11

Elbow am 28.05.2009 im Astra in Berlin

Elegische Streicherpartien, pathetische Bläser und Rockbands — das ist eine Melange, die beinahe zwangsläufig in Kitsch ausartet. Elbow hatten am Donnerstagabend mit Unterstützung von Musikern des Filmorchesters Babelsberg im Berliner Astra all das versammelt. Aber es war fast gar nicht kitschig sondern schön.

Mir ist ja die Begeisterung für Elbow, die sich in den ihnen regelmäßig zugesprochenen Preisen (u.a. Mercury Prize für das aktuelle Album „žThe Seldom Seen Kid“) ausdrückt, nicht völlig verständlich.
Ihre Musik ist nicht ganz so experimentierfreudig und frickelig wie die großartigen Radiohead. Es fehlt ein wenig der Furor und die Getriebenheit der Arcade Fire-Songs und dabei sind sie fast so brav wie Coldplay. Das ist solide Kunst und damit überhaupt nicht zu verachten, aber außergewöhnlich ist es eben auch nicht.

Im schlimmsten Fall klingt das wie das neun Jahre alte „žNewborn“, das stark an Stiltskin und ihren Jeanssong von 1994 erinnert, im besten Fall schaffen sie großartige Songs. So haben Elbow einige wunderbare Melodien wie „žStarlings“ oder „žSome Riot“ im Repertoire, die es in ihrer Melancholie unter anderem auch wegen der Gesangskunst von Guy Garvey mit Leonard Cohen und Peter Gabriel aufnehmen können.
Bei „žStarlings“, das den Abend eröffnete, spannten Elbow live den Bogen zwischen fragiler Grundstruktur und explosiven Spitzen viel weiter als in der Studioversion, was eine wunderbare Grundspannung für das Konzert legte.

In den folgenden nicht ganz zwei Stunden verbanden sich solide Kunst und wunderbare Melodien mit einer fein abgestimmten Mischung aus Energie, Gefühl, romantischen Klangteppichen und ein paar rockigen Gitarrenriffs. All das kam von einer extrem gut gelaunten Band, die es durchgehend schaffte, auch in einem beinahe rauchfreien Friedrichshainer Club diese angenehm erdige Pub-Atmosphäre zu verbreiten, die zu erwachsenen britischen Bands gehört wie die unterirdischen Leistungen der englischen Nationalmannschaft zum Weltfußball.
Gar nicht unterirdisch war die tolle Akustik im vor sechs Wochen eröffneten Astra, was zum Gelingen des Elbow-Auftritts deutlich beitrug, da die orchestrale Musik zu keinem Moment breiig wirkte, sondern durch Klarheit bestach.

Und ganz ehrlich: So ein bisschen Kitsch muss auch sein.

P.S.: Am 10.07. kommt eine Special-Edition von „žThe Seldom Kid“ auf den deutschen Markt mit drei UK-B-Seiten, die in Deutschland offiziell bisher noch nicht zu haben waren.

11 Kommentare

  1. 01

    Ich war vor Jahren auf einem Elbow-Konzert im Postbahnhof. Meine lustigen Bemerkungen über das sich mit halb geschlossenen Augen wiegende Publikum kamen nicht so gut an … das wurde richtig gefährlich für mich … ich hatte das Aggressionspotenzial dieser ironiefreien Groupies völlig unterschätzt!

  2. 02

    „Das ist solide Kunst und damit überhaupt nicht zu verachten, aber außergewöhnlich ist es eben auch nicht.“ – pah! die herren von der insel haben einen solch unverwechselbaren sound, dass sich alleine schon die zuvor angebrachten vergleiche per se verbieten.

    banausen, ihr!

  3. 03

    ‚Räusper‘

    Man kann es auch schwierig machen,
    indem der Link http://www.elbow.co.uk/
    nur unzureichend Informativ ist.
    (Pers. Empfindung)
    http://www.myspace.com/elbowmusic

    Der Beitrag ist an sich gehaltvoll.

    Danke Björn

    Alles Gute

  4. 04

    Kann nicht anders als einen Nachtrag zu #03 zu liefern

    http://spex.de/1021/video.html

    Ist nicht elegant gelöst (‚Schäm‘)

    Alles Gute ;-)

  5. 05
    Lars

    Also von dem letztjährigen Elbow Konzert im kleinen Kölner „Luxor“ schwärme ich noch heute. So eine Magie habe ich noch nicht oft erlebt.

  6. 06

    Warum musst Du Dich für Deinen Musikgeschmack entschuldigen, nur weil Du glaubst es könnte ihn jemand kitschig finden? Diese arschigen Verbeugungen vor denen, die Glauben, sie hätten was zu melden, hast Du nicht nötig.

    Steh zu Deinen Tränen, wenn Du Streicher hörst.

    Entschuldigen sollten sich die klugscheißenden Gesinnungskappenträger der Coolnes

    http://www.myspace.com/kaiserbubu

  7. 07
    carox

    Kann dir nur zustimmen: Es war ein tolles Konzert, weil alles stimmte – Sound, Licht, Kommunikationslust zwischen Publikum und Band (endlich mal nicht nur das fast schon abgenudelte „hey Berlin, this is a great town“), toll arrangierte Songs, die einen ganz leicht in den Abend entliessen. Für andere Stimmungen gibts halt andere Bands an anderen Abenden…:)

  8. 08

    Für den Vergleich von „Newborn“ mit „Inside“ gehört dir der Internetzugang entzogen. Unpassender wäre höchstens noch der mit „Barbie Girl“ gewesen.

    Ansonsten volle Zustimmung zu Kommentar #2

  9. 09

    Ach, der meinte mit „Jeanssong“ Inside?? Obwohl ich das Lied gut finde, hat es mit Newborn nichts aber auch NICHTS gemeinsam! Inside war übrigens selber ehrer geklaut, nämlich von Nirvana. (und die bedienten sich ganz gern mal bei den ganz frühen Pink Floyd mit Syd ;-) )
    Ansonsten ist die Rezension ok, das Konzert war schön, obwohl mir die Konzerte letztes Jahr in Köln und Hamburg besser gefielen (gemütlichere Atmosphäre und kein lästiger Konzertgraben mit mürrischen Ordnern…)

  10. 10
    Charlotte

    Hab auch noch zwei Ergänzungen, einmal zu den Links, da gibts nämlich noch diese offizielle Seite:

    http://www.elbowmusic.de

    Und zum oben genannten PS: neben der Version mit den Bonustracks gibt es auch noch eine Version mit Bonus-DVD und die Vinyl-Version. Erscheint alles am 10.07. *freu*

Diesen Artikel kommentieren