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Update zu: Somalische Anti-Atom-Piraten

Update zu diesem Post.
Es sind einige Fragen aufgekommen. Ich werde also versuchen, sie zu beantworten.

Zunächst etwas zu dem historischen Bild, das im Independent von Piraten gezeichnet wird:
Ein Artikel bei Forbes.com bestätigt, dass Gewinne unter Piraten aufgeteilt wurden, der Kapitän bekam lediglich das Doppelte von dem, was den Crew-Mitgliedern zustand. Allein die Interpretation dieser Geste unterscheidet sich bei Forbes. Dort wird sie der Furcht des Kapitäns vor einer Meuterei zugerechnet, nicht egalitärem Gedankengut. Das hieße: Wo Rechtlosigkeit herrscht, da setzt sich Gleichheit durch. Interessanter Gedanke.

Nun wird man natürlich nicht abschließend klären können, welche Interpretation die richtige ist. Man sollte sich nur vor Augen führen, dass nicht nur bei historischen Ereignissen, sondern auch bei aktuellen die Fakten nur mühsam zu trennen sind von der Interpretation.

Die Kölnische Rundschau hat im Oktober 2007 darüber berichtet, dass der Direktor der italienischen Anstalt öffentlichen Rechts ENEA, der Nationalen Forschungs- und Entwicklungseinrichtung für neue Technologien, Energie und Umwelt dem `Nrangheta-Boss Francesco Fonti 400000 Euro für die Entsorgung von Atommüll aus der Schweiz, aus Spanien, Frankreich und Deutschland gezahlt habe (Für die Italienischsprachigen: hier eine ausführlichere Quelle).

Die Quellenlage zu dem Thema ist dürftig. Ein Grund dafür könnte sein (aber das ist Spekulation), dass es durchaus gefährlich ist, sich der Frage „Wo verschwindet der Atommüll?“ zu nähern.
Am 20. März wurden die italienischen Journalisten Illaria Alpi und Miran Hrovatin in Mogadischu erschossen.
Die beiden wollten vor Ort den Geschäften der Firma ODM aus Lugano nachgehen, die im Internet damit geworben hatte, die besten Orte für die Lagerung atomaren Mülls zu kennen. Einer dieser Orte war Somalia.

Die Geschäfte mit dem Atommüll scheinen ein gewaltiges Ausmaß zu haben.
Zitat von castor.de:

Massimo Scalia, der Vorsitzende einer Untersuchungskommission des italienischen Parlaments, sagte der Agentur Inter Press Service, dass Italien allein am Handel mit Atommüll jährlich sieben Milliarden US-Dollar verdient. Allein im Jahr 2001 wurden 600.000 Tonnen nuklearer Abfall nach Afrika verschifft. Dabei war Somalia nicht das einzige Ziel. Auch Zaire, Malawi, Eritrea, Algerien und Mosambik waren dafür vorgesehen.

Wenn man es als gegeben ansieht, dass Atommüll illegal in Somalia entsorgt wird, hat man natürlich noch nicht den kausalen Zusammenhang zwischen Piraterie und der Müllentsorgung in somalischen Gewässern hergestellt.

Wenn Johann Hari im Independent schreibt, dieser Zusammenhang sei ihm so erklärt worden, muss man die Aussagen seiner Informanten natürlich mit Vorsicht genießen. Welcher Verbrecher hätte nicht einen guten Grund für seine Tat?
Es ist denkbar, dass es Piraten gibt, die als Bürgerwehr agieren, andere, die nur die Hand aufhalten wollen und sich damit ein Stück von dem riesigen Kuchen sichern und wieder andere, die einfach überfallen, wer auch immer ihren Weg kreuzt.

Aber es ist wie bei den historischen Piraten: Das ist eine Frage der Interpretation.

Man kann, so die Zeit, auch offensichtlich Piraterie durch Gewalt eindämmen. Aber damit wären wieder einmal nur die Probleme des Westens gelöst.

Ein militärischer Einsatz gegen Piraten ist ein geeignetes Mittel, aber nicht das mildeste. Gegen die italienische Mafia und die europäischen Firmen, die mit ihr vermutlich zusammenarbeiten, geht man schließlich auch nicht militärisch vor.

Wenn jetzt wieder nach und nach die Stimmen lauter werden, die Atomkraft als saubere Alternative angesichts der Klimaerwärmung preisen, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, was für unabsehbare, irrsinnige Folgen es haben kann, wenn der Müll einmal in der Welt ist. Denn der Dreck kommt immer hoch, auch wenn er im Meer landet.
Nur die Verursacher, also wir, die sind weit weg.

17 Kommentare

  1. 01
    Chr

    Vielleicht braucht man auch keinen monokausalen Zusammenhang zwischen der „Endlagerung“ und der Piraterie herzustellen versuchen.

    In dem vorherigen Beitrag (oder dort in den Kommentaren?) ist darauf hingewiesen worden, dass schon vor einigen Jahren europäische Fischer vor den Küsten Somalias gekapert worden sind. Neben der Verklappung von Müll ist den Küstenbewohnern als traditionellen Fischern schon vor Jahren die Lebensgrundlage weggefischt worden. Da mögen an Land noch diverse andere, mir unbekannte Faktoren hinzukommen, die insgesamt die Motivlage bilden, sich „selbst zu helfen“.

    Seit dem 11. September 2001 herrscht eine enorme Konzentration auf den internationalen Terrorismus und das, was man dazu erklärt hat. Währenddessen säuft Afrika ab – nicht nur Somalia! Ohne dass es zu bemerkenswerten Reaktionen im Westen kommt. Man denke nur an die tausenden Flüchtlinge, die vornehmlich im Mittelmeerraum, bei dem Versuch nach Europa zu gelangen, um den Kriegen, der Ernährungssituation zu entfliehen, ertrinken, in Containern ersticken, verhungern oder einfach irgendwo liegen bleiben.

    Die Nationen Europas unterlaufen inzwischen alle ihre Verpflichtungen aus dem Genfer Flüchtlingsrecht mit irgendwelchen Drittstaatenregelungen, welche Flüchtlinge teils ohne Prüfungen grundsätzlich illegalisieren und schieben schnellst möglich wieder ab. Zudem sichert Frontex mit militärischen Mittel die Außengrenzen. Da kann man im europäischen Westen die Probleme leicht verdrängen – man sieht ja von dem Elend nix. Zumindest, wenn man darauf verzichtet, in Andalusien Urlaub am Strand zu machen…

    Wenn nun sogar die „legale“ Flucht vor Krieg und politischer Verfolgung keine Aussicht zur wenigstens vorübergehenden Aufnahme in Europa mehr hat, finde ich es nicht unplausibel, wenn lokal nach anderen Möglichkeiten gesucht wird, die Lebensituation zu verbessern. An Waffen mangelt es in Somalia jedenfalls nicht, ebensowenig wie naturgemäss den Fischern nicht an Booten mangelt.

    War das zu sehr off-topic?

  2. 02

    @Chr:

    das ist ein wichtiger punkt. man muss einwanderung zulassen, auch aus afrika.
    ich lese gerade ein interessantes buch, in dem ua die vorzüge von – auch massiver – einwanderung dargestellt werden.
    auch die herkunftsländer können dadurch profitieren, wenn teile des lohns nach hause geschickt werden.
    die illusion, europa sei eine insel, die man nur gut genug verteidigen muss, wird dauerhaft schwer durchzuhalten sein.

    dagegen ist entwicklungshilfe vielleicht tatsächlich der falsche weg, gerade wenn es um ein land geht, in dem warlords herrschen.

  3. 03
    Chr

    @Malte Welding: Ich wär im ersten Schritt schon glücklich, wenn diese systematische Vereitelung von den Genfer Flüchtlingsrechten zurückgefahren werden würde. Wahrscheinlich hast du wohl Recht, letztlich kommt man auch in Europa nicht am Thema Einwanderung vorbei. Darf ich fragen, was du gerade liest?

  4. 04

    @Chr:

    Anleitung zum Zukunfts-Optimismus. Warum die Welt nicht schlechter wird
    von Matthias Horx
    (ich musste gerade das buch von peter hahne lesen – das ist das gegengift)

  5. 05

    @Malte
    Klasse gemacht: das sind ja schon ein paar Namen, interessante Zahlen (7Mrd) und Deutschland steckt mit drin! Das wollt ich lesen.
    Und zur Motivation der Piraten, das wird wie überall sein. Da gibt es The Good, the Bad & the Ugly.
    Und der Atommüll ist sauber! Sooft, wie der von der wilden See gewaschen wird? Wäre ja noch schöner!
    Dann nenn‘ ich doch gleich mal nen paar deutsche Namen: RWE; EnBW, Eon und Vattenfall. So rein vom Verursacheraufkommen.
    Und wenn’s ihnen nicht passt?
    Einer meiner Lieblingssprüche von Ellen Ripley: „You can bill me!“ ;-)

  6. 06
    Julian

    Der Atommüll, der da verklappt wird, was ist damit gemeint? Das Zeug, aus Atomkraftwerken? Oder handelt es sich dabei ehr um „Problemabfälle“ aus Krankenhäuser u.ä. die verstrahlt und teuer zu entsorgen sind?

  7. 07

    @Julian (6)
    Nu ja, für 7 Mrd. muss schon einiges zusammenkommen. Aber es fällt ja auch haufenweise schwachstrahlender Müll in der U-Industrie an.
    Aber auch ich gehe nicht davon aus, bei allem Hang zum Bizarren, dass SIE vor der somalischen Küste Castoren in den Bach schmeißen.
    Wobei, das wäre ja auch wieder ne geniale Idee fürn Film. Die verklappen da Plutonium und irgendson Suizid-Taucher von Al-Qaida holt es dann wieder hoch. *lach*

  8. 08

    @Julian:

    im independent steht:

    Much of it can be traced back to European hospitals and factories, who seem to be passing it on to the Italian mafia to „dispose“ of cheaply.

  9. 09

    Ach bitte lieber Spreeblick. Wieder im Spam-Filter gelandet? War doch nen guter Gag und so richtig Rintopic. Oder dreht die NSA gerade durch, weil da son paar richtig „giftige“ Worte drin waren und Schäuble gerade irgendwo in den Teppich beißt?

    Da ist mir doch eine beißende Satire viel lieber! Und gegebenenfalls auch meine Verteidigungshaltung vor Gericht. Außerdem wissen sie ja inzwischen wie die Blogosphäre funktioniert. Wie hieß nochmal der Typ von der Linken, der die Wikipedia vernichten wollte? Ostermann? Westermann? Fällt mir gerade nicht ein. Aber wenn getroffene Hunde bellen, emerges a strange kind of attraction. Sie nennen es den Streisand-Effekt.

    Nachtrag: Heilmann! Wikipedia Stasi googlen reicht.

  10. 10
    corax

    Zum alltäglichem Atommüll bei uns:
    Wir hatten mal eine Baustelle auf einem Schrottplatz im westlichem Ruhrpott ich glaube 1995. Am Eingang war die LKW-Waage und daneben stand ein Mast/Pfosten aus Edelstahl, allerdings auf der Beifahrerseite etwa 3,5m hoch.
    Mit einigen Mitarbeitern hab ich immer Späßchen gemacht und ihn mal gefragt wozu das Ding gut sei. Daraufhin meinte er da wäre ein Geigerzähler drin. Wegen „žSpässken“ hab ich zunächst gedacht der wollte mich auf den Arm nehmen aber bei ernsthafter Nachfrage kam raus, das durchaus schon mal versucht würde denen leicht oder mittelschwer strahlendes Metall unterzujubeln. und das tatsächlich jede Anlieferung vorher per Geigerzähler getestet würde.

    Also auf nem stinknormalem Schrottplatz in Deutschland wurde schon in den 90ern versucht strahlendes Zeugs loszuwerden.

    Und neulich gabs doch auch die Geschichte mit den strahlenden Fahrstuhlknöpfen in Aufzügen der Marke „žThyssen“.
    Die haben halt nicht vorher mal nachgemessen.

    Und dann haben wir zur illegalen Verklappung ja auch noch Asse (gehabt).

  11. 11
    Jan(TM)

    @Malte Welding: Einwanderung stabilisiert doch nur den derzeitigen Zustand, die afrikanische Ärztin fehlt in ihrem Land und der afrik. Hilfsarbeiter der sein Geld durch das beladen von Giftschiffen in Europa verdient bringt seinem Land auch keinen Vorteil. Wenn er dann noch 4 schrottreife VW Transporter kauft und in seine Heimat schickt, hilft das vielleicht seiner Familie über die nächsten 5-10 Jahre. Nur was ist mit dem Klimaschutz und ist das am Ende nicht auch nur eine Art des Müllexportes?

    Eine Illusion ist zu glauben, wir hier im Paradies müssten nur die Grenzen öffnen und schon wäre alles eitel Sonnenschein.

  12. 12

    1. weil ich diese Frau über alles liebe*
    2. remember: we are children of life, death is small
    3. Ihr wollt doch rückerobern

    Sagt mir dann rechtzeitig wenn ich halt machen soll

    http://www.youtube.com/watch?v=J7mtmkoZG2Y

    *beobachtet sie mal wenn sie singt: simple fact that we are poor.

  13. 13

    Nur dumm, wenn man dann zu blöd ist mit dem Boot nach dem Überfall „nach Hause“ zu fahren. Die letzten Vögel sind doch nach dem Überfall mit dem Boot in der rauhen See verunglückt – samt der 3 Mio Beute.

  14. 14
    Piratenkönig

    Mittlerweile legen deutsche Geschäftsleute auch schon MÜNZEN aus Somalia auf. Da Somalia ein rechtsfreier Raum ist (seit Jahren weder Regierung noch Gerichte noch Rechtsverfolgung überhaupt) macht da jeder was er will. Auch wer falsche Banknoten dort druckt, wird nicht verfolgt, da es weder Steuern, noch Legislative oder Exekutive dort gibt. Und was es gibt, ist dort i.d.R. korrupt. Somalia gilt als der korrupteste Staat überhaupt. Wer die Bürgerkriegssituation dort noch als Geschäftsmann ausnutzt gehört – genau wie die Piraten – erschossen.

  15. 15
    Victoria

    Schon vor einiger Zeit kam ein somalischer Gelehrter zu uns in die Schweiz und hielt einen Vortrag über besagten Atommüll. Er teilte mit, dass wir Europäer die Mafia beauftragt hätten, unseren Atommüll in Somalias Gewässern loszuwerden. Fotos zeigten, dass durch den Tsunami 04 die zu vertuschen versuchten Fässer an die Oberfläche und somit an Somalias Küsten gerieten. Die Krebsrate stieg massiv an. Nun hatten die Europäer ein Problem. Wenn dies an die Öffentilchkeit gelangen sollte, wäre das fatal. Also engagierte man „Piraten“, die gegen Bezahlung einen Tanker kaperten, um dann unsere Leute runterschicken zu können. Um das ganze zu vertuschen. Genannter somalischer Gelehrter versuchte seine Geschichte mehreren Zeitungen zur Verfügung zu stellen. Die Antwort lautete meist: zu wenig Beweise…

  16. 16

    Guten Morgen!

    Es geht überhaupt nicht wirklich darum, ob nun Piraten Helden waren oder sind, es geht einzig und allein darum, dass die westliche Hemisphäre illegalerweise u.a. seinen (nuklearen) Müll dort abliefert. Und nach wie vor Afrika „leerraubt“. Darum geht es, um sonst nichts anderes. Und wo daran mitgearbeitet wird, die Schere (die globale) zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehen zu lassen, werden sich zwangsläufig früher oder später die (globalen) Probleme immer weiter verschlimmern. Genau darum geht es, wie auch dem völligen Desinteresse, welches in Deutschland diesbezüglich herrscht.

    So lange es einem selbst gut geht interessiert einen der Rest einen feuchten … aber nur so lange. Wie lange wird das (noch) gut gehen?

    P.S. Dieser Beitrag, diese Freiheit wurde sich heraus genommen, wurde mittels Link auf eigenem Beitrag hinzugefügt.

    Mit freundlichen Grüßen

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