25

Schmidt liest Proust

„Wenn man immer elitärer wird, liegt das nicht an einem selbst, sondern an den Mitmenschen, die sich disqualifizieren. Gestern las ich in einer Musikzeitschrift ein Gespräch mit einem deutschen Nachwuchssänger, in dem dieser behauptet, das Wort „deutsch“ stamme aus dem Polnischen und bedeute „stumm“. Da hat er wohl was verwechselt. Man kann nicht alles wissen, aber wegen solcher Eindrücke ist es mir unangenehm, aus den Proust-Notizen vorzulesen, weil man das Gefühl hat, die Menschen schon zu belästigen, wenn man einen Satz mit Nebensätzen zitiert. Eigentlich schon, wenn man einen Autor erwähnt, den nicht jeder kennt.“ (Jochen Schmidt)

Ist es elitär, Proust zu lesen? Ja, das ist es. Proust ist einer der wenigen Autoren, von denen jeder schon mal gehört hat, deren Bücher aber selbst bei Studenten der Literaturwissenschaft nur deswegen im Regal stehen, weils so hübsch dekorativ wirkt.

Jochen Schmidt hat das anders gemacht: Ein halbes Jahr lang je zwanzig Seiten von der Recherche, und dann hat er darüber geschrieben. Erst ein Blog, jetzt ein Buch. Das Blog hab ich verpasst, und jetzt bin ich froh, die 608 Seiten gebunden in der Hand zu haben, statt alles im Netz nachlesen zu müssen, bis die Augen bluten.

Und es lohnt sich. Ich war am Anfang skeptisch, aber es lohnt sich. Schmidt liest Proust ganz anders, als ich ihn gelesen habe, und auf sehr persönliche Art intensiv. Schmidt liest Proust, um irgendetwas in sich selbst zu finden und zu verfeinern, das er Seele nennt, und ihm dabei zuzusehen, wie er unsicher, aber charmant in seinen Empfindungen herumtrappst, manchmal nostalgisch wird, seine Tagträume feiert, hat etwas beruhigend privates.

Bei Lesebühnenautoren, wie Schmidt einer ist, wird in Rezensionsnotizen gerne betont, dass sie lustig sind und humorvoll und komisch und schnoddrig und nicht bildungshuberisch. Das stimmt alles, macht das Lesen auch unterhaltsam und kurzweilig, ist aber nicht die Besonderheit dieses Buches. Eher im Gegenteil: wunderbar an diesem Buch ist seine Vorsicht und der Versuch, genau zu sein. Schmidt feiert Proust auf 608 Seiten, indem er mit ihm mitgeht: als würde er Proust zeigen wolle, wie sein Leben ist, und abwarten, was Proust dazu zu sagen hat.

Es ist schön zu sehen, dass Proust, dass Bücher allgemein, Menschen verändern und Empfindungen verfeinern, und dass sie begeistern. So sehr begeistern, dass sich einer die Arbeit macht, ein halbes Jahr täglich drei Stunden die Arbeit macht, seine Lektüreerfahrung zu kartographieren.

Noch schöner ist es, wenn am Ende dabei so ein Buch herauskommt.

25 Kommentare

  1. 01

    na dann bitte ich aber sofort mehr „Elitäres“ zu streuen, um ein Quäntchen Intellekt unserem Sozialisierungsprozess anzuheften. Denn raube man uns den Nährboden geistig überdurchschnittlicher Ergüsse, könnten wir zusperren. Ihr und wir.
    Und dann? Ehrliche Arbeit?

  2. 02
    srm

    Hört! Hört!

  3. 03
    Chris

    Da auch die Beschreibung auf der Amazonseite etwas dürftig ist: Was ist auf der AudioCD zu hören?
    Wie der Zufall soll will habe ich das Buch auch gerade auf meinem Nachttisch liegen, bin aber seit 2 Wochen nicht über Seite 50 hinausgekommen. Vielleicht motiviert Schmidt ja?

  4. 04
    Jan(TM)

    Das Leben ist zu kurz für Sekundärliteratur.

  5. 05
    Alberto Green

    Schöner wäre die Überschrift „Valin liest Schmidt liest Proust“ gewesen.

    (Diesen Kommentar habe ich von Volker Strübing geklaut. http://volkerstruebing.wordpress.com/2008/10/30/kommen-sehen-losen/ )

  6. 06
  7. 07
    Chris

    Mal ne organisatorische Frage: Hier hat noch jemand meinen „Namen“. Ist ja bei „Chris“ nicht ungewöhnlich und ich bin da auch nicht eitel. Aber wegen mangelnder referentiellen Integrität bin ich jetzt irgendwie gehemmt. Wie kommt das zustande?

    Danke & Gruß
    Irgendein anderer Chris

  8. 08

    @Chris
    dein „C“ ist ja auch groß.
    Nachdem du hier anscheinend auch größer vertreten zu sein scheinst, verkünde ich hier hoch offiziell meine Namensänderung in „chrisW“.
    genehm?
    lg chrisW

  9. 09

    @Chris: Der andere Chris hat wahrscheinlich eine andere Mailadresse als du, insofern sollte das Plugin „Alle Kommentare von „¦“ also korrekt funktionieren. Was die reine Namensverwirrung angeht: Das ist ein bisschen Pech, leider, da hilt nur ein Zusatz oder ein Pseudonym.

  10. 10

    Sie nannten ihn chris

  11. 11
    Frédéric Valin

    @Chris: Auf der CD sind die Tage 55 bis 64 der Proustlektüre. Gelesen von Schmidt.

    @Chris: Identifikation durch den Namen. Das ist, wie wenn jemand „Chris“ auf der Straße ruft, Du dich umdrehst, und dann merkst, dass Du gar nicht gemeint warst. Bei „Laura“ wär Dir das nicht passiert.

    @Alberto Green: Ich hab auch noch einen: Richter liest Schmidt liest Proust.

  12. 12
    Frédéric Valin

    @Jan(TM): Sagst und schreibts in einen… Kommentar. ;)

  13. 13

    wer jetzt ganz stille ist, kann mich *hach, schön* denken hören :)

    (und ich weiß gar nicht, ob ich mehr jochen oder mehr frédéric meine. beide, wahrscheinlich. oder vielmehr ihre texte.)

  14. 14

    So ganz Unrecht hat der deutsche Nachwuchsmusiker ja nicht, obwohl er tatsächlich was durcheinanderbringt. Im Russischen heißt deutsch und stumm tatsächlich dasselbe, ämlich nemiezki. Das kommt von den deutschen Einwanderern unter Piotr, die halt eben kein russisch sprachen und deshalb als stumm bezeichnet wurden. Im Polnischen heißt deutsch auch sowas wie nemietzki.
    Hat aber nix mit Proust zu tun, der am selben Tag wie ich Geburtstag hat.

  15. 15
    Chris

    @chris: Aber jetzt bin ich vollkommen verwirrt. Kommentar 3 ist doch auch groß („Chris“). Egal. Danke. Weiter im Text.

  16. 16

    Und nun ist es soweit, meine Damen und Herren:
    Das neue Chris-Quiz ist hier!

    Erraten Sie den einzig wahren Chris und gewinnen
    Sie eine Nacht mit allen anderen Chris-es.
    Denn der wahre ist garnicht so hübsch.

    ein Chris

  17. 17
    Peter

    Ich dachte erst, „Schmidt“ wäre „Harald Schmidt“. Dann hätte es mich interessiert…

    Aber so habt Ihr Euch meinen Klick mal nicht schlecht übel erschlichen, Ihr Gauner.

  18. 18
    Florian

    @Peter
    Dachte ich auch, habe auch geklickt und war beruhigt zu lesen, dass ein anderer Schmidt gemeint ist. Und darüber hinaus klingt es auch wirklich interessant :-)

  19. 19
    Chris©

    Ich hielt mich für so individuell! Mein Name zumindest scheint es nicht zu sein. :(

  20. 20

    Die polnische (slawische) Bezeichnung für die Deutschen bedeutet tatsächlich „stumm“. Aber anders als belafinster behauptet, kommt die Bezeichnung von den Slawen im Westen, die direkt an die Sachsen und andere Germanen grenzten.

  21. 21
    jochen

    ja, aber nicht das wort „deutsch“ kommt von stumm, sondern das wort *für* deutsch. das weiß man ja, und darum gings. eigentlich kommt es auch von zungenlos, glaube ich.

  22. 22

    Sehr schön ist übrigens auch Alain de Bottons „Wie Proust Ihr Leben verändern kann“. Aber wem sage ich das

Diesen Artikel kommentieren