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Rainald Goetzens Jeff Woons – Ein reaktionärer Artikel

„Ganz dicke Skisocken, kaputte Jogginghose, die Haare waren eigentlich ganz sauber. Und dünn sieht der aus.“
Meine Lieblingslektorin saß in einem Stück, in dem die Figur Jonathan Meese auftritt, neben dem tatsächlichen Jonathan Meese. Es tat sich aber kein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auf.
„Vier Menschen nehmen Drogen und unterhalten sich über Drogen und von Zeit zu Zeit ist einer der Künstler und die anderen die Bewunderer.“ So fasst die Lieblingslektorin das Stück zusammen. Das Selbstbild ist elaborierter:
„Das Stück behandelt die großen Themen der späten 90er Jahre, das Ausgehen, die Kunst, die Verbindung von Schrott und Kitsch und zum ersten Mal bei Goetz auch die Liebe. Der Text ist zu gleichen Teilen eruptiv innerlich-aggressive, biografische Episode und lakonische Dokumentation von rhythmischen Sprachfetzen.“

Mit der Kunst ist es wie mit der Religion: Je mehr Worte man erklärend dazufügen muss, desto nichtssagender ist der Anlass.
Die Bergpredigt ist großartig und erschließt sich ohne Badezusatz, um die absurde Dreifaltigkeit zu erklären, muss man Bibliotheken füllen.

Vor ein paar Monaten bin ich in die Fänge einer polnischen Fotokünstlerin geraten, die auf meine unschuldige Frage nach ihrem Werk eine dreiviertel Stunde lang erklärt hat, um welche Brechungen es ihr geht. Deutsche/Polen, Frauen/Landschaften, Eskapismus/Heimatliebe (nagelt mich da nicht fest, nach fünf Minuten habe ich angefangen, Sendung mit der Maus-Folgen stumm zu memorieren). Die Bilder dann: tatsächlich erklärungsbedürftig. Denn ohne Erklärung hätte man gedacht, dass es sich einfach um abgeknipste Ausrisse aus Archiven und Fotoalben gehandelt hat. Was an sich auch der Fall war, aber eben: Brechungen.

Nun bin ich der Letzte, der sich dagegen wehrt, dass Menschen töpfern, Jodeldiplome machen oder dichten. Zu meinem Kummer sehe ich auch gerade so gutmütig aus, dass alle diese Menschen mir ihr Werk voller Stolz zeigen und gerade in Berlin gibt es ja nicht mehr viele Nicht-Künstler. Allein: Wenn sie es mir zeigen, dann schätze ich es sehr, wenn sie nicht so tun, als hätte das, was sie da machen, irgendeinen höheren Wert.

Das Bundesverfassungsgericht sagt – vereinfacht gesprochen – das Kunst alles ist, was sich Kunst nennt oder einem Werktyp zuzurechnen ist. Und dem Bundesverfassungsgericht will ich natürlich nicht widersprechen (nicht nur, weil es zusammengenommen noch länger Jura studiert hat als ich, sondern weil es da natürlich auch Recht hat).
Aber bedeutet Kunst, mit großer Geste daherzukommen, Leute stundenlang als Geisel zu nehmen und sich dann dafür feiern zu lassen, dass man keine Geschichte erzählen/nicht malen/nicht fotografieren kann?

Ich würde kein Wort darüber verlieren, würde genau diese aufdringlich Attitüde der selbsternannten Avantgarde fehlen.
„Eruptiv innerlich-aggressiv.“
Ich setze jetzt einen Haufen und nenne ihn „dramatisch in seiner unbewegten Beharrlichkeit, von farbloser Schönheit und lakonischer Autoaggression“.

13 Kommentare

  1. 01
    Lebedjew

    Vielleicht deshalb die uneruptive, nachgerade aggressionsfreie, vulgo unaufgeregte Rezeption angesichts Goetzens „Rave“: Weil es einfach, gut ist.

  2. 02

    …ach, sie interessieren sich für scheiße? für die scheiße anderer menschen, auch weil die eigene so farblos ist? schöne scheiße. aber auch nicht die erste beste scheiße. die haben mit sicherheit irgendwelche steinzeitlichen art brut kollegen als kunstmaterial verwendet, ob es die eigene scheiße war, man weiß es nicht.

    mehr neuzeitliche scheiße hat zum beispiel der italienische Arte Povera Künstler Piero Manzoni verwendet, als er seine eigene scheiße in dosen abfüllte, mit etikett versah und verkaufte. für einen preis der ihrem gewicht in gold entsprach. gold hieß bei den frühen südamerikanern übrigens „götterdreck“ – schon da wurde viel scheiße ge- und verbaut.

    die kunst und scheiße gehören also seit urzeiten irgendwie zusammen. kennt man heute noch, anale phase und so. schmierfinken kontra paradiesvögeln. weichspüler oder trockenfutter. klugscheißer und kackbratze. nur das klopapier, das hatten immer die anderen.

  3. 03

    …die Manzonische ware hieß übrigens Merda d´Artista. Mehrsprachig, wie sich das gehört. Deutsch war glaube ich nicht dabei…

  4. 04

    pah, diese „künstler“ immer, die sollen sich mal lieber ein ordentliches blog anlegen.

  5. 05
    knecht

    klasse, malte, ich darf dich doch so nennen? einfach ganz großes tennis, und ich meine es so wie ich es sage bzw. schreibe!?

  6. 06
    Motzen

    Ich sag ja immer ganz gerne „Kunstkacke“.

  7. 07
    melmoth

    Beuys ist Mitschuld! Und Warhol! Und die Tatsache, das man in Berlin anscheinend sehr einfach ohne Steuerkarte kellnern kann oder die Taxiprüfung so leicht abzulegen ist. Außerdem sind Schals hier so billig. Und und und…aber wer lange labert über seine Kunst, oder labern will und muß, auch unaufgefordert, hat meist eh nix drauf. Lernt man im ersten Semester an der Akademie. Selbstverständlich nach der Aufnahmeprüfung. Die dort immer wieder durchgefallen sind, sieht man dann später wieder als lautsprecherische „Künstler“ von eigenen Gnaden. Na dann sind sie wenigstens weg von der Strasse, hätte meine Oma gesagt. Und die wusste stets genau Bescheid!

  8. 08
    heidrun

    :) schönes zum frühstück.

  9. 09
    kalli

    meine güte, die diskussion hat soooo nen bart. schon mal von konzeptkunst gehört? da gibts dann oft gar nix mehr zu sehen / hören / lesen etc., nur eine idee wird in den raum gestellt, alle erklärung gehört zum kunstwerk.
    dass 2008 immer noch mit anti-intellektuellen ressentiments rumgeweint wird: nicht zu fassen.

  10. 10

    …wieso? ist doch lustig. zur eigensicherung noch rasch den ironiemodus eingeschaltet („reaktionär“, blinkblink), dann kann man alles dürfen. dann ist es auch keine arroganz, als schmuckbildchen die zeichnung eines fünfjährigen zu nehmen. eigentlich wäre affen-kunst noch lustiger gewesen. aber vielleicht nicht so listig. übrigens ist goetz ein ziemlicher kasper. für mich jetzt. wie das universell und im allgemeinen „ist“, wurde im artikel ja bereits bestens erklärt…

  11. 11
    heidrun

    @ kalli:
    „eine idee wird in den raum gestellt, alle erklärung gehört zum kunstwerk.“
    ob das so die spitze des intellekts ist…
    auf jeden fall gehört dazu,jede kritik als ressentiment abzutun.
    yasmina rezas „kunst“ wird ja auch gern als reaktionär beschimpft. ich halte es für unterhaltsam, klug und berechtigt.

  12. 12

    Und ich dachte immer, alles was Homer Simpson nicht versteht muss Kunst sein.

  13. 13

    war eigentlich jemand bei dem theaterstück und hat es sich mal angeschaut? oder beschweren wir uns lieber über das, was wir nicht kennen und auch daher gar nicht verstehen können?
    scheinbar läuft das ja gar nicht mehr. hätte mich ja mal sehr interessiert.

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