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Galore ohne Druck- Irie, Lohrmann, Irie!

Nach sechs Jahren, 49 Ausgaben und 905 Interviews packt das Interviewmagazin Galore die Koffer und zieht vom Printmarkt ins Netz.

Im Editorial der finalen Printausgabe aber zähneknirscht Herausgeber und Verleger Michael Lohrmann:

Fällt Ihnen ein Ort ein, an dem Inhalte, Werte und manchmal auch Überzeugungen mehr verramscht werden als im World Wide Web? Mir nicht. Uns würde aber erneut der Sinn für die Realität abgehen, wenn wir versuchen würden, gegen das in den vergangenen 15 Jahren erlernte, gratis-geschulte Konsumverhalten der Internet-Nutzer anzugehen.

Das klingt als hieße der Chef des Adlon einen rumänischen Billig-Pauschaltouristen willkommen.
Warum so verbittert, Herr Lohrmann?

Was mich betrifft, kann ich mich über diesen Schritt nur freuen, denn ich habe Galore immer gern gelesen aber nur maximal zehn Ausgaben gekauft. Der Vertrieb nämlich war mäßig für mich und, wie sie selbst klagen, würgepreisig für Sie. Hinzu kommen die Produktionskosten und überhaupt die Krise undundund. Ab in die Ramschbude Internet also.

Darf ich Sie ein kleines bisschen trösten, Herr Lohrmann? Das poetische Kapitel mit dem halbvollen und halbleeren Glas überspringe ich jetzt mal, PR ist nicht mein Tee.

In den letzten Jahren hat Galore ein Archiv von über 900 meist zeitlosen Interviews mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten geschaffen. Es war Teil des Magazinkonzeptes, eben keine Interviews aus aktuellem Anlass zu führen, weil man Routineantworten vermeiden und Gespräche führen wollte. Eben dieses auch von mir geschätzte Konzept hat Galore auf dem auf Aktualität getrimmten Printmarkt zu einem Nischenprodukt gemacht.

Das Netz aber, Herr Lohrmann, vergisst nichts, weshalb Aktualität nur sehr kurzfristig von Bedeutung ist. Es könnte also durchaus passieren, dass Galore sich im Web viel besser macht! Ich wage die Vermutung, dass z.B. das 2007 geführte P.J. Harvey Interview nun endlich auch von Fans gefunden wird, dass das aktuelle Gespräch mit dem Menschenrechtler Elias Bierdel Galore per Verlinkung ganz neue Leser bringen wird und oller Schnack von vor fünf Jahren plötzlich doch einen aktuellen Bezug bekommen und noch einmal aus dem Netz gefischt werden könnte.

Oder glauben Sie ernsthaft, dass einer ihrer treuen Printleser noch einmal durch seine Galore-Sammlung kramt, weil er sich zu erinnern glaubt, den Namen Dieter Althaus in einer 2004er Ausgabe dort schon einmal gelesen zu haben? Und selbst wenn dem so wäre: freuen dürften sich darüber einzig die Werbekunden eben dieser Ausgabe, die einmalig bezahlt haben und von denen ihr Print-Archiv keinen Cent mehr sieht.
Nun aber zählt ein jeder Klick.

Und von denen wünsche ich Ihnen viele, denn galore.de postet wöchentäglich ein neues Interview und ist man erstmal dort, klickt man sich munter durch all die Köpfe, die dort außerdem schon zu Wort gekommen sind. Und das Tollste daran ist, dass ich all das kostenfrei bekomme und Sie trotzdem zumindest eine Chance auf ein Fußbad im Duckschen Tresor haben!

Galore!

20 Kommentare

  1. 01
    Kay

    Vom Namen her bekannt, nie gelesen, im Zeitschriftenregal stets übersehen, dafür jetzt erst mal gebookmarked. Werde beim nächsten Anflug von Langeweile dort mal wieder vorbei schauen.

  2. 02

    ich war immer eine eher unregelmäßige Leserin der Print-Ausgabe, einfach weil ich ungern ständig Geld für ein Heft ausgeben wollte, in dem mich nur 1, 2 Interviews interessiert hätten – so gesehen freue ich mich natürlich über die Online-Version, weil ich mir gezielt die interessanten Interviews raussuchen kann – oder einfach mal ein bisschen ‚blättern‘ (was die ansonsten freundliche Dame am benachbarten Kiosk ungern gesehen hat)

  3. 03
    stefanx

    war das ganze anfangs nicht sogar eine zweitverwertung von visions-interviews?! (deren webseite mal so großartige dinge wie ‚du darfst deinen user-content (reviews) hinzufügen, musst aber dafür zahlen‘ im angebot hatte..

  4. 04

    tolle zeitschrift und eine echt tolle sache, dass das nun alles online verfügbar wird. ich wünsche den machern viel erfolg bei der online-vermarktung.

  5. 05
    Jan(TM)

    Die Ausgabe mit PJ hab ich verpasst, endlich kann ich den Artikel lesen. Die ersten Ausgaben von Galore hab ich geliebt – aber dann wurde das Design und die Leute immer langweiliger.

    o.T. mit Firefox 3.5 und Leopard(G5 iMac) kann ich hier neuerdings jeden Buchstaben den ich tippe einzeln mit Handschlag begrüßen, da ich mit 10 Fingern schreibe muss ich immer Zwangspausen einlegen bis der Text erscheint. Liegt das an der neuen Vorschau oder haben die beim PPC Feuerfuchs geschlampt?

  6. 06

    Ich glaube auch, dass, trotz der Mär vom flüchtigen Netz, zeitlose Interviews endlich ihr passendes Zuhause gefunden haben. Man muss halt die passenden Schaufeln fürs Data-Mining bereit stellen, damit Interessenten auch die passenden Inhalte finden können.

    Und „schockschwerenot!“ man könnte jetzt auch die Fluidität des Mediums nutzen und Interviews nachträglich erweitern, wenn man Leute nochmals interviewt. Oder mal ganz anders steil gehen: Bietet es sich nicht an, jetzt die Interviews zusammenzuführen mit solchen der SZ oder das Mashup auf die Spitze zu treiben mit ganz neuen Formen des multimedialen Geschichtenerzählens? (Matthias Eberl hat einen ganzen Blog, der sich mit diesem Medium befasst. Großes Kopfkino)

    Liebe Rechteinhaber. Lasst euren Autoren doch mal ein wenig Freiheit in dieser Richtung. Der Galore-Fundus böte sicher spannende Anknüpfungspunkte.

  7. 07
    westernworld

    die gibt es noch? dachte die seien mit vanity fair und dem dodo zusammen ausgestorben.

    fand das konzept grundsätzlich gut hab aber nach ein zwei ausgaben die lust verloren. das war mir alles zu viel eigenpromo der interviewten, zu glatt, zu nett „¦ werde mir aber das archiv jetzt mal vornehmen.

  8. 08
    xconroy

    @Hannah: das war bei mir anfänglich auch so… wenn Interviews drin waren mit Leuten, die mich interessierten, habe ich Galore gekauft.

    Wenn man aber erst mal dabei ist, liest man auch die anderen Interviews, jedenfalls ich, jedenfalls einige davon. Und ab und zu kam es dann vor, daß gerade von Leuten, von denen ich überhaupt nichts Nennenswertes erwartete, ganz interessante Einsichten kamen… gute Interviewer erkennt man (auch) daran, daß sie aus fast jedem Menschen das Interessante herauslocken können.
    Genau das war der hauptsächliche Grund für mich, dann doch regelmäßig und trotz teuer diese Zeitschrift zu kaufen: es war eine der wenigen, wo ich tatsächlich auf Neues, Unerwartetes stieß, und das regelmäßig. Als Beispiel sei mal das Interview mit Dieter Meyer (ex-Yello) genannt… den kannte ich bis dato gar nicht, habe das nur mal aus Langeweile in der Bahn durchgelesen… aber was der Mensch zu erzählen hatte, hat bei mir viele Gedanken angeregt, was ja idealerweise das Ergebnis eines öffentlich geführten Gesprächs sein sollte.

    Im Übrigen hat Tanja natürlich recht. Ich fand Lohrmanns säuerliche Abschiedsrede reichlich verkniffen – war ihm tatsächlich nicht klar, daß eine Digitalisierung von Galore auch positive Folgen haben kann – und das (u.a.) aus dem gleichen Grund, aus dem auch die Printausgabe zumindest beliebt war, nämlich dem Alleinstellungsmerkmal „tiefergehende Interviews ohne Aktualitätsdruck“?

  9. 09
    Nico Roicke

    ich hab damals als sie das galore das erste mal herausgebracht haben, im spass und auch etwas säuerlich gesagt, dass sie diese art zeitlose interviews zu führen von den fanzines kopiert haben, die ja gezwungen waren interviews so zu führen, da sich die schlussredaktion manchmal um monate hinauszögerte und zum druck des heftes der jeweilige musiker meist schon das nächste album draußen hatte. insofern eigentlich auch nur ein weiterer kreislauf der sich schließt.

  10. 10

    Liebe Tanja,

    kann es sein, dass Du einfach nur „Ätschebätsche – selber …“ aussagen willst?

    (Frauen können sowas von … sein)

    – Kurzfristig Verreist –

  11. 11

    guter schritt. und sehr gut geschrieben, tanja! so sollte man das ausformulieren können. danke. ;)

  12. 12
    RC

    Ach es ist doch immer dasselbe. Manche Journalisten empfinden sich selbst als eine Art Elite, die auf einem Podest steht und alles zur eigentlich verachteten Masse runterbrüllen darf (WEIL man Journalist ist und „die“ nicht), die man gerne komplett ignorieren würde, bräuchte man sie nicht um ihr Geld zu verdienen, was der einzige „Umgang“ ist, den man mit dieser haben möchte.
    Was hier schmerzt, ist einfach das im Print nur wenige Köpfe zum Zug kommen. Wer schafft es schon, sein Medium in großer Auflage unters Volk zu bringen? Spreeblick hätte es ohne das Netz auch nie gegeben. Das ist es halt was verloren ging. Im Netz dauert ein Veröffentlichen nur so lange, wie der User dafür braucht Publish in seinem CMS zu klicken. Die Hürde OB es überhaupt veröffentlicht werden kann, gibt es schon gar nicht mehr. Unglaublich doof für Leute, die hier ein Quasi-Monopol hatten. Oder das glaubten.
    Was echt nicht verstanden worden ist, jedenfalls nicht richtig verinnerlicht, ist dass schlechte Inhalte schlecht bleiben, genauso wie gute Inhalte gut bleiben. Es ist einfach komplett egal, wo und wie sie veröffentlicht wurden.
    Im Netz ist es doch auch nicht anders. Jeder der regelmäßig mehr als 50 Blogs liest, kann sich ja mal melden. Das erlaubt schon die Tageszeit gar nicht. Somit haben wir hier genau das gleiche wie schon bei Print. Es findet sich eine Stammleserschaft, mit dem Bonus das spontan Zufallsleser über Links hereinstolpern können. Die gibts bei Print höchstens noch, wenn das Mag in einem Wartezimmer ausliegt. Da gibt es dann aber garantiert kein Geld für.

  13. 13
    conrad

    ausser jack daniels find ich da aber auch keine werbung auf der seite ode rliegts an meinem adblocker? aber fakt ist, dass man die redaktion so schön auf 2 interviewer/schreiberlinge zusammenschrumpfen lassen kann und dann stimmt auch wieder die rendite. die anderen sind dann halt arbeitslos. aber immerhin kann man jetzt verlinken. great. naja jetzt gibts halt geld für PIs im Promillebereich aber dafür gibts keine aufgeblusterten media-budgetverwalter mehr die immer mehr seiten für immer weniger geld wollen. man nervt mich diese „print-leute sind naiv und internet is the rettung – respektive – internet ist der qualitätstot und print is quality“-diskussion

  14. 14

    Kannte das Magazin bisher auch nur vom Namen her, aber werde mir jetzt das ein oder andere Interview durchlesen. Ist doch schön, wieder mehr Qualität im Netz zu finden!

  15. 15

    Auf ins Netz! Ich bin dabei!

  16. 16
    fruddi

    Wer keinen Qualitätsunterschied zwischen Blogs und Zeitungen sieht ist blind. Das fängt mit dem Sprachniveau an und hört mit redaktioneller Sorgfältigkeit auf. Ich empfehle allen hyperaktiven, traumatisierten Twittern sich in Ruhe auf eine Parkbank zu setzen und eine Wochenzeitung zu lesen. Viel Vergnügen!

  17. 17

    Yo und ich wäre übrigens auch bereit für Interviews aus dem Archiv zu zahlen. Generell ist Galore eines der Magazine für die ich als Web-Abonnent sehr wohl einen Obolus hinlegen würde.

  18. 18

    Ich habe alle(!) Ausgaben gekauft und fein säuberlich archiviert. Dennoch freue ich mich über die online-Ausgabe der GALORE. Vielleicht muss Herr Lohrmann (und fruddi) einfach noch ein paar Erfahrungen mit dem Medium Internet sammeln, um festzustellen, dass nicht alle Online-Leser „žhyperaktive, traumatisierte Twitterer“ sind. Auf bestes Gelingen — ich bin auch dabei!

  19. 19

    Tsja, leider nunmehr auch online gestorben.

  20. 20

    Ja, sehr schade. Sehr, sehr schade!

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