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Kirsten Fuchs, Volker Strübing: Nicht der Süden

Fahren zwei Schriftsteller in die Arktis und ein Kamerateam schaut, was passiert. So stelle ich mir grob das Konzeptpapier zur Doku „Nicht der Süden“ (Mediatheklink mit allen vier Folgen) vor, die sehr charmant geworden ist und unterhaltsam.
Fahren zwei Schriftsteller in die Arktis und schreiben hinterher darüber, wie es ist, mit einem Fernsehteam auf engsten Raum wochenlang zusammenzuhausen und dabei gefilmt zu werden. Das dürfte der Arbeitstitel zu dem parallel erschienenen Buch sein.

„Naja. Und außerdem“, sagt Lutz, „denkmer, dass das ne lustige Sache wird, wemmer zwei so… ähm… ich sag mal: lebensunfähige Künstler von ihren Schreibtischen und Cafés wegholen und in so ein Abenteuer stürzen…“ Er grinst.

Volker Strübing hat aus dem Material ein Tagebuch gemacht, und wie immer, wenn Volker Strübing nah an sich selber schreibt (das tut er die meiste Zeit), stolpert er liebenswert-tollpatschig, verträumt und hin und wieder verloren durch die Welt, die ihn umgibt. Dabei ist er, wenn er Crew und Bekanntschaften beschreibt, sehr nett und beinahe schon höflich, was schade ist: zwischen den Zeilen liest sich häufiger heraus, dass mindestens einer der Passagiere hin und wieder kurz vor dem Axtmord stand.

Rührend wird der Text, als sich herausstellt, dass Volker Strübing sich in seine Begleiterin Kirsten Fuchs verliebt. Kirsten will nämlich nichts davon wissen, und Volker Strübing erzählt von da an so selbstironisch und gleichzeitig verzweifelt von seinen Ängsten, Selbstvorwürfen und Euphoriemomenten, dass einem das Herz aufgeht. Leider ist die Reise zu Ende, bevor es die Geschichte ist, weswegen Volker Strübings Part etwas aprupt endet.

Dafür ist vieles von dem drin, was man im Film nicht sehen kann: die cholerischen Anfälle des Projektleiters, die ganzen Fehlversuche bei diversen Einstellungen, die Alltagsmühen, die Übermüdung, ein gebrochenes Herz. Volker Strübing hat einen schönen und schön zu lesenden Werkstatbericht geschrieben, einen rührenden obendrein.

Ich weiß nicht, warum der Verlag Kirsten Fuchs‚ Teil als Roman tituliert hat: das ist er nämlich nicht. Es ist eher eine Sammlung von Ideen, Skizzen, kleinen Geistesblitzen ohne großen Entwurf. Kirsten Fuchs erzählt darin die Reise ihrer Enkelin zum letzten Eisbären. Und Kirsten Fuchs tut das, wie man es aus ihren anderen Texten kennt: mit viel Sprachwitz, viel Sinn für kleine Absurditäten und ein wenig amüsiert.

Ich hatte beim Lesen den Eindruck, als hätte es dem Text gut getan, wenn da noch ein wenig Arbeit reingesteckt worden wäre. Bisweilen liest er sich, als habe Kirsten Fuchs nicht genug Zeit gehabt, weil das Buch eben raus musste. Wer Kalauer, Sprachwitz und einen eher unkonventionellen Umgang mit der sprache mag, wird auch fündig werden.

Es ist ein – mir fällt kein passenderes Adjektiv ein – hübsches Buch geworden, das manchmal etwas zu nett und etwas zu unfertig wirkt. Aber unterhaltsam und kurzweilig. Ungefähr wie die Outtakes aus der Trailerproduktion:

Nicht der Süden. (Amazon-Partnerlink)

15 Kommentare

  1. 01
    jochen

    mir hatte die fernsehproduktion sehr sehr gut gefallen, jedenfalls die teile die ich nicht verpasst hatte.
    leider musste ich dann feststellen das es nicht moeglich ist die fernsehreihe auf dvd zu bestellen um sie nochmal in gaenze sehen zu koennen. oder hat da jemand andere informationen?
    und auch wenn das buch vielleicht nicht der grosse wurf ist, es kommt trotzdem auf die persoenliche wunschliste.
    danke fred, fuer die erinnerung :-)

  2. 02
    Frédéric Valin

    @jochen: Gerne! Wenn Du auf den ersten Link klickst, kannst Du alle Folgen online sehen. die erste ist übrigens im Buch mit drin, als DVD.

  3. 03
    jochen

    danke.
    die online-version hatte ich auch gefunden. mir fehlt die „gemuetlich mit frau auf dem sofa im fernseher-guck“-version. da verstehe ich nicht ganz wieso man nicht die anderen teile auch veroeffentlicht. vielleicht kommt es ja noch.

  4. 04
    Frédéric Valin

    @jochen: Oder Du fragst direkt mal bei Volker (Link oben). Vielleicht kann der dir da ja weiterhelfen.

  5. 05
    Lebedjew

    Geht mir wie mit Kirsten Fuchs‘ Erstling: Nette, sympathische Protagonistin, die es verdient gehabt hätte, von einer planvollen Autorin in Szene gesetzt zu werden.

  6. 06
    Frédéric Valin

    @Lebedjew: Der Erstling ist super, bloß der Schluß fädelt ein bisschen aus.

  7. 07
    leedorean

    Sagt mal, ist das euer Ernst? Diese völlige Planlosigkeit und das gefühlte Desinteresse der „Akteure“ hat bei mir zu körperlichen Schmerzen geführt. Ich konnte nicht mehr als 10 Minuten der Serie hintereinander schauen, ohne weiße Knöchel zu bekommen. Das Ganze hatte etwas von „Der offene Kanal fährt in die Arktis“.
    Sorry aber vielleicht muss man die „Darsteller“ persönlich kennen, um dieses Werk so gnädig zu bewerten.

  8. 08
    Frédéric Valin

    @leedorean: Ich kenne volker ein ganz kleines bisschen und Kirsten vom sehen. Meine „Gnädigkeit“ kommt eher daher, dass ich bereit bin, viel durchgehen zu lassen, wenn es sich um ein neues Konzept handelt. Ich hab die Serie gerade wegen der völligen Planlosigkeit gerne gemocht.

  9. 09
    jochen

    @leedorean: zum glueck haben unterschiedliche menschen einen unterschiedlichen geschmack. und noch ist „tv ausschalten“, zumindest in diesem land, straffrei ;-)

  10. 10
    leedorean

    @Frédéric Valin: spätestens an Stellen, wo die Beiden auf Leute getroffen sind und sich unterhalten haben wurde es durch die planlosigkeit aber echt übel.

    @jochen: ich war zu schawch, ich habe umgeschaltet ;)

  11. 11

    danke für den tipp!
    eine charmante sendung mit tollem soundtrack.

  12. 12
    Peter Hildenbrand

    Hallo,
    wie komme ich an den Soundtrack zu „nicht der Süden“
    habe nur einen CD-Player.
    Viele Grüße
    Peter

  13. 13

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