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Joachim Gaertner: Ich bin voller Hass – und das liebe ich

Am 20. April 1999 töteten Dylan Klebold und Eric Harris 12 Menschen in der Columbine Highschool in Littleton. Über diesen Amoklauf hat es viele Bücher und Filme gegeben inzwischen, unter anderem Guus van Sants Elephant. Der Amoklauf gab und gibt immer wieder Anlass zu Deutungen, zur Hinterfragung der Motive, zu einem allgemeinen „Wie konnte das nur passieren?“. Joachim Gaertner hat Chatprotokolle, Tagebucheinträge, Texte und Videos der beiden gesammelt, ausgewertet und arrangiert.

Wer nach einfachen Antworten sucht, wird auch in „Ich bin voller Hass – und das liebe ich“ fündig werden. Harris ist begeisterter Doom-Anhänger und lebt zeitweise ausschließlich in dieser Welt. Beide sind sozial isoliert: Ein Schulkamerad, den sie verschonen, wird später zu Protokoll geben, sie gehörten „noch nicht einmal zu den Verlierern“. Sie sehen sich gewaltverherrlichende Filme an, Reservoir Dogs, Natural Born Killers. Sie hören Musik von Rammstein und NIN. Klebold ist depressiv, Harris ergeht sich in Allmachtsfantasien.

Aber: Harris nutzt Doom, um in aufwändiger, liebevoller Kleinarbeit neue Level zu erstellen. Er setzt seine ganze Kreativität ein, um neue Gattungen zu kreieren und Räume nachzubauen, von denen er geträumt hat. Außerdem ist er ein sehr guter Schüler, er ist gebildet. Beide haben keinen Hass auf ihre Eltern, sie sind ironiebegabt, sie haben Freunde. Manches Mal, wenn sie von ihren Ängsten, Qualen und Hass berichten, hat man den Eindruck, dass es so ist, das Teenagerleben.

Und dann gibt es die beunruhigenden Momente im Buch, die danach fragen lassen, ob man das Columbine-Attentat nicht auch hätte verhindern können. Ob nicht jemand hätte aufmerksam werden müssen, wenn Harris auf seiner Webseite schreibt, er wolle nur noch töten und verletzen, „so viele von euch Arschlöchern, wie ich kann.“ Oder die beunruhigenden Momente, wenn Fiktion plötzlich sehr nah an die Realität heranrückt: In ihrem Schulvideo „Hitmen for hire“ beschützen Klebold und Harris einen Schüler vor einem „Sportlertypen“, der den Jungen piesackt, am Ende zielt Klebold in die Kamera und drückt ab. Tatsächlich waren ja auch einige Lehrer besorgt wegen Harris‘ gewaltverherrlichenden Aufsätzen, genau wie es auch eine Anzeige gab wegen seiner Mordfantasien gegenüber einem Mitschüler. Selbst im Jugendprogramm sind sie gewesen, weil sie nachts auf von ihnen so genannten „Missionen“ Vandalismus betrieben hatten. Sie wurden als „gute Jungs“ entlassen.

Allein: Wenn diese Taten und Einstellungen als Voraussetzung für einen Amoklauf dienen, gehören fast alle männlichen Jugendliche in die Sicherheitsverwahrung. Die beunruhigenden Momente des Buches sind nicht deswegen beunruhigend, weil sie so aussergewöhnlich sind, dass man sie sich kaum vorstellen kann. Eric Harris ist ein etwas aufgekratzter, in seiner penetranten Selbstbeweihräucherung etwas nerviger junger Mann; Dylan Klebold hingegen wirkt in seiner emotionalen Verlorenheit bisweilen rührend. Ihre Videos sind pathetisch-peinlich, ihre sogenannten Missionen hochpubertär.

Es ist ein Buch geworden, das als Zwangslektüre verordnet werden sollte für alle, die sich öffentlich über Amokläufe äußern. Man beschäftigt sich (und das zu Recht) viel mit den Opfern und den Hinterbliebenen nach einem Amoklauf. Und man beschäftigt sich mit den Ursachen, befragt Nachbarn und Psychologen, Lehrer und andere Deutungshoheiten. Dass hier die Perspektive der Täter gehalten wird, macht dieses Buch neben all den anderen Veröffentlichungen zu etwas besonderem. Ohne Pomp, ohne Verherrlichung, aber auch ohne große psychologische Kaffeesatzleserei hat die Dokumente Joachim Gaertner arrangiert, die, statt alle Fragen zu beantworten, neue aufwerfen. Das ist kein Buch, das es einem einfach macht. Gerade deswegen ist es ein hervorragendes Buch geworden.

Zum Abschluss oder zu Beginn stellt sich ganz allgemein die Frage, sofern man sich mit Amokläufern auseinandersetzt, ob man sich nicht zu deren Spießgesellen macht. Harris und Klebold haben vorausgesehen, dass es viele Filme, Artikel und Bücher über sie geben wird, und bisweilen sonnen sie sich in der posthumen Aufmerksamkeit. Einmal beraten sie im Chat darüber, wer ihre Geschichte verfilmen soll, Tarantino oder Spielberg (Ergebnis: Tarantino). Im Grunde sind es zwei Fragen: Wenn ich die Gedanken und Pläne der beiden weitertrage, handele ich dann in ihrem Sinne, im sinn ihrer Ruhmsucht? Und gebe ich da nicht Nachahmungstätern Anlass, auch Amok zu laufen in der berechtigten Hoffnung, dass ihnen dann die gleiche Aufmerksamkeit zukommt?

Gaernter hat sich im Nachwort dieser Frage gewidmet; in den USA gibt es, anders als in Deutschland, die Tradition, alle Informationen so weit es irgend möglich ist der Öffentlichkeit preiszugeben. Was im schlechtesten Fall dazu führt, dass sich Opferfamilien verhöhnt vorkommen ob der Aufmerksamkeit, die den Attentätern gezollt wird. Und im besten Fall zu einer besseren, offeneren und fundierteren Diskussion über Hintergründe und Ursachen der Tat, als wir sie nach Erfurt und Winnenden zu führen in der Lage waren.

Ich bin voller Hass – und das liebe ich!! (Amazon-Partnerlink)

Update: Eine Lesung findet am 19.05. im Festsaal Kreuzberg statt. Zuvor ist Gaertner Gast im Radio EINS Studio Admiralspalast. Und es gibt ein Hörspiel von Gaertner zum Thema.

24 Kommentare

  1. 01

    Der Mann liest am 19.5. im Festsaal Kreuzberg und ist vorher abends im Radio EINS Studio Admiralspalast.

  2. 02
    marc

    danke für die rezension! das datum des amoklaufs ist aber falsch. nicht 1990 sondern 1999 (sonst wäre die kommunikation auch wohl nicht über chat gelaufen…).

  3. 03
    Frédéric Valin

    Danke für den Hinweis. Ich hab den Post um die Lesung ergänzt. Über die radio eins Veranstaltung hab ich nix gefunden, hast Du da einen Link?

  4. 04
    Frédéric Valin

    @marc: Auch Dir danke.

  5. 05

    Hab über das Buch und den Autor eine kurze Doku auf Arte gesehen, schien auf jeden Fall sehr interessant zu sein.

  6. 06
    Marion Brasch

    @Frédéric Valin: Ich hab‘ Joachim Gaertner in die Sendung eingeladen. Einen Link gibt’s leider noch nicht.

  7. 07
    Frédéric Valin

    @Marion Brasch: Alles klar: ich trag das nach.

  8. 08

    Mag sein, dass ein solches Buch dabei hilft, solche Taten zu verstehen. Mag sein, dass ein solches Buch eventuell den Blick dafür schärft, dass hinter solchen Taten mehr steckt als nur ein „Killerspiel“. Und dennoch: sobald das mediale Interesse abgeklungen ist, geht alles wieder seinen gewohnten Weg. Habe das mal hier thematisiert:

    http://roterhai.wordpress.com/2009/05/02/was-haben-wir-aus-winnenden-gelernt/

  9. 09

    sehr geil! danke für den tipp. gleich mal im buchladen meines vertrauens nachschaun.

  10. 10
    Simon Pfirsich

    Hab neulich bei „Plan B“ ein Hörspiel von Joachim Gaertner über Columbine gehört, welches ungefähr der Art dieses Buches zu entsprechen scheint (soweit ich das aus jener Beschreibung hier beurteilen kann).
    Wer sich also noch etwas zum Thema anhören möchte, dem sei „Hass! Mehr Hass!“ empfohlen. Das dürfte noch bis Mitte Mai hier herunterzuladen sein:
    http://www.einslive.de/sendungen/plan_b/soundstories/2009/04/soundstories_090414.jsp

  11. 11
    Frédéric Valin

    @Simon Pfirsich: Danke, ich hab auch das nachgetragen.

  12. 12
  13. 13

    Is‘ hier heute Tag der Danksagungen oder was? ;)

    Ich beschwer‘ mich ja nicht, ganz im Gegenteil: Danke!

  14. 14
  15. 15
    ZeroG

    Klebold, Harris, wie hiess dieser Detmolder Typ, vermutlich selbst Mohamed Atta … was diese Leute erreichen wollen ist Ruhm, ein Denkmal, den ewigen Highscore.

    Dank solcher Bücher und Berichte erreichen sie auch ihr Ziel und können so Nachahmer anspornen. Zudem ist „Shoking … I want to hear more“ ja ein bewährtes Vermarktungsmuster der Yellow Press …

    So profitiert ein Jeder davon – ausser vielleicht den Opfern, aber die sind halt ja auch tot …

  16. 16

    Es gibt noch ein anderes Buch, das von psychologischer Seite empfohlen wird:
    Nobody Left to Hate: Teaching Compassion After Columbine: Teaching Compassion von Elliot Aronson

  17. 17

    Interessant zur medialen Rezeption das Amoklaufs ist hier vielleicht auch das Columbine-RPG bzw. die Kontroverse um eben dieses (es wurde aufgrund seines Inhalts von einem Artgame-Festival ausgeschlossen): Dort wird u.A. auch Doom referenziert; denn natürlich kommen Kleebold und Harris in die Hölle.

  18. 18
    Frédéric Valin

    @Johnny Haeusler: Vielen Dank für dieses Dankeschön.

  19. 19
    Harm

    Als angelernter Experte von Harris/Klebold, Hitler im Bunker, Kurt Cobain allein im Greenhouse, etc. muss ich ergänzen:
    Harris und Klebold hatten ihre Mission komplett anders geplant. Die meisten Opfer sollten die Bomben erzeugen. Sie seilbst wollten sich auf die Erschiessung der Flüchtenden konzentrieren. Und danach mit einer Anzahl von Geiseln einen Jet besteigen, den sie dann irgendwo spektakulär niedergehen lassen wollten.
    Im Kontext dieses „Masterplans“ ist die selbstgefertigte Video-Dokumentation ihrer Vorbereitungshandlung zu sehen, welche durch ihre Interpretation durch die Medien absolut neu (und ihnen unbekannt) war.
    Die „Amokläufe“ von Ex-Schülern von Erfurt, Emsdetten, Tuusula und Virginia, etc. nehmen Columbine als Vorbild: Kleidung, Aufrüstung und Video-Dokumentation für die Geschichtsschreibung. (Ok, Erfurt ohne Video, Emsdetten ohne Tote, etc. your mileage may vary)
    Aber der Bezugspunkt seitdem, für alle die geplant und unreif mit Waffen andere niederstrecken, ist nunmal Columbine. Und Columbine war ein Missverständnis, eine Fehlplanung, ein logistisches und persönliches Desaster.
    Und so sieht das Ergebnis auch aus: In Emsdetten macht der Attentäter die Youtube voll mit Erklärungen ín Kampfanzug und schlechtem Englisch, tötet sich dann aber nur selber; in Winnenden kapert der Attentäter noch ein Auto um noch andere Schulen heimzusuchen, verstirbt dann aber in einem Autohaus, Steinhäuser wird vom Kunstlehrer eingesperrt. Über-Ninjas, sehen anders aus.
    Nein, Harris/Klebold wollten keine Nachahmungstäter, sondern wussten nicht so recht was sie eigentlich wollten. Aber dies in ihrer Unsicherheit, als herrschsüchtigen Plan hinzustellen, gibt bis heute allen Unsicheren und Gekränkten eine Blaupause, wie man als uncooler Schwachmat mit Waffe unsterblich wird.

  20. 20
    Bernd Ibond

    Und wird auch auf die Medikamente eingegangen?

  21. 21

    @Bernd Ibond: Du meinst die Antidepressiva? Nur am Rande.

  22. 22
    Endkrieg

    Ich habe das Buch gelesen und hab mich über dies hinausgehend, weiter über den Amoklauf auseinandergesetzt und recherchiert, soweit dies möglich ist, und ich muss sagen, dass Joachim Gaertner nirgendwo falsche Tatsachen zur Geltung kommen lässt, wie denn auch er hat das Buch ja eingentlich nur zusammengetragen und angeordnet, was ihm, meiner Meinung nach, überaus gut gelungen ist.

    Ich persöhnlich kann dieses Buch nur jeden empfehlen, und wer sich schonmal ein paar gesellschaftkritische Gedanken gemacht hat, wird an diesem Buch doppelt Spaß haben, denn es Bringt doch immer Spaß seine Gedanken mit den von anderen zu vergleichen.

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