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6 Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch

Wenn ein Rudel Blogger, von dem jedes einzelne Mitglied an einer geradezu pathologischen Selbstbenennungsschwäche leidet (Taubenvergrämer, der.grob, Erdge Schoss, FrauvonWelt, MC Winkel, 500 Beine – auszunehmen: Ole Cordsen von Nachrichten aus Absurdistan), ein Buch herausbringt, denkt sich der Mensch, der bloß so heißt wie ihn seine Eltern genannt haben: Und nun?
Es ist jedes Mal interessant zu sehen, wie sich das Weblog ins Gedruckte transferieren lässt. Während im kunstvollen Riesenmaschine-Buch die Herkunft aus dem Netz durch faksimilierte Links noch betont wird, ist hier das Netz zurückgetreten zugunsten des Tagebuchcharakters.

Ein Tagebuch, das Requisite sein könnte in „Die zauberhafte Welt der Amélie“, „Vier Fäuste für ein Halleluja“ oder „Das Schweigen“. Manche Geschichten sind so versponnen, dass der Autor selbst nicht mehr heraus findet, andere so erdennah, dass man Matsch an den Fingern zurückbehält vom Umblättern. Nein: Geschichte ist schon der falsche Ausdruck, klassische Short-Stories sind das eher nicht – hier liest man Anekdoten, Gedankengänge, Alltagsbeobachtungen.

Und die sind größtenteils überraschend, nett-absurd (das neue Effizienzdenken der Mafia!) oder einfach nur unterhaltsam, so unterschiedlich, wie diese Autoren eben sind, die beim besten Willen nicht mehr teilen als ihre Muttersprache. Eine vage Gemeinsamkeit lässt sich vielleicht herauslesen: War die Popliteratur teilweise noch bis aufs Jahr genau verortbar, herrscht hier Zeitlosigkeit vor. Ist das postmodern? Es könnte jedenfalls prämodem sein.

Der reifste der Autoren ist 500beine. Es gibt doch diesen schrecklichen Feuilletonisten-Ausdruck: Zur Kenntlichkeit entstellt. Wäre ich also Feuilletonist, würde ich schreiben: 500beine entstellt seine Figuren bis zur Kenntlichkeit. So würde ich eher sagen: Man meint, den Vatter (der in der Überschrift der Geschichte seltsamerweise „Der Vater“ heißt) riechen zu können (und zwar kann man den Achsel- vom Mundgeruch unterscheiden).

Wenn ich aber 500beine heraushebe, soll das die Leistung der anderen Autoren nicht schmälern. Da ist schon viel Talent und Originalität vorhanden. Man hätte sich für die jüngeren Autoren (das ist das Tolle an der Literatur – als Jung-Autor geht man bis in die 40er durch) ein etwas strengeres Lektorat gewünscht (oder überhaupt eins). Gerade bei MC Winkel würde ich gerne einmal sehen, dass jemand seine Geschichten etwas entschlackt und sein großes Erzähltalent kanalisiert.

Während Anthologien von Jung-Autoren sonst oft schwer tragen am eigenen Anspruch (vor meinem geistigen Auge habe ich dann immer ein Baustellenschild, auf dem steht: „Hier entsteht Kunst“), ist hier eine Sammlung selbstbewusster, höchst individueller Texte entstanden, die man schon wegen ihrer Unterschiedlichkeit schwerlich alle mögen wird. Aber wer sich für Blogs interessiert, wird hier auf jeden Fall inspiriert werden.

6 Herrengedecke und ein Plüschsessel kann man hier kaufen.

Vetternwirtschaftsvorwürfendenwindausdensegelnnehm-Schreiben:
Ich habe sowohl MC Winkel als auch 500beine schon die Hand geschüttelt, 500beine hat für Fooligan wunderbare Fußballgeschichten geschrieben und mit dem Menschen hinter MC Winkel habe ich sogar schon zwei Mal telefoniert.
Erdge Schoss, FrauvonWelt, der.grob, der Taubenvergrämer und Ole Cordsen kenne ich nicht einmal über MySpace. Und habe sie dennoch gern gelesen.

11 Kommentare

  1. 01

    Selbstbennungsschwäche – sehr gut, das muss ich mir merken. Die Namen sind wirklich bemerkenswert! Ich muss mir unbedingt deren Seiten angucken!!!

  2. 02

    Lies das doch mal vor.
    1.tens als podcast
    2.tens als qualitätskontrolle
    sentens / nonsense.

  3. 03

    Pffff, dem Taubenvergrämer hätte ich einen eigenen huldvollen Absatz in diesem Artikel gewünscht. Den finde ich ganz ganz großartig! Ich glaube, wenn ich einen mir persönlich gänzlich unbekannten Blogger heiraten wollte, dann ihn! Außerdem bloggt er und schreibt viel mehr auf seinem Blog als Du in Deinem. So!

  4. 04
    corax

    Gibt’s irgendeinen Grund aus dem „žSessel aus Plüsch“ einen „žPlüschsessel“ zu machen?
    Falls nicht find ich’s nämlich etwas despektierlich.
    Und wo du dein Exemplar her hast würde mich noch interessieren bzw. der Weg der Entdeckung.

  5. 05

    @corax:

    ein fehler, tut mir leid. ich habe das zugeschickt bekommen, bzw johnny hatte es da

  6. 06

    @creezy:
    Halt mal, soooooo nicht.
    Eigentlich schreibt jeder mehr in seinem Blog als Malte.
    Einer muss ja bei Spreeblick die Stellung halten.

  7. 07

    @Jens:

    genau!
    denn:
    @creezy:

    wo ist denn bitte der unterschied, ob ichs hier oder dort mache?

  8. 08

    Ich weiß gar nicht, was Sie haben, werter Herr Malte.

    Tauben ist doch ein schöner Vorname, genauso wie der,
    Frau, MC, 500 oder Nachrichten.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  9. 09

    Ich muss auch sagen: Es ist eher eine SelbstbennungsSTÄRKE.

  10. 10

    @malte
    na drüben ist’s mehr persönlicher. Außerdem stinkt es so schön nach Hasenpisse!

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