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Mann mit Hund

Ein schlecht beleuchteter Raum im Erdgeschoss, ein älterer Herr in einem sehr hässlichen Pullover mit Verdacht auf hohen Synthetik-Anteil sitzt direkt vor dem Fenster beim Abendessen am Tisch, vor ihm ein Teller, ihm gegenüber sein Hund. Ein Dackel.

Der Dackel sitzt auf dem Tisch und hat ebenfalls einen Teller vor sich. Hin und wieder schaufelt der Mann mit seiner Gabel etwas Fleisch auf den Teller des Hundes und zerkleinert es maulgerecht. Der offensichtlich erfreute, aber erstaunlich zurückhaltende Hund futtert genüsslich, während sich der Mann mit ihm unterhält und zwischendurch über die Konversation lacht.

Dann musste ich weiterfahren, da die Ampel auf Grün geschaltet hatte, und da war plötzlich dieses Jetzt-wird-es-bald-Winter-Gefühl: Wehmut und Hoffnung. Ich wollte darüber sinnieren, wie einsam der Mann sein muss, ob er überhaupt keine menschlichen Freunde hat, ob er je verheiratet war oder ob er seine Frau verloren hat oder ob er gar mit ihr, die vielleicht in einem nicht sichtbaren Teil des Raumes stand, geredet hat und nicht mit dem Hund.

Aber das klappte nicht. Ich konnte über nichts anderes nachdenken, als darüber, wie er das hinbekommen hat. Der Hund.

16 Kommentare

  1. 01

    dackel sind profi-puppenspieler

  2. 02
    fira

    sehr schön.

  3. 03

    Immerhin sind Hunde die einzigen Tiere die Emotionen im menschlichen Gesicht erkennen koennen. Was ja sogar einigen Menschen schwer faellt.

  4. 04

    War sicher einer dieser XXL-Wackel-Dackel, die man für 700 Essen-auf-Rädern-Digits bekommt.

  5. 05

    Manchmal scheint’s, als sei der Hund das einzige Lebewesen auf der Welt, das der Mensch mehr liebt als sich.
    Wirklich schön!

  6. 06

    Der Mann mästet den Hund, um ihn später aufzuessen. Nachdem er seinen einzigen Freund verspeist hat, wird er sterben.
    Im Regen.

  7. 07
    Martin2

    Find ich ok. Es gibt Menschen, die voller Zorn auf U-Bahnschächte einreden. Ich rede auch ziemlich viel mit mir selbst. Das Gute ist ja, dass dies durch diese Handydinger nicht mehr auffällt. Man weiß ja nie: Ist der jetzt verrückt oder redet der gerade mit seinem Steuerberater.

  8. 08
  9. 09

    Ein sehr sehr schöner Skizzenbucheintrag. Vielen Dank!

  10. 10
    Martin2

    @Johnny Haeusler: Ja, wohl wahr. Ich finde es einfach nett, dass diese technische Fortentwicklung dazu beiträgt, dass die Selbstgesprächsführer nicht mehr auffallen. Gerade dies wollen ja Menschen gar nicht, die zu sehr in sich selbst versunken sind.

  11. 11
    pirot

    ach so.

  12. 12
    moses

    Ich hatte einen Dackel. Er ist alt und gebrechlich gestorben.
    Ich denke das sollte die Welt wissen.

  13. 13

    Jetzt wissen wir wenigstens, wo Frau Moll sich satt frisst.

  14. 14
    Georg

    Wie Peter Fox in „Schwarz zu Blau“ so schön singt:
    „jeder hatn hund aber keinen zum reden““¦

  15. 15
    Mo

    Kein Scheiss? Einer der schönsten Posts den ich seit langem gelesen habe! Wenn man von so einem Text berührt wird, schaut man anders in die Welt.

    Danke, Herr Haeusler, und mein Beileid Herrn Moses.

  16. 16

    Nene, ist schon ein echter Dackel – gut erzogen halt! Und komisch, ich hab dich gar nicht vorbeifahren sehen heute.

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