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Bundesliga-Spieltag 31 – Frühling in Berlin

Super Symbolfoto: 1899 Hoffenheim. Unmärchenhafte Märchen in der Provinz, Sesamstraße und wirklich wichtige Nachrichten aus Berlin: nach dem Klick.


1899 Hoffenheim – 1. FC Köln 2:0

Sie können es also doch noch. Hoffenheim. Eigentlich liest sich ihr Saisonverlauf umgekehrt zur Filmographie von James Dean: Zuerst Giganten, der beste Aufsteiger aller Zeiten. Dann wissen sie nicht genau, was sie tun, und vor allem wissen sie nicht mehr, wer wo steht und warum. Und am Ende stehen sie jenseits von Eden, irgendwo in Iowa im Nirgendwo.

Inzwischen gefällt mir Hoffenheim, es ist ein gebrochenes Märchen, das nicht hält, was es verspricht. Hoffenheim stand nach der Hälfte der Spielzeit dafür, dass Kompetenz plus Geld eine Mischung darstellt, die ein festes, traditionelles Gefüge wie die Bundesliga beinah mühelos sprengt. So haben sie auch Fußball gespielt, offensiv, unbekümmert, überraschend. Wenn man anhand des Fußballs eine Geschichte der Eitelkeiten und der Überschätzung schreiben wollte, eine Geschichte der kurzlebigen Schlagzeilen, müsste man Hoffenheim als Hauptcharakter einbauen. Hoffenheim wird innerhalb der nächsten Jahre in Konkurrenz zur Hertha, zu Wolfsburg, zu Hannover und zu Dortmund treten: aber dass die Bundesliga nicht berechnbar und langweilig ist, das ist die Lektion, die man aus der Causa Hoffenheim lernen kann. Sofern man nicht nach den Sensationen schielt.

Bayer Leverkusen – Arminia Bielefeld 2:2
Anders Leverkusen, das schlechtere Hoffenheim: weniger märchenhaft, dafür märchenhaft schöner Fußball dann und wann. Unvergessen der Sieg gegen die Bayern im DfB-Pokal, unvergessen auch die Duelle gegen Hoffenheim, neun Tore in zwei Spielen, mit die talentierteste Mannschaft im deutschen Fussball, selbst Kießling geht da als Stürmer durch. Aber unstet, windig, wie ein Anlageberater.

Und das ist Leverkusen ja auch: ein Anlageberater für die größeren europäischen Fußballvereine, man nennt sowas auch einen „Ausbildungsverein“. Leverkusen kuckt, welches Potential welcher Spieler zur weiteren Entwicklung offenbart, und größere Gestalten gewinnen dann die CL und versuchen es zumindest und sehen sehr traurig aus, wenn sie ewig Zweiter werden. Michael Ballack, niemand ist prädestinierter, als für den ZDF als Fußballexperte zu arbeiten. Als Zweiter sieht man besser.

Energie Cottbus – Bayern München 1:3
Es ist wie vor einer Klassenarbeit. Wer einstmals als Nachhilfelehrer arbeitete, weiß, was ich meine. Entweder, man paukt die einfachen Dinge, Vokabeln, offensichtliche Fragestellungen (im Fußball Standards genannt), Fleißarbeiten vorab und hinterher. Oder man sieht die weitere Entwicklung, man versucht, dem Patienten Schüler eine Perspektive und Spaß am Fach Spiel zu vermitteln. Kurzfristiger Erfolg ist durch konventionelle Methoden zu erreichen, langfristig ist die innovative Methode erfolgsversprechender.

Bayern entscheidet sich prinzipiell immer für die konservative Lösung: ab der ersten Klassenarbeit hat es zu rappeln. Unter anderem deswegen spielt der FCB international keine Rolle mehr, und verliert nach und nach national das Alleinstellungsmerkmal Abonnementmeister. Wenn es jetzt doch noch zur Meisterschaft reichen sollte, wie auch immer: die Hoffnung, dass Hoeneß, Beckenbauer, Breitner und Rummenigge etwas zukunftsträchtiges auf die Beine stellen in München, ist Hoffnung und Zuversicht. Und nur das.

VfB Stuttgart – VfL Wolfsburg 4:1
Markus Babbel ist in erster Linie deswegen ein Phänomen, weil er ein Antagonismus ist. Nicht aufwändig zusammengecastet, als wäre er einer von vielen Kandidaten bei Stuttgart sucht den Supertrainer, sondern altmodisch als Retter, als derjenige, der am Ende der gezogenen Reißlinie als Voodoo-Puppe auftaucht, verpflichtet, hat er Erfolg; und zwar nachhaltigen Erfolg. Vielleicht ist Babbel, der nie als besonders intelligenter Innenverteidiger galt, sich jetzt als relativ intelligenter Trainer präsentiert; und tatsächlich gefällt an Babbel ja in erster Linie, dass er sich kaum präsentiert, sondern man ihm immer abnimmt, dass er sich in irgendeinen Dienst (der Mannschaft, des Fußballs, des Vereins, der Weltrettung) stellt. Sollte je ein Film über die ersten Wochen Markus Babbels gedreht werden, Bruce Willis käme nicht nur wegen seiner Frisur in Frage.

(Magath, auch das muss einmal gesagt werden, sieht tatsächlich niedliche aus, wenn er sauer ist. Wenn er jemandem böse ist, kann ich ihm gerade deswegen nie böse sein. Ein Paradox, das keines ist.)

Hannover 96 – Eintracht Frankfurt 1:1
Ich hatte vermutet, dass Hannover dieses Jahr eine sehr gute Saison spielen würde; im Vorfeld sah es aus, als hätten sie vernünftig eingekauft und als hätte Hecking deutlich mehr Ahnung als einige seiner Kollegen, sagen wir: Peter Neururer. Aber vielleicht stelle ich mir Hecking auch falsch vor: vielleicht sah das vor der Saison, im Heckingschen Schlafzimmer, auch so aus:

Na, der Himmel kann warten.

Borussia Dortmund – Karlsruher SC 4:0
Das muss ein frustrierendes Gefühl sein: einigermaßen mitgehalten zu haben und die bessere Mannschaft gewesen zu sein über ganz schön lange Zeit, und dann kriegt man eine gescheuert, als lebte man noch zu Hause beim gewaltbereiten Vater. Wenn Karlsruhe gut spielt, sind sie nicht bundesligatauglich: wenn sie sehr gut spielen, verlieren sie trotzdem. Wenn sie gut spielen, holen sie in Fürth ein unentschieden. Die Verteidigung leidet an ADS, der Sturm an Depressionen, das Mittelfeld ist schizophren („Da müsste doch noch einer stehen!“).

Und wenn man Ede Becker nach dem Abpfiff, Arme in die Hüfte gestemmt, am Spielfeldrand auf und ab stapfen gesehen hat, dann war das kein Zeichen der Verzweiflung, sondern der Fatalität, wie man sie aus griechischem Tragödien kennt. Es ist die Geste schwäbischer Hausfrauen, die versucht haben, Spätzle zu machen, obwohl keine Eier im Haus sind; und am Ende zwar den Kopf schütteln, aber auch ein bisschen wissend; es war ja klar, dass Gebete da nicht helfen.

Hertha BSC Berlin – VfL Bochum 2:0
Alte Tante Hertha, ist das der nächste Frühling? Der dritte dieses Jahr? Dieses grandiose zweite Tor von Raffael, Laola in Berlin, glaubt man das denn? Will man wissen, ob die alte Tante nebenan noch Sex hat und wieviel Spaß ihr das macht?

Es tut mir leid, ich mag die Hertha nicht, ich habe höchstens ein wenig Verständis für sie dann und wann. Die wichtigen Nachrichten aus Berlin lauten anders: Herzlich willkommen in der zweiten Liga. Ich freu mich auf Pauli nächstes Jahr.

16 Kommentare

  1. 01

    Wolfsburg interessiert mich nicht die Bohne, aber im Rennen gegen die Bayern bin ich natürlich für die. Stuttgart hasse ich, dann lieber Bayern. Hertha wäre auch ok. Am liebsten wäre mir der HSV.
    Mir war Hoffenheim zu Beginn ursymphatisch, aber war klar, dass sie das nicht bis Ende der Saison durchhalten. Fände ich toll, wenn die in 2 Jahren gegen Real Madrid spielen, wo doch selbst in Deutschland kaum einer weiß, wo Sinsheim liegt.
    Der Text gefällt mir weil die beiden Protagonisten einfach ignoriert werden. Finde ich gut. Aber hier nochmal fürs Protokoll: Gomez und Ribéry.

  2. 02
    peter h aus b

    Frederic, schreib über Sachen, die du verstehst. Ist besser..

  3. 03
    Nico Roicke

    @peter h aus b: was gibt’s denn beim fussball abseits der regeln zu verstehen?

  4. 04
    sing

    Ach mit der Bundesliga habe ich nicht viel am Hut, aber dann bin ich versehentlich mal vor dem Fernseher und es kommt ein bisschen was von diesem WM-Gefühl auf. Das war so gigantisch.

  5. 05

    @Nico Roicke: abseits der abseitsregel…

  6. 06
    Simon Pfirsich

    Klingt übrigens besser, wenn man „31. Bundesligaspieltag“ schreibt. Aber das wäre ja langweilig…

  7. 07
    behindthebeat

    karlsruhe war „über ganz schön lange zeit“ die bessere mannschaft? anscheinend hast du das spiel nicht gesehen und dich von einem betrunkenen (und zugleich verzweifelten) karlsruher fan vollquatschen lassen. dortmund hat von anfang an druck gemacht und das spiel beherrscht, nach dem führungstor allerdings nicht nachgesetzt. und karlsruhe hat insgesamt 15 minuten so etwas wie fußball gespielt. 4:0 hätte es auch schon zur halbzeit stehen können.

  8. 08
    Fehler

    Falatität^^

  9. 09
  10. 10
    Herr Kalli

    Die Mannschaft auf die Sie meinen, sehr geehrter Herr Valin, heißt St. Pauli. So viel Zeit muß sein.

  11. 11
    Thomas (Cuxhaven)

    Boah nee ey… entweder ist Bremen so fies oder Hamburg zu doof. Ich sehe es schon kommen. Nach der super Ausgangslage bleibt dem Nordenmal wieder nix. Bremen vergeigt beide Pokalenspiele und Wolfsburg wird auch nicht Meister :,(

    Und Hoffenheim? Gut, die haben ’ne Super Hinrunde gespielt und viele, vor allem ihre Gegner überrascht. Sie haben ganz gute Spieler und einen Trainer, der diese ganz gut einstellen konnte.
    Die rückrunde hat aber gezeigt, daß die anderen auch nicht doof sind. Und so hat man sich auf Hoffenheim eingestellt und diese wieder nach unten durchgereicht. Die nächste Saison dürfte Hoffenheim dann um den Abstieg mitspielen.

  12. 12
    bunki

    @valin

    danke für die Blumen. Mit den wichtigen Nachrichten aus Berlin, meine ich. Und über den TV-Experten Ballack musste ich herzlichst schmunzeln.

  13. 13
  14. 14
    Frédéric Valin

    @Georg Krüger: indeed, indeed.

  15. 15

    Fühle mich ja geehrt, daß mein Foto verwendet wird. Wieso ist es aber so schwer, die Phrase „attribute the work in the manner specified by the author“ in den Lizenzbestimmungen zu berücksichtigen und in meinem Profil nachzuschauen, in welcher „manner“ ich als Autor das denn gerne hätte?

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