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Ein letztes Wort zu Winnenden


Der sogenannte Amoklauf in Winnenden hat eine ganze Flut an erklärbärigen Artikeln mit sich gebracht, da will ich nicht nachstehen. Die einen haben versucht zu erklären, warum „so etwas“ überhaupt passieren konnte und sind dabei nicht sehr weit gekommen: wegen eventueller Depressionen des Täters, weil er vielleicht gemobbt worden war, es könnte aber auch mit irgendwelchen Killerspielen zu tun haben, oder aber das Internet war Schuld, unter Umständen. Der bessere Teil der Artikel hat sich damit befasst, wie schamlos verschiedene Formate versucht haben, ihre Kaffeesatzpsychologie zu stützen. Es ist so ziemlich alles abgegrast und wiedergekäut worden, was an schnell verdaulichem vorhanden war. Nur eine Frage hat sich dabei hinter den Halmen dünne gemacht: Was, wenn der sogenannte Amoklauf gar nicht so krank und unerklärlich war?

Kleines Gedankenexperiment: Hätte der sogenannte Amoklauf in Neukölln stattgefunden, an der Rütlischule, was wär wohl dann gewesen? Sagen wir, der Täter hätte Ismael geheißen, wäre statt ins Internet hin und wieder in eine Moschee gegangen und hätte, statt Computerspiele zu spielen, im Koran geblättert. Noch bevor Claudia Roth Integrationsdebatte fertig ausgesprochen hätte, wären wir mir mitten drin in diesem Splattermovie, das clash of cultures oder Kampf der Religionen heißt. Die links fühlenden Zeitungen hätten Reportagen über verwahrloste Familien gebracht, über die mangelnden Aufstiegschancen von Kindern mit Migrationshintergrund, über die Bildungsmisere. Broder hätte im Cicero dazu einen Verriss gedruckt und, Kopf gegen Glocke, das Ende der Kuschelgesellschaft eingeläutet. In rechts fühlenden Medien wäre diese unsägliche Islam-Debatte wieder losgegangen, und man hätte keinen Kommentarstream unter welchem Artikel auch immer lesen können, ohne das blanke Kotzen zu kriegen.

Es wäre dann ja auch kein Amoklauf mehr, sondern ein Attentat, und wir hätten neben einer Ideologiedebatte gleich noch eine Begriffsdebatte über Terror und Terrorismus. Ein islamischer oder islamistischer Hintergrund würde klar darauf verweisen, dass sich die Tat aus einem Wertesystem speist, das wir nicht verstehen und von dem wir nichts wissen: das uns im konkreten Fall bedroht.

Aber der sogenannte Amokläufer war auf den ersten Blick ein normaler junger Mann: gut situiertes Elternhaus, er war ein bisschen im Internet, hat ein bisschen gezockt, war fünf Mal wegen Depressionen in Behandlung. Wenn man daraus ein Täterprofil zusammenstellt, kann man die komplette männliche Jugend der Bundesrepublik in Sippenhaft nehmen; da ist jeder verdächtig. Es mangelt also an Erklärungen, das ist unbefriedigend; zu sagen, der sogenannte Amokläufer sei einfach durchgedreht, ist es auch. Das ist kein Motiv, das ist eine Kapitulation all derjenigen, die nach Motiven suchen.

Wenn der sogenannte Amoktäter auf den ersten Blick normal war, müssen sich die Antworten auf die Motivfrage in der gesellschaftlichen Normalität finden. Der Westen ist keine ideologiefreie Zone.Und es muss die Frag erlaubt sein, ob Amokläufe an Schulen nicht auf die Spitze getriebene westliche Normalität sind.

Wir leben in einer Aufstiegsgesellschaft: seit der Nachkriegsgeneration ist das Ziel der Kinder, finanziell und lebensqualitativ besser oder mindestens genauso gut dazustehen wie die Eltern. Klar, jetzt, mit der Krise ist Essig mit noch teurerem Wein zu Weihnachten; aber das ist noch nicht so recht angekommen. Von der Krise hört man in erster Linie in den Zeitungen, der Sonntagsbraten ist für einen Großteil der Bevölkerung kein aussterbendes Lebewesen.

Es gibt in der Aufstiegsgesellschaft für den Jugendlichen drei Wege, erfolgreich zu sein*: Erstens, Erfolg in der Schule, harte Arbeit, glorreiche Zukunft als Arztpilotbahnführer oder so. Zweitens, Talent, das heißt: überdurchschnittliches Aussehen, eine gute Singstimme, sowas. Was einem in die Wiege gelegt wurde. Das sind die Erfolgsmärchen, die uns das deutsche Privatfernsehen mehrmals die Woche erzählt, in Germanys next Topmodel, in DSDS, Dieter Bohlen ist ein guter Märchenonkel. Und drittens, schiere Gewalt. Die Parabel von der schieren Gewalt erzählt uns das Kino, die Filme, die Computerspiele, die internationale Politik: das man was wird, wenn man sich durchschlägt. Zumindest für kurze Zeit, für einen Moment.

Oder aber für die Ewigkeit. Kürzlich kam Joachim Gaertners dokumentarischer Roman „Ich bin voller Hass, und das liebe ich“ heraus, der sich aus dem Nachlass der Columbine-Attentäter zusammensetzt, in der FAS erschien eine Besprechung. In der Printversion illustrieren einige Dialoge und Zeichnungen von Eric Harris und Dylan Klebold den Artikel. Da unterhalten sie sich unter anderem darüber, ob Tarantino oder Spielberg ihre Geschichte verfilmen soll. Sie ergehen sich in Allmachtsfantasien und nehmen die Reaktion der Öffentlichkeit voraus, um abschließend zu sagen: Es gibt nichts, was ihr hättet tun können. Columbine war unausweichlich.

Das ist ein Schlag ins Gesicht jeder Gesellschaft: den sogenannten Terrorakt selbst produziert zu haben. Und das nicht nur, weil man – wie der Spiegel das mit seiner Titelgeschichte par excellence vorgeführt hat – nach dem sogenannten Amoklauf den Tätern, dem Täter ein publizistisches Denkmal setzt. Sondern das es kein Fehler im System war, der solche sogenannte Amokläufe produziert hat. Sondern sie gehören dazu.

Davon aber hört man nichts in den Artikeln, Gesellschaftskritik ist nicht en vogue gerade. Obwohl nur ein gesellschaftliches Modell klar machen könnte, warum mehr und mehr Jugendliche aus der demokratischen Mitte, aus der Bürgerlichkeit und – wie es Pfeiffer behauptet – auch nach Rechts abdriften.

*Ich weiß, die Übergänge sind fließend. Wer eine tolle Stimme hat, muss trotzdem viel arbeiten und auf Konzerte gehen und Kram, und ob Intelligenz und Auffassungsgabe nicht auch Talente sind, darüber lässt sich streiten. Trotzdem glaube ich sind diese drei Wege diejenigen, die zu gehen man Jugendlichen nahe legt, um erfolgreich zu sein.

61 Kommentare

  1. 01
    peter h aus b

    Trefflich formuliert. Großartig.

  2. 02

    so einfach kanns sein. guter artikel.

  3. 03

    Chapeu. Besser hätte man es kaum sagen können. Könntest du bitte hinter Amoklauf noch jeweils „und Kinderpornographie“ setzen? Nur so, weil’s grad passt.

  4. 04
    Clemens

    Toll und sehr durchdacht geschrieben, will nur etwas ergänzen:

    „wie es Pfeiffer behauptet – auch nach Rechts abdriften“, – oder nach links

  5. 05
    michael

    Und trotzdem ist es ein Einzelfall. Oder? Ich habe erhebliche Zweifel ob in diesen Zusammenhang sinnvolle und vor allem so krass allgemeine Aussagen über die Gesellschaft treffen lassen.

    Wenn so etwas häufiger passieren würde, aber so? Ich weiß ja nicht in wie weit sich dein Argument auch machen lässt wenn man solche Einzelfälle ausklammert, aber der letzte Absatz deutet das ja schon an. Ich fände es überzeugender wenn du auf den Aspekt genauer eingehst und den Amoklauf eher ignorierst.

  6. 06
    Katahrina

    ist echt ein guter Artikel.
    bin auch voll seiner meinung

  7. 07

    ein amoklauf? hab ich was verpasst?

  8. 08

    Wenn man mal hinschaut (ich weiß, es fällt schwer) erkennt man, dass es Tim K. gezielt auf Mädchen und Frauen abgesehen hatte. Doch dieser Punkt wird in der Diskussion leider meist unter den Teppich gekehrt. Warum eigentlich? Auch in Erfurt waren 10 der 16 Opfer Frauen oder Mädchen. Statistischer Zufall? Oder schlichtweg Frauenhass als Tatmotiv?

    Krank ja – unerklärlich leider nicht…

    Interessant: Herr Koma kommt: Der Frauenmord in Winnenden

  9. 09
    Frédéric Valin

    @michael: Ich weiß nicht, wo man da ansetzen kann. Ist ein Amoklauf im Jahr ein Einzelfall? Was überschreitet die Grenze zum Einzelfall? In Deutschland zählt das kriminologische Institut zwischen 1974 und 2002 vier Amokläufe an Schulen, und jetzt einen alle anderhalb Jahre. Ist das eine signifikante Häufung?

    Ich bin mir da auch nicht so sicher, das gehört bei Theorien auch immer dazu. Aber ich denke schon.

  10. 10

    Amokläufe sind so seltene Ereignisse, dass sie einfach nicht dazu taugen, grossartige Reflektionen über potentielle gesellschaftliche Missstände anzustellen. Es gibt nunmal Menschen, die durchgeknallt sind. Ich fürchte auch, dass es unmöglich sein wird, jeden potentiellen Amokläufer frühzeitig erkennen zu können.
    Und natürlich wären die Schein-Analysen der Politiker, Medien und Experten in eine ganz andere Richtung gelaufen, wenn der Junge ein Muslim gewesen wäre.

  11. 11
    Soeren

    Aber nochmal nachgedacht: Stimmt das wirklich? Ist es denn für IRGENDJEMANDEN erstrebenswert, als Massenmörder berühmt zu werden? Ist das nicht auch irgendwie total peinlich? So wie, mit Hausschuhen in die Schule zu gehen? Ich hab das Gefühl, dass diese Vorverurteilung der „Medien“ inzwischen schon ein ebenso überflüssiger Reflex ist, der unglaubwürdig ist. Es ist doch logisch, dass sich Menschen für kurze zeit für den interessieren, der eine große Gewalttat ausgeführt hat. Aber Robert S. ist nicht in irgendeine „Hall of Fame“ eingegangen. Das ist Bullshit. Was ist denn so schlimm daran, dass sich Zeitungen und Blogs versuchen, auf all das Geschehene einen reim zu bilden? Es ist letztlich die Aufgabe der Medien, genau das zu tun. Dass sie dabei zum Teil über das Ziel hinausschießen und letztlich alle (inkl. der ZEIT, siehe aktuelles Dossier) in den Boulevard driften, ist nicht unbedingt schön, aber ein normaler Reflex.
    Mich ärgert nur diese Abstand vortäuschende Haltung, die der Text hier hat.
    Außerdem gibt noch mindestens drei weitere Wege, erfolgreich zu sein: Gute Herkunft ist eine, Fähigkeit, Kontakte aufzubauen, eine zweite – und sich nach oben schlafen eine dritte. Das große grobe Gewalt als Aufstiegschance ist komplett ausgedachter Blödsinn für Leute, die nicht zwischen Hollywood und Realität unterscheiden können.
    Über Winnenden ist eben das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Und auf einen wirklich guten Text zu dem Thema warte ich gern noch ein wenig.

  12. 12
    Jan(TM)

    Aha, Amoklauf weil es zu Weihnachten nur Kinderschokolade und nicht handgefertigte Pralinen gab?! Weil Freiheit auch Verantwortung für das eigene Leben beinhaltet? Was wäre denn die Alternative? Ein Linker Sozialismus wo jeder ans Händchen genommen wird und einen vorgeplanten Lebensweg hat?

  13. 13

    Also ich habe in meinem Blog andere Töne angeschlagen. Du hast die falschen Quellen. SPIEGEL! Ha!;))

  14. 14
    michael

    @Frédéric Valin:
    Wenn Gewalt als ein Weg wahrgenommen wird „žaufzusteigen“, warum passieren dann solche Amokläufe nicht noch viel häufiger? Gleiches gilt für Terrorismus. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man bei einen Amoklauf stirbt, genauso ist es unwahrscheinlich, dass man bei einen Terroranschlag stirbt.

    Terroranschläge wie Amokläufe können doch nur reizvolle Dinge sein wenn sie auch wirklich breit gestreut Angst und Schrecken auslösen. Paradoxerweise könnte es sein, dass das wichtigste Mittel zur Bekämpfung von menschengemachten Terror jeder Art das Lindern der Symptome ist.

    Ich glaube diese Fähigkeit von Amokläufen oder Terror zu terrorisieren muss man nicht einmal als Aufstiegschance verpacken. Es reicht völlig, dass der Mensch einfach Schwierigkeiten hat mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen. Wir sind kalibrierte Jäger und Sammler — und in solch einer Gesellschaft ist die Nachricht von einem der 15 Menschen umgebracht hat völlig zu Recht furchteinflößend. In unserer Gesellschaft ist es das nicht. Aber unser Gehirn ist eben immer noch falsch verkabelt.

  15. 15

    Sehr guter Artikel, vor Allem das Gedankenexperiment!

  16. 16
    Andreas

    Ich denke solche Dinge gab es immer und wird es immer geben – leider. Ob da eine Motivsuche in jedem Fall Sinn macht wage ich gar nicht zu beurteilen. Aber ob man es jetzt mit der „Aufstiegsgesellschaft“ in Verbindung bringt oder einfach nur damit, dass manche Menschen einfach (so einfach das klingt) schrecklich anders sind, weiß ich nicht. Menschen waren immer unter Leistungsdruck und haben immer Kämpfe auszufechten.
    In jedem Fall ist neben dem mittlerweile ganz alltäglichem Werteverfall auch zu beobachten das Tabu für Tabu wie Mauern einfach abgerissen werden. Möglicherweise ist das einfach auch nicht mehr aufzuhalten.

  17. 17

    der Artikel ist stilistisch gut und erstmal überzeugend. dass für Amokläufer auch der mediale Nachruhm eine Rolle spielt, gilt, wenn man den Psychologen und Kriminologen, die sich dazu in den Medien geäußert haben, glauben darf, als gesichert. daraus folgt natürlich, dass die Medienvertreter eine gewisse Verantwortung dafür habe, wie und in welchem Umfang sie von solchen Ereignissen berichten. Diese Selbstdarstellungsphantasie der Täter, das Anwenden von roher Gewalt aber als einen von 3 Wegen, in unserer Gesellschaft erfolgreich zu sein, halte ich für übertrieben.

  18. 18
    Frédéric Valin

    Um das mal auszuführen: Ich denke, dass Amokläufer nur einer der vielen möglichen Wege ist, sich dem erwünschten Erfolg, mit aller Gewalt erfolgreich zu sein in dieser Gesellschaft (erfolgreich im Sinne von: wahrgenommen und nicht übergangen werden). Und ein selten beschrittener obendrein, na klar: das ist eine Tat mit großen Konsequenzen.

    Ich denke aber, dass in verschiedenen Subkulturen immer mehr und immer häufiger darauf rekurriert wird. Die Nazis sind die eine Sache, aber auch Teile des HipHop, des Punk, des Rocks greifen darauf zurück.

    Was entschieden gegen die Thesenkapitulation spricht, es handle sich einfach um Irre, ist das oben verlinkte Buch. Da sieht man deutlich, wie reflektiert die Columbine-Täter die Gesellschaft eingeschätzt haben.

  19. 19
    lily of the valley

    *Küchenpsychologie an*
    Wenn man Statistiken über Gewalt und Gewaltverbrechen glauben will, sind nach wie vor hauptsächlich junge Männer die Täter. Die meisten Jungs werden beim Erwachsenwerden vor dem Problem stehen, dass ihr Bild von sich selbst nicht so wirklich mit dem Bild übereinstimmt, dass die Umwelt von Ihnen hat. Und ja, ich glaube das ist nach wie vor eher ein Problem von Jungs/jungen Männern – wobei die Mädels da wohl aufholen.
    Meine Theorie wäre, dass es je mehr Gewalt(verbrechen) gibt, je größer die Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlicher Stellung in der Gesellschaft ist.
    Gekoppelt mit einem Verlust von Perspektiven und/oder Autoritäten, seien es Staat, Vaterfiguren, Freundinnen oder was auch immer, die einem über diese Zeit hinweghelfen – ergibt das erstmal Frust, der sich – wenn er unerträglich wird – in Gewalt/Haß entlädt.
    Und dann kommt es auf die individuelle Psyche und Herkunft der Jungs an und welche Ventile ihnen zur Verfügung stehen. Die einen verprügeln dann (vermeintlich) schwächere – wie Obdachlose, Behinderte oder Schwule. Andere wenden sich Rechtsradikalen zu. Andere veranstalten illegale Autorennen. Harmlose trollen vielleicht im Internet herum ;)
    Oder oder oder
    ich vermute, dass sich da sogar klare Profile erstellen lassen.
    Um Aufmerksamkeit/Stellung in einer Gruppe /mehr Wert sein wollen als man ist – geht es da aber immer.
    Und in den extremsten Formen äußert sich das halt (bei behüteten Kleinstadtjungs) in Amokläufen.
    *Küchenpsychologie off*

    Und ja: das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem

  20. 20
    Kosima

    Ich glaube kaum, dass man die Karrieren von Akademikern und Talenten mit Kriminellen gleichsetzen kann. Als Krimineller ist man nicht „erfolgreich“, man steigt nicht auf; man landet höchstens irgendwann im Knast. Das müsste in deinem Artikel besser betont werden.

  21. 21
    Sal

    Es ist schon bemerkenswert, dass die Ursachenforschung von Amokläufen letztlich immer darauf hinausläuft, dass alles mögliche Schuld daran ist, nur nicht der Amokläufer selbst: Killerspiele sind Schuld. Schützenvereine sind Schuld. Das Waffengesetz. Die Gesellschaft. Das System.
    Was du Motivsuche nennst, läuft in der ganzen Debatte komischerweise immer auf die völlige Leugnung individueller Verantwortlichkeit für das eigene Handeln hinaus. So als hätte der Amokläufer in dieser Gesellschaft, in diesem System, mit diesen ganzen Killerspielen überhaupt keine andere Wahl gehabt als Amok zu laufen. So wird die Frage „Warum ist XYZ Amok gelaufen?“ auch häufig durch die Frage ersetzt: „Wie konnte es dazu kommen?“. So als wäre ein Amoklauf in irgendeiner Form die logische Konsequenz irgendeines Systems (was auch immer so ein „System“ sein soll), und nicht die persönliche Entscheidung eines für seine Taten verantwortlichen Individuums. Dieses Argumentationsmuster läuft in letzter Konsequenz auf die Verneinung eines freien Willens hinaus, in dem individuelle Taten als durch gesellschaftliche Verhältnisse determiniert angesehen werden. Warum also ist XYZ Amok gelaufen? – Weil XYZ ein mieses, kleines ******** war, dass sich dazu entschlossen hat 15 Leute hinzurichten. Aber aus irgendeinem Grund ist diese Antwort für Leute, die die Schuld immer im so genannten „System“ suchen, nicht zufrieden stellend. Vielleicht einfach mal wieder weniger Luhmann lesen.

  22. 22
    Frédéric Valin

    @Sal: Das Gegenteil ist der Fall. Es wird immer danach gesucht, was den Jungen derart beeinflusst haben könnte, dass seine Psyche derart Schaden genommen hat, um ihn zum Amoklauf zu treiben.

    Vielleicht einfach mal wieder mehr Luhmann lesen.

  23. 23
    Jan(TM)

    @Frédéric Valin: Aha, Amoklauf als Methode um an die 15 Minuten zu kommen?

    Nur war der Amoklauf soweit man hört nicht medial so perfekt vorbereitet wie Columbine. Erfolglos war der auch nicht in seinem Leben.
    Warum laufen Ismael oder David* aus Sebnitz nicht Amok, obwohl deren Perspektiven auf einen Ausbildungsplatz gleich null sind?

    *Mitglied DDKS(Doitsche Dumpfbacken Kameradschaft Sebnitz)

  24. 24
    michael

    @Sal:
    Ich glaube du verwechselst da was. „žEigenverantwortung“ zu rufen und es dann bleiben zu lassen sich mit der Tat zu beschäftigen bringt überhaupt nichts. Jeder Amoklauf, jedes Verbrechen, hat notwendigerweise Ursachen. Manche liegen sicher in der Struktur des Täters, manche in der Struktur der Gesellschaft.

    Versucht man Amokläufe damit zu erklären, dass Jugendliche heute oft vielen gewalthaltigen Medieninhalten ausgesetzt hat so schiebt man Eigenverantwortung nicht zur Seite. Das ist doch Unsinn. Die Fragestellung hat mit Eigenverantwortung nichts zu tun.

    Eigenverantwortung ist ein geladenes Wort, das aber wenig zur Sache beizutragen hat. Es hat einfach nichts damit zu tun. Es ist ein mentales Stop-Schild: Halt, hier nicht weiterdenken!

  25. 25

    @kosima: das ist so nicht mehr ganz so richtig. es gibt inzwischen genug kriminelle akademiker. die kriegen dann aber meist eine abfindung, wg. lebensleistung.

  26. 26
    Gunnar

    „Die Parabel von der schieren Gewalt erzählt uns das Kino, die Filme, die Computerspiele, die internationale Politik: das man was wird, wenn man sich durchschlägt.“

    Fehlen da nicht noch Bücher, Musik und Theater? Dann hätten wir doch alles durch?

  27. 27
    Sal

    @Frédéric Valin:
    Ok. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe. Mir geht es darum, dass nach solchen Vorfällen immer auf gesellschaftliche / systemische Bedingungen hingewiesen wird, aus denen ein Amoklauf dann die notwendige Konsequenz ist. Eben wenn du schreibst, dass die Gesellschaft „den Akt produziert“ habe, oder das dieser Amoklauf Bestandteil des Systems sei. Für mich ist nämlich die Erklärung, dass die gesellschaftlichen Umstände die Psyche des Täters hinsichtlich eines Amoklaufs determiniert haben, nicht das komplett Gegenteil, sondern fällt in genau dasselbe Argumentationsschema.

    @michael:
    Ja, ich bin übrigens durchaus nicht der Meinung, dass man gesellschaftliche Umstände komplett ausblenden sollte. Ich denke nur nicht das individuelles Handeln durch gesellschaftliche Umstände vollständig determiniert ist; aber es kommt mir bei der ganzen Debatte um Killerspiele, Schulsystem oder jetzt die Aufstiegsgesellschaft so vor, als ob manche das anders sehen. Ja, jedes Verbrechen hat notwendigerweise Ursachen: Und eine, und nicht die geringste davon, ist die freie Entscheidung des Täters, dieses Verbrechen zu begehen.

  28. 28
    SusiSorglos

    Am Ende ist es ganz einfach. Die Opfer sind Mitschuldig!

    Er hat ja nicht den Bahnmitarbeiter, Bankangestellten, einen Polizisten oder seine Eltern erschossen, sondern diejenigen die ihn dorthin begleitet haben. Ohne diese Menschen wäre er wohl nicht in diese Situation gekommen.
    Möglicherweise war er nicht der große Verbalkünstler, nicht cool genug oder er hatte einfach einen kleinen Schwanz, wurde deshalb gehänselt und blitzte bei den Mädels ab. Es kommt ja nicht einfach so, dass man jemanden umbringen will.
    Er hat für sich mit seinem Leben abgeschlossen, ein Amokläufer stirbt halt am Ende, und wohl gleichzeitig offene Rechnungen beglichen, da er sich seine Opfer gezielt ausgesucht hat.

    Ganz einfach und Punkt.

    Ein Punkt bleibt am Ende doch entscheidend. Er war mit seinen jungen Lenzen mehr als geübt mit verschiedenen Waffen. Dieses Können hat er genutzt. Sozusagen eine Schlüsselqualifikation für das Gelingen.

  29. 29
    michael

    @Sal:
    Ja, aber diese Entscheidung ist nicht magisch, losgelöst von Kausalität und über allen Dingen schwebend. Sie hat Gründe und diese zu finden ist keine unsinnige Sache und bedeutet mitnichten, dass man Eigenverantwortung wegschiebt.

  30. 30
    Sal

    @michael:
    Es gibt selbstverständlich diese gesellschaftlichen Ursachen. Aber ebenso gibt es bei jeder menschlichen Handlung auch eine Art Residuum, das man nicht aus diesen gesellschaftlichen Ursachen heraus erklären kann, und das durch den freien Willen gefüllt wird. Und gerade bei solch monströsen Taten wie einem Amoklauf fällt es mir doch sehr schwer eine kausale Beziehung (im Sinne von: Wenn X dann Y) zwischen „Wir leben in einer Aufstiegsgesellschaft“ und „Ich gehe auf die Strasse und erschiesse 15 Menschen“ herzustellen. Zumindest in meinem Weltbild geht das nicht ganz so geschmeidig zusammen.

  31. 31
    Batumi

    Bleibt die Frage, was du mit deinem Gedankenexperiment sagen willst. Haben wir zu große Vorurteile gegenüber religiösen Ideologen (islamischen, selbstverständlich !) ?
    Im übrigen hätte er wohl eher Ismail geheißen, nicht Ismael.

  32. 32
    michael

    @Sal:
    Ich halte es für fragwürdig — wahrscheinlich unmöglich — Freien Willen von Kausalität loszulösen. Wir haben Freien Willen, aber nur insofern als das wir Teil der Physik sind. Ich und Physik stehen sich also nicht feindlich gegenüber und streiten sich um ihren Einfluss auf die Zukunft, das Ich ist Teil der Physik und beeinflusst dadurch die Zukunft. Puh, das war jetzt ganz kurz mein Verständnis von Freien Willen.

    Was das heißt: Am Ende hat auch die Entscheidung des Täters einen Grund. Der muss irgendwo zu finden sein. Vielleicht tatsächlich nur in seinem Gehirn. Aber auch wenn der Grund des Amoklaufs nur im Gehirn zu finden ist, gibt es prinzipiell einen Grund. Es wird nicht plötzlich Magie nur weil es im Gehirn stattfindet. Und Determinismus — so oft und gerne das behauptet wird — befreit niemanden von seiner höchstpersönlichen Verantwortung. Wenn wir morgen alle Gründe für alle Verbrechen kennen würden müssten wir trotzdem nicht alle Gefängnisse aufsperren. Niemand hier würde doch behaupten, dass man solche Täter nicht bestrafen sollte. Das ist doch Unsinn. Aber es ist doch sicher auch verständlich, dass vielen jetzt wichtiger ist Gründe zu finden, denn nur so können solche Taten in Zukunft verhindert werden. Und es ist meine Überzeugung, dass es Gründe gibt. So eine Diskussion wie hier ist also nicht unsinnig. Nur, und das ist sicher auch richtig, wird sich die Suche nach Gründen nicht so einfach durchführen lassen. Vielleicht ist Tim K. wirklich nur ein seltsamer Mutant? (Glaube ich persönlich aber nicht.)

    Also: Maul halten, multiplizieren, und erstmal rausfinden durch welche Verbrechen am meisten Leid entsteht und die dann zuerst bekämpfen.

  33. 33
    Schwarz Weiß

    sorry wenn ich hier jetzt mal n bisschen kritisch sein muss, aber n bisschen recherche gehört halt auch dazu! das was du da schreibst ist nichts neues, tolles, sondern nur n bisschen populistisch formuliert. statt hier so aus dem bauch heraus n paar stammtisch statements abzugeben, ist es manchmal angebrachter weniger schwarz-weiß-denken oder einfache lösungen zu suchen! manchmal kann es gut sein, wenn bei so emotionalen themen ne recherche dahinter steckt oder einfach mal das ego und mitteilungsbedürfnis zügeln und keinen erklärbärigen beitrag raushauen!
    die recherche zu deinem thema/inhalt wäre in dem fall gar nicht so kompliziert gewesen: n berliner blog und ne berliner zeitung (die alles ins netz stellt), da ist der weg doch eigentlich gar nicht so weit, oder?
    siehe: http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/der-doppelte-kontrollverlust/
    sorry für die harten worte, aber ich wollte dich nur auf ein qualitätsproblem deiner „berichtserstattung“ aufmerksam machen!

  34. 34

    @Schwarz Weiß: hm? Heitmeyer kommt über empirische Ergebnisse zu einem ähnlichen Ergebnis, wie ich durch eine These. Wo ist der Punkt, ich hätte mir den Text herbeirecherchieren sollen, und inwiefern wäre mein Text dann anders ausgefallen? Im Gegenteil, ich hätte aus dem Text ja noch mehr Argumente für mich gewinnen können. So what’s the point?

  35. 35
    Yoland

    Ich verstehe einfach nicht, warum es völlig untergeht, dass praktisch alle Opfer weiblich sind (habe hier jetzt nur einen Kommentar entdeckt, der dies erwähnt). Warum ist das so egal?
    Ich finde die Frage im Artikel was wäre passiert hätte ein Ismael die Tat begangen, sollte umgedreht werden: Was wenn die Opfer hauptsächlich Migranten gewesen wären?
    Niemand würde an einem rassistischen Motiv zweifeln, aber Frauenhass wird kaum als Motiv angenommen, lieber „Killerspiele“ oder das der Junge Außenseiter gewesen sein soll. Ärgerlich.

  36. 36
    ajo

    „Kopf gegen Glocke“ eingeläutet. Wie geil ist bitte diese Formulierung? Die merke ich mir.

  37. 37
    cosmo

    @Schwarz Weiß
    Ich verstehe nicht, wieso bei jeder Gelegenheit jemand darauf herumreiten muss, dass die meisten Opfer weiblich waren.

    Weißt du, wie die Mädchenquote in den betreffenden Klassen war? Weißt du, wer bei eintreffen des Täters wo gesessen hat? Kannst du einschätzen, wie ein Junge oder wie ein Mädchen reagieren würde, wenn jemand mit Tötungsabsicht bewaffnet den Raum betritt?

    Solange eine wirkliche Absicht des Täters hinter dem gehäuften Beschuss von weiblichen Opfern nicht halbwegs klar ist, wirkt dieses „Aber der hat fast nur Mädchen erschossen!“ mindestens… voreilig.

  38. 38

    Und wenn der Täter wirklich Ismael von der Rütlischule gewesen wäre, gäbe es jetzt nicht nur eine Sperrungsdebatte zu Kinderpornoseiten sondern auch noch zu Islam-, Koran-, Moschee- und Terrorseiten.

  39. 39

    @cosmo: Dass das zielgerichtete Vorgehen Tim K.s innerhalb der Schule fast nur Mädchen und Frauen galt (auch die verwundeten Opfer sind vorwiegend Mädchen insg. 18 der 19 Opfer in der Schule waren weiblich), wurde in der Berichterstattung fast nicht berücksichtigt, obwohl sogar die Polizei vor Ort, bzw. der Innenminister dies in der ersten Pressekonferenz noch hervorhob.

    Diese Tatsache unter den Teppich kehren zu wollen statt sie zu bewerten, halte ich für mindestens… fahrlässig.

  40. 40
    cosmo

    „Zielgerichtet“? „Tatsache“? Bist du sicher, dass du da so gut bescheid weißt?

    In meiner Klasse waren zwei von drei Schülern Mädchen und von den Jungen hat kaum einer in den ersten zwei Reihen gesessen. Wäre da jemand mit einer Waffe reingekommen und hätte wahllos um sich geschossen, hätte er wohl auch vor allem weibliche Opfer getroffen.

  41. 41

    warum niemand den „amok“lauf unter einer gender debatte diskutiert ist mir auch nicht klar, besser gesagt schon, dann müssten ja viele männer mal anfangen kritisch über die gängigen männlichkeitsnormen in der gesellschaft nachzudenken.

    ich bin während meinen recherchen für einen post auf meinem blog auf die arbeit von jackson katz gestoßen, habe auch videos von ihm gefunden, er macht das alles eigentlich ziemlich klar:
    http://kopfundherz.blogspot.com/2009/03/gender-und-amok.html

  42. 42
    cosmo

    Aber um mal beim Thema zu bleiben: Frédéric, das war der beste Text zu Winnenden!

  43. 43

    @cosmo: Die Zahlen sind leider eine Tatsache, das zielgerichtete Vorgehen entnehme ich den Kopfschüssen, von denen berichtet wird. Wahllose Kopfschüsse gibt es wohl kaum (den in der Presse manchmal erwähnten, von Tim K. geäußerten Frauenhass habe ich absichtlich weggelassen, da ich außer Zitaten in der Presse hierfür keine Belege habe).

  44. 44

    Zunächst einmal halte ich sehr viel von dem Ausgangstext, welcher hier verfasst wurde, doch die Kritik an der Vernachlässigung, der Betonung des hohen Anteils der weiblichen Opfer kann ich nicht ganz folgen.
    Nach Motiven in der Gesellschaft zu suchen, die einen Menschen dazu bringen 15 Menschen kaltblütig zu ermorden, finde ich sinnfrei. Ich selber bin erst 16 Jahre alt und spiele gelegentlich „Killerspiele“, wie sie in der Öffentlichkeit von den Generationen vor mir betitelt werden. Gegen einen guten Actionfilm am Abend habe ich genauso wenig einzuwenden. Trotzdem habe ich nicht vor solch eine Tat jemals zu begehen. Natürlich ist diese Aussage in erster Linie subjektiv zu betrachten, jedoch ergeht es bis auf wenige Ausnahmen jedem so. Die kleine Anzahl von denen die keinen Ausweg mehr sehen, begehen jedoch nicht zwangsläufig einen Amoklauf, doch im Kopf festgesetzt haben sich lediglich die zwei Betroffenen aus Essen und Winnenden. Die restlichen 11 Million jungen Menschen, die solche eine Tat nicht begehen und gleiche Verhaltensweisen aufweisen, werden nicht in Betracht gezogen. Sei also die Antwort auf die Frage „Warum?“, welche für mich als ohnehin nicht zu beantworten gilt, eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, wäre die Anzahl, solcher Taten deutlich höher.
    Die Täter als legidlich „krank“ zu bezeichnen, hört sich nach einer Erklärung an, mit der man sich die ganze Sache leicht machen wollte, jedoch meiner Meinung nach, trotzdem die sinnvollste sei. Was mich an dem Geschehen so erschrocken hat, ist die Tatsache, dass Tim K. mit einer Handfeuerwaffe getötet hat. Jeder Schuss ein präziser Treffer. Seien dier hier aufgeführten Teilmotive, wie Mobbing, Frauenhass, Nicht-Anerkennung der Eltern oder in der Gesellschaft etc. tatsächlich der Wahrheit entsprechend, hätte die Tat nach dem ersten tötenden Schuss, meiner Meinung nach ein Ende gehabt. Nachdem man einen unschuldigen, wehrlosen Menschen erschießt, noch die Fähigkeit und Absicht zu haben, weitere Menschen zu töten, ist krank. Und wie schon erwähnt glaube ich, dass die Suche nach einer weiteren Erklärung sinnlos ist. Auch wenn die Vorstellung pervers sein mag, ist die Hemmschwelle mit einer Automatikfeuerwaffe, welche man in eine Menge richtet, nicht so groß. Aber mit „Augen zu und durch“ ist einem nicht geholfen, wenn man einzelne Treffer abgibt.
    Dass Politiker in ihrer Rolle der Gesellschaft so gut wie gezwungen sind zu handeln, steht außer Frage. Wenn es dann keine logischen Erklärungen gibt, werden Computer- oder Konsolenspiele verboten oder halt ganze Veranstaltungen solcher Treffen zum spielen in Stuttgart abgesagt. Genauso wenig, bei allem Respekt der hier Mitlesenden, kann dies, meiner Meinung nach, eine erwachsene Person von 30 oder 40 Jahren nachvollziehen. Der Unterschied der Gestaltung der Gesellschaft für einen Jugendlichen heutzutage und vor 2 Generationen ist dafür lediglich zu enorm, bedingt durch den Werteverlust sowie der Abnahme der Hemmschwelle der Gewaltbereitschaft.
    Prophylaktische, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen gestaltet sich schwer, da es, wie schon erwähnt, kein Täterprofil gibt.
    Man muss nicht aufällig handeln, um aufällig zu denken. Meiner Meinung nach wird dies nicht der letzte Amoklauf sein, der sich in absehbarer Zeit zurichten wird. „Sie gehören halt dazu!“

    Gruß Jonas

  45. 45

    Warum die Tatsache, dass vor allem Frauen und Mädchen unter die Opfer zählten, nicht weiter interessiert, liegt vor allem daran, dass man dann den mutmaßlichen Frauenhaß des Täters diskutieren müsste – keine Debatte, die sehr ergiebig wäre. Das liefe auf Küchenpsychologie hinaus.

  46. 46
    Frédéric Valin

    Wenn wir über den Frauenhaß des Täters diskutieren, diskutieren wir nur den Frauenhaß des Täters. Mehr als Küchenpsychologie kommt dabei aber meiner Meinung nicht rüber.

    Was soll man denn da diskutieren?

  47. 47
    Nana

    Aufstiegsgesellschaft:

    ja wir leben in einer Aufstiegsgesellschaft. Und das ist gut so. In vielen anderen Gesellschaften kann man überhaupt nicht aufsteigen sondern bleibt sein Leben lang in seiner von Tradition und Gesellschaft zugeteilten statischen Position.

    Nicht der Aufstieg ist meiner Meinung nach zu kritisieren sondern die Art und Weise wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht die nicht aufsteigen bzw. versagen.

    Dafür gibt es ganz grob gesagt zwei Überzeugungsmodelle. Das konservativ rechte (jeder ist seines Glückes Schmied, Versager sind selbst Schuld an ihrem Unglück) und das progressiv linke (alle Menschen sind gleichwertig, jedem gebührt der gleiche Respekt, v.a. die Stärkeren stützen die Schwächeren).

    Meiner Meinung nach gibt es, besonders in den Medien eine starke Tendenz zu einem konservativen Menschenbild. Wettbewerb ist alles. In den Castingshows wird das bestens unter Beweis gestellt. Selbstverwirklichung durch direkte Konkurrenz, der Stärkste (meist nicht der Talentierteste) setzt sich durch. Die restlichen 99% sind alles Verlierer. Das hat schon fast sozialdarwinistische Züge.
    Soziales Miteinander wäre ja auch langweilig im TV.

    Dummerweise werden gerade die Zukunftsträume und Berufswünsche vieler Teenager durch so eine TV Gülle geprägt.

    Wahrscheinlich sind genau diese TV Formate viel „gefährlicher“ als jedes „Killerspiel“ …

  48. 48

    @Frédéric Valin: Man soll vielleicht mal diskutieren, dass eben gerade auch das entsprechende Männerbild („Gewalt, Waffen“) und das entsprechende Frauenbild („Opfer“) Teil der Gesellschaft sind, die solche Taten verursacht. Ich glaube außerdem nicht, dass dieser Frauenhass ein Einzelfall ist.

    Fünf Tage Mediengau: Der Mädchen- und Frauenmord von Winnenden

  49. 49
    Frédéric Valin

    @Stefan Sommer: Das ist bestimmt diskussionswürdig. Allerdings eine Diskussion, die auch geführt wird, wie ich meine. Zumindest häufiger als die Ideologiedebatte.

  50. 50

    Der beste Artikel zum Thema, den ich bislang gelesen habe. Danke.

  51. 51

    „erklärbärige Artikel“ :)!

    Hier mein erklärbäriger Beitrag: Hätten keine Waffe rumgelegen, hätte es keine Morde gegeben. Ich halte es für ziemlich vermessen, sich selbst eine solche Distanz zum Geschehenen und der Berichterstattung zu attestieren.
    Und was sollen Politiker -im Wahljahr wohlbemerkt- denn sagen: „Kommt halt vor“?

  52. 52

    @eder: Wenn jemand entschlossen ist solch eine Tat zu begehen, gelingt es ihm auch in den Besitz einer Waffe zu kommen. Das keine in der Bettschublade der Eltern vorzufinden ist, hält einen angehenden Täter von nichts ab.

  53. 53

    @Jonas:
    Doch doch, der freie unverstellte Zugang zu den Waffen kann als Teilfaktor mit eingerechnet werden.
    Gerade Impulsive Taten werden dadurch erleichtert bzw. erst möglich gemacht.

  54. 54
    SamGut

    Wieso immer „sogenannte“?

  55. 55

    @jens: Amokläufe zeichnen sich dadurch aus, von langer Hand geplant zu sein.

    @SamGut: Weil alle immer sagen, er sei Amok gelaufen und komplett durchgedreht, und ich das nicht versteh.

  56. 56

    @jens: Okay, dem stimme ich zu. Fraglich ob es eine impulsive Tat war. (siehe Frédéric 55)

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