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Anthologie „Schau gen Horizont und lausche“

23 junge Autoren schauen sich ein wenig in der Weltgeschichte um, vor allem in den Städten. Der Verlag verspricht, dass „das, was die Stadt im 21. Jahrhundert ausmacht, wird aus den unterschiedlichsten Perspektiven und in neuem Licht betrachtet“ wird. Bjoern und Fred haben mal reingelesen und sich anschließend über Städte, Prenzlberg-Prosa und pdf-Rezensionsexemplare unterhalten.

Björn: Also, das ist ja ein Buch über Urbanität. Aber dann sind da einige Texte, die nichts mit Urbanität zu tun haben, vor allem die am Anfang. Aber später gibt es Texte, die wirklich sehr gut mit dem Thema spielen. Zum Beispiel Stefan Petermann mit „Gefühlter Sicherheit“, der die Bombenanschläge in London im Juli 2005 zum Ausgang nimmt. Das ist ne Geschichte, da spielt Stadt eine Rolle, die nur Stadt spielen kann: dieses Bedrohungspotential, und im Gegensatz die Ruhe auf dem Land.

Fred: Als ich das Thema „Stadt“ gelesen habe, dachte ich, um Himmels willen, bitte nicht. Vor allem nicht die junge Literatur, da gehts doch bestimmt wieder bloß um Alkohol und Drogen, um Sex, Melancholie, Einsamkeit und gut dabei aussehen. So ein bisschen Pseudo-Beatnik, das ist ja auch große Mode, so über beispielsweise Berlin zu schreiben. Ich war dann überrascht, dass es auch Texte mit einer anderen Ausrichtung gab. Es ist ja eine sehr bunte Anthologie geworden, und es gibt viel mehr als nur prätentiöse Prenzlberg-Prosa. (Die gibts aber leider auch.)

Björn: Welche Texte meinst du denn?

Fred: Der allererste Text von Peh zum Beispiel. Im Grunde gehts darum, dass eine hippe Berlinerin nach Valencia fährt, säuft und sich küssen lässt, aber – weil Herz anderswo – nicht ficken kann. Der ist stilistisch – seien wir nett – unbedarft (Peh hat das Wörtchen „irgendwie“ sechs Mal auf einem halben dutzend Seiten untergebracht, das ist schon eine Leistung), und liegt inhaltlich zwischen Frauenzeitschriften-Befindlichkeitskram und wildem Tagebucheintrag. Hat aber mit Valencia überhaupt nichts zu tun.

Björn: Dass das auch ganz anders geht, zeigt Tilmann Rau. Der schafft es, die Kommunikationslosigkeit zwischen einem Pärchen im allgemeinen und speziellen Getöse Barcelonas aufgehen zu lassen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle Stadt-Reportagen gut funktionieren, bei den Geschichten klappt das nur bedingt.

Ulrike Draesner zum Beispiel hat eine wunderbare, poetische Reportage über Kalkutta geschrieben, die gleichzeitig in ganz kleinen Anspielungen einen politischen Grundton behält. Das sind häufig Details, ganz am Anfang zum Beispiel schreibt sie: „Wer stärker ist, kommt durch. (Absatz) Calcutta, kommunistisch seit über dreißig Jahren…“

Fred: Es werden ja eine ganze Reihe Städte beschrieben, PriÅ¡tina, Varanasi, Dhaka, das ist eine sehr schöne Mischung. Unvermeidlicherweise auch Berlin, London und New York. Bei den Texten über westliche Städte hat man unweigerlich den Eindruck: Das hab ich alles schon tausend Mal gehört. Es gibt auch die Ausnahmen.

Björn: Nachdem wir uns vorher auf den schlimmsten Text geeinigt haben, wollen wir noch sagen, welche Texte wir besonders gelungen fanden?

Fred: Besonders gut hat mit Toby Hoffmanns „Die kleine Stadt“ gefallen. Die kleine Stadt, das ist Ravensburg, das kenne ich ja gut. Hoffmann beschreibt am Anfang eine kleinstädtische Idylle und tickt irgendwann völlig aus. Dann hagelts großartige Nazivergleiche:

barbarei und idylle liegen nah beieinander in der kleinen stadt. dem herrn sei“™s gedankt, denkt sich der kathole, dass die tradition des „rutenfestes“, so nennt sich „ždas frohe treiben im herz oberschwabens“, älter ist als dieses ganze nazi-zeug. unnötig zu erwähnen eigentlich, dass der heutige marienplatz einmal adolf-hitler-platz hieß. die fahnen und all das, das marschieren, das trommeln, das herumgrölen, das heimatliedersingen, solche parallelen finden die menschen hier nur langweilig.

Björn: Das stimmt, das ist ein großartiger Text. Mit hat auch Urs Mannhart mit „Meine Straße“ sehr gut gefallen. Der beschreibt den langsamen Übergang von der Peripherie in die Stadt ganz wunderbar. Der Text fängt für mich diese Mischung aus Entstehen und Chaos in PriÅ¡tina ein. Außerdem schaut er gern aufs Kleine, ohne den historisch-politischen Hintergrund des Kosovo zu vernachlässigen. Sowas hier ist schön:

Es wird viel geraucht auf meiner Straße, auch Fruchtsäfte sind beliebt. Verpackungen nehmen rasch die Farbe der Straße an.Was ich erst für eine von der Sommerhitze gänzlich ausgetrocknete Blindschleiche halte, entpuppt sich als Scheibenwischergummi.

Fred: Hast Du eigentlich alle Texte gelesen?

Björn: Fast alle. Einen gar nicht, den hab ich vergessen. Da bin ich vorher eingeschlafen. Du?

Fred: Also 160 Seiten als pdf am Bildschirm zu lesen, das war beinah unerträglich. Als Verlag auch eine beschissene Idee, pdfs als Rezensionsexemplare rauszuschicken. Da sitzt Du vor dem Text, denkst, Du hast ihn gelesen, und sobald Du darüber nachdenkst, merkst Du: Ich bin genauso schlau wie davor. Und dann musste nochmal von vorne lesen.

Naja. Noch ein Wort zum Abschluss? Kaufen oder nicht?

Björn: Einzelne Texte super gern, aber manches davon, nee. Unterm Strich gibts ein Plus, aber es ist schon auch Mist mit dabei. Und Du?

Fred: Ich kaufe Städtebücher ja eigentlich nur, wenn über 50 Prozent der Texte Beschimpfungen sind. Ich finde, das ist ein Buch, das sich gut verschenken lässt. Eine schöne, bunte Mischung, da ist für jeden Geschmack was dabei. Und es ist das erste Buch des asphalt & anders Verlags, der mir auf den ersten Blick ziemlich sympathisch erscheint. Ich weiß auch nicht warum. Ich bin sehr gespannt, was da noch so kommt.

Es gibt zu drei der Texte Leseproben, Cornelia Travniceks Il Mio Mia oder die Himmelslinie der Stadt über dem Meer und die Nebel im Norden, Pehs Heimweh und Martin Beyers Die Medea der großen Stadt.

Schau gen Horizont und lausche: 11,90 Euro, 160 Seiten broschiert, asphalt & anders Verlag (Amazon-Partnerlink)

11 Kommentare

  1. 01
    Jan(TM)

    Macht mal bitte den small Tag am Ende zu.

  2. 02

    @Jan(TM): ROFL! Und ich hab‘ mich grad gewundert, was mit den Kommentaren los ist… ;)

  3. 03

    @Jan(TM): Was hast Du gesagt?

  4. 04
    Martin2

    Schöne Besprechung. Ich probier es mal.
    Jetzt wieder groß. Also: Schöne Besprechung.

  5. 05
    Frédéric Valin

    Ups. Danke, Jan(TM).

    Das mach ich bei den nächsten Islam- und USA-Artikeln: nen offenen Smalltag ans Ende zu setzen.

  6. 06

    Das reizt mich. Das will ich haben! und ich weiß auch schon, an wen ich’s verschenken könnte…

  7. 07

    @Frédéric Valin: Wenn die Schriftgröße der Kommentare nicht so klein eingestellt wäre, könnte man sie auch bei offenem small-tag noch lesen, aber die Schriftgröße der Kommentare ist wahrscheinlich auf „žSymbolwert“ (font-size: 1sw;) gesetzt :-)

  8. 08
    xconroy

    Wer auf Städtebeschimpfungen steht, sollte sich „Öde Orte“ aber nicht entgehen lassen ;-)

    http://e00z.u.cc/ [amazon]

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