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Wiederholungszwang

Infolge eines Missgeschicks mit der Fernbedienung passierte es mir vor zwei Wochen, dass ich zwei Mal Atze Schröder sah. Zwei verschiedene Male waren es, dies erkannte ich daran, dass einmal Barbara Schöneberger, das andere Mal Johannes B. Kerner den Ausführungen des perückend sonnenbebrillten Komikers lauschten. Atze Schröder erzählte in beiden Sendungen dieselbe Geschichte mit derselben Pointe („Kevin, mach die Mäh mal Ay“*). Eine Gemeinsamkeit von Mediengestalten und Politikern – haben sie einmal eine Punchline gefunden, dann wird der Markt/das Wahlvolk damit erbarmunglos penetriert. Blogger sind da skrupelbehafteter.

Es gibt nicht mehr so viele neue Erkenntnisse und die alten hab ich inzwischen schon einige Male variiert hier untergebracht.

Das habe ich gestern bei Felix Schwenzel gelesen, der es wiederum von Jens Scholz übernommen hat.
Beide begründen so, warum sie immer weniger bloggen.

Diese Verzaghtheit, was Wiederholungen angeht, ist keine Eigenschaft, mit der man US-Präsident werden kann:

Bei drei Gelegenheiten wiederholen da die beiden Präsidentschaftsaspiranten ihre Parolen wie Waschmittelverkäufer. Sie haben sich damit abgefunden, dass das Publikum nicht zuhört und es ist ihnen egal, dass die Wenigen, die zuhören, sich langweilen. Aprilfrisch in den Wandel, reiner als rein, raus aus dem Irak.

Dieser mainstream-mediale Wiederholungszwang bringt mit sich, dass auch eine Figur wie Obama etwas fipsasmusseneskes bekommt. Verständlich, dass Schwenzel und Scholz da in eine Identitätskrise geraten. Ich habe mich bereits während des zweiten Podcasts mit Max mehrmals gefragt, ob ich das nicht alles schon einmal gesagt habe und auch bei Texten gruselt mich der Gedanke, nur noch mich selbst wiederzukäuen wie eine trichophagische Kuh.

Aber andererseits: Haben nicht Luther und Marx, um einmal zwei mitteilungsbedürftige Landsleute zu nennen, auch im Wesentlichen jeweils eine These (für Lutherfans: man kann so etwas auch eindampfen!) unter das halb-taube Volk gebracht?

Entkommt man der Wiederholungsfalle nur durch stetes Paraphrasieren oder ist es für einen Blogger zwangsläufig so, dass er an den Punkt kommt: Hier ist alles gesagt, ich gehe jetzt fischen?

Oder könnte es am Ende so sein, dass das Internet, das im Gegensatz zum Fernsehen über ein Gedächtnis verfügt, unsere Art, Themen an den Mann zu bringen, verändert? Etwas sagen. Es dann stehen und einwirken lassen. Dann mal wieder etwas sagen, aber anders.

Ich könnte dem schwenzelschen Netzexistenzialismus jahrelang zuhören und ich hatte bisher nie das Gefühl, das bereits gelesen zu haben. Aber so ist das immer: Die echten Nervensägen werden Präsident und die übermäßig Selbstkritischen verabschieden sich aus der Öffentlichkeit.
So bleibt nur, dass am Ende alles hohl und Atze ist.

*Ein angeblich tatsächlich so gefallener Satz, den eine Mutter zu ihrem Kevin im Streichelzoo sagte.

24 Kommentare

  1. 01
  2. 02

    Dieses Wahlkampfvideo ist unglaublich herrlich.
    Unglaublich herrlich dieses Wahlkampfvideo.
    Dieses Wahlkampfvideo ist unglaublich herrlich.

    Ich glaube allein durch Copy+Paste würden die ganzen Wiederholungen im Internet zu schnell auffliegen. Ich glaube allein durch Copy+Paste würden die ganzen Wiederholungen im Internet zu schnell auffliegen.Ich glaube allein durch Copy+Paste würden die ganzen Wiederholungen im Internet zu schnell auffliegen.

  3. 03

    @Sem:

    wenn es nichts ausmacht, antworte ich mal darauf, was da zuerst stand:
    wir haben nichts dergleichen, ich war schon immer so.

    @cassio:

    gut, dass du das gesagt hast. schön, das von dir zu hören. das von dir gesagt zu bekommen, ist erfreulich.

  4. 04
    Chr

    Aber liefert das Leben nicht immer neues, ungeahntes, aufwirbelndes, anderes? Mir egal, Hauptsache, ihr schreibt hier schön weiter. Und sei es, von mir aus auch über die Schreibblockaden der anderen, deren Lösung eigentlich auch nur eine Frage der Zeit sein wird, möchte ich glauben…

  5. 05
    Mia

    Wiederholungen sind für das menschliche Gehirn ungemein wichtig! Man speichert nur das, was einen interessiert. Wenn einen nichts interessiert außer die aktuellen Sonderangebote führender Großhandelsketten (durchschnittliche Interessen des durchschnittlichen Durchnittsbürgers) muss die Werbebotschaft so oft wie möglich wiederholt werden damit was von der bunten, lauten Masse in uns haften bleibt. Deshalb gilt: viele Wiederholungen, dämliche Slogans, bunte Farben und große Buchstaben (Gemeinsamkeiten mit einer deutschen Tageszeitung sind unbeabsichtigt und absolut zufällig).

  6. 06
    Hr.Lohmann

    Ich lese euch eigentlich auch nicht. Ich überflieg euch nur und vergess das Zeug sofort wieder und freu mich 4 Wochen später über den selben Kram genauso sehr.

  7. 07
    ovit

    die 215.000.000 potentiellen wähler gucken ja leider nicht alle gleichzeitig den einen sender und die eine sendung. also wird durch ständige wiederholung versucht, die wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass jeder potentieller wähler die botschaft mal mitbekommt und dann vielleicht auch gerade noch zuhört.

    das kann der blogger auch versuchen. von den 500 besuchern liest nur ein bruchteil das geschriebene auch wirklich und durch ständige wiederholung erhöht sich die wahrscheinlich, dass der gedanke endlich endlich mal ankommt. auch wenn er noch so überflüssig ist.

    weitere gemeinsamkeit: beide sind davon gelangweilt, aber der eine kriegt seinen traumberuf und ne menge prestige, der andere macht eben was neues.

    blogs sind tod, der kandidat da aber noch nicht.

  8. 08

    Das mit der Wiederholung tritt doch nur auf, wenn man nichts Neues erlebt, bzw. wenn man mit einer Art „Verkündigungsbewusstsein“ bloggt. Und wenn man glaubt, man MÜSSE bloggen, auch wenns grad gar nichts zu sagen gibt.

  9. 09
    Komm Klaus

    Wiederholung gibt es doch nur dann, wenn einer nichts Neues erlebt. Oder wenn er beim Bloggen so etwas wie ein „Verkündigungsbewusstsein“ hat. Manche sind wohl der Ansicht, sie MÜSSEN bloggen, selbst wenn sie grad gar nichts zu berichten haben.

  10. 10

    Als Blogger hat man aber den Vorteil, bereits geäußerte Gedanken einfach verlinken zu können. Das geht in einer Talkshow oder Wahlkampfrede eher schwer.

  11. 11
    Der Frank

    Geht mir ähnlich, mit zunehmenden Alter (d.h. Ende zwanzig) stelle ich verstärkt fest, dass ich Leuten irgendwelche Dinge mehrfach erzähle, manchmal gerade aktuelles im Wochenrhythmus, dann wieder eigene oder von anderen geklaute Weisheiten und Erkenntnisse im plusminus Halbjahresrhythmus. Wem hab ich jetzt in welchem Kontext was erzählt? Genauso stelle ich fest, dass mir Leute Dinge erzählen, die ich prinzipiell interessant finde, wo ich auch interessiert nachfrage, die ich, wenn ich sie drei Monate später nochmal erzählt bekomme, wieder genauso neu und interessant finde, als hätte ich noch nie davon gehört. Früher wusste ich genau wer mir was erzählt hat und wem ich was erzählt habe, und wenn Menschen da vergesslich waren, erschienen sie mir unachtsam bzw. uninteressiert.

    Woran liegts? Frühsenilität oder Reizüberflutung in den Zeiten von Technikkrams, Spiegel Online, Wikipedia, Blogs, Podcasts, hastenichgesehn? Vielleicht sollte mir doch besser Mario Barth und Unser Charlie in der Glotze anschauen, damit das Gehirn mal Zeit hat zum Aufräumen und Müll raustragen?

  12. 12
    ajo

    Komisch, die Pointe kenne ich auch, habe aber weder JBK noch NDR Talkshow gesehen. Hat er die auch letztens bei Schmidt & Pocher gebracht? Aber die Pointe kommt mir irgendwie älter vor als letzte-Woche-erstmals-gehört. Schwierig.

  13. 13
    Maltefan

    des perückend sonnenbebrillten Komikers

    Ich liebe Dich!

  14. 14
    RC

    Genau deshalb schreibe ich auf einem meiner Blogs schon eine Weile fast nichts mehr. Egal was auch auf dem Feld passiert, ich habe es irgendwie schon längst kommentiert. Denn ich ziehe es ebenfalls vor zu verlinken statt zu wiederholen. Böse Falle.

  15. 15

    atze schröder ist intellektuell. er lässt es nur nicht raus. dabei könnte er der zweite nuhr sein.

  16. 16
    melmoth

    Apropos Dieter Nuhr: Als Malte anfing von Atze Schröder zu schreiben, fiel mir spontan eben auch der Nuhr ein, Liebling aller vor 1990 Abiturienten…
    Habe mit ihm beim Sinnloszappen das gleiche erlebt, nur das er komplette 2 Minuten seines Bühnenprogramms in drei TV Shows und weiteren 2 Talkshows zum Besten gab, nicht nur einen kleinen Joke. Witzeabteilung sterben, Nachrufe, warum wird da keiner beschimpft…etc pp… Das gehört zum Business wohl dazu, sich ständig selbst zu zitieren, this sucks! Am Ende wird man zu so einem Otto Waalkes und springt als Känguruh 40 Jahre mit einem Holladihöh auf jede Bühne… Ich hasse es schon am Telefon zwei mal in einer Woche die gleiche Frage beantworten zu müssen…

  17. 17

    wie oft hat johnny eigentlich schon menschen erklärt, was blogs eigentlich sind?

  18. 18

    Der Unterschied liegt ja im gesprochenen und im geschriebenen Wort.

    Wenn man etwas sagt, weiss man zum einen nicht, ob auch tatsächlich zugehört wurde, wer zugehört hat und ob die Botschaft auch ankam. Also wird wiederholt.

    Beim geschriebenen Wort verläßt man sich gutgläubig darauf, dass der Leser schon so lange das Geschriebene eigenständig wiederholt lesen wird, bis er es versteht.

  19. 19

    Das hab ich doch schon mal gelesen!

    Im Ernst: Mich nervt es tierisch, dass alle immer rumnörgeln, dass bloggen tot ist und eh nichts neues mehr passiert und auf einmal wollen alle aufhören. Mann! Ich hab grad erst angefangen! Für mich ist das immer noch neu und spannend! Da kann ich doch wohl nicht die einzige sein. Oder? Oder?

  20. 20

    @Johanna:

    bloggen ist tot ist das mantra derjenigen, die nichts mehr zu sagen haben.
    dann sagen sie eben das.

  21. 21

    Hat er nicht bei Harald Schmidt noch einmal das gleiche erzählt? Oder vielleicht sogar dasselbe?

    Ich kann es nicht mehr hören, daß er im Baströckchen tanzend ein Geschütz auf die „Aida“ gerichtet hat!

    Warum antworten Comidians auf Fragen immer nur mit Ausschnitten aus ihrem aktuellen Programm? Vielleicht aus dem selben Grund, warum Politiker dies auch tun!?

  22. 22

    das macht doch jeder und jede. bei leuten, die auf allen kanälen funken, bekommt man es nur eher mit.

  23. 23

    bloggen ist tot ist auch das mantra derjenigen, die gemerkt haben, dass nicht alles, was man denkt, auch gleich ins internet geschrieben werden muss.
    bloggen ist tot ist auch das mantra derjenigen, die ihren senf lieber bei twitter abgeben.
    bloggen ist tot ist auch das mantra derjenigen, die erkannt haben, dass so ein bisschen privatleben auch gar nicht schlecht ist.
    bloggen ist relevant ist übrigens das mantra derjenigen, die glauben, sie hätten etwas beizutragen, ohne dabei selbstkritisch zu sein.

  24. 24

    übrigens malte, was ist mit deinem blog los? war gerade mal da und das sieht ein bisschen „tot“ aus. hmm.

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