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Keine Panik

Wenn man sich verliest und die Überschrift „Ein Friedhof in Harare“ auf der Titelseite der SZ als „Ein Friedhof für Haare“ liest und daraufhin für einen kurzen Moment glaubt, die Süddeutsche würde über den eigenen Friseurbesuch schreiben, dann ist man ein wenig egozentrisch, zugegeben. Wenn man allerdings von der nahenden Wirtschaftskrise liest und denkt, man selbst werde davon nicht berührt, könnte das eine recht realistische Einschätzung sein.
In meinem allerersten Beitrag für Spreeblick habe ich bereits darauf hingewiesen, dass es mir im Gegenteil immer besonders gut geht, wenn große Krisen heraufbeschworen werden.
Aber dieses Mal ist alles anders, die Deutschen verstehen noch gar nicht, wie ernst die Lage ist. Sei es Finanz-, Wirtschaftskrise oder Klimakatastrophe – die Leute leben einfach weiter so vor sich hin.
Vogelgrippe, Tschernobyl, BSE, le Waldsterben – immer ist maximaler Alarm. Und immer schreit einer mitten in den Alarm hinein: „Die Deutschen verstehen den Ernst der Lage noch gar nicht!“

Ich kenne niemanden, der vor dem Big-Brother-Container darauf gewartet hat, den Saum von Zlatkos Gewand zu küssen und ich kenne niemanden, der wegen der Vogelgrippe toten Vögeln unfreundlicher begegnet wäre als unbedingt nötig.

In der Regel kann man eine Medienkatastrophe von einer echten unterscheiden, indem man sich vergewissert, ob man in einem Luftschutzbunker sitzt. Die Motivationstrainer unter den Kommentatoren werden jetzt wieder mit der Geschichte von dem Frosch kommen, der aus kochendem Wasser direkt wieder rausspringt, wenn man ihn reinwirft, in sich langsam erhitzendem Wasser aber verweilt, bis er durch ist. Auch diese Geschichte ist jedoch schon bei jeder Krise erzählt worden.

Es ist wohl ganz einfach so: Medien eignen sich nicht als Überbringer schlechter Nachrichten. So wenig wie der Dorfdepp, der jeden Abend angerannt kommt und schreit: „Die Sonne ist weg, wir werden alle sterben“. Man bräuchte vielleicht einen Extra-Kanal für schlechte Nachrichten. Dort erschiene dann ein ganz in Schwarz gekleideter Mann mit Mittelscheitel und Brille, möglichst ein Beamter, auf dem Bildschirm und würde sagen: „Liebe Mitbürger, in Berlin-Mitte ist vor einer Stunde eine mittelgroße Atombombe explodiert. Geld kam nicht zu schaden, allerdings wurden 30000 Berliner, davon die Hälfte auf Kosten des Staats lebend, sofort getötet. Auswirkungen auf die Wirtschaft werden nicht erwartet, Folgeanschläge ebensowenig. Sollten Sie in Berlin leben, raten wir dringend, eine Krebsvorsorgeuntersuchung zu machen. Allen anderen Bürgern wünschen wir einen schönen Sommerurlaub.“

Aber dann würden wahrscheinlich die Medien eine Krise bekommen.

21 Kommentare

  1. 01

    Auch wenn ich den Gleichmut meistens relativ erfrischend finde, den offenbar die Deutschen ein bisschen besonders an den Tag legen, bin ich mir nicht so ganz sicher, ob diese Krise nicht doch etwas direkter bei mir ankommt als BSE und der nächste Angriff der Killa Bees.

    Ein Freund von mir arbeitet beim ZDF und hat vor einigen Wochen den ganzen Tag über Nachrichten vom Sturm geschnitten. Abends traute er sich erst kaum, mit dem Auto zu mir zu fahren, weil es ja so abgeht draußen. Dabei war hier gar nix.

    Ich habe auch den Eindruck, dass es nicht nur Gelassenheit ist, sondern des öfteren auch ein großes Desinteresse an der Welt, ich bin da so ein bisschen zweispaltig.

  2. 02

    @form:

    wie sollte man sich da auch sicher sein?
    dass bse nicht gewirkt hat wie versprochen, heißt ja nicht, dass demnächst hier keine autos mehr rollen, weil alle pleite gegangen sind. aber wie will man das noch auseinander halten?

  3. 03
    christopher

    Ich würde das ganze einen positiven Fatalismus nennen.
    Wenn die Krise kommt, kann man selber eh nichts dran ändern. Wenn sie nicht kommt, gut.

    Also lebt man einfach ganz normal weiter und schaut was passiert.

  4. 04
    shoggoth

    Die herkömmlichen Medien können eben nur noch „Hype“…durchdachte oder wenigstens 15min reflektierte Artikel/Berichte werden immer mehr zu Sonderware.
    Da wird dann Jahre nach der Marktbeherrschung Google hochgejubelt und nun eben Jahre nachdem man wusste, dass GM, Ford und Chrysler am Markt vorbei exisitieren von der gr. Krise der Automobilindustrie geschrieben/geredet.

    Die besten Beispiele für das immer flacher werdende Niveau unserer Journallie aber ist: Die Durchschleppung des Begriffs „reale Wirtschaft“ durch alle Medien…
    copycat rules.

  5. 05
    shoggoth

    Ich durfte meine Rechtschreibefehler nicht korrigieren (load failed) :(
    WP 2.7.?

  6. 06
    Jan(TM)

    Wenn man allerdings von der nahenden Wirtschaftskrise liest und denkt, man selbst werde davon nicht berührt, könnte das eine recht realistische Einschätzung sein.

    Die Wirtschaftskrise wird ja eher heruntergeredet von den Medien, betroffen sind wir schon durch das verpulvern von Steuergeldern oder auch positiv durch das verschwinden der INSM Mietmäuler.

  7. 07
    Rox

    @Malte Welding:

    Na ja, selber nachdenken eben.

    Ich finde, wenn man mehr als ein seriöses Medium konsumiert und das dort erlernte mit den eigenen Ansichten und dem eigenen Wissen reflektiert, bekommt man schon ein ziemlich treffendes Bild der Realität – unter der Prämisse: cool bleiben, locker bleiben.

    Wir sind ja keine BILD-Leser, sag ich mal. Wir könn‘ das.

    Und sooo schlimm sind die üblichen Tageszeitungen oder das öffentlich-rechtliche TV-Programm auch nicht.

  8. 08

    Ich persönlich habe wegen der Krise eine guten Job nicht bekommen. Zumindest ist das die Begründung des Unternehmens gewesen („Wir hätten sie gerne genommen, aber jetzt wird gar keiner eingestellt.“). Das ist für mich nun kein Grund, Trübsal zu blasen, bin ich doch mit meinem derzeitigen Arbeitsplatz schon ziemlich zufrieden.

    Ich halte so eine Gelassenheit auch gar nicht für verkehrt, erlaubt sie doch ein Mindestmaß an Reflexion und schützt vor übereiltem Aktionismus. Ein durchaus positiver Effekt auch unseres deutschdemokratischen Bürokratismus, wie ich finde. Das wird viel zu selten anerkannt, hier werden meistens nur die negativen Seiten gesehen.

    Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, ein Stück weit tragen beispielsweise die Gesetzesverschärfungen sogar zum Fortbestand des Terrorismus bei, wenn sie ihn nicht sogar herausfordern. (Versteht man, wie der letzte Absatz gemeint ist? Habegerade keine Zeit für mehr Ausführlichkeit.)

  9. 09

    Nach dem ich mich noch mal über die Bedeutung des Wortes ‚Fatalismus‘ schlau gemacht habe, würde ich mich @christopher anschließen. Et kütt wie et kütt und is immer jut jejangen!

  10. 10

    @nilsn:

    es sei denn, man ist fan des 1. fc köln

  11. 11

    Ob 1. FC Köln oder BRD, die jeweilig verantwortlichen Protagonisten für das Krisenmanagement stimmen mich ähnlich, aber eher nicht optimistisch.

  12. 12

    Ich gehe davon aus, daß die BILD spätestens an Silvester bekanntgeben wird „Was sich nächstes Jahr alles ändert“. Man sollte mal bei Kai Diekmann anrufen und ihm vorschlagen, an erster Stelle zu setzen: Die Wirtschaftskrise tritt am 01. Januar rückwirkend in Kraft und bleibt uns noch ein Weilchen erhalten – bitte in Panik ausbrechen! Der Spreeblick könnte allerdings Vorreiter sein und als erster diese allseits beliebte Liste veröffentlichen. Ist doch schön, wenn man sagen kann: Das hat die BILD bei uns geklaut! Und dann wissen alle Bescheid und können der Panik freien Lauf lassen.

  13. 13

    Ich finds auch bedenklicher wenn Wirtschafts Nobel Preisträger alle zu den Rettzungsbooten rufen.
    http://krugman.blogs.nytimes.com/2008/12/06/terrible-employment-numbers/

    Persönlich betrifft mich das natürlich nicht, bin ja Student. Bafög is momentan genug, wenn sie das kürzen, wird man zu recht bemerken, dass das ja wohl auch nicht gut für den Konsum seien kann. Investiert hab ich auch nichts. Alles easy.
    Ein wenig mehr Aktionismus würde ich mir aber schon wünschen, ob umfangreiche Investition in Infrastruktur oder Barschecks is mir aber auch egal. In einem kurzen Schub Verantwortungsgefühl habe ich meinen Konsum aber hochgeschraubt, da ich aber in England bin wird dass der deutschen Wirtschaft wenig nutzen.

  14. 14
    sven

    Krisen kommen und gehen und jede Krise ist auch eine Chance.
    Aber es ist schon merkwürdig das die Krisen in immer kürzeren Abständen kommen.
    Erst die Internetblase, dann 9/11 und jetzt die Bankenkrise.
    Könnte es sein das wir eher ein systembedingtes Problem haben, welches wir so direkt nicht wahrnehmen wollen ?

  15. 15

    @Malte Welding:
    Ja, prinzipiell weiß mans nicht. Aber zumindest Island ist doch schon mal bankrott, oder? Meiner Wahrnehmung nach ist zumindest das Finanzkrisenthema doch etwas mehr in der Realität verwurzelt als die gängigen Panikhypes.
    Was ja nicht heißen muss, dass man sein T-Shirt zerreißt, und schreiend aus dem Fenster springt. Auch wenn es sicher lustig aussähe.

    @Sven: Ist doch super, so viele Chancen!

  16. 16
    shoggoth

    @sven: Die Internetblase war ja wohl keine Krise…im Ernst – da waren etliche Firmen an die Börse gegangen, die im Grunde genommen noch überhaupt nicht wussten, wie oder mit was sie Geld verdienen wollen.
    Genau das ist doch das Problem. Dieses ständige Mediendummgeschwätz bringt vernünftige Menschen dazu, die Internetblase als „Krise“ anzusehen…qed.

    Das war eigentlich eine generelle Börsenblase mit dem Neuen Markt und etlichen Investoren, die irgendwie glaubten, dass urplötzlich aus dem Nichts heraus, Hunderte von Microsofts und Novartisse entstehen würden (denn die Blase betraf ja nicht nur IT, sondern auch die Bio-Gens).

    Vielleicht muss man es ja wirklich sagen: Zum Kapitalismus wie wir ihn praktizieren, gehören Auf- wie Abwärtsbewegungen.
    Dass es in den letzten 20 Jahren insgesamt sehr viel Bewegung gab, liegt daran, dass in diesen 20 Jahren bahnbrechende Technoligien entstanden sind: Telekommunikation (ISDN, Mobilfunk, DSL, usw.), IT (Hardware, Software, Geschäftsgrundlagen, usw.), Internet (ähh hier das), Genetik, Biotechnologie, usw.
    Und immer wenn ein für die Zukunft relevant erscheinendes Marktsegment anbricht (Internet, Mobilfunk(denkt nur mal an die Summen für die UMTS-Lizenzen), dreht alles ab…

  17. 17
    Henker

    @Malte Welding:
    bei allemannia gibts ja immer irgend eine krise. da geht man mit sowas gelassener um :)

  18. 18
    oehi

    Das vielleicht etwas besondere an dieser „Krise“ ist, dass diesmal diejenigen auf den Kopf kriegen, die sonst immer den Daumen nach oben oder nach unten hielten. Die Analysten der Investmentbanken haben alles und jeden analysiert, die Presse hat es wie’s Orakel von Delphi besungen, nur ihren eigenen Hintern haben sie dabei vergessen.

  19. 19
    OnkelLu

    Hab durch die Entwicklung gerade meinen Job verloren und trotzdem kommt es mir vor wie „Jammern auf hohem Niveau“

  20. 20

    @oehi:

    Da waere ich mir mal nicht so sicher.

    Ich weiss nicht inwieweit dies jetzt auch auf Deutschland zutrifft, aber wenn ich das hier so lese (und ich halte Robert Peston fuer recht faehig), dann wird mir schon etwas mulmig:

    2009 is payback year

    Das betrifft so einige mehr als nur ein paar Analysten in Investmentbanken. Das ist es naemlich wenn die „banking crisis“ so richtig in der „real economy“ ankommt.

  21. 21

    medienkrise? ich sehe nur ein thema: glück. wir müssen nur dran glauben.

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