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Interview mit der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi über den Iran – fast.


Wie sicher sind die Informationen über Twitter aus dem Iran, was passiert mit den vermutlich hunderten Inhaftierten, die das Regime von Ahmadinendschad verhaftet hat, was ist die Zukunft im Iran und was an diesen Demonstrationen ist religiös motiviert, was nicht. Es gibt viele spannende Fragen, die man mit Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin 2003 und iranische Menschenrechtsaktivistin, erörtern kann. Wenn man die Zeit dazu hat.

Im Grunde hatte Shirin Ebadi die meisten der Fragen schon auf der Pressekonferenz im Konzernhaus der Deutschen Welle beantwortet. Sie sei gegen wirtschaftliche, aber für politische Sanktionen. Sie hat Nokia und Siemens erwähnt, die beide Software zur Überwachung der Iraner geliefert haben. Und sie hat eine Zukunftsprognose abgegeben: „Wachsende Kritik von Seiten einflussreicher geistlicher Würdenträger wird dazu führen, dass die Regierung ihre Legitimität verliert und geschwächt wird.“

Eigentlich hätte es nach der Pressekonferenz einen Interviewtermin geben sollen. Dass es keiner wurde, liegt zum einen an der Zeit, die mir nicht zur Verfügung stand. Und zum anderen an meiner — ich bin mal nett zu mir. Ich nenne es Unerfahrenheit.

Die Informationen über den Iran, die ich zusammengetragen habe, sind vage. Man weiß dank der hunderten von Augenzeugenberichten von den Demonstrationen, ja. Aber man weiß nichts darüber, wie viele Menschen inzwischen eingekerkert worden sind, wie sie behandelt werden und wie viele von ihnen umgebracht worden sind. Shirin Ebadi erzählt von einer Familie, die, um ihren in Haft umgekommenen Sohn zu identifizieren, einen ganzen Katalog von Fotos durchsehen muss. Es scheint ganze Katakomben von Toten zu geben.

Man weiß auch nicht, welche Verhandlungen sich abspielen hinter den Kulissen, welche der Alternativen für den Iran die Zukunft sein wird. Werden sich die Konservativen ohne Kompromisse, von Blutbad zu Blutbad durchsetzen wollen? Gibt es Gespräche mit gemäßigteren Kräften wie Rafsandschani? Wird es eine Form der Kohabitation geben, eine Regierungsform, die versucht, Reformkräfte mit einzubinden? Selbst wenn Ebadi dazu Antworten wüsste, sagt ihr Übersetzer zu mir, wird sie sie nicht geben. Sie ist keine Politikerin. Sie ist Menschenrechtsaktivistin.

Ich hätte Shirin Ebadi gerne zu ihren Erfahrungen als Anwältin befragt, als sie den Todesfall der Kanadierin iranischer Abstammung Zahra Kaschemi vor Gericht brachte. Ich hätte gerne gewusst, wie es soweit kommt, wie das sein kann, dass eine Fotografin, die ein paar Aufnahmen auf einer Demonstration gemacht hat, zu Tode gefoltert wird. Oder wie es ist, den eigenen Namen auf einer Todesliste zu lesen.

Um 15 Uhr hätte ich da sein sollen, der Termin war schon um eine viertel Stunde gekürzt worden. Um 15 Uhr war ich da. Shirin Ebadi schlief, es war bisher ein langer Tag gewesen, und er sollte noch länger werden, bis halb acht. Kürzlich ist Frau Ebadi 62 Jahre alt geworden, und deswegen haben mir alle sehr nett, aber ohne Widerspruch zu dulden, zu verstehen gegeben, dass sie Ruhe brauche. Ich kann das verstehen, 50.000 Mal das gleiche sagen an einem Tag, all die blöden Journalisten, die alle die gleichen blöden Fragen fragen. Und 50.000 Mal das gleiche antworten.

Als Shirin Ebadi ungefähr um viertel nach drei wieder ausgeruht ist, ich werde hereingebeten. Sie ist klein, denke ich, und sie hat sehr aufmerksame, braune Augen. Wenn sie spricht, legt sie oft die Hände ineinander, wenn sie zuhört, legt sie den Kopf zur Seite. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe: jedenfalls nicht, dass mich ihre Haarfarbe an Neukölln erinnert.

Ich habe jetzt noch eine viertel Stunde weniger und ungefähr 50 Fragen, von denen ich jetzt höchstens drei stellen kann. Ich versuche, in jede der drei Fragen zehn reinzupressen, ich kann mich nicht entscheiden, jedes Detail ist wichtig. Wie kommt es, dass jetzt diese junge, dynamische Generation, die gerade auf die Straße geht, abends Allahu Akbar über die Dächer schreit, Gott ist groß? Haben Sie nicht einmal in einem Emma-Interview gesagt, Frau Ebadi, dass nur ein viertel der iranischen Bevölkerung auch privat einen starken religiösen Bezug hätten? Und gerade diese Revolution?

An das Emma-Interview kann sie sich nicht erinnern. Die Allahu Akbar-Rufe sind Zeichen eines islamischen Protestes. Nicht eines konservativen Protestes, nicht eines religiösen Protestes, sondern eines politischen Protestes. Das hat nichts mit Glauben zu tun.

Glauben Sie tatsächlich, dass Mussawi, dass Rassandschani eine politische Alternative zu Ahmadinendschad sind? Eine systematische Alternative? Mit deren politischer Vergangenheit?

Ja, sagt Shirin Ebdai, es sei ein großer Unterschied. Nein, es sei kein systematischer. Es sei kein Umsturz wie 1979, sondern eine Demokratisierung. Es könnte eine Demokratisierung sein.

Ich hätte gerne über die mediale Berichterstattung gesprochen; darüber, wie Medien im Iran die Politik mitbestimmen, wie das funktioniert. Es funktioniert bestimmt anders als in Deutschland, wo einzelne Worte, einzelne Sendungen weniger Gewicht haben, aber ich kann mir das nur sehr schwer zusammenreimen.

Es gab für meine Begriffe zwei zentrale mediale Momente vor der Wahl, beide haben mit alten Medien zu tun: eines war ein Zeitungsbericht, zweiteres lief im Fernsehen. Zu ersterem muss ich ein wenig ausholen: eigentlich wollte Chatami zur Präsidentschaftswahl kandidieren, der ja tatsächlich als Reformer aufgetreten ist, mit einem weit radikaleren Programm als Mussawi. Dann hat der Chefredakteur der regierungstreuen Zeitung Keyhan, der Khameini, Chatami prophezeit, wenn er nicht aufgebe, drohe ihm das gleiche Schicksal wie Benazir Bhutto. Chatami protestierte und forderte einen Widerruf. Als der nicht kam, zog er seine Kandidatur zurück. Nur deswegen hat Mussawi überhaupt kandidiert.

Das zweite zentrale Moment waren die Fernsehdebatten, sie zum ersten Mal in der iranischen Geschichte stattfanden, und während derer Ahmadinendschad vorgeführt wurde wie ein ständig „žGerechtigkeit“ blökendes Schaf, in der Korruption bis in die höchsten Regierungskreise angeprangert wurde. Ich habe das als Revolution für die iranische Presse empfunden, ich weiß nicht, ob es das war. Das hätte ich Frau Ebadi gerne gefragt.

Als ich sie fragen wollte, wurde mir gesagt, man müsse mich jetzt dann gleich abwürgen, der Herr von der Süddeutschen warte. Gut, dachte ich, fragen wir Frau Ebadi zum Abschluss was online-spezifisches, fragen wir sie, wie sie die Kommunikation über Twitter empfunden hat.

„žTwitter und Facebook dienen der Kommunikation zwischen den Menschen, und gerade junge Iraner sind da sehr aktiv“, sagt sie, und ich frage mich, was man da allen Ernstes hätte antworten sollen, warum ich unbedingt eine online-Frage habe stellen müssen und wie ich überhaupt darauf komme, dass Shirin Ebadi dafür die richtige Ansprechpartnerin ist.

Ob ihr bekannt sei, dass es Verdachtsmomente gäbe, israelische rechtskonservative Kräfte hätten sich auf Twitter als iranische Oppositionelle ausgegeben, sich gut vernetzt und diese oder jene Nachrichten lanciert, um den Iran zu destabilisieren. Was denn insgesamt von dem Wahrheitsgehalt von Twitter zu halten sei.
„žEs besteht immer eine Wahrscheinlichkeit der Unwahrheit“, hat sie gesagt. Ich habe vergessen, dass ich mit einer Anwältin spreche und nicht mit einer Medienjournalistin oder Medienphilosophin. Ich glaube, ich habe mit der Frage den Kardinalsfehler der Leute begangen, die zu viel online sind: Medientheorie für derart wichtig zu nehmen, als dass man andere Fragen dafür getrost unter den Tisch fallen lassen kann.

Ich habe nicht nach den Mitarbeitern von Shirin Ebadi gefragt, die gerade in Haft sind. Nicht nach ihrer NGO-Arbeit. Ich habe nicht gefragt, wie im Iran Strafprozesse ablaufen und was mit Dissidenten passiert. Und wie. Und was man dagegen machen kann. Außer für Amnesty spenden.

Ich weiß es immer noch nicht recht. Aber für solche Fragen braucht man vermutlich Tage oder Wochen oder Jahre. Nicht Minuten.

21 Kommentare

  1. 01

    Schade, dass das mit dem Interview nicht richtig geklappt hat! Aber es war ein Versuch und du hast daran gelernt, Frédéric. Außerdem macht es Spreeblick sehr sympathisch, dass Scheitergeschichten erzählt werden.

  2. 02
    Rohlex

    Ein bisschen zu bemüht um Unkonventionalismus, die Schreibe.
    Das scheint beim Spreeblick durchgängig so zu sein, fällt mir bei Dir aber besonders auf.

  3. 03

    @Rohlex: Schön, dass dir so viel mit Substanz einfällt. Und auch so passend und taktvoll.

    Zum Thema: Schon besser :). Und ich finde es sehr angenehm, wenn mal jemand auch schreibt, dass er nicht alles weiß. Die Iraner rufen zu 70% Allahu Akbar, weil das das einzige ist, was sie rufen können und weil so auch der Schah gestürzt wurde. Der Rest der Protestierenden ist vielleicht auch gläubig, aber eben auf eine nicht so menschenverachtende Weise.

  4. 04
    Fréderic

    „Bemüht um Unkonventionalismus.“ Das gefällt mir.

  5. 05
    Rohlex

    Ja, das wirkt zuweilen etwas selbstgefällig.

  6. 06

    Na dann haben wir das ja geklärt. Weiter.

  7. 07
    Haha

    @Rohlex: Wie kann jemand selbstgefällig wirken, der Fehler eingesteht? Hirnig.

    Zum Thema: Ich werde mich dennoch durch die Antworten wühlen, denn auch bei dieser Dame kann man sicher zwischen den Zeilen lesen!

  8. 08
    Björn

    Kopf hoch, dafür ist die Geschichte doch trotzdem gut (!), du hast eventuell was gelernt und Fragen haben ja auch andere gestellt. Ist doch toll, dass du überhaupt die Gelegenheit hattest und es ist ja auch nicht so, als hättest du jetzt gar nichts draus gemacht. ;-)

  9. 09
    Rohlex

    Hey hey, man wird ja wohl noch Kritik üben dürfen, wär ja langweilig wenn nicht.
    Ich meine konkret v.a. die berüchtigten 3-Wort-Sätze. Oder ein paar mehr. Das geht auch mit ein paar Kommata. Kann auch cool sein. Und wie. Vielleicht. ;-)

  10. 10
    Kleines Frühstück

    >>Ich weiß es immer noch nicht recht. Aber für solche Fragen braucht man vermutlich Tage oder Wochen oder Jahre. Nicht Minuten<<

    ich finde, das ist ein sehr kluger satz!
    10x besser als diese selbstberufenen allzweckantwortgeber die es in unseren medien so gibt. und darüber hinaus war das thema, glaub ich, auch relevant und weniger das perfekte interview. mir ging die sache mit der fotografin zahra kaschemi wieder voll in die magenschleimhaut.

    ps: und wir sind ja nicht wolf schneider, nö?

  11. 11
    quasi

    du hast nix falsch gemacht – du hast die dame getroffen und ein paar fragen gestellt – ganz ok so weit für´n blogger und ne nobelpreisträgerin

  12. 12
    Frédéric Valin

    Das mit den Kommata hat der Spiegel verdorben. Man kann Eindrücke nicht mehr mit Kommata abtrennen, ohne zu klingen wie Steingart.

  13. 13

    Das hat durchaus den Charakter eines ‚Zitat des Tages‘, gute Feststellung. Danke dafür.

    > > Ich meine konkret v.a. die berüchtigten 3-Wort-Sätze. Oder ein
    > > mehr. Das geht auch mit ein paar Kommata. Kann auch cool sein.

    > Das mit den Kommata hat der Spiegel verdorben. Man kann
    > Eindrücke nicht mehr mit Kommata abtrennen, ohne zu klingen wie
    > Steingart.

    Es handelt sich hierbei um die ‚Rohlex von Fredéric-Theorie‘, also die Armbanduhr des Berichterstatters.

  14. 14
  15. 15
    willOw2k

    das Thema Iran ist ein heikles Ding. Selten hört man was positives und schon überhaupt die letzten Nachrichten (n2day.com) dass sie vermutlich einen unterirdischen Atombombentest durchgeführt haben…

  16. 16

    Also jeder, der bereits einmal ein Interview geführt hat, kann deinen Erfahrungsbericht gut nachvollziehen. Ich zumindest. Dabei muss nicht einmal solch ein Zeitdruck herrschen, um im Nachhinein festzustellen, dass andere Fragen besser gewesen wären oder man sich allgemein zuviel vorgenommen hat.
    Wenn der Interviewpartner dann auch noch so begehrt ist…
    Na ja, ich fand es nett zu lesen.

    Zur Twitter-Frage:
    Ich denke die Frage war kein Fehler, sondern sehr berechtigt. Während der gesamten Proteste waren Twitter und ähnliche „social networks“ die einzige Quelle für Journalisten. Teilweise beruhten viel Artikel auf den Tweets von anonymen Twitter-Nutzern, beispielsweise Persiankiwi, zu denen nicht wirklich viel Background-Information zur Verfügung steht. Also sollte man Iraner fragen, nicht Medienexperten, was sie von diesen Meldungen halten.
    Die Frage hatte vielleicht mit deiner Netz-Affinität zu tun, ist aber aktuell auch ein brisantes Thema.

  17. 17
    Frédéric Valin

    @Ski: Das Problem ist, dass Shirin Ebadi von persiankiwi vermutlich noch nicht einmal was gehört hatte bis zu meiner Frage. Das war nicht ganz glücklich.

  18. 18

    Nun aber Sie war wenigstens in der komfortablen Lage über ihr Land, ihre Wahrnehmung der Ereignisse, von Angesicht zu Angesicht mit Journalisten sprechen zu können. Vielleicht kennt sie die einzelnen Quellen nicht, doch die Berichterstattung der westlichen Medien hat sie garantiert verfolgt. Bei einer Menschenrechtlerin sollte man zumindest davon ausgehen können. Nun gut, vielleicht empfindest du das als verschwendete Redezeit mit ihr, doch es hätte durchaus auch sein können, dass sie dazu mehr zu sagen hat.
    Wie auch immer…

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