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Eingeschneit


Tag 3 im englischen Schneechaos. Alles began mit 20cm Neuschnee, die in der Nacht von Sonntag auf Montag über die Hauptstadt friedlich niedersegelten. Was am späten Abend noch einigen Erwachsenen in den wenigen Parks der Stadt zu einem ganz seltenen Tripp verhalf, brachte den offiziellen Behörden am Montagmorgen dann die Kopfschmerzen.

SpOn delirierte überschnell von einem ausgewachsenen Schneesturm, blieb den Bildbeweis allerdings schuldig. Andere Medien nannten das Wetterphänomen gleich martialisch Blizzard. – Für einen, der den Winter 1978/79 überstanden hat, natürlich lächerlich. Aus der Ferne muss das allerdings auch schlimm ausgesehen haben. Nicht die Schneebilder, aber die Meldungen, wie die Stadt mit 20cm Schnee klar kam, nämlich gar nicht.

Es gibt in London keine Räumfahrzeuge, brauchen sie auch nicht, wo es doch nur alle sechs Jahre mal ordentlich schneit, was dann allerdings dazu führte, dass die Straßen noch am Montagmorgen mit eben dieser 20cm dünnen Schnee- und Eissschicht bedeckt waren und es den ganzen Tag über blieben. Die Verkehrsbetriebe sahen eine Gefahr für den Busverkehr und ließen alle (!) Routemaster und Bendy Buses in ihren Depots. Das wiederum bekam der eh schon chronisch überlasteten Tube nicht so gut, die auf die extra-Pendler ebenfalls mit Ausfällen und starken Verspätungen reagierte. Damit nahm das Chaos, das also weniger ein Wetter- als vielmehr ein strukturelles Problem war, tatsächlich seinen Lauf und nacheinander schlossen Schulen und Colleges, viele Büros und Geschäfte in der Innenstadt blieben verwaist.

Als ich, getreu meinen bürgerlichen Pflichten wenigstens vor unserer Tür räumen wollte, offenbarte sich mir die Hilflosigkeit im Kleinen. Es gab im ganzen Haus keinen ordentlichen Besen. Lediglich so Plastikfeger, die für die Wohnung noch ganz hilfreich sind, aber vor hartnäckigem Schmutz die Biege machen. Bei Nachbars lag so ein Ding bereits zerbrochen im Vorgarten und im DIY-Shop um die Ecke gab’s eine ganze Abteilung für Mäuse und Rattenfallen, aber keinen ordentlichen Rechen.

Bis heute, am 3. Tag, ist unser Bürgersteig vereist. Auch wenn die Busse wieder fahren und das College dank „übermenschlicher Anstrengungen des Personals“ (Zitat, Hochschulleitung) wieder öffnen konnte, auf die Männer vom Recycling brauchen wir wohl heute nicht zu warten und auch der Müll wird sicherlich noch eine weitere Woche seine Schneehaube ungestört tragen dürfen.

Ein paar Nachbarskinder haben wohl auch keine endgültige Antwort, was man mit der weißen Pracht anfangen soll, planen aber zumindest für die Zukunft. Einen Iglu, den ein italienischer Bekannter zwei Straßen weiter mit Schneebrickets aus Tupperware-Behältern aufgebaut hatte, begannen sie fein säuberlich abzutragen. Nur Minuten später nachdem der Italiener die Knirpse von seinem im Wahn aufgestappelten Bau verjagte, stand deren Bruder vor ihm. Mit Rottweiler. Das Gesicht zur Faust geballt. Und gab ihm unmißverständlich zu verstehen dass er A) Polen nicht ausstehen könne und B) die Jungs sich weiterhin am handlichen Weiß bedienen könnten.

Auch wenn wir gerade den kältesten Winter seit 13 Jahren erleben, wissen zumindest diese Kids, dass der irgendwann vorüber geht und da Verknappung der erste Schritt zu höherem Profit ist (das haben sie dann wohl von Reebok, Nike und Adidas gelernt), haben sie sich erstmal einen Vorrat angelegt. Man kann ja nie wissen.

16 Kommentare

  1. 01

    haha ich kann mir das bildlich vorstellen, da oben. :D

  2. 02
  3. 03
    poppulus

    offizielle Behörden? Alle, die nicht gerade Aliens oder Terroristen jagen und sich mit so niederen Aufgaben wie Schneeräumen berschäftigen, oder wie? ;-)

  4. 04
    Nico [Jackpot Baby!]

    @poppulus: die bankenrettung nicht zu vergessen.

  5. 05

    Ihr Londoner stellt Euch auch immer an. Hier in Reading fuhren die Busse, Zuege glaube ich auch, die Hauptstrassen waren alle schneefrei, alles kein Problem. Na ja, zumindest wenn man denn auch will und das ganze nicht als willkommene Ausrede um am blue Monday krankzufeiern.

    Ach ja, Schneeraeumen ist fuer wimps.

  6. 06
    pararapa

    @jens : brauchst es dir nicht ausmalen. Guck mal hier http://www.youtube.com/watch?v=ZJzMnMrQC-I Die Londoner scheinen wirklich Spaß zu haben..sind wie Kinder, was die gute Seite da ist..:)

  7. 07
    sven

    Ach ja die Inselaffen, früher großes Empire und heute Kapitulation vor 20cm Schnee. Wie niedlich !
    Also liebe Terroristen Bombenwerfen ist ineffizient dann doch lieber schön das Klima anheizen und warten das der Golfstrom abreisst, den Rest erledigt dann die nächste Eiszeit.

  8. 08

    @sven: Solange Ihr da drueben noch nicht mal ein Cricket-Team zusammenbekommt bleibt Ihr bitte mal ganz ruhig!

  9. 09
    Nico [Jackpot Baby!]

    @Armin: und für wen ist dann übers eis stöckeln?

  10. 10
  11. 11

    Und ich dacht die Londoner Künstler schaffen die 20cm Schnee locker mit der Nase weg.

  12. 12
    ber

    Um das Bild abzurunden – am Montag fuhren (in Suedlondon zumindest) auch die Regiozuege nicht. Ergo: keine Moeglicheit zur Arbeit zu kommen :)

  13. 13

    Schon lustig welch seltsame Blüten die globale „Erwärmung“ treibt.

  14. 14

    @H. Huber:

    Leider ist das eben nicht lustig, weil genau die globale Erwaermung bedeuten kann dass bei uns „die Heizung abgedreht wird“. Manche Wissenschaftler sagen, dass wenn die Polarkappen abschmelzen der Golfstrom verschwinden koennte. Womit dann unsere „Heizung“ abgestellt wird und es insbesondere fuer Irland und Grossbritannien sowie Teile Skandinavien kaelter wird.

    Die globale Erwaermung wird in dem Fall bei weitem durch den Ausfall des Golfstroms ueberkompensiert. Sehr vielen Leuten ist nicht bewusst wie wichtig der Golfstrom fuer uns ist.

  15. 15

    Statt Golfstrom wollen die Schweden ja jetzt wieder Atomstrom.

  16. 16

    *lach* Die Kategorie „Positionen“ ist ironischer Weise gut gewählt:)

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