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Sturmwarnung in Reimen

Im Radio haben sie gesagt, man soll sich heute Nachmittag, wenn der Sturm kommt, auf der Straße flach auf den Boden legen. Damit man besser vom Baum erschlagen wird vielleicht. Ich hab heute extra Fenster geputzt, um die ganzen auf dem Boden liegenden Leute besser sehen zu können. Die Stimme des Moderators nahm einen sehr brüchigen Ton an, als er das sagte. Das muss ein Moderator gewesen sein, schlechte Nachrichten werden ja immer nur von Männerstimmen überbracht. Nach 9/11 hatten alle Nachrichtensprecherinnen erstmal vier Wochen Urlaub oder mussten Außenaufnahmen machen. Hiobsbotschaften brauchen den Bass.

Mir wird bei apokalyptischen Katastrophenszenarien immer ganz kindisch ums Herz. Wenn einer spricht, gleicht stürzt ein Zug ins Meer, muss ich an den alten Herrn Kleimer denken, meinen alten Deutschlehrer, der in seinem Park Frösche gezüchtet hat und Pfeife geraucht hat und die Klassenarbeitshefte, wenn er sie nach Monaten, ach was: Jahrzehnten korrigiert zurückgesandt hat, waren voll mit Brandlöchern überall. Nachdem sich ein paar Eltern beschwert hatten, durfte er nur noch Schüler unterrichten, die laut Gesetz selbst rauchen durften. Bei dem mussten wir dieses fürchterlich bräsige Fontane-Gedicht Die Brücke am Tay auswendig lernen. Hey, das gibt ein Ringelrein. Juchuh. Ich kann das immer noch, Schillers Bürgschaft auch. Mein Kopf ist völlig verstopft und verklebt mit diesem Bildungsgehube, mein Oberstübchen ist ein südfranzösisches Antiquariat. Die schönen Sachen hab ich alle vergessen, aber Schiller und Fontane, das kann ich mir merken. Keine Ahnung, was das soll. Wenn ich einkaufen gehe, vergesse ich doch auch immer das Klopapier und nicht die Schokolade.

Wie dem auch sei, als der Moderator beruhigend auf mich einsprach, alles würde ganz ganz schlimm werden, war das erste, was ich dachte: Juchuh, Weltende!

Weltende (Jakob van Hoddis)

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Heute morgen beim Kafee saßen wir dann zusammen, schauten in die trübe Zukunft der Kaffeetasse und sammelten Sturmgedichte. Wer weniger hat, muss Sonntag Abend dem anderen sein Lieblingsessen machen. Zaza hat schon Bateau ivre (zählt nur halb), den Bericht des Schiffbrüchigen und ein paar Zeilen aus den Gesängen des Maldoror. Ich hab nix. Das wird sich auch nicht ändern, denn ich lese kaum Lyrik. Das ist ein bisschen unfair, denn ich esse am liebsten Pfannkuchen, Zaza aber Sauerbraten.

Drum wollte ich eben nachfragen, ob mir nicht bitte wer helfen mag.

37 Kommentare

  1. 01

    AUFTRITT ZUM BAD

    Schleier fressen Hörnerklang
    Schafe sterben lichtgestanzt
    Katz“™ kotzt Maus zum Abgesang
    Hagelsturm den Damm betanzt.

    Einzeln trommeln taktlos Läden
    Weiden wispern wirren Text
    Harte Schwaden schwingen Fäden
    Angst in Dammes Mantel wächst.

    Mond durchbohrt die Decken
    locht weiß den schwarzen Schwamm
    brilliert im bangen Becken
    Die Mondlast stürzt den Damm

    (aus meiner bescheidenen Feder, erstmals veröffentlicht 2004 Realis Verlag)

  2. 02

    Aber gern doch – wenn ich helfen kann, dann tu ich das sogar ab und an:
    Zum einen die hyperdramatische Ballade Nis Randers vom (un)vergessenen Otto Ernst.

    Und zum anderen natürlich der Klassiker: John Maynard. Übrigens von Ihrem Lieblings-Fontane, verehrter Herr Valin. Damit verödete man mir meine Schulzeit. Unter anderem.

  3. 03
    Panama Jack

    Muss es denn unbedingt hohe Lyrik sein?
    Ich böte sonst den Text von Herbert Grönemeyers „Land unter“.

  4. 04

    Ich habe bereits in einem morgendlichen Tweet den Heinz Erhardt mit „Das Gewitter“ gebracht, wohl in der Vorrausicht es hier noch mal zu brauchen.

    Heinz Erhardt zählt hoffentlich, oder?

  5. 05
    Frédéric Valin

    Heinz Erhardt zählt auf jeden Fall, Grönemeyer wed ich verhandeln müssen. Vielleicht zählt dann sogar Elista.

    Dankesehr!

  6. 06

    Backwater Blues (Bessie Smith)
    When it rains five days and the skies turn dark as night
    When it rains five days and the skies turn dark as night
    Then trouble’s takin place in the lowlands at night

    I woke up this mornin‘, can’t even get out of my door
    I woke up this mornin‘, can’t even get out of my door
    That’s enough trouble to make a poor girl wonder where
    she wanna go

    Then they rowed a little boat about five miles ‚cross
    the pond
    Then they rowed a little boat about five miles ‚cross
    the pond
    I packed all my clothes, throwed ‚em in and they rowed
    me along

    When it thunders and lightnin‘, and the wind begins
    to blow
    When it thunders and lightnin‘, and the wind begins
    to blow
    There’s thousands of people ain’t got no place to go

    Then I went and stood upon some high old lonesome hill
    Then I went and stood upon some high old lonesome hill
    Then looked down on the house where I used to live

    Backwater blues done caused me to pack my things and go
    Backwater blues done caused me to pack my things and go
    ‚Cause my house fell down and I can’t live there no mo‘

    Mmmmmmmmm, I can’t move no mo‘
    Mmmmmmmmm, I can’t move no mo‘
    There ain’t no place for a poor old girl to go.

  7. 07
  8. 08

    Meine liebe Mutter kriegt ja jetzt nichts mehr mit und trotzdem finde ich sie bei jedem Besuch im Pflegeheim im Rolli vor der Glotze. Irgend eine Pflegerin schiebt sie da morgens hin und abends wieder weg. Und ich frage mich, ob sie wohl doch noch was mitbekommt? Von dem permanennten Geprassel an, wie du es nennst, bassigen Stimmen?
    Ich erinner noch ganz genau, vor Jahren, als sie noch zuhause lebte und ihr Kopf noch „in Ordnung“ war, liefen die Nachrichten und es wurde über irgendein Erdbeben, irgendwo, irgendwie schlimm oder was weiß ich berichtet. Und meine Mutter wurde damals ganz verzweifelt. die armen Menschen! Ich erinner mich, daß ich zu ihr sagte, Mutti, hättest du den Fernseher nicht, würdest das garnicht wissen.
    Und heute bin ich selber stolz auf mich kein TV zu besitzen. Leider kenne ich nur noch 1,5 Freinde welche auch nicht fernsehen.
    Für alle anderen gilt: Volle Deckung wenn der Atomblitz kommt. Ach nee, war ja der Wind diesmal…
    Have a look http://www.terlima-news.blogspot.com/

  9. 09
    daniel

    Mein Kumpel Tobi Siebert hat mit seinem Kumpel Fisch vor einigen Jahren den Parolenrock erfunden. Hier ihr stilbildendes Großwerk:

    Die Welt fällt um!
    Bumm!!

  10. 10
    tim

    Das ist jetzt nur halbseidenes Halbwissen: aber handelt Shakespeares „The Tempest“ nicht auch von Sturm?

    Und könnte das nicht als Joker dienen? Weil wegen Shakespeare und ein ganzes Stück in Reimform und so?

  11. 11
    tim

    Aber was ich weiß: der heißt vAn Hoddis, nicht vOn Hoddis. Denn da war ich im Gegesatz zu der Sache mit „The Tempest“ nicht zu faul zum Googeln… :-)

  12. 12
    Frédéric Valin

    @tim: Mea maxima culpa. Dankesehr.

    Der Sturm ist leider Drama, aber das könnte man auch mal machen: Stücke, in denen ein Sturm ne große Rolle spielt. Das fällt mir auch sofort Shakespeare ein, bloß weiß ich nicht mehr, ob der Schiffbruch in Was ihr wollt oder Wie es euch gefällt vorkommt. Die verwechsel ich immer.

  13. 13
    Frédéric Valin

    @daniel: Das ist sehr, sehr schön.

  14. 14
    Alberto Green

    Wie lautet denn der Pakt genau? Lyrik oder Dichtung. Letzteres könnte man ja auf jeden Roman ausdehnen und dann einfach die komplette Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts nehmen: Erhöhe um Edgar A. Poes Arthur Gordon Pym und nochmal den kompletten Jack London zum Sehen.

  15. 15
    Frédéric Valin

    @Alberto Green: Lyrik, leider.

    Und da fällt mir ein: Es muss doch endlos Reime zum Thema im Sturm und Drang geben. Klopstock oder sowas. Bloß kommt mir der zu Hause nicht in den Bücherschrank, da bin ich Purist.

  16. 16

    Das hab ich mal auswendig lernen müssen:

    Die Füße im Feuer
    Conrad Ferdinand Meyer
    (1825-1898)

    Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
    Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß,
    Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
    Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
    Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
    Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

    – „Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
    Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!“
    – Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert’s mich?
    Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!“
    Der Reiter tritt in einen dunklen Ahnensaal,
    Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
    Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
    Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
    Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
    Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
    Und starrt in den lebend’gen Brand. Er brütet, gafft …
    Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
    Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

    Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
    Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
    Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
    Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
    Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
    – „Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
    Drei Jahre sind’s … Auf einer Hugenottenjagd …
    Ein fein, halsstarrig Weib … ‚Wo steckt der Junker? Sprich!‘
    Sie schweigt. ‚Bekenn!‘ Sie schweigt. ‚Gib ihn heraus!‘ Sie schweigt.

    Ich werde wild. D e r Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
    Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
    Tief mitten in die Glut … ‚Gib ihn heraus!‘ … Sie schweigt …
    Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
    Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
    Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.“ –
    Eintritt der Edelmann. „Du träumst! Zu Tische, Gast …“

    Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
    Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
    Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an –
    Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
    Springt auf: „Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
    Müd bin ich wie ein Hund!“ Ein Diener leuchtet ihm,
    Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
    Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
    Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.
    Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
    Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
    Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …

    Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
    Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
    Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
    Er träumt. „Gesteh!“ Sie schweigt. „Gib ihn heraus!“ Sie schweigt.

    Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
    Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
    – „Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!“
    Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
    Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
    Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

    Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
    Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
    Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
    Friedsel’ge Wolken schimmern durch die klare Luft,
    Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.
    Die dunklen Schollen atmen kräft’gen Erdgeruch.
    Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
    Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: „Herr,
    Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
    Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.
    Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!“ Der andre spricht:
    „Du sagst’s! Dem größten König eigen! Heute ward
    Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast Du teuflisch mir
    Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.“

  17. 17
    Frédéric Valin

    @nasobem: Ui. Das ist ja schlimmer als Fontane.

  18. 18

    Schon eher mein Stil:

    Joachim Ringelnatz – Gewitter
    Oben in den Wolken krachte der Donner.
    Am Ufer des Indischen Ozeans balzte ein Kind.
    Würde der Mond noch monder, die Sonne noch sonner,
    So würden die Menschen vielleicht noch drehlicher, als sie schon sind.
    Tausend Menschen lachten und weinten;
    Sechs von dem Tausend wußten, warum;
    Zwei von den sechsen aber meinten
    Von sich selber, sie seien eigentlich dumm.
    Breite Straße filmte mir vorbei,
    Links und rechts mit Lichtern und Reflexen
    Fechtend und mit Worten und Geschrei.
    Helle Nacht ergoß sich brausend.
    Und ich grüßte ehrfurchtsvoll die zwei,
    Und ich beugte staunend mich den sechsen,
    Kniete, echt und bettelnd, vor dem Tausend.
    Vor dem Grand Hotel zu den Drei Mohren
    Kreiste jämmerlich ein Hund und schiß.
    Nebenbei, von irgendwem verloren,
    Lag ein künstliches Gebiß.
    Doch ich räusperte und spie,
    Und ich rotzte,
    Bis ich einer weichen Phantasie
    Würdig trotzte.
    Und zur gleichen Zeit mag ein Kommis
    (Elegante Kleidung „” sauber „” Schaf)
    Auf dem Teppich heiß gestammelt haben,
    Einer, der vom lieben Gott was wollte,
    Was das Hauptbuch und den nächsten Tag betraf;
    Dachten andere an Schützengraben.
    Denn der Donner grollte.

  19. 19
    Lene

    Nachrichtensprecherinnen in Kurzarbeit – muss ja nicht sein. Ich hätte nen Job für die Urlauberinnen: Teilnahme am Guinness Weltrekord im Schnellküssen, am 5.6.09, um 19:00 Uhr vor dem Q-Dorf (Ecke Joachimsthaler Str./ Ku-Damm). *girns*.

    Ach so, der Event steigt natürlich in der Landeshauptstadt.

  20. 20
    Caro

    Ohne Heine geht ja mal gar nichts :-)

    Heinrich Heine – Sturm

    Es wütet der Sturm,
    Und er peitscht die Wellen,
    Und die Welln, wutschäumend und bäumend,
    Türmen sich auf, und es wogen lebendig
    Die weißen Wasserberge,
    Und das Schifflein erklimmt sie,
    Hastig mühsam,
    Und plötzlich stürzt es hinab
    In schwarze, weitgähnende Flutabgründe –
    (…)

    Das Kind steuert noch was von Borchert bei – falls auch Gewitter zählt:
    http://www.youtube.com/watch?v=BwSRxpyOv7A

    Und gerade im „Hausbuch deutscher Gedichte“ gefunden:

    Richard Dehmel – Lied an meinen Sohn
    Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
    mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
    laut; so erwacht´ ich vom Gebraus
    des Forstes schon als Kind.
    Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
    in deine ferne Wiegenruh´
    stöhn meine Worte dir im Traum
    der Wind.
    (…)

  21. 21
    ratzepansen

    hat zwar überhaupt nichts mit dem thema zu tun, zechprellerlyrik ist aber auch schön – und mit bassstimme vorgetragen gleich doppelt:

    Der Ganove/Knapp bei Kasse
    Setzt sich an den/Kneipentisch
    Trinkt gemütlich/Seinen Cachaça
    Prellt die Zeche/Und haut ab

    Und der Kellner/Hat den Schaden
    Nichts zu lachen/Der Gast ist weg
    Also greift er/Unauffällig
    In die Kasse/Seines Chefs

    Und der Wirt/Der ist verwundert
    Wie miserabel/Sein Umsatz ist
    Zückt den Bleistift/Addiert die Miesen
    Zieht den Schaden/Dem Grossisten ab

    chico buarque

  22. 22

    Wenn man nachts so spät bei Nacht und Wind reitet, ist das doch eigentlich auch Sturmgedicht, oder?
    Hier gewitterts übrigens gerade.

  23. 23

    Hmmm warum bekomm ich nix vom „großen Ungewetter“ hier mit? versteh das nicht immer werd ich vom spaß verschohnt, dabei wollt ich doch unbedingt die leute auf dem boden sehen… schade eigentlich.

  24. 24
    Jan(TM)

    Erich Mühsam
    Seenot

    Der Kapitän, der Steuermann,
    vom Deck die Offiziere
    schaun sorgenvoll den Himmel an.
    Ein rascher Blick fällt dann und wann
    auch auf die Passagiere.

    Das räkelt faul den Bauch an Bord,
    schlemmt in der Luxusmesse,
    das lacht und prahlt und flucht: Potz Mord!
    und karessiert, Bankier wie Lord,
    die blonde Stewardesse.

    Das führt Devisen mit und bar,
    gab Gold in erznen Urnen
    den sich’ren Kojen in Verwahr-
    und droht dem Dampfer Sturmgefahr,
    dann mag die Mannschaft turnen.

    Die Mannschaft turnt. In Rauch und Dreck
    schleppt sie und keucht und schuftet
    und riecht bei zähem Schiffsgebäck,
    wie Bratenbrüh und Rahmgeschleck
    aus der Kajüte duftet.

    Die See geht hoch, scharf geht der Wind,
    hart poltert die Maschine.
    Die Hände regen sich geschwind
    um Kessel, Reling und Gewind,
    um Großtopp und Turbine.

    Da tritt ein Bootsmann vor und spricht
    gepreßt durch bleiche Lippen:
    „Kap’tän, die Schotten schließen nicht.
    Wenn achtern die Verschalung bricht,
    ist’s aus; dann hilft kein Schippen.“

    „Ach, Unsinn.“ Doch der Seemann knackt
    nervös mit seinen Fingern.
    Er hört des Motors falschen Takt,
    er fühlt, wenn Flut die Planken packt,
    den ganzen Kasten schlingern.

    Schon lange klagt der Maschinist;
    der Kessel will nicht heizen.
    Das Schiff verzögert seine Frist,
    und im Proviantraum nagt und frißt
    die Feuchtigkeit am Weizen.

    Der Steuermann zeigt ohne Wort
    nach dem Gewölk im Norden.
    Das letzte Himmelsblau glitt fort.
    Wo eben Lichter spielten, dort
    ist graue Nacht geworden.

    Die grünen Wogen trommeln dumpf
    und drohend ihre Weisen.
    Im Zwischendeck, im Dampferrumpf
    drängt sich’s, mit Augen bang und stumpf.
    Hier ist die Not auf Reisen.

    Mittschiffs jedoch im Aufbausaal,
    da sprühn des Reichtums Wunder,
    Musik jauchzt toll zum Bacchanal,
    Juwelen blitzen ohne Zahl
    bei Austern und Burgunder.

    Vor einer Flasche Haute-Sauterne,
    im Mund die Zigarette,
    am Ecktisch sitzen ein paar Herrn,
    die Brust geschmückt mit Band und Stern,
    die Uhr an goldner Kette.

    Sie kümmert nicht der Damenflor,
    das Flirten und Scharmieren.
    Sie beugen ihre Glatzen vor
    und flüstern in des Nachbars Ohr
    von Aktien und Papieren.

    „Hier noch ein Kognak extra fein!“
    Die Stewards huschen schweigend
    mit Mokka, Schnaps, Biskuit und Wein.
    Da tritt der Kapitän herein,
    sich links und rechts verneigend.

    Man dankt dem Seemann frohgelaunt,
    sieht ihn zum Ecktisch schreiten.
    Ein dicker Herr steht auf. Man raunt.
    Die andern sehn den Gast erstaunt
    den Kapitän begleiten.

    Der, wie dem Hauptmann der Soldat,
    hebt an, Bericht zu geben:
    „Gefahr droht, Herr Kommerzienrat.
    Ich fürchte, schweres Wetter naht.
    Es geht um Schiff und Leben!“ –

    „Doch nicht die erste Klasse, wie?
    Soll’n wir vielleicht ersaufen?“ –
    „Das Schiff ist nach der Havarie
    beim großen Sturm – ich warnte Sie –
    zu früh vom Dock gelaufen.

    Zweitausend Menschen – und die Fracht;
    wir haben schwer geladen.
    Wenn man den Dampfer leichter macht,
    wird er, so hoff ich, flottgebracht.
    Sonst steh ich nicht für Schaden.“ –

    „Was sagt die Mannschaft?“ – „Oh, die faßt
    forsch zu an allen Bänken;
    schimpft auch auf den Kajütengast
    und will, ich soll als erste Last
    Ihr Gold ins Meer versenken.“ –

    „Mein Gold?! Den Plan, verdammte Brut,
    den mach ich euch zuschanden!
    Bevor ein Ünzlein in die Flut
    versinkt, fliegt alles Mannschaftsgut
    erst über Bord! Verstanden?!“ –

    „Sie spaßen!“ ruft der Kapitän.
    „Wir würden grenzenlosen,
    furchtbaren Haß und Aufruhr sä’n.
    Ich will nach andrer Rettung spähn –
    Hand weg von den Matrosen!

    Es sind an Bord zehn Kisten Horn
    und tausend Cheviotballen,
    dann noch, im großen Kühlraum vorn,
    dreihundert Tonnen Weizenkorn.
    Das mag als Ballast fallen!“

    Der Dicke schnaubt: „Sie können frei
    als Kapitän ermessen.
    Jedoch das ist an Land vorbei,
    und ich bin Chef der Reederei –
    wolln Sie das nicht vergessen!

    Mein ist das Horn und mein das Tuch,
    mein das Getreidelager.
    Geht von der Ladung was in Bruch,
    versichert steht die Fracht zu Buch
    bei meinem Freund und Schwager!“

    Da kommt der Erste Offizier:
    „Das Löschen muß beginnen.
    Am Steven dringt das Wasser schier
    in Strömen ein. Bald sehen wir
    es in die Kojen rinnen.“ –

    „Gut. Über Bord-Befehl ist da! –
    die Koffer und die Fetzen
    der Mannschaft – samt Harmonika
    und Priem. Es wird den Schaden ja
    die Reederei ersetzen. –

    Das ist ein Tropfen auf ein Faß.
    Doch muß man es versuchen.“
    Der Offizier begibt sich blaß
    zu seinen Leuten: dies und das –
    da hilft kein Drohn und Fluchen.

    Das Schiffsvolk disputiert und läuft.
    „Was? Unsre paar Klamotten!
    Und hinten liegt das Gold gehäuft
    in Urnen!“ – Und das Wasser säuft
    sich glucksend durch die Schotten.

    „Die Bande lebt in Saus und Braus!
    Wir streiken!“ rufen Stimmen.
    „Pumpt euch allein das Wasser raus!
    Von uns aus könnt mit Ratz und Maus
    ihr an das Festland schwimmen!“

    Man legt das Werkzeug aus der Hand.
    Ein Teil nur bleibt beim Schöpfen.
    Ganz langsam steigt der Wasserrand.
    Die Streiker sind aus Rand und Band
    und schrein mit heißen Köpfen.

    Der Kaufherr rennt zum Zwischendeck -:
    „Hört ihr den Lärm da oben?
    Man meutert, und das Schiff ist leck!
    Faßt ihr mit an zum guten Zweck –
    dann ist die Not behoben.“ –

    „Nothilfe! Vorwärts! Du und du!
    Wir strafen die Gesellen!“
    Und viele Hände greifen zu.
    Des Schiffsvolks Hab und Gut im Nu
    verschwindet in den Wellen.

    Die Mannschaft starrt ihm nach. Parbleu!
    Wut blitzt durch ihre Lider.
    Der Kiel steigt etwas in die Höh.
    Von Norden her pfeift eine Bö.
    Das Wetter senkt sich wieder.

    Und die Matrosen gehn zurück
    ans Werk. Die Herzen bluten.
    Die Koffer tragen, jedes Stück,
    ein wenig Liebe, etwas Glück
    hinunter in die Fluten.

    Indes der Zweck ist nicht erreicht:
    schon feuchten sich die Luken –
    Matrosenhabe wiegt zu leicht.
    Der Kapitän sieht’s, prüft, erbleicht.
    Gefahrgespenster spuken.

    Er klagt’s dem Reeder. – „Ja“, spricht der,
    „da heißt’s Entschlüsse fassen!
    Zweitausend Menschen lasten schwer.
    Die Boote klar, und raus ins Meer!
    Die Streiker sind entlassen!

    Was bleibt, wird praktisch eingeteilt
    und schafft in Überstunden.
    Sonst: Zwischendeckler angekeilt –
    dann ist der Schaden ausgeheilt.
    Die Lösung ist gefunden.“ –

    „Wie, Herr Kommerzienrat? Nein, Nein!
    Hier geht’s um Menschenseelen!“ –
    „Ich will’s. Fracht ist und Dampfer mein!“
    Da knickt der Mut des Seemanns ein -:
    „Sie haben zu befehlen.“

    Rasch geht’s an Bord von Mund zu Mund;
    ein Murren folgt, ein Tosen.
    Man trotzt. Der Wucherer! Der Hund!
    Nothelfer aber mühn sich – und:
    behüt euch Gott, Matrosen!

    Der Nord bläst lauter über See.
    Im Saale blasen Flöten.
    Da tanzt vergnügt die Hautevolee
    – Graf X und die Baronin C -;
    das weiß von keinen Nöten.

    Und wieder hebt sich leicht der Kiel.
    Das Wasser scheint zu weichen.
    Doch immer noch trägt viel zu viel
    das Schiff. Der Pumpen schweres Spiel
    vermag’s nicht auszugleichen.

    Ach, auf die Hoffnung folgt der Sturz.
    Das Leck klafft stündlich breiter,
    und bei der Arbeit grollt’s und murrt’s:
    „Die Müh zu schwer, die Kost zu kurz –
    wir können nicht mehr weiter!“

    Des Meeres Fläche brodelt schon
    wie Brei der Höllenküche,
    und in des Sturms Trompetenton
    mischt sich der Ausgesetzten Hohn,
    ihr Schrei’n und ihre Flüche.

    Der Kapitän, bedeckt mit Schweiß,
    steht wieder vor dem Reeder:
    „Herr, geben Sie die Ladung preis!
    Und wär’s ein Bruchteil nur, so weiß
    es Ihnen Dank ein jeder.

    Heb ich nicht schnell das Loch am Bug
    bis übern Meeresspiegel,
    dann ist’s zu spät. – Herr, sei’n Sie klug!“ –
    „Nein! Meiner Opfer sind’s genug,
    und darauf Brief und Siegel!

    Daß unsereins stets opfern soll!
    Man mißbraucht unsre Güte; –
    ist doch von Menschen übervoll
    mit Sack und Pack – trotz hohem Zoll –
    die Zwischendeckskajüte.

    Dort zugepackt mit Energie!
    Ist’s hart – auch ich hab Sorgen.
    Das drückt aufs Schiff. Da räumen Sie.
    Mein Gold und meine Ware – nie!
    Berichten Sie mir morgen.“

    Kommandos schallen übers Schiff.
    Was gibt’s? Wer kann es fassen?
    Hier tönt ein Ruf und dort ein Pfiff.
    Vom Zuring löst des Bootsmanns Griff
    die Kutter und Pinassen.

    Derweilen rennt’s im Zwischendeck
    und drängt’s in den Kabinen.
    Der Frauen Haar ist wirr vor Schreck.
    Manch Auge starrt auf einen Fleck
    aus wutverzerrten Mienen.

    „Uns schifft man aus wie tote Last.
    Wir haben sie gerettet.
    Das schwelgt in Wollust, hurt und praßt.
    Zum Kampf, wer seine Mörder haßt!
    So wurde nicht gewettet!“

    Die Männer baun sich stieren Blicks
    vor Weib und Kind als Schanze. –
    Im Festsaal wippt mit Kuß und Knicks
    Baronin C und Graf von X.
    Musik spielt auf zum Tanze. –

    Der Kapitän, in jeder Hand
    den Browning, ernst entschlossen,
    tritt vor: „Wer leistet Widerstand!
    Ich bin hier Herr. Mein Wort zum Pfand:
    Wer meutert, wird erschossen!“

    Die Schiffsbesatzung ist zum Streit
    im Halbkreis aufgezogen,
    Pistolen, Äxte sind bereit.
    Ein Weib schluchzt auf. Ein Säugling schreit.
    Der Sturm zieht durch die Wogen.

    Da stürzen Männer vor: „Du Schuft! –
    Auf, mit vereintem Mute!“
    Getümmel. Schüsse, Rauch verpufft.
    Ein Schwergetroffner ringt nach Luft.
    Fünf wälzen sich im Blute.

    Noch einmal Lärm und Fußgestampf
    und Knallen der Pistolen.
    Vorbei – besiegt. Aus ist der Kampf.
    Fern, schauerlich dringt durch den Dampf
    vom Meer her heis’res Johlen.

    Man führt sie, Weib und Kind voran,
    zum Bootsdeck in die Kutter.
    Dann senkt sie rasch der Davitskran
    hinab zum grünen Ozean.
    Die Kleinen wimmern: „Mutter!“

    Die Armut drückt nicht mehr. – Nun geigt
    und hüpft die Lust der Prasser.
    Und sieh, der Schiffsrumpf hebt sich, steigt,
    und wo am Bug das Leck sich zeigt,
    fließt endlich ab das Wasser.

    Der Reeder lacht: „Das Glück war hold.
    Der Alpdruck ist verschwunden.
    Die Drohnen drückten – nicht mein Gold.
    Drum lange Arbeit, wenig Sold.
    Dann wird das Schiff gesunden.“

    Nun hämmert’s, hastet’s, werkelt, rennt
    und pflastert Loch und Schaden,
    bis Schläfe, Herz und Auge brennt.
    Sturmwolken ziehn am Firmament
    vorbei in gelben Schwaden.

    Das Meer bäumt brüllend sich empor,
    schlägt hoch aufs Deck die Wellen.
    Doch durch der Wetter schrillen Chor
    klingt grell der Rachefluch hervor
    der Armen und Rebellen.

    Und die Besatzung plagt sich, schwitzt –
    kein Schlaf und Hungerzahlung.
    Der Sturm posaunt. Der Himmel blitzt.
    Die Schotten geben nach, es spritzt
    die Flut durch die Verschalung.

    Mann und Maschine seufzt und keucht.
    Schon stöhnt’s: „Wir können nimmer.“
    Beim Heizraum, finster, dumpf und feucht,
    im Kerker wird der Schlaf verscheucht
    dem Kuli wie dem Trimmer …

    So treibt das Schiff auf trunkner See,
    umtobt von Sturm und Hasse.
    Graf X führt die Baronin C
    – die fürchten nichts – im Neglige
    zur Koje I. Klasse —

    Der Dampfer „Deutschland“ ist in Not.
    Wird ihn die Flut vernichten?
    Sprengt ihn sein morscher Kessel tot?
    Stürmt ihn die Wut des Volks im Boot? –
    Die Zeitung wird’s berichten

    —————

    Sorry, normalerweise schrieb Mühsam ja kürzere Gedichte.

  25. 25
    Henker

    Abklingendes Aprilgewitter

    Aus grauem Himmel
    sticht die Sonne.

    Jagende Wolken, blendendes Blau!
    Ins grüne Gras greift der Wind, die Silberweiden sträuben sich.

    Plötzlich – still.

    Auf einem jungen Erlenbaum
    wiegen sich blinkende Tropfen!
    Arno Holz

    Wolken

    Am nächtigen Himmel
    Ein Drängen und Dehnen,
    Wolkengewimmel
    In hastigem Sehnen,

    In lautloser Hast
    – Von welchem Zug
    Gebietend erfasst? –
    Gleitet ihr Flug,

    Es schwankt gigantisch
    Im Mondesglanz
    Auf meiner Seele
    Ihr Schattentanz,

    Wogende Bilder,
    Kaum noch begonnen,
    Wachsen sie wilder,
    Sind sie zerronnen,

    Ein loses Schweifen …
    Ein Halb-Verstehn …
    Ein Flüchtig-Ergreifen …
    Ein Weiterwehn …

    Ein lautloses Gleiten,
    Ledig der Schwere,
    Durch aller Weiten
    Blauende Leere.
    Hugo von Hofmannsthal

    Damon und Theodor
    Der schwarze Himmel drohte der Welt den fürchterlichsten Beschluss des schönsten Sommertages. Noch ruhten Damon und Theodor unter einer kühlenden Laube; zwei Freunde, die der Welt ein rares Beispiel würden gewesen sein, wenn sie die Welt zum Zeugen ihrer Freundschaft gebraucht hätten. Einer fand in des andern Umarmungen, was der Himmel nur die Tugendhaften finden lässt. Ihre Seelen vermischten sich durch die zärtlichsten Gespräche, in welchen sich Scherz und Ernst unzertrennlich verknüpften. Der Donner rollte stürmisch in der Luft und beugte die Knie heuchlerischer Knechte. Was aber hat die Tugend zu fürchten, wenn Gott den Lasterhaften drohet? Damon und Theodor blieben geruhig – – – Doch schnell stand in dem Damon ein fürchterlicher Gedanke auf: wie, wenn ein solcher Schlag mir meinen Freund von der Seite risse? – – So schnell als dieser Gedanke sein Herz mit Schrecken übergoss und die Heiterkeit aus seinen Blicken vertilgte, so schnell sah er ihn – – unerforschliches Schicksal! – – wahr gemacht. Theodor fiel tot zu seinen Füßen, und der Blitz kehrte triumphierend zurück. Rechte des Donnergottes, schrie Damon, wenn du auf mich gezielt hast, so hast du mich nur allzuwohl getroffen. Er zog sein Schwert aus und verschied auf seinem Freunde.
    Zärtliche Seelen, werdet ihr dieser Geschichte eine heilige Träne zollen? Weinet, und empfindet in eurer lebhaften Vorstellung die Süßigkeit mit einem Freunde zu sterben.
    Gotthold Ephraim Lessing

    Die Eiche
    Der rasende Nordwind hatte seine Stärke in einer stürmischen Nacht an einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge niedriger Sträucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der seine Grube nicht weit davon hatte, sah sie des Morgens darauf. „Was für ein Baum!“ rief er. „Hätte ich doch nimmermehr gedacht, dass er so groß gewesen wäre!“
    Gotthold Ephraim Lessing

    Die Sonne und der Wind
    Einst stritten sich die Sonne und der Wind, wer von ihnen beiden der Stärkere sei, und man ward einig, derjenige solle dafür gelten, der einen Wanderer, den sie eben vor sich sahen, am ersten nötigen würde, seinen Mantel abzulegen.
    Sogleich begann der Wind zu stürmen; Regen und Hagelschauer unterstützten ihn. Der arme Wanderer jammerte und zagte; aber immer fester wickelte er sich in seinen Mantel ein und setzte seinen Weg fort, so gut er konnte.
    Jetzt kam die Reihe an die Sonne. Mit milder und sanfter Glut ließ sie ihre Strahlen herabfallen. Himmel und Erde wurden heiter; die Lüfte erwärmten sich. Der Wanderer vermochte den Mantel nicht länger auf seinen Schultern zu erdulden. Er warf ihn ab und erquickte sich im Schatten eines Baumes, während sich die Sonne ihres Sieges freute.
    Johann Gottfried Herder

  26. 26
    Jan(TM)

    Rainer Maria Rilke:

    AUS EINER STURMNACHT

    Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,
    wie wird sie auf einmal weit -,
    als bliebe sie sonst zusammengelegt
    in die kleinlichen Falten der Zeit.
    Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nicht
    und beginnt nicht mitten im Wald
    und nicht an meinem Angesicht
    und nicht mit deiner Gestalt.
    Die Lampen stammeln und wissen nicht:
    lügen wir Licht?
    Ist die Nacht die einzige Wirklichkeit
    seit Jahrtausenden…

    In solchen Nächten kannst du in den Gassen
    Zukünftigen begegnen, schmalen blassen
    Gesichtern, die dich nicht erkennen
    und dich schweigend vorüberlassen.
    Aber wenn sie zu reden begännen,
    wärst du ein Langevergangener
    wie du da stehst, langeverwest.
    Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,
    obwohl sie die Kommenden sind.
    Zukunft beginnt noch nicht.
    Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeit
    und können, wie unter Wasser, nicht schauen;
    und ertragen sie’s doch eine Weile,
    sehn sie wie unter den Wellen: die Eile
    von Fischen und das Tauchen von Tauen.

    In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.
    Und durch die bösen Träume der Wächter
    gehn mit leisem Gelächter die Verächter ihrer Gewalt.
    Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,
    mit ihren langen Strafen behangen.
    Wald!

    In solchen Nächten ist auf einmal Feuer
    in einer Oper. Wie ein Ungeheuer
    beginnt der Riesenraum mit seinen Rängen
    Tausende, die sich in ihm drängen,
    zu kauen.
    Männer und Frauen stauen sich in den Gängen,
    und wie sich alle aneinander hängen,
    bricht das Gemäuer, und es reißt sie mit.
    Und niemand weiß mehr wer ganz unten litt;
    während ihm einer schon das Herz zertritt,
    sind seine Ohren noch ganz voll von Klängen,
    die dazu hingehn…

    In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,
    fangen die Herzen in den Sarkophagen
    vergangner Fürsten wieder an zu gehn;
    und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagen
    gegen die Kapseln, welche widerstehn,
    dass sie die goldnen Schalen weitertragen
    durch Dunkel und Damaste, die zerfallen.
    Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.
    Die Glocken, die sich in die Türme krallen,
    hängen wie Vögel, bebend stehn die Türen,
    und an den Trägern zittert jedes Glied:
    als trügen seinen gründenden Granit
    blinde Schildkröten, die sich rühren.

    In solchen Nächten wissen die Unheilbaren:
    wir waren…
    Und sie denken unter den Kranken
    einen einfachen guten Gedanken
    weiter, dort, wo er abbrach.
    Doch von den Söhnen, die sie gelassen,
    geht der Jüngste vielleicht in den einsamsten Gassen;
    denn gerade diese Nächte sind ihm als ob
    er zum ersten Mal dächte:
    lange lag es über ihm bleiern,
    aber jetzt wird sich alles entschleiern -,
    und: dass er das feiern wird, fühlt er…

    In solchen Nächten sind alle die Städte gleich,
    alle beflaggt.
    Und an den Fahnen vom Sturm gepackt
    und wie an Haaren hinausgerissen
    in irgend ein Land mit ungewissen
    Umrissen und Flüssen.
    In allen Gärten ist dann ein Teich,
    an jedem Teiche dasselbe Haus,
    in jedem Hause dasselbe Licht;
    und alle Menschen sehn ähnlich aus
    und halten die Hände vorm Gesicht.

    In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,
    greifen sich leise ins wachsende Haar,
    dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche
    in diesen langen Tagen treiben,
    als wollten sie über der Oberfläche
    des Todes bleiben.
    Ihre Gebärde geht durch das Haus
    als wenn überall Spiegel hingen;
    und sie geben – mit diesem Graben
    in ihren Haaren – Kräfte aus,
    die sie in Jahren gesammelt haben,
    welche vergingen.

    In solchen Nachten wächst mein Schwesterlein,
    das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.
    Viel solche Nächte waren schon seither:
    Sie muss schon schön sein. Bald wird irgendwer
    sie frein.

    (1901)

  27. 27

    über das von hoddis gedicht habe ich meine abiturprüfung geschrieben :)

  28. 28
    Frédéric Valin

    Boah. Ich danke. Sonntag gibts Pfannkuchen.

  29. 29
    Jan(TM)

    Da fehlt noch was aus Frankreich:

    Charles Baudelaire

    DER ALBATROS

    Oft kommt es, dass das Schiffsvolk zum Vergnügen
    Die Albatrosse, die großen Vögel, fängt
    Die sorglos folgen wenn auf seinen Zügen
    Das Schiff sich durch die schlimmen Klippen zwängt.

    Kaum sind sie unten auf des Deckes Gängen
    Als sie die Herrn im Azur ungeschickt
    Die großen weißen Flügel traurig hängen
    Und an der Seife schleifen wie geknickt.

    Er sonst so flink ist nun der matte steife.
    Der Lüfte König duldet Spott und Schmach:
    Der eine neckt ihn mit der Tabakspfeife
    Ein andrer ahmt den Flug des Armen nach.

    Der Dichter ist wie jener Fürst der Wolke
    Er haust im Sturm, er lacht dem Bogenstrang.
    Doch hindern drunten zwischen frechem Volke
    Die riesenhaften Flügel ihn am Gang.

  30. 30
    Frederik

    Mist das Gedicht, dass hier vorher stand, war gar kein Sturmgedicht. Hatte gedacht Weltuntergang wäre das Thema. Sorry.

  31. 31
    Robbenklopper

    Das mit dem flach auf den Boden legen ist garnicht so dumm. Ich hab mal in der Nähe eines größeren Sees gewohnt, wo es oft gestürmt hat. Und da hat es regelmäßig die Rentner aus den benachbartem Altenheim wortwörtlich weggeweht. ;-)

  32. 32
    Frédéric Valin

    @Robbenklopper: Aaaaaber: es sieht kreuzdämlich aus.

  33. 33
  34. 34
    Jakob

    Schade, dass ich nicht die Zeit für all die Gedichte habe! Aber das letzte Lied von @corax ist sehr schön!

  35. 35
    Lieschen Müller

    Mein Schifflein lief im wilden Meer,
    Geschlahen von Sturmwinden;
    Das Segel war zurissen sehr,
    Kein Ruder konnt ich finden;
    Kein Schiffmann da vorhanden war,
    Auf allen Seiten war Gefahr,
    Kein Sternlein ließ sich blicken.
    Wie bet’t, wie gab ich gute Wort,
    Bis endlich durch gewünschten Port
    Mich Armor tät erquicken.
    Drum ich dem Göttlein blind zu Dank
    Mein Herz vouvier mein Lebelang.

    (vouvier: gelobe, weihe) Johann Hermann Schein, 1624

  36. 36

    Der „Rime of the Ancient Mariner“ handelt auch von Männern und Vögeln im Sturm, ist aber definitiv zu lange um hier zitiert zu werden. Rockender Song von Iron Maiden zum Gedicht existiert auch.

    http://en.wikisource.org/wiki/The_Rime_of_the_Ancyent_Marinere_(1798)

  37. 37
    Frédéric Valin

    @Lieschen Müller: Da fällt mir glatt der Brandan wieder ein. Ach ja, erstes Semester, Einführung in die Mediävistik, was haben wir gelacht.

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