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Fade out bei Zoomer

Ich möchte nicht diesen Artikel immer und immer wieder schreiben. Und auch diesen nicht. Aber jetzt, da Zoomer zum Verdursten in die Wüste geschickt wird (die Redaktion wird halbiert, was nur die Frage offen lässt: Warum schließt man Zoomer dann nicht gleich?), da wird mir bewusst, dass ich noch nicht ausdrücklich genug auf die absolute Hodenlosigkeit der aktuellen Verleger-Generation hingewiesen habe.
Man sollte doch eigentlich unterstellen, dass Stefan von Holtzbrinck* irgendeine Vorstellung davon hatte, wie Zoomer sein soll. Dass dann nach einigen Monaten der Relaunch erfolgt, mag ja noch als netztypischer Beta-Wahn durchgehen (ich hoffe, die Autoindustrie fängt nicht auch irgendwann an, Autos aufs Geratewohl auszugeben und die User testen zu lassen, wie der Wagen bei Regen funktioniert), ist aber natürlich schon Zeichen von verlegerischem I-don´t-know-how.

Ich gehörte nicht zur Zielgruppe von Zoomer, aber es war tatsächlich – bei aller Kritik, die ich auch schon geäußert habe – der einzige Versuch eines großen deutschen Verlages, den Usern eine Stimme zu geben. Dazu kam – genau wie bei WatchBerlin – eine Redaktion, die mit viel Eifer, Einfallsreichtum und rührend vergeblicher Liebesmüh bei der Sache war. In der Kürze der Zeit, die Zoomer beschieden war, hat es durchaus nach und nach Schritte in die richtige Richtung gemacht, ich hatte den Eindruck, das könnte noch etwas werden. Da habe ich mich wohl geirrt.

Welche Erwartung von Stefan von Holtzbrinck ist also nicht erfüllt worden? Aber schon die Frage unterstellt ja, dass er irgendeinen Plan hatte. Und daher ist die Frage falsch.

Nach allem, was ich so höre, ist es ein echter Jammer, dass hier ausgerechnet immer wieder auf Holtzbrinck rumgetrampelt wird. Von Gruner&Jahr höre ich unter der Hand viel merkwürdigere Sachen, Springer ist sowieso indiskutabel, die Süddeutsche wird das Netz erst verstanden haben, wenn es keinen Strom mehr gibt, die Mecom-Gruppe könnte genauso gut Wurst in Schachteln verkaufen oder Wasser in Sieben wie alte dpa-Artikel in Papier oder Nullen und Einsen.
Keine schönen Aussichten für junge Journalisten.

Ich habe tatsächlich in den vergangenen Wochen mehr und mehr Sympathien für die Öffentlich-Rechtlichen bekommen. Da läuft auch viel schief, aber von diesen habe ich noch am ehesten den Eindruck, dass dort Leute Journalismus betreiben wollen.

Der Niedergang des privat finanzierten Journalismus in Deutschland ist ein Desaster, eine Scheußlichkeit für das Gemeinwesen.
Menschlich noch scheußlicher aber ist, dass für die Hinrichtungsmaßnahmen Begriffe aus der Sprache der Unternehmensberater gewählt werden. Man stärkt Kernkompetenzen und schärft Markenprofile, wo in Wirklichkeit Leute entlassen werden und man den Journalismus beerdigt. Es ist so widerlich, dass als Triumph verkauft wird, was in Wirklichkeit komplettes Versagen ist, dass man den 68er Schlachtruf „Enteignet Springer“ am besten umformulieren sollte in: „Enteignet sie alle.“

*Stefan von Holtzbrinck ist ein Neunuch. Ein Mensch, der alles Neue ganz toll und spannend findet (eine begrüßenswerte und unter deutschen Verlegern seltene Eigenschaft), der darüber hinaus ein außerordentlich sympathischer Mensch sein soll, aber keine Eier hat, die Sachen dann auch durchzuziehen (was wiederum Oliver Kahn nicht gut fände und der hat immer Recht).

46 Kommentare

  1. 01
    Bernd Haas

    Da bin ich aber mal gespannt, ob „Neunuch“ noch Schmähkritik ist. Haltet uns Interessierte bitte auf dem Laufenden.

  2. 02

    @Bernd Haas:

    der figurative gebrauch von eiern – findest du den bedenklich?

  3. 03

    Bin zwar keine Bank die man mal eben mit Steuergeldern stützt,
    gehöre auch nicht der Schreibenden Zunft an und bin Dir, lieber Malte,
    dankbar für die ‚Andere Sichtweite‘ dessen, was man ansonsten unbedarft aufschnappt.

  4. 04
    shoggoth

    Holtzbrinck hat in den letzten Jahren eben viel in Netzideen investiert und bereinigt nun sein Portfolio, weil die Investitionen nicht die erhoffte Tragfähigkeit gebracht haben.
    Das ist zwar bzgl. einigen Projekten vielleicht schade, aber durchaus dem nachvollziehbaren Umstand gewidmet, dass man auch in Zukunft noch Geld haben will.

    Laut Gerüchten macht auch der Rest der Familie/Gesellschafter Druck, in Zukunft nicht mehr soviel Geld im Netz zu verbrennen…das waren ja schon einige gewagte Investitionen in den letzten 5 Jahren.

    Wenn also Zoomer.de nicht eingestampft wird, sondern radikal verkleinert wird, könnte man annehmen, dass es in der dann vorhandenen Größe tragfähig sein könnte…

    Auch glaube ich gelesen zu haben, dass Zoomer unter die Fittiche vom Verantwortlichen von Zeit-Online kommt – d.h. hier werden ggf. im Hause nur Produkte sinnhaft(?) gebündelt.
    Da hat Hlotzbrinck ohnehin noch einiges zu tun…Cross-Selling-Potenziale sollte es schon noch geben bei der Breite an journalistischen und internetspezifischen Produkten und Ideen.
    Die Unterstellung der Planlosigkeit ist unfair, weil es einfach ist, beim Scheitern und im Nachhinein drauf zu schlagen.
    Und welche Pläne gibt es denn tatsächlich für Ideen und StartUps im Netz??? IPO und Übernahme…das sind die gängisten Erfolgsformeln…
    Für Verlage geht/ging es wohl eher darum, sich im Netz eine gute Ausgangsbasis zu schaffen…
    Passt auf – spätestens 2010 gibt es das erste Angebote eines Verlages für spreeblick :)

  5. 05
    EsKa

    „Passt auf – spätestens 2010 gibt es das erste Angebote eines Verlages für spreeblick :)“

    Einschließlich des Verlagsobjektes „fooligan.de“, welches sich auch in einer Art „Fade out“ Phase befindet? ;)

  6. 06

    @EsKa:

    wie viele leute werden denn arbeitlos, wenn die em statt bei fooligan auf spreeblick stattfindet? das sind nicht einmal äpfel und birnen, die du da vergleichst, du vergleichst schachspielen und um-die-ecke-gebogen-kommen miteinander.

  7. 07
    Alberto Green

    @shoggoth: „Passt auf – spätestens 2010 gibt es das erste Angebote eines Verlages für spreeblick“

    Vielleicht interessiert sich ja dann der Spreeblick Verlag KG dafür.

  8. 08

    @shoggoth:

    nicht im nachhinein – schon ende mai:
    http://www.netzeitung.de/medien/1033497.html

    „Cross-Selling-Potenziale sollte es schon noch geben bei der Breite an journalistischen und internetspezifischen Produkten und Ideen“

    meine sparkassenfrau hat mir verboten, den begriff synergien in den mund zu nehmen, weil sie das alles in diesem zusammenhang schon einmal gehört hat:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Bankenskandal

  9. 09
    EsKa

    @Malte Welding:
    Naja – die EM ist vorbei. Fooligan schläft noch immer. Sollten wir aber vielleicht drüben diskutieren.

  10. 10

    @EsKa:

    ist schon okay, wenn wir das hier machen:)
    fooligan war anfangs ausschließlich für die wm geplant, dann haben wir ein wenig weiter gemacht, dann hat fred irgendwann übernommen. aber das bundesliga-alltagsgeschöft ist etwas eintönig. kann sein, dass fred und ich demnächst regelmäßig am wochenende drüber schreiben, aber bislang schiebe ich das auf.
    aber morgen kommt hier ein fußball-artikel (oder übermorgen)

  11. 11
    F. Kobel

    „…aber es war tatsächlich – bei aller Kritik, die ich auch schon geäußert habe – der einzige Versuch eines großen deutschen Verlages, den Usern eine Stimme zu geben.“

    Die Welt hat sowas im kleinen auch versucht:

    http://debatte.welt.de/

    ach ja, aber springer ist ja sowieso indiskutable…

  12. 12
    EsKa

    @Malte Welding:
    Dann schmeißt doch wenigstens die SEO-Spammer raus. So als Lebenszeichen. ;)

  13. 13
    shoggoth

    @Malte Welding: OK – lassen wir die Sparkassenfrau im Recht.
    Dennoch muss es doch bei einem Megalomat von Verlag entsprechende Potentiale geben. Ich glaube einige auch schon hier erwähnt zu haben, verliere aber langsam den Überblick (gibt es eigentlich eine Kommentar-Log Software?).
    StudiVZ: Campus (ZeitVerlag), Chancen (Entsprechender Teil der Zeit) und dieses Partner-Dings von H…
    Zoomer: Naja – was liegt näher als die Artikel auf zeit.de und anderen bewerten zu lassen und mit Zoomer zu verbinden?

    Also auch wenn Du als Altlinker („Enteignet alle“) das Wort „Synergie“ nicht hören magst, so scheint H zumindest einiges an Potentialen dort noch ungenutzt zu lassen.
    Aber nichts für ungut – lesen mag ich Deine Ergüsse trotzdem… :)

  14. 14
    JST

    man kann es aber auch niemanden recht machen: investiert ein laden großspurig ins netz und schafft arbeitsplätze (wenn auch zeitlich vielleicht begrenzt), dann werden sie ausgelacht. streicht ein laden die investitionen wieder zusammen, um vielleicht einen teil der arbeitsplätze zu sichern, ist das auch nicht okay. schon nicht einfach ;-)

    ich glaube ja:

    1. bisher gibt es kaum neue erlösmodelle für internetservices.

    2. deshalb überleben in naher zukunft vermutlich nur die betreiber, die sich den klassischen erlösmodellen unterwerfen und diese sinnvoll mixen.

    3. wenn keiner mehr experimentiert, dann wird es auch keine größeren investitionen mehr geben.

    4. journalismus ist in einer großen umbruchphase – da wird noch viel blut fließen. kostengünstiger und qualitativ hochwertiger journalismus für das internet wird es in der breite vermutlich erst in vielen jahren geben.

    5. die öffentlich-rechtlichen können experimentieren – sie bekommen, wie fast in einer planwirtschaft, recht überschaubar jedes jahr geld, was nicht ihnen gehört. damit fällt experiemtieren leichter, als wenn unternehmerInnen ihr privates geld investieren müssen.

    6. nach einem misslungenen experiment gibt es immer jede menge leute, die ja schon vorher wussten, dass dieses experiment schief gehen würde.

    7. wer experimentiert, sollte auch fehler machen dürfen.

    8. die negative betrachtung von arbeitslosigkeit liegt häufig in der betrachtung. arbeitslosigkeit ist fester bestandteil des kapitalismus. würde die gesellschaft arbeitslosigkeit nicht ständig stigmatisieren, wäre sie für die betroffenen schon mal ein etwas kleineres problem. es sollte doch jedem arbeitnehmer klar sein, dass eine firma, die neu aufgebaut wird, auch scheitern kann. das sollte der gesellschaft auch klar sein. aufbauen, erfolg und scheitern liegen eben sehr dicht beieinander. in den meisten fällen sollte die bereitschaft zu persönlichem risiko positiv bewertet werden. in deutschland gilt aber immer noch der wunderbare selbstbetrug: unbefristete arbeitsverträge in soliden firmen wären das maß der dinge. sind sie aber schon lange nicht mehr.

    9. springer ist nicht indiskutabel: die haben schon extrem früh ins netz investiert und dabei viel geld verloren.

    10. die 68er sind lange vorbei und haben eine menge schräger vögel, eltern und politiker hervorgebracht. ;-)

    gruß aus fhain – jens

  15. 15

    @shoggoth:

    ich glaube, dass er gerade zu den von dir beschriebenen intelligenten und naheliegenden lösungen nicht kommen wird (wobei ich naheliegend unter dem vorbehalt sage, dass die zeit in hamburg sitzt, zoomer, tagesspiegel und watchberlin aber in berlin). sondern eben einer zwei jobs macht, was auf dauer eben eher nicht zu verbesserungen führen wird.
    übrigens: „alt-linker“ ist wirklich putzig.

  16. 16

    @JST:

    1-5: ja
    6: bei zoomer wussten das eine menge leute schon von anfang an und haben es auch geschrieben. und wer wäre dafür verantwortlich, wenn nicht stefan von holtzbrinck?
    der kommt aber (punkt 7) mit seinem fehler wesentlich besser davon als die freigestellten zoomer-mitarbeiter.
    8: ja. aber inwiefern ist zoomer gescheitert? hat man höhere klickzahlen erwartet oder mit den klickzahlen höhere einnahmen? inwiefern sind die betroffenen mitarbeiter gescheitert und inwiefern die chef-etage?
    9: springer ist indiskutabel, weil springer die bildzeitung herausbringt. und die sucht ihren wirtschaftlichen vorteil einem gerichtsurteil zufolge bewusst in der persönlichkeitsrechtsverletzung anderer.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kai_Diekmann#Klagen
    10: ich habe – bedingt durch die frühe geburt meiner eltern – nichts mit den 68ern zu tun.

  17. 17
    shoggoth

    @Malte Welding: Ähh…wieso denn nicht? Wenn ich doch drauf komme und Du es auch noch „intelligent und naheliegend“ nennst :)
    „Alt-linker“ – ich kann eben das Wort Enteignung nicht mehr hören..das ist ja wieder total in Mode…

  18. 18

    @shoggoth:

    das ist genauso wörtlich zu verstehen wie das „geht sterben“ bei stefan niggemeier

  19. 19
    JST

    @Malte Welding (16):

    6. der anfang lag aber nicht erst beim launch, sondern lange vorher. da hat das wahrscheinlich noch niemand gewusst – oder? nach dem launch haben die aber auch noch einiges überarbeitet, wenn ich mich nicht irre. sie haben also reagiert, verändert.

    8. vielleicht ist zoomer im moment gescheitert in bezug auf die kostendeckung. daran sind mit sicherheit mehrere menschen gescheitert – kleine mitarbeiter, große geschäftsführer, investoren.

    9. unter dem gesichtspunkt kann ich das nachvollziehen.

    10. war auch nicht auf dich gemünzt, sondern nur als witzig gemeinter abschluss und damit ich auch auf die zahl 10 komme ;-)

    gruß jens

  20. 20

    Mal eine off-topic Frage: wie geht denn das mit der onmouseover-Einblendung auf dem Bild? Ist das ein WordPress Plugin und wenn ja, wie heißt es?

    **Ende offtopic Anfrage***

  21. 21
    Jan(TM)

    „žDie Deutschen verstehen den Ernst der Lage noch gar nicht!“

  22. 22

    @offtopic

    lasst den fooligan mal hier, dann muss man nicht immer rüber gehen.
    viel zu weit.

  23. 23

    nebenbei bemerkenswert, dass für dieses holtzbrincksche online-gebilde ein neues teures cms angeschafft wird, anstatt mit den derzeit eingesetzten open-source-systemen weiter zu arbeiten. interessante definition von „kosten senken“, zumal die IT von zeit.de seit jahren open source atmet.

  24. 24

    Sehr gelungener Kommentar von Malte. Weil es die privaten Unternehmer nicht hinkriegen, ist Öffentlich-Rechtliches wieder gefragt. In der Finanzkrise haben wir uns ja auch an die guten alten Raiffeisen- und Volksbanken erinnert.
    Siehe auch: http://carta.info/3260/flatrate-journalismus/

  25. 25
    Tim

    Schon mal an den eigenen Bauchnabel gefasst? Kann es nicht sein, dass die ach so tollen Angebote für die Internet-Generation, wie Zoomer, studivz, an der Zielgruppe vorbeigehen, oder es diese Zielgruppe nur in den Phantasien der Spreeblick/re:publica/usw.-Internetavantgarde gibt?

    Holtzbrinck stellt seine Beteiligung an der Social Community „Platinnetz“ (für die „Silver Surfer“), netdoktor oder helpster.de (Patientenportal) nicht in Frage. Die Dinger laufen ganz ordentlich, ohne künstlichen Hype und Buzz aus der web2.0-Fraktion.

  26. 26

    Wenn sie Augen hätten, zu sehen, und Ohren, zu hören, dann wüssten sie, dass es erfolgreiche Projekte durchaus auch im deutschen Netz gibt. Die sind aber nirgendwo um ein Brandingzeichen herum gruppiert (‚zoomer‘), das irgendwelche Strategieentwickler sich im abgehobenen Raum aus den Tatzen saugten, sondern sie gruppieren sich um konkrete Personen herum, ob die nun Malte, Johnny, Thomas, Robert oder Stefan heißen. Klassisches Marketing mit Markenentwicklung, Aufbau von bloßen Strukturen, Make-Believe-Kampagnen und dabei gnadenlos austauschbaren Funktionsträgern läuft im Bereich von ‚Mikromedien‘ hingegen niemals, es geht hier nicht um die Hülse, es geht um den Kern: Ist ein Niggemeier weg, kannst du Niggemeier auch gleich dicht machen …

  27. 27
  28. 28

    Ich sehe es prinzipiell wie du, Malte. Es ist super schade, sollte Zoomer eingestampft werden.
    Mag sein, das man nicht alles richtig macht dort. Aber man versucht es wenigstens. Und Internet ist nunmal immer noch try and error. Anders gehts nicht, weil die Erfahrungswerte fehlen. Anders als beim Autobau, Malte.
    Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, das man Zoomer weiter entwickelt und nicht ins Nirvana schickt.
    Wir brauchen Verlage wie Holtzbrinck, die mutig sind und sich trauen. Da kann man noch so viel meckern. Sie tun wenigstens was und testen was geht oder was auch nicht.
    Der von dir angesprochene lange Atem und die „Eier“ – ja, die sind unbedingt notwendig. Und wir können nur hoffen, das man sie im Hause Holtzbrinck hat.
    Wir werden es 2009 ja dann sehen.

  29. 29
    Frogster

    Hodenlos. Sehr schön. Mein Wortschatz ist seit heute reicher denn je. Danke.

  30. 30
    Jan

    Das eigentliche Trauerspiel ist aus meiner Sicht, dass man die Redaktionen von Zeit, Tagesspiegel und Zoomer überhaupt in dieser Form zusammenlegen kann. Vor allem für das Angebot der Zeit ist das ein Armutszeugnis. Oder könnte sich jemand vorstellen, dass ein Chefredakteur die gedruckte Zeit und die Bravo gleichzeitig leiten könnte – inklusive „Synergieeffekten“? Wohl eher weniger.

    Und das ist es, wo ich persönlich fehlenden Schneid sehe: charakterstarke redaktionelle Produkte und nicht eine Variante von Spiegel Online – auch auf die Gefahr hin, nur sehr viel weniger Leser damit zu erreichen. Für mich jedenfalls haben die Websites von Zeit, Welt oder FAZ nichts mit ihren Printvorbildern zu tun. Die stehen alle für nichts.

    Und wo hat denn Holtzbrinck seine vielen Millionen im Internet versenkt? Etwa in intelligenten, neuen redaktionellen Portalen? Bei der Förderung von journalistischen Talenten? Wenn ja, ist das an mir vorbeigegangen. Nach meinem Eindruck wurden die Millionen in nicht-journalistischen oder stümperhaft-journalistischen Produkten versenkt, die mit den Erfahrungen und dem Anspruch des Hauses Holtzbrinck nichts zu tun haben.

    Aber ich mag mich da irren.

  31. 31
    Bernd Haas

    @Malte Welding

    Nicht wenn man selbst genug davon und nicht jeglichen Humor verloren hat.

  32. 32

    Ich verstehe deinen Ansatz nicht, Malte. Hat Holtzbrinck nun zu viel Internet-Sachverstand eingekauft oder zu wenig? Hat er zu lange durchgehalten oder zu kurz?

    Ich sehe die Situation so: Holtzbrinck hat das gemacht, was auf Web2.0-Veranstaltungen seit Jahren gepredigt wird. Er hat sich Leute geholt, die „das Internet verstanden haben“ (Mercedes Bunz), er hat „den Usern eine Stimme gegeben“, er hat sich das das „Perpetual Beta“-Prinzip gehalten, und er hat nicht am falschen Ende gespart. Und trotzdem ist es schief gegangen. Oder deswegen?

    Zoomer floppt, das sieht jeder, der auf die Seite einmal drauf schaut. Das CMS ist total schräg, das Voting-Prinzip verträgt sich nicht mit dem Ansatz, professionellen Journalismus machen zu wollen. Was soll Holtzbrinck machen? Der Redaktion, die es bisher auch nicht gebracht hat, einfach weiter freie Hand lassen? Noch mehr Blogger einstellen?

    Ich kann seine Entscheidung hier schon verstehen. Er bringt die Sache unter Kontrolle, haut mal kräftig auf den Tisch, aber er macht nicht gleich den ganzen Laden platt (das hätte er nämlich auch tun können).

  33. 33

    @Simon:

    das geheimnis medialen erfolgs ist durchhaltevermögen.
    ich kenne mercedes bunz nur sehr flüchtig und ihr wirken nur als bloggerin, aber ein neutraler bekannter von mir meinte einmal, sie sei eine intellektuelle, keine blattmacherin. ich kann das nicht beurteilen und ich bewege mich am rand der unredlichkeit, dieses zitat überhaupt wiederzugeben, denn es ist ja eben auch nur eine meinung. so oder so würde ich mein geld nicht einfach jemandem anvertrauen, der das netz verstanden hat (so wahnsinnig kompliziert ist es übrigens nicht, das netz), sondern eher jemandem, von dem ich glaube, dass er täglich gute arbeit machen kann.

    sollte hier also ein auswahlfehler vorgelegen haben, dann kann man den korrigieren oder sehen, ob sich etwas geändert hat, eher noch: verbessert hat.

    man muss dem ganzen zeit lassen, sich zu entwickeln, einen leserstamm aufzubauen. wenn man ursprünglich einmal dran geglaubt hat – warum dann den glauben sofort verlieren? wenn man aber nicht daran geglaubt hat – warum es dann machen?

    zum letzten punkt: natürlich wird der ganze laden platt gemacht. jedenfalls sieht doch so eine entwicklung zu mehr qualitätsjournalismus nicht aus.

    zur ganzen nutzbarkeit und dem design bei zoomer: das ist eine erfahrung, die ich bisher immer und immer wieder gemacht habe – profis machen es immer schlechter als unser max oder rené. weil die zeigen wollen, was sie können und nicht daran, denken, dass das auch jemand besurfen muss.

  34. 34
    Fabian

    Malte, du hast Recht, dass die Verlage zur Zeit mal wieder beweisen, dass ihnen der Mut fehlt. Eindeutig. (Bei der ersten Krise hat damals ja glaube ich nur Spiegel-Online durchgehalten). Anderseits darf man vielleicht auch die Print-Kollegen nicht so einfach vergessen und abstempeln. Die machen (zum Teil zumindest) immer noch die spannendsten und aufwändigsten Geschichten. Es schwer, denen beizubringen, wieso bei ihnen gespart wird, wo sie doch die Kohle ranschaffen und die Onliner, nur weil sie nach Zukunft riechen verschont bleiben sollen. Diesen Konflikt hat ja auch der Handelsblattstreit von neulich mit Herrn Knüwer auf sehr amüsante Art und Weise deutlich gemacht.
    Was man den Entlassenen vielleicht zum Trost sagen kann: Auf die Mutlosigkeit folgt bestimmt in einem halben Jahr bei den großen verlagen wieder eine Phase von Aktionismus, auch wenn der bestimmt genauso hohl und uninspiriert wie immer sein wird.

  35. 35

    @Malte Welding:

    man muss dem ganzen zeit lassen, sich zu entwickeln, einen leserstamm aufzubauen. wenn man ursprünglich einmal dran geglaubt hat – warum dann den glauben sofort verlieren?

    Das war exakt meine Meinung. Dann habe ich mir, damit ich hier was schlaues kommentieren kann, Zoomer mal angeschaut. Und dann habe ich den Glauben verloren. Ich sehe (nach wie gesagt oberflächlichem Durchschauen) keine reelle Chance für Zoomer. Eigentlich sagt das schon alles:

    Volle Deckung –
    Prominenz
    im Visier von
    Torten-At-
    ­ten­tä­tern

    Wer soll das lesen?

  36. 36
    hasso hassner

    watchberlin war leider eine totgeburt. alleine des flash interfaces wegen. , dabei die gute basis von zitty in der stadt verspielt. zoomer erinnert nur an die eitelkeiten seines „zugpferdes“ und des rechtsstreits mit kluge tv. verkopftes bemuehen etwas vom gruenen tisch aus zusammenzukonzepten, mit jugendlichem design verkleistert.
    schliesslich der unwillen zu verstehen dass ein journalismus a la tagespiegel flinker und frecher werden muesste um ihm online fluegel zu verschaffen. die eleganz der liberalen larmoyanz, die kleinen tagestips, das alles ging beim konvertieren verloren. stattdessen ein enzyklopaedisches kategorienungetuem, im stile der portale von 1997.
    aber das grunduebel bei holtzbrinck-online ist dass sie die grundsatz texte von oreilly & co nicht gelesen oder kapiert haben. daten (und die user dahinter) sind wichtiger als „brands“, die community von studivz mit den eventdaten von zitty den news des tagespiegel usw.. in einen datenpool zu werfen, aus der logik der daten und usecases selbst neue dienste zu entwickeln. schliesslich wird der alten tante zeit.de der ganze salat ungenuegend konzipierter mini-portale vor die tuer gepackt. dabei haette eine schoene konkurrenz zu springer, burda und spiegel daraus werden koennen.

  37. 37

    «absolute Hodenlosigkeit» das ist so schön, dass man sich den Rest der Todesanzeige eigentlich sparen möchte. ,-)

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