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I live by the river!

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Die zwei Holzscheiben für die Geschirrspülerabdeckung fehlten im Paket und sind leider nicht am Lager, werden aber per Post nachgeliefert, irgendwann. Die Zuleitung zum Gaskochfeld scheint laut Manometer undicht zu sein, der Fachmann muss gerufen werden; der Fachmann, der wie alle anderen Fachmänner von Wirtschaftskrise nicht einmal gelesen zu haben scheint und daher keinen Termin frei hat. Irgendwo gibt es einen kleineren Wasserschaden. Die Scheuerleisten sehen aus wie Sau und wo verdammt ist der Karton mit meinen Socken?

Kein Zweifel: Wir sind umgezogen.

Der aktuelle Zustand meiner Hände, mit deren Haut ich leichte Schleifarbeiten durchführen kann, und der Ganzkörperschmerz beim morgendlichen Aufstehversuch erinnern mich an unser bisher größtes Renovierungsunterfangen.

Es war vor 11 Jahren, als Tanja, unser guter Freund Jan und ich beschlossen hatten, Muttern bei die Tische zu packen und eine Kreuzberger Fabriketage auszubauen, 250 geradezu spottbillige Quadratmeter, die hälftig zu Wohnung und Firma werden sollten. Todschickes Parkett, ein Lastenaufzug direkt in die Halle, alles super. Nur Räume, Innenwände, Möbel und eine Küche fehlten. Was uns natürlich nicht davon abhielt, die Etage anzumieten.

Amateurinnenarchitekten und Allround-Handwerker, die wir waren und sind, begann die Planung mit großen Ideen. Eine 15 Meter lange und knapp vier Meter hohe Wand würde Privat- von Arbeitsbereich trennen, zwei Schiebetüren den Durchgang ermöglichen. In die Wand, in die ein lichtdurchlässiger Streifen mattblauer Glasbausteine eingelassen werden würde, passten diverse Regale, um zusätzlich nötigen Stauraum zu vermeiden. An den Seiten würden wir eine Abstellkammer sowie im Privatbereich ein Schlafzimmer integrieren, leicht erhöht auf einem Podest gelegen, welches den Boden des Schlafraums mit dem unteren Rand der Industriefenster abschließen ließ. Dann noch ein weiterer Schlafraum für Jan. Die Küche natürlich mit Kochinsel mitten im Raum, rauschende Feste kündigten sich an. Hier und da noch ein paar Schreibtische, ein großer Esstisch auf der privaten Seite und fertig war die Laube, nichts, was man in zwei Monaten nicht schaffen könnte.

Dachten wir.

Um es vorweg zu nehmen: Wir haben das alles tatsächlich gebaut. Mit einem zusätzlichen Handwerker, einem Etat, der unsere ersten Schätzungen um etwa 200% überstieg und nach sechs Monaten waren wir immer noch nicht ganz fertig.

Schon die Konstruktion der Haupttrennwand stellte uns und die beratenden Verkäufer in diversen Fachmärkten (womit garantiert nicht Bauhaus oder ähnliche Apotheken gemeint sind), mit denen wir schon bald Brüderschaft trinken sollten, vor interessante Herausforderungen.

„Rigips? Für so ’ne Wand? Nee, ditt macht man mit Fermacell-Platten, die sind viel stabiler. Wenn se da ooch noch Schiebetüren einbauen wollen, brauchen se Fermacell. Kost‘ mehr, is‘ aber ooch besser.“

Die Arbeit mit Rigips war uns nicht fremd, Trockenbau ist bei leichteren Arbeiten eine wahre Freude: Gestänge aufbauen und verschrauben, dann die Platten mit dem Akkuschrauber ans Gestänge knallen, die Schnellbauschrauben laufen wie durch Butter. Hier und da leichte Handverletzungen, aber nichts, was die Arbeit beinträchtigen würde. Man kann auch mit einer Hand bohren.

Fermacell hingegen ist ein anderes Tier. Dies wurde uns bei der Anlieferung des Materials auf vielen, vielen Paletten erstmalig bewusst, denn wir mussten erstaunt feststellen, dass man schon für die Bewegung einer einzelnen Fermacell-Platte durch den Raum ein bis zwei Personen mehr brauchte als für eine Rigips-Platte. Ein weiteres Anzeichen für den möglichst respektvollen Umgang mit Fermacell war der zerquetschte große Zeh unseres Helfers, dem beim Versuch, eine Platte eben doch allein zu tragen, diese auf den Fuß geknallt war. Nicht schön. Wer schonmal einen überfahrenen Igel auf der Autobahn gesehen hat: So.

Aber man kann auch mit einem Fuß bohren, also ging’s weiter mit der nächsten Überraschung: Im Gegensatz zu Rigips möchten Fermacell-Platten nicht so gerne durchbohrt werden, zumindest nicht ohne Vorbohrung. Die sonst doch so selbstschneidenden Schrauben verhielten sich störrisch und schon bald waren wir Dauergäste in den Werkzeugabteilungen Berliner Spezialhändler und einigten uns auf Makita als Hersteller unseres Vertrauens, allerdings zu Lasten unserer Bankkonten, schon wegen der Zweit- und Dritt-Akkus. Einzig die Kettensäge mussten wir leider stehenlassen, obwohl wir auch sie fürs Zuschneiden der Fermacell-Platten häten verwenden können, denn selbstverständlich gestaltete sich auch der Zuschnitt etwas heftiger als bei Rigips.

Hatte ich erwähnt, dass die Wand für die bessere Optik leicht schwebend gebaut werden sollte, die Platten also mit einer Fuge von etwa einem Zentimeter über dem Boden ans Gestänge mussten? Nein? Die Wand sollte für die bessere Optik leicht schwebend gebaut werden, die Platten mussten also mit einer Fuge von etwa einem Zentimeter über dem Boden ans Gestänge gebracht werden. Macht besonders viel Spaß bei wirklich schweren Platten. Oder wenn man’s mal bei einer Platte vergisst.

Doch nichts konnte uns stoppen. Nachdem das Gestänge stand und die ersten Platten hielten, begab ich mich auf die Suche nach geeigneten Führungsschienen für die Schiebetüren. Ich hatte sowas schonmal gesehen, gar nicht so teuer. Oben eine kräftigere Schiene als Aufhängung, in der die Tür auf Kugellagern schnurren würde, unten eine kleinere Führung, die mittels einer Fuge unterhalb der Tür für den geraden Lauf sorgen würde.

„Ditt könnse bei der Wandstärke nich‘ mit so ’nem kleenen System machen, da brauchen se Industrie-Qualität. Kost‘ mehr, is‘ aber ooch besser.“

Das Problem war nämlich, dass ich völlig schwachsinnigerweise eine Wand- bzw. Türstärke von rund zehn Zentimetern geplant hatte, ich weiß nicht mehr, warum. Dies bedeutete, dass die Fermacell-Schiebetüren, die großzügig bemessen etwa anderthalb Meter breit waren, damit man problemlos eine Kiste Bier hindurchtragen konnte, ein Gewicht von etwa 30 Tonnen hatten, was ein Schiebetürensystem nötig machte, das sonst nur am Hamburger Hafen im Einsatz ist.

Dennoch trug ich stolz die schwergewichtsboxerarmdicken Schienen mitsamt äußerst beeindruckenden Kugellagern in die Etage und ließ mich von meinen Mitstreitern/innen ein paar Tage lang auslachen, als ich die Türen einbaute und dafür einen Hebekran ausleihen musste. Doch irgendwann hingen die Türen, waren schon nach wenigen Stunden ausgerichtet und liefen tatsächlich beeindruckend leicht. Tolle Qualität, diese Industriequalität!

Dummerweise hatte ich vergessen, dass Türen eine Zarge brauchen, zumindest einen Anschlag. Besonders schwere Türen neigen mit dem entsprechenden Schwung dazu, beim Schließen mit einer derartigen Wucht gegen den Türrahmen zu donnern, dass selbst Fermacell-Platten in Schwingungen geraten. Und auch irgendetwas verschlussartiges wäre nicht völlig überflüssig gewesen, um die Tür geschlossen halten zu können. Und letztendlich wäre es enorm klug gewesen, den Türen einen Griff zum Öffnen und Schließen zu verpassen. Dann hätte man sie öffnen und schließen können.

So stand ich also nicht ohne Stolz vor meinen beiden wunderschönen Giganto-Schiebetüren, die lautlos zwischen zwei enormen Fermacellwänden mit eingelassenem CD-Regal für rund 1.000 CDs verschwanden und von dort nur mit mit äußerster Fingerfertigkeit wieder ans Licht befördert werden konnten. Ich sah ihnen stundenlang dabei zu, wie sie gegen den nicht vorhandenen Anschlag donnerten, ohne dort irgendetwas zum Einrasten vorzufinden, weshalb sie mit etwas verringertem Schwung wieder zurückfederten.

Sah trotzdem toll aus, diese Wand mit den riesigen Schiebetüren.

Das fanden auch unsere Nachmieter, eine Werbeagentur. Denn etwa ein Jahr nach Baubeginn kündigte sich unser erstes Kind an, und diese Etage war zwar prima geeignet für drei Menschen mit gesundem handwerklichen Selbstbewusstsein und fehlendem Gespür für Türschließvorrichtungen, aber weniger für eine junge Familie. Während Tanja und ich uns also nach einer Wohnung und getrennten Geschäftsräumen umsahen, mietete Jan kurzerhand eine neue Fabriketage im gleichen Haus an und begann mit dem Ausbau derselben. Wenn er nicht zwischendurch mal arbeiten ging, um diesen Ausbau zu finanzieren.

Und nun sind wir wieder am Renovieren, diesmal ohne Schiebetüren und viel weniger Aufwand, dennoch mit den üblichen Problemchen und Nervereien. Tagelang war ich nicht wirklich online und das wird auch noch eine Weile so bleiben (DSL dauert noch etwas). Fern von Netzsperren und wiefelspützfindigkeiten gilt meine Aufmerksamkeit derzeit eher dem Akkuschrauber und der Stichsäge sowie den aufzubauenden Schränken, die es noch nicht gibt, und am Abend falle ich totmüde ins Bett und zähle bis zum Einschlafen die Stellen, an denen mir irgendetwas weh tut.

Und auch wenn das vielleicht schwer zu glauben ist: Ich habe Spaß ohne Ende dabei. Es geht voran, wie immer etwas langsamer als erhofft, aber doch sichtbar, und es ist enorm erfrischend, sich für ein paar Tage von der Netzwelt zu verabschieden. Ein bisschen fühlt sich das gerade wie Urlaub an. Mit einer Menge Arbeit.

25 Kommentare

  1. 01

    Ein Bekannter schrieb heute: „Arbeit macht Spaß! … Aber wer kann denn so viel Spaß vertragen?“

    Gute Besserung und viel Erfolg bei den Renovierungsarbeiten, Johnny! :)

  2. 02

    Ich fühle sowas von mit Dir. Habe vor Christi Himmelfahrt Küche renoviert inkl. Wand rauskloppen. Und hatte tagelang den Muskelkater meines Lebens. Wie Du so schön schriebst, vor’m Schlafen die Stellen zählen…
    Aber glücklich machen, tut’s trozdem und ich freu mich noch heute wie ein kleiner Junge, wenn ich die Handwerks-Banalitäten sehe, die mir den Muskelkater verursacht haben. Und überhaupt: mein Zweitname lautet ab jetzt „Billy Regal“.

    Also lass Dir Zeit und genieß Dein Handwerk..

  3. 03
    bongokarl

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen – den Spaß trotz Schmerzen. Schließlich schafft man ja etwas, man gestaltet.

    Wünsche euch den besten Erfolg!

  4. 04
    Simon

    Schön, dass es nicht nur mir so geht … viele Menschen konnten den Enthusiasmus nicht verstehen mit dem ich meine Studentenbude – auch noch in meiner Freizeit – komplett renoviert habe ;)
    Handwerkliche Tätigkeit ist imho eine der angenehmsten Abwechslungen zum Informatik-Alltag.

  5. 05
    huibooh

    Auf Profilschienen soll das anschrauben ja noch leichter sein als auf dieses „Gestaenge“ ;-)
    Wir ziehen auch jeden Tag ein bischen um – der 40m² Keller ist noch mehr als halb voll und ich spuere jeden Morgen viele scheinbar in der Vergangenheit unbenutzte „Teile“ meins Koerpers.
    Nebenbei muss eine Treppe von Teppichkleber und alter Farbe befreit werden. 1 Stufe und Stirnflaeche hat mich gestern 1 Std. gekostet.
    Mit dem Metabo Superheissluftfoen geht das richtig gut . So gut das ich mich jetzt schon ueber die restlichen 15 Stufen freue….. frohes schaffen!

  6. 06

    Willkommen im Club.

  7. 07

    Das ist so eine Geschichte, die ich gerne als Kurzhörspiel hätte. Mit passenden Soundeffekten natürlich.

  8. 08

    Immer dran denken: nach drei Jahren sieht das kein Mensch mehr (kein Mensch = die Bewohner). Man darf nur keinen Besuch in die Wohnung lassen („Gehört das so?“). Und: Lampen-anbringen-Gutscheine machen sich als Weihnachtsgeschenke immer gut. Viel Freude weiterhin.

  9. 09

    @huibooh: Profilschienen. Das Wort, das ich suchte. Danke. :)

    @Martin: „Gehört das so?“ sollte man sowieso viel öfter fragen, macht sich auch bei Kleidung gut. Ebenfalls unterschätzt: Der Satz „Was soll denn das mal werden, wenn es fertig ist?“ „¦

  10. 10

    Harhar, bei dem Kollegen aus dem Baumarkt musste ich sofort an die Bücher von Oliver Uschmann (Hier speziell: Wandelgermanen) denken und an ähnliche Erlebnisse meinerseits. Viel Erfolg noch!

  11. 11

    wir sind vor drei monaten umgezogen und ich durchwühle heute noch kartons nach pullovern, büchern oder sonstigem kram. wahrscheinlich könnte ich all das getrost wegwerfen, wenn ich es bis jetzt nicht ausgepackt hab.

  12. 12
    Niels

    Ich habe selten bei einem Blog Eintrag so gelacht wie bei diesem. So ist das mit diesen Träumen die man unbedingt haben will, egal was es kostet (Hautfetzen, Nerven, etc) aber man ist umso glücklicher und stolz auf sich wenn man es endlich geschafft hat. Vielleicht hättest du ein paar Bilder reinstellen können?

  13. 13

    Harte, ehrliche Arbeit ist der ideale Ausgleich zum gewohnten Leben im Web.

  14. 14

    Wie war das noch mal? Einmal Umziehen ist wie dreimal abzubrennen… oder so ähnlich;) Kopf hoch und ab und zu Spreeblick lesen, das entspannt!

    Hier der Link: http://spreeblick.de/

    ;-)

  15. 15

    @Niels: Ich suche noch Bilder, denn es gibt welche von der alten Etage. Liefere ich nach, wenn ich die Festplatte gefunden habe, auf der die drauf sind „¦

  16. 16

    Das ist doch eine glasklare Auswirkung der Wirtschaftskrise: Von drei Fachleuten für Gaskockfelder in Deiner Gegend sind zwei schon pleite. Der dritte hat jetzt so viel zu tun, dass er nicht mehr nachkommt…

  17. 17

    … und es ist einfach schön deine Schreibe zu lesen, und sei es über Fermacell-Platten (die Über-Kopf-anzubringen im Übrigen auch viel Spass bringt) … man hat es vermisst (also ich)

  18. 18

    @Johnny Haeusler:

    Lieber Johnny

    Mein Verweis nützt Dir nur unzureichend.

    http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-5103/8592_read-17603/

    Ist aber Pro Berlin und so ;-)

  19. 19

    Mensch, Johnny, und trotzdem den Jugendmedientagen einen Besuch abgestattet und dabei eine Erkältung mitgenommen. ;)

    Danke dafür ! :D

  20. 20
    Sören

    Hehe, auch ich hatte beim Lesen Deines Artikels die gleichen Bilder im Kopf wie damals bei den Wandelgermanen.

    Aber was macht eigentlich der Link auf den Hersteller von Handwerksmaschinen mitten im Text? Gibt’s dafür Geld?

  21. 21

    @Sören: Wenn Geld verdienen doch nur so einfach wäre „¦ natürlich gibt es kein Geld für den Link eines Baumaschinenherstellers, sonst wäre der Link entsprechend gekennzeichnet. Andere Seiten, die wir verlinken, zahlen übrigens auch nie. :)

  22. 22

    „und es ist enorm erfrischend, sich für ein paar Tage von der Netzwelt zu verabschieden.“

    ja, da sagste was. das hab ich auch schon mehrfach feststellen dürfen. immer wieder erfrischend. :D

  23. 23
    Henker

    Das Wochende von Donnerstag bis Sonntag so aus: Wohnesszimmerküche ausräumen, dann parkett zersägen uns raus, neues verlegen. dann alles wieder reinräumen, mit dem höhepunkt: Das Klavier, wiegt mindestens 200 Kilo, die Rollen machen ihrem Namen eher keine Ehre, sind halt viel zu klein, aus Metall und Sinnlos und würden den Boden wieder in den alten Zustand versetzen. Also alte Decken auf das neue Parkett und auf die Decken das alte, dann auf so Rolltransporter hiefen. Reinrollen. Dann kam der schwere Teil, als ich das Ding wir ne halbe Minute das Ding dann gehoben hatten um die Schutzplättchen richtig zu justieren um es drauf zu stellen, gingen die Kartons mit Büchern fast wie von selbst zu tragen

  24. 24

    So ein paar Geschichtchen aus dem Nähkästchen, zwischen Wäldern von Zensursulas und Ahmadinejads, eine wahre Freude. Danke für den schönen Text :)

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