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Musik 2.0 — Eine Replik

René und ich (und nicht nur wir) diskutieren ja schon länger und konstant über das Thema der Musik im digitalen Zeitalter, auch mit den Spreeblick-Leser/innen gab es schon spannende Debatten.

Nachfolgend trotzdem eine Replik zu Renés letztem Artikel.

Grundsätzlich braucht man wohl nicht mehr darüber zu streiten, dass es ein „Zurück“ nicht mehr gibt. Jeder Versuch, die vorhandenen Technologien einzuschränken oder sie durch restriktive Maßnahmen zu verkrüppeln, muss und wird scheitern. Die Einschränkung von Handlungsfähigkeiten der Nutzer ist jedoch wahrscheinlich, doch dazu später mehr.

René und ich sind uns in vielen Punkten einig: Der Zugang zur digitalen Unterhaltung hat durch neue Technologien einen für die Rezipienten großartigen Komfort erreicht. Die Kopie gehört — in einigen Bereichen — der Vergangenheit an, und die Möglichkeit der verlustfreien Weitergabe von Daten beflügelt eine neue Generation von Kreativen. Alles verändert sich, und das muss man nicht schlimm finden, denn ebenso wie René habe ich noch nie so viel neue Musik gehört wie in diesen digitalen Zeiten (ich habe aber auch noch nie so viel Musik schnell wieder vergessen, doch das ist ein anderes Thema).

Die Mär jedoch, die u.a. auch der von mir wirklich geschätzte Marcel Weiss neulich wieder aufnahm, vom Künstler, der sich nun eben seinen Lebensunterhalt durch Live-Konzerte und T-Shirt-Verkäufe querfinanzieren wird, mag ich nicht mehr hören. Denn sie ignoriert auf eine naive Art einen großen Bereich der Gesamt-Thematik.

Da geht mit dem Begriff „Musiker“ los. Damit meint man in der Debatte gerne den Gitarristen, Basser, Schlagzeuger oder Sänger, der mit seiner Band, die gleichzeitig seine Marke ist, musiziert, und zwar häufig auch live vor Publikum.

Diesen Musiker-Typus gibt es, doch es gibt mindestens ebenso viele Musiker, die völlig anders arbeiten. Diese anderen Musiker spielen in keiner Band, sondern werden nur für Ton-Aufnahmen engagiert (die keine Einnahmen mehr bringen), sie können mit Live-Auftritten kein Geld verdienen (weil sich ihre Musik dafür nicht eignet, weil sie als Musiker eigentlich Programmier sind oder weil sie einfach nicht auftreten wollen) und ein T-Shirt von ihnen will niemand kaufen, denn sie machen vielleicht Musik für Menschen, die aus dem T-Shirt-Alter raus sind. Auch honorarpflichtige Fanclub-Treffen mit diesen Musikern sind vielleicht nicht so der Renner.

Hinzu kommen die Komponisten und Texter, die als Musiker gar nicht in Erscheinung treten. Ein nicht unerheblicher Teil der Musik stammt seit Bestehen der Popkultur aus der Feder von Menschen, die ihre Songs nicht selbst interpretieren, sondern sie an diejenigen weitergeben, die auf den „Verkauf“ spezialisiert sind. An Menschen, die gut aussehen, die tanzen können, die grandiose Live-Performer sind, die Öffentlichkeit lieben. Nicht jeder, der tolle Songs schreibt, kann Massen unterhalten, nicht jeder begabte Künstler möchte andauernd fotografiert werden.

Und schließlich werden all diejenigen ignoriert, die nicht als Musiker, sondern mit ihnen arbeiten. Ein Künstler, der den Hobby-Status verlassen hat, braucht Assistenz in vielen Bereichen (im Marketing, bei den Finanzen), er stellt Licht- und Ton-Experten an, er braucht Bühnenbauer, Designer und andere Kreative für die nicht-musikalischen Bereiche.

Musik, daran wird die digitale Zeit nichts ändern, sondern es im Gegenteil noch verstärken, ist (wie Unterhaltung überhaupt) eine Branche, ein Industriezweig, in dem der Musiker nur einen Bruchteil des Teams ausmacht. Mag sein, dass Fans einer Band das blöd finden, das verkaufte Emotionen etwas sind, an das man ungern „glauben“ mag, doch zu hoffen, dass diese Industrie mit dem Internet verschwindet, ist Augenwischerei. Zumal es absolut nichts schlechtes ist, wenn erfolgreiche Musiker Arbeitsplätze schaffen.

Man mag argumentieren, dass sich diese ganzen Menschen ab jetzt eben alle aus dem etwas kleiner gewordenen Topf bedienen müssen, Bands geben einen Teil ihrer Live-Einnahmen an ihre Komponisten und Manager ab — doch was das in der Praxis bedeutet, spüren wir schon jetzt: Das Erleben von Musik wird zu einem Luxusgut, das sich nicht jeder leisten kann. Nie waren Shirts und Konzerte so dermaßen hochpreisig wie heute, was zu einem Teil der Tatsache geschuldet ist, dass mit dem Verkauf der Musik selbst eben nicht mehr das gleiche Geld verdient wird. Schon lange ist es Usus, dass Plattenfirmen sich bei Vertragsabschlüssen mit neuen Künstlern nicht nur, wie früher, Beteiligungen an den musikalischen Werken sichern, sondern auch an Konzerten und Merchandising, denn die Einnahmen aus dem Verkauf der Musik genügen nicht mehr.

Label und Verlage sind nichts anderes als spezialisierte Banken. Sie finanzieren musikalische StartUps vor und fordern dafür einen großen Anteil am Gewinn. Doch ob dieser jemals eintritt, ist nie garantiert und immerhin ist der Künstler im Fall seiner Erfolglosigkeit nicht für immer und ewig verschuldet, das finanzielle Risiko liegt allein bei der Plattenfirma bzw. beim Verlag. Beide haben, immerhin, Erfahrungen und Kontakte, die für den Künstler nicht nur schlecht sein müssen. Es gibt ganz sicher Künstler, die es ohne Label, ohne Verlag schaffen, doch es gibt keinen Künstler, der im professionellen Bereich alle Arbeiten allein tätigen kann, er wird ein Team brauchen. Und auch das will bezahlt werden.

Und was, mal am Rande gedacht, passiert wohl mit Musikern, die sich plötzlich noch mehr als bisher auf den Verkauf ihrer „Marke“ statt ihrer Musik konzentrieren müssen? Für welches Star-Treffen wird wohl mehr bezahlt: Für das mit dem genialen Texter oder für das mit der mäßig begnadeten Selbstdarstellerin, die Fotografen gerne mal unter ihren Rock blitzen lässt?

Es ist weiterhin oft zu hören, dass Konsumenten ihr Geld zwar gerne dem Musiker geben würden, aber nicht der Industrie um den Musiker herum, weshalb sie sich weigern, Musik als Download oder als CD zu kaufen (solange es keine Flatrate gibt, solange die Musikbranche ihre Kunden kriminalisiert, bis wann auch immer). Das ist fair gemeint, handeln tun wir aber alle äußerst inkonsequent und kurzsichtig, wenn wir Musik „illegal“ downloaden, um der Industrie „eins auszuwischen“. Denn wir machen damit Leuten die Taschen voll, die sich für Musik noch weniger interessieren als der fieseste Klischee-Plattenboss, die in die Entwicklung von Künstlern keinen Cent oder Gedanken investieren und die vor allem an diejenigen, von deren Kreationen sie sich ernähren, rein gar nichts abgeben.

Wir beschweren uns zurecht über eine Industrie, die zu wenig Anteile an Künstler ausschüttet, wir kritisieren zurecht eine Branche, die uns als Kunden kontrollieren und bevormunden will und die sich den technischen Entwicklungen entgegenstellt — aber wir machen gleichzeitig Leute zu Millionären, deren Portale wir besuchen oder deren Software wir benutzen, weil sie uns kostenlose — und nach geltendem Recht gestohlene — Werke anbieten. Wir bezahlen dafür nicht mit Geld, aber mit unserer Aufmerksamkeit, die für die den Betreiber der einschlägigen Portale bares Geld ist, Geld, von dem der von uns geliebte Künstler keinen Cent bekommt. Wir akzeptieren, dass Künstler sämtlicher Rechte beraubt werden von Menschen, denen Künstler völlig egal sind.

Was genau ist daran cool?

Die Lösung kann nicht so aussehen, dass ein Musiker oder Komponist, dessen Rechte von Dritten eingeschränkt werden, jetzt eben T-Shirts verkaufen muss. Sondern sie muss darin liegen, den Künstlern viel, viel mehr Rechte zu geben. Immer wieder: Creative Commons. Wir brauchen die Befreiung der Künstler aus den Klauen eines veralteten Rechtssystems, das auf kaum mehr existierenden Grundlagen basiert, wir brauchen außerdem viel mehr Online-Dienste, die sich tatsächlich für Musik interessieren und die nicht im Kern Computer-Hersteller oder Content-Maschinen sind und dann finden wir Konsumenten, die bereit sind, für diese Dienste Geld auszugeben.

Ich glaube, das man solche Dienste schaffen kann, denn mir bieten die großen Download-Portale derzeit zwar eine gewisse Bequemlichkeit, aber immer noch weniger Inhalt, Qualität und Erlebnis als eine CD oder ein Vinyl-Album.

Dabei gäbe es soviel zu tun: Wann wurde der Song aufgenommen, wer hat ihn produziert und geschrieben? In welchen anderen Bands war der Gitarrist, wo finde ich das aktuellste Interview? Schickt mir eine Mail, wenn die Band auf Tour ist, gebt mir die einzelnen Tonspuren des Songs, damit ich damit meine eigene Version mixen kann, lasst mich die Karaoke-Version auf der nächsten Party verhunzen.

Solche Services kann eine neue Form einer Musikindustrie schaffen. Und wenn die Künstler der wichtigste Teil davon sind, würde ich dafür sogar bezahlen.

61 Kommentare

  1. 01

    @#709197: this comment made my day. :-)

  2. 02

    Für Indie-Musiker ist es recht einfach, selbst Musik zu verkaufen. Ich habe mit http://CDBaby.net sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Bedingungen sind äusserst künstler- und kundenfreundlich: letztes Jahr wurden 28 Mio USD an die Künstler/Labels ausbezahlt. Vertrieben werden CDs und Downloads.

    Als Beispiel verlinke ich mal exemplarisch das Beese & Brstschitsch Album, damit man mal sehen kann, wie das so aussieht, und vor allem, dass auch andere Downloadportale verlinkt werden, damit der Käufer wählen kann:
    http://cdbaby.com/beesebrtschitsch
    (Disclaimer: Lieber Johnny, c.o.r.n. recordings ist mein Label, der Link dient eben aber auch als Beispiel, ich wäre ja schön blöd, wenn ich was anderes posten würde. Er dient in erster Linie dazu andere Musiker und kleine Labels zu ermutigen.)

  3. 03

    Danke für diesen super Artikel, aus der Sicht eines Musikers kann ich dir nur voll und ganz zustimmen. Was sonst meist im Netz geschrieben wird, ist zwar oft durchdacht und intelligent, aber ziemlich unbefleckt von Wissen über die Realität des Musikgeschäfts, die Vernetzungen innerhalb der Branche und die Sorgen und Wüsche der beteiligten Akteure. Nervig ist auch, dass viele zu Recht die oftmals dumme Kritik verdammen und auch entkräften, aber nie *wirklich* auf die Aspekte eingehen (können), die Leute wie Du hier aufzeigen.

  4. 04

    @#709197: Bei mir, zum Beispiel :). Oder bei mzee. Oder im leave music Shop. Bald auch bei hhv und im Wildstyle Shop. Aber hast ja Recht, ich müsste mich noch mehr kümmern. Willst denn eins?

  5. 05

    @form: Ja will ich, ich meld ich per Mail :-)

  6. 06
    Jan(TM)

    Was für ein peinliches rumgeflenne, 12 Euro sind zuviel für eine CD wäh. Ein Lied gibts für 99 cent DRM frei, das ist deutlich weniger als ein Liter Benzin kostet. Warum klaut ihr nicht das Benzin? Gibt sogar kostenlos einen Adrenalinkick und gegen die Öl-Multis lässt sich auch prima demonstrieren.

  7. 07

    FTR: Danke Johnny für diese Antwort. Wäre auch die meine auf den gut gemeinten Artikel von René gewesen, dem man aber dringend die deinen Worte beifügen sollte.

  8. 08
    flawed

    @#709133: hach, was waren das zeiten, als man konversationen noch in blogs geführt hat und nicht auf bloggerkonferenzen.

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