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Des kleinen Parisführers dritter Teil – Sachen machen

Teil 1
Teil 2

Man kann ja nicht immer nur rumsitzen und Pastis trinken. Doch, kann man schon. Spricht eigentlich nichts gegen, prinzipiell. Aber dann hat man nicht sehr viele schöne Fotos für die Schwiegeroma zu Hause, drum muss man ja auch ein wenig rumlaufen, wenn man schon in Paris ist. Was man da genau machen kann, soll, muss, hilfsverbt, das weiß jeder bessere Reiseführer: mir geht es ja in erster Linie darum, was ich da gerne mache.

Saint Germain des Prés

Les t̻tes raides РViens!

Zwar behauptet Lorraine hier anderes, aber der schönste Park in Paris ist das Stück Grün rund um das musée Rodin. Wer Rodin mag, kann sich für den Eintritt auch das Museum ansehen, das muss aber nicht dringend. Rodin, die Pubertät der europäischen Plastik: exaltiert, aber trotzdem immer in Abwehrhaltung, gefühlvoll, aber theatralisch, übertrieben, ein Hauch von, ach was: Hauch. An Rodin ist ja alles durch und durchatmen. Nein, ich werde jetzt nichts abfälliges über Rodin schreiben: wems gefällt, naja. C’est la vie.

Über die rue Varenne und den boulevard Raspail kommt man dahin, wohin junge Kunststudentinnen sich träumen, wenn sie Blumen in ihr ledergebundenes Moleskine malen, das ihnen Papa geschenkt hat, nachdem sie eine 2+ aus dem letzten Französisch-Vokabeltest nach Hause gebracht haben: Saint Germain des Près. In deren Plattenschränken finden sich noch immer Platten von Edith Piaf, obwohl die Mütter versuchen, möglichst nicht danach auszusehen und wenig Verständnis haben für eventuell angelehnte Lebensumstände. Theoretisch verlobt mit Boris Vian und Jacques Brel, winken sie nach dem zweiten Schluck Sekt ab aus der Furcht heraus, am nächsten Tag häufiger als drei Mal aufstoßen zu müssen.

Jedenfalls: Saint Germain ist ein tolles Viertel, um mal kurz durchzulaufen. An den Häuserwänden hängt noch ein bisschen vom Rauch, den Sartre damals in die Luft geblasen hat: aber die Zeiten, als die Existenzialisten hier vormittags ihren Absinth in sich hineingekippt haben, sind lange vorbei. Statt de Beauvoir, Vian und Merleau-Ponty sitzt jetzt Ber-nard-Hen-ry-Lé-vy in den Cafés, und die umsitzenden Touristen fragen sich, warum dieses Versuchsobjekt der Haarkosmetikindustrie mit dem offenen Hemd so zuvorkommend behandelt wird. In Saint Germain versammelt sich inzwischen der intellektuelle Schick, aus dem auch Carla Bruni hervorgekrochen kam. Saint Germain ist ein Abbild für die Intellektuellengläubigkeit, der Frankreich anhängt: früher, ja früher, und damals, und überhaupt. Was jetzt noch bleibt, sind café crème, für die man den Gegenwert des BIP Rumäniens auszugeben hat, und ein Haufen Galerien, die afrikanische Masken verkaufen oder Miniaturen aus dem 17. Jahrhundert. Saint Germain wäre gern das größte Museum der Welt, traut sich aber nicht, Eintrittspreise zu nehmen.

Montmartre
Am Abend, wenn die Sonne scheint, sollst Du auf den Stufen zum Sacré Coeur sitzen und auf Paris kucken. Um Dich abzuheben von all den anderen Touristen, die offenen Mundes nach Flair schnappen, sollst Du über die Tour Montparnasse schimpfen. Nachdem Du Dir eine Zigarette angesteckt hast, sollst Du Deine Flasche Rotwein mit einem Baguette öffnen und den Umstehenden mit Deinem Kartenspiel Feuer geben, während Du nom de dieu schreist. Dann darfst Du eine Einheimische heiraten und über die Engländer schimpfen, wie es sonst nur Afghnanen tun.

Mein liebstes Paris liegt etwas abseits und hat Dreck unter den Fingernägeln. Wenn es Nacht wird, sind die Bars um die gare du Nord ein Ort, der nicht so recht in den Schatten einer weißen Kirche passt, die nur deswegen gebaut wurde, um dem aufkommenden Atheismus und den Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten einen Stein des Glaubens auf den Kopf zu hauen. Es ist eine wunderbar schmutzige Gegend, als ich das letzte Mal mit meiner Tante dort saß, kam Sahid vorbei, der illegal hier lebt und Deutsche mag. „Ich mag euch Deutsche“, sagt er, „ihr seid zwar auch Rassisten, aber ihr seid ehrlicher: ihr findet uns wenigstens alle gleich Scheiße.“ Sahid kommt aus Djerba, da hat er viel mit Deutschen zu tun, hat er meiner Tante erklärt, „Sie sollten auch mal nach Djerba kommen, wir haben da hervorragende Schönheitschirurgen.“

Paris kann herrlich uncharmant sein.

Montparnasse
Montparnasse ist eigentlich eines dieser Viertel, in dem sich herrlich rumsitzen und Café trinken lässt: da liegt ein wunderbarer Friedhof ums Eck, da modert Gainsbourgh vor sich hin, und wenn man Abends um sieben mit einer Flasche Ricard vorbeikommt und anklopft, schaut er kurz raus und trinkt einen mit. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Außerdem liegt da eines der schönsten Museen Paris‘, sofern ich mich recht entsinne: das musée Bourdelle. Aber, statt einer Beschreibung: selber kucken. Allez voir vous-mêmes. Montparnasse ist eine Art Second-Hand-Saint Germain: Früher saßen hier die französischen Amerikaner in den Cafés, Henry Miller, T.S. Eliot, Hemingway; oder die ganzen Maler, Modigliani, Picasso, Matisse. Das müssen aber nur Menschen wissen, die mit Menschen anderen Geschlechts zusammen reisen, die sich noch die Mühe machen, Reizwäsche anzuziehen oder zumindest sich jeden Morgen ausgiebig an allen Körperstellen zu säubern: da macht historisches Namedropping natürlich Eindruck. Paris, Stadt der Liebe. Was ein Schlusswort.

18 Kommentare

  1. 01
    Florian

    ach sehr schön, ich sitze nun die letzten 6 Tage meiner 6 Monate hier ab, bevor ich nach Berlin zurückkehre und danke deiner Berichte, die hier wie ein Kassenzettel fungieren, weiß ich: Alles gehabt, nichts verpasst. 6 Monate reichen. :)
    Der Capuccino in Sartres Café de Flore kostete an diesem gestrigen Samstag übrigens BIPpige 7,20. Aber er war echt gut.

  2. 02

    muss man in Paris eigentlich saufen?

  3. 03
  4. 04

    Scheiss die Wand an, bin ich neidisch!!!!!!

  5. 05

    @binärfunk: Trinken, nicht saufen! Ansonsten, was @Tobias K.: sagt.

  6. 06
    Nico

    Dieser Sahid, ist das ein etwas älterer Herr, der so um die 1,60 groß ist und auch gern am Panteon rumlungert? Dort habe ich jedenfalls einen Sahid getroffen, der sehr ähnliches von sich gegeben hat.

    Und er hat mit mir Sandwich gegessen ;-)

  7. 07
    Frank Schenk

    Schöner Bericht, die Sehnsucht wird größer :)

    Irgendwo in der Nähe vom Gare Montparnasse hatte ich mal ein bezauberndes Frühstückscafe entdeckt, wo man relativ günstig schlemmen konnte.

    Das teuerste Frühstück meines Lebens hatte ich im Cafe oberhalb des Troc (Trocadero) – schon ~20 Jahre her und damals waren das so 18 Mark für 1 Pott Cafe au lait + 1 Croissant und etwas Butter. Da kann man ja im dix-huit Arrondissement günstiger frühstücken obwohl die da auch Apothekenpreise haben.

    Der Rekord für 0.3l Bier liegt bei mir übrigens bei 14 DM (der Negativrekord allerdings auch bei 2 DM! Solche Beizen muss man erst mal finden). Ich kann mich noch gut erinnern, mit der 3 Mann/Frau starken Reisegruppe, denen ich als Reiseleiter diente, am letzten Abend in so ne arabische Kaschemme eingekehrt, wo wir schon mal gegessen hatten, die verbliebenen Francs zusammengezählt (och, fürn Bier wirds noch reichen) und dann hat jeder noch 4 große getrunken. Da lachen wir heute noch drüber ;)

    gruß

  8. 08
    Frédéric Valin

    Wer übrigens wirklich billig trinken will, der sollte sich nach PMU-Bars umsehen: großartiges Publikum und berliner Preise. Aber die arabischen Kaschemmen sind auch nicht schlecht.

  9. 09

    Danke für deinen persönlichen pariser inlook. Also früher sind wir ja nach Paris zum Frühstück gefahren. Mal eben so 650 km. War wohl mit 7 von meinen acht Verlobten da und hatte immer ’ne schöne Zeit. Später war dann auch berufsmäßig five* drin, aber das war eher uncool. Mein persönliches Paris hatte ich nach Tramp Anreise und dann drei Wochen mit 21 Mark in der Tasche und Gitarre mit meinem kleinen Bruder. Französisch hat er schnell drauf gehabt. „Deux pressions“ kennt der heute noch. Das erste schoepicture ist dann auch in Paris entstanden. Ich stell’s mal als Sympathie Kundgebung für dein Paris rein bei http://myshoes62.blogspot.com/

  10. 10

    Out off Toppic

    à propos METRO

    http://www.google.de/search?q=Metro klagt&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:en-US:official&client=firefox-a

    Pardon e moi ;-)

    Merci :-/

  11. 11

    danke für die Musik!

  12. 12
    Frank Schenk

    @PiPi:

    Hamburg. In Ungarn muss die Gratiszeitung “ Metro“ in „Metropol“ umbenannt werden. Metro Group sah durch den Titel eines schwedischen Verlags seine Markenrechte verletzt. Auch in Frankreich und Italien hat Metro geklagt. In Deutschland verbietet eine einstweilige Verfügung die Internet-Domain der Zeitung. S. 30 lz 39-08

    Und was hat das jetzt mit „La Metropolitain“ zu tun? Daß die Abkürzung davon „Metro“ ist? Wie es mit der Profitgeilheit der Pariser Untergrundbahn aussieht, weiß ich nicht aber die Metro kennt man ja zur genüge.

    Ich mag die alten Schilder eh viel lieber.
    http://www.flickr.com/photos/a_cines/3332195831/

    gruß

  13. 13
    Henker

    beim gard du nord kann man auch relativ günstig übernachten, wie ich es in erinnerung habe, oder in marne-la-vallé übernachten und jeden tag ne stunde nach paris reinfahren, das is noch günstiger (oft ist auch noch eintritt ins disneyland im preis drin)

  14. 14
  15. 15

    die pariser metro ist profitgeil?

    ein einzelticket kostet 1,40 €
    und das 10er carnet 11,10 €

    die berliner u-bahn verlangt gefühlt, mindestens das doppelte!

  16. 16
    Frédéric

    @heinz: Dafür ist das BVG-Netz viermal so umfassend.

  17. 17
    Günther Wiesengras

    Lieber Spreeblicker,
    ich will eigentlich nicht klugscheissen, aber machen tue ich es jetzt trotzdem mal. Das Viertel heißt Saint Germain des Prés. Le pré ist die Wiese und das Viertel heißt so, weil es da in grauer Vorzeit mal große Wiesen gab. Près ist „nahe“, wie du gewiß weißt, aber das Viertel ist nicht nach seiner Nähe zu irgendwas benannt. :-)
    Grüße!

    Günther

  18. 18

    @Günther Wiesengras: hat Recht. Ich schäme mich jetzt ne Runde.

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