicher und sind leichter zu bewegen als bspw. Steine oder Holz, die Materialien zeigen Abnutzungserscheinungen an den Stellen, die viel „genutzt“ werden und überhaupt sehen Dinge endlich mal aus wie Dinge.

Diese visuelle Umsetzung beeindruckt enorm und ist einfach unglaublich „cute“, allein ob sie ein gesamtes Spielkonzept tragen kann, darf bezweifelt werden. Denn letztendlich ist Little Big Planet mitsamt seinen Helden Sackboy und Sackgirl nichts anderes als ein Jump’n’Run mit einem Level-Editor inklusive Online-Anbindung.

Dass dabei eine süße Grafik kein erfolgreiches Spiel ausmachen kann, wissen jedoch auch die Spiel-Entwickler von Media Molecule und haben deshalb glücklicherweise viel Wert auf Details gelegt. So ist es sicher kein Zufall, dass Arne Elsholtz (die deutsche Stimme u.a. von Eric Idle) durch das Spiel führt, und das Level-Design der bereitstehenden Test- und Einführungsebenen ist an Einfallsreichtum kaum zu übertreffen.

Und genau dort sehe ich derzeit nach meinem ersten kurzen Testlauf sowohl Licht als auch Schatten bei Little Big Planet. Denn man merkt dem Spiel einerseits an, mit wieviel Liebe und Freude es produziert wurde und ist begeistert von der Schönheit des Games, man fragt sich aber andererseits, wo man die Kreativität und vor allem Zeit hernehmen soll, die hochrangigen Vorgaben und die schier unendlichen Möglichkeiten mit eigenen Kreationen zu imitieren oder gar zu übertreffen.

Little Big Planet will und muss durch die Online-Community leben und aller Voraussicht nach wird es dort zugehen, wie in anderen Communities auch: Das Verhältnis von aktiven Nutzern (also denjenigen, die viel Zeit und Mühe in neuen Content inverstieren) zu passiven (denjenigen, die diesen Content nutzen, ohne eigenen beisteuern zu können/ wollen) wird zahlenmäßig zugunsten der passiven Spieler ausfallen — ob die Anzahl und Kreativität der aktiven Mitspieler genügen wird, um das Spiel zu dem Erfolg zu machen, den Sony sich davon verspricht, werden also erst die kommenden Monate zeigen können.

Mir bleiben also noch zwei Dinge zu tun, um mir einen wirklich brauchbaren Eindruck von Little Big Planet machen zu können: Ich werde die Community unter die Lupe nehmen und mir die ersten Nutzer-Level ansehen, und ich werde meine Söhne an das Spiel lassen, sobald ihr wöchentliches Videospiel-Zeitkontingent wieder im Plus ist — denn vielleicht können die beiden besser als ich zeigen, ob meine Bedenken um die Tragfähigkeit des Spielkonzepts berechtigt oder Unfug sind.

Update: Das ist wohl der Song, um den es gehen soll.

14 Kommentare

  1. 01
    Frogster

    Und vor Allem hast du eine der zukünftig raren und vermutlich begehrten „Koran-Versionen“. ;)

    http://www.heise.de/newsticker/Start-von-Little-Big-Planet-wegen-Koran-Zitaten-verzoegert-Update–/meldung/117561

  2. 02
    MakeAMillYen

    Warum ploetzlich Zweifel an uc content? Das Verhaeltnis der passiven zu den aktiven Usern von youtube ist auch aberwitzig unausgewogen, trotzdem ist youtube ein Musterbeispiel fuer den Wert von user created content.

    Schreib doch bitte nochmal, wenn du mehr gespielt hast!

  3. 03
    Klaus

    Ich finde es nach wie vor erbärmlich dass Sony solch einen Aufwand macht wegen einer handvoll aufgebrachten Muslimen, die sich eh nur wichtig machen wollen. Da sieht man mal wieder dass Terrorismus bzw. die Angst davor funktioniert.

    Das Spiel finde ich super! Schaut euch auch mal dieses Video an, in dem die vielfältigen Möglichkeiten des Editors gezeigt werden. Da hat einer eine Rechenmaschine nur mit Spielelemente gebaut! http://www.youtube.com/watch?v=ZiRgYBHoAoU

  4. 04
    Felix

    @Klaus: Nö, Sony ist natürlich vor allem am Profit interessiert.
    Wenn sie befürchten, daß dieser durch die beiden Songs gefährdet ist (Negativer Medienrummel, Boykottaufrufe gegen Sony, Klagen) , dann macht eine Rückrufaktion schon Sinn.
    Sony will verdienen, und nicht die Meinungsfreiheit/Kunstfreiheit retten.

    Das ist nicht erbärmlich.

  5. 05

    Ich habe schon so lange nichts mehr gespielt. Kann ich vorbeikommen, mir eine Kopie auf Diskette ziehen und das Handbuch kopieren?

  6. 06
    Viva Hammonia

    Darf ich ? Darf Ich ?? Och büddö !!!
    „Hurra sie kapitulieren“ (noch bevor überhaupt was angefangen hat)
    :-)))

  7. 07

    @MakeAMillYen: Naja, der Erfolg von YouTube basiert aber in erster Linie sicher nicht auf den (auch teilweise genialen) eigenen Clips der Nutzer, sondern wohl eher auf dem endlosen Popvideo-Archiv „¦

    Aber:

    @Klaus: Wenn dahinter ein „echter“ Nutzer steckt, dann will ich nichts gesagt haben. Unfassbar.

  8. 08
  9. 09

    @Johnny Haeusler: Oje, das weiss ich nicht. Was braucht man da heute? Monkey Island hat damals auf eine 3.5″-Diskette gepasst.

  10. 10
    Frank Schenk

    Oh wie geil, das muss ich haben! Das schaut umwerfend, knuffig, lustig, amüsant – einfach genial aus!

    Hab da letzt noch ein anderes, sehr nettes Puzzle-spiel gefunden:

    World of Goo
    http://2dboy.com/games.php

    Gibt auf der Seite ne Demo mit dem kompletten Chapter 1.

    gruß

  11. 11
    timbo

    Der Dealer meines Vertrauens meinte das die Koran-Problematik nur Ablenkung sind, tatsächlich wird wohl noch wie blöde an patches gearbeitet, hoffentlich funktioniert deine Version trotzdem.

  12. 12

    @timbo: Bisher läuft alles, jau.

  13. 13

    @Johnny Haeusler:
    Weit aus mehr Sorgen als der Koran-Song würde mir das hier machen:
    http://www.penny-arcade.com/comic/2008/10/22/

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