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Gefährliches Ganzwissen: Das Ende des Stammtisches?

Gestern Abend, ein paar Drinks später. Freunde aus der weiten Ferne sind zu Besuch, wir plaudern über aktuelle Ereignisse. Es geht um soziale Gerechtigkeit hier und da. Jetzt erstmal hier. Im Raum steht der Satz: „100 Millionen Abfindung an einen Manager, der Scheiße gebaut hat — das ist obszön.“

„Nun ja. Hat er tatsächlich nur Scheiße gebaut? Immerhin hat er ja wohl Porsche aus dem Dreck gezogen und ist dann später erst gescheitert. 100 Millionen sind trotzdem absurd.“

Das erste iPhone wird zur Verifizierung der Faktenlage gezückt.

„Es sind keine 100 Millionen geworden, angeblich hat Wiedeking die 100 auch selbst abgelehnt. Es sind ’nur‘ 50. Davon packt er die Hälfte in eine soziale Stiftung, ein paar halbe Millionen gibt er an Verbände für ’notleidende Journalisten‘. Erstaunlich. Naja, den Rest wird er zur Hälfte versteuern müssen, bleiben, sagen wir mal grob, 12 Millionen übrig. Immer noch ’ne unvorstellbare Summe, aber eben keine 100 Millionen.“

„Klar. Die Hälfte parkt er schön in der Stiftung und macht die steuerlich geltend, die können dann nachfolgende Generationen wieder rausholen, was soll er auch jetzt damit?“

Hm. Nochmal der Blick ins mobile Internet.

„Nee, nee. Alles ganz anders. Er muss die 50 auf alle Fälle erstmal versteuern. Da wir getrost vom Spitzensteuersatz ausgehen können, bleiben also vor der Stiftungsgründung etwas mehr als 25 Millionen übrig. Die gibt er fast komplett in die Stiftung, kann aber davon nur etwa ein Viertel steuerlich geltend machen.“

„Ach.“

Schweigen. Sorgen um Herrn Wiedeking macht sich natürlich niemand, ein Einziges, ach was, ein Halbes, ein Viertel seiner Jahresgehälter würde die beiden am Tisch sitzenden Familien inkl. der insgesamt fünf Kinder vermutlich für immer und ewig finanzieren. Doch der vergangene Dialog lenkt uns ab vom Thema der sozialen Gerechtigkeit, hin zu Plagen und Nutzen des dauernd verfügbaren Internet.

„Mich nervt dieses andauernde Rumgetippe, dieses Starren auf die Geräte, während man sich eigentlich unterhält. Irgendwann muss man Twitter, SMS, Mails und Web auch mal sein lassen. Wir sehen uns höchstens einmal im Jahr, da müssen wir doch nicht auf die Telefone starren.“

„Stimmt ja. Aber wenn wir gerade nicht auf die Telefone gestarrt hätten, hätten wir uns in einer schönen Stammtisch-Debatte voller Halb- oder Garnicht-Weisheiten verstrickt. So haben wir wenigstens das Gefühl, ein bisschen was gelernt zu haben.“

„Quark, ändern tut das trotzdem wenig. Du findest auch im Netz für alles nur die Information, die du gerne haben willst. Kommt halt darauf an, wem du Glauben schenkst und welche Argumente du unterstützen magst. Gefährliches Ganzwissen ist das und auch nur Stammtisch auf anderem, aber nicht zwingend besserem Niveau.“

„Na gut. Dann hol‘ ich mal noch vier Bier.“

36 Kommentare

  1. 01
    Die Japaner

    Sehr schön und realitätsnah!

  2. 02

    Mich nervt das Rumgetippe ja überhaupt nicht. Aber sonderbarerweise sagen andere Menschen um mich herum häufig, dass es sie doch ein bisschen stört…

  3. 03

    Die letzte Zeile ist die einzig richtige Konsequenz aus so einem Gespräch.

  4. 04

    geht mir schon auf den senkel, wenn man sich mit freunden auf ein bier in die küche setzt, einander von neuer musik und neuen filmen erählt, und am ende doch wieder der laptop rausgeholt wird, um den trailer des neuen tollen films bei youtube zu zeigen, weil die subjektive beschreibung nicht mehr ausreichend ist…

  5. 05

    Kann man bei Euch das Bier etwa nicht per Twitter bestellen?

  6. 06
    stefan

    das getippe nervt. die ständige informationsverfügbarkeit ist wie immer fluch und segen zugleich. aber nochmal kurz zu porsche. wenn die spiegel-zahlen stimmen, sieht das so aus:

    vw:
    Fahrzeugproduktion: 6,35 Millionen
    Umsatz: 113,8 Milliarden Euro
    Nettogewinn: 4,69 Milliarden Euro
    Mitarbeiter: 370.000
    Marken: 9
    Werke: 61

    porsche:
    Fahrzeugproduktion: 0,105 Millionen
    Umsatz: 7,47 Milliarden Euro
    Nettogewinn: 6,39 Milliarden
    Mitarbeiter: 12.200
    Marken: 1
    Werke: 2

    porsche erwirtschaftet mit 1/60 der autos und mit 1/30 der arbeitskräfte absolut mehr gewinn als vw. insofern hat der manager eher keine scheisse gebaut, vom gefühl her.

  7. 07

    @stefan: Insgesamt liegst du sicher richtig, aber man darf fairerweise nicht vergessen, dass Porsche einen großen Teil dieses Gewinns nicht mit den Autos verdient. Ansonsten wäre ein Gewinnanteil von 85,5% so eindrucksvoll, dass man Wiedeking sofort zum Weltpräsidenten ernennen müsste.

  8. 08
    Chubby Checker

    Manager kommen und Manager gehen… Das ist der Lauf der Dinge. Jeder ist ersetzbar in jedem Unternehmen. Man sollte nicht immer so pessimistisch sein.

  9. 09

    Alles überwertet dieses Internet. Ich bin ja für internetfreie Zonen und für die zeitweise Abschaltung dieses UMTS-Dings. Wer braucht schon nachts um drei noch Internet? Da schlaf ich doch!

  10. 10

    Wenn wir in zehn Jahren die nächste Stufe dieses Internets haben, werden wir uns noch wünschen, wir hätten nur UMTS und mobiles Internet. So ist das doch immer. Aber die vier Biere am Ende, die gibt es dann wohl immer noch.

  11. 11
    Delay

    Das ist eine wunderschöne Miniatur aus dem wirklichen Leben.

  12. 12

    @Frank: Richtig, nach 4 Bier fällt das Tip-Tap auf dem iPhone auch viel schwerer ;-)

  13. 13
    Jan(TM)

    Ach was, früher hätte Tanja nachher 50kg tote Bäume wegräumen und wieder ins Bücherregal einsortieren müssen. Zu schweigen von den LPs und CDs. So muss sie nur Gläser spülen.

    @Michael: Wer ist wir? Wünscht du dir auch Modems zurück oder die Zeit ohne Telefon(falls du die kennst)?

  14. 14

    Stammtisch = Polemik pur???
    Vielleicht doch ein Glück, dass ich recht unsozial bin.

  15. 15
    Harm

    naja, 4^n Biere später geht es eh nur noch um den Gottesbeweis. Und da kann das Internet auch nicht helfen.
    Moment, vielleicht IST das der Gottesbeweis, ich muss das mal eben recherchieren. Wer bestellt?

  16. 16
    dan

    read this: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30790/1.html, m.E. guter Artikel über den Fall Wiedeking/Porsche/VW

    Und ja: gadgets in Gesprächsrunden (die mit körperlicher Anwesenheit) nerven – es sein den, man paliert darüber (über die gadgets).

  17. 17

    Nur weil Herr Dr. Wiedeking mir mal die Tür vom Finanzamt in Bietigheim offen gehalten hat, bin ich nicht verblendet oder gar voreingenommen. (Echt Wahr!)

    Darum:
    Wiedeking nimmt Stellung
    http://tinyurl.com/lu8bxv

  18. 18

    Obwohl mich z.B. Youtube auf Parties extrem nervt, bin ich über alle technischen Hilfsmittel froh, die solche Stammtischdebatten verkürzen.

    Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe diese Debatte schon ca. 100x geführt (es gibt ja auch andere Spitzenmanager mit hohen Abfindungen). Es gibt einfach interessantere Themen für den Stammtisch. Dazu gehört auch, wer das nächste Bier holt ;)

  19. 19
    Daniel

    Hauptsächlich hat doch das tolle VW-Gesetz die Übernahme verhindert.
    Wiedekings größter Fehler war wohl, dass er vertrauen in die Fähigkeiten der Politik hatte…

  20. 20

    Diskussionen mit Menschen, die sich so leicht mit Fakten und Argumenten überzeugen lassen, sind doch eh langweilig.

    Spannend (und schön stammtischig) wird’s, wenn man selbst bei einer erdrückenden Faktenlage bei seinem Standpunkt bleibt. So wie Antje das Walross in diesem kleinen Sketch hier.

    Zum Thema: Ich benutze so technisches Gerät ja gerne, um mein unglaublich selektives Gedächtnis auszugleichen. Also für den Fall, dass ausnahmsweise mal nicht das Releasedate des Travis-Albums „The Invisible Band“ (11. Juni 2001) gefragt ist, sondern der Name der Bundeslandwirtschaftsministerin (müsst‘ ich jetzt googeln).

  21. 21
    Gene October

    Es gibt zwei grosse Probleme mit der ganzen Geschichte erstens werden im Internet auch genug falsche Informationen verbreitet. Ein Freund von mir hat einen falschen Namen und ein falsches Geburtsdatum bei Wikipedia, als es dies einmal korrigieren wollte wurde die Änderung wieder rückgängig gemacht mit dem Verweis auf die polnische Wikipedia Seite (kein Scheiss). Zweitens was wollen wir überhaupt mit diesen ganzen Informationen. Was z.B. Herr Wiedeking verdient weiss er wahrscheinlich selber nicht genau. Aber Spiegel, Wikipedia wissen nur das was sie verbreiten sollen.

    Das Internet ermöglicht es auf wunderbare Weise falsche oder geschönte Informationen zu verbreiten.

  22. 22

    @Lukas:
    Mal nur eine Grundsätzliche Frage an Dich

    Alle Doof ausser man selbst?

    Jedenfalls ist der Informationsgehalt auf SPREEBLICK so hoch,
    dass selbst ‚Promovierte‘ das eine oder andere aufschnappen.

    Siehe:
    c’t #16/09

    Alles Gute

  23. 23
    Endlich kommt der Törn

    Weg von sozialer Gerechtigkeit! Porsche war ja jahrelang das weiße Schaf in der Wirtschaftswelt: Der Betriebsrat offenkundig sehr zufrieden, und Wiedeking der vorzeigbare Manager, weil seine Arbeit sich auch für die Beschäftigten gelohnt hat. (Bis er dann doch *etwas* zu viel wollte)

    Mir persönlich ist es übrigens ziemlich egal, was so ein Manager verdient, hauptsache er macht einen guten Job (idealerweise im Sinne der Mitarbeiter) und versteuert sein Geld pflichtgemäß. Sodass z.B. dieser Herr seiner Arbeit nachgehen kann: http://www.youtube.com/watch?v=1HAXzici4X8 .

    Übrigens: Das schlimme ist ja eigentlich, dass das Land Niedersachsen 20% an VW hält! Spiegel Online klärt auf: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,638278,00.html Dass man sich diesem Wind nicht immer in den Weg stellen kann, ist zwar verständlich, aber schade. Shit happens.

  24. 24

    hmm, ich lass im Urlaub den lappi zu hause und das handy schalt ich meist aus… auch weil ich das ladekabel sowieso vergessen hab…
    btw. wieso werden in DE manager die scheiße bauen nicht von ihren Mitarbeitern verklagt? In anderen EU ländern ist das schon lange gang und gebe…

  25. 25
    Alice

    Als Niedersächsin kann ich gut mit leben, dass Niedersachsen 20% an VW hält und die Stimmrechtsbeschränkung und die Entsendung von 2 Mitgliedrn in den Aufsichtsrat demnächst sogar in den VW-Statuten festgemacht wird. EU-fest.

  26. 26
    quasi

    es ist doch gut die wahl nach dem eigenen input so breit gefächert nutzen zu können – wie man das tut und in wie weit man das glaubt ist jedem selbst überlassen – wie im übrigen leben auch

  27. 27

    @Endlich kommt der Törn: Wenn alle ihr Geld ordnungsgemaess versteuern wuerden waere der gute Mann auch arbeitslos, da man ja dann keine Steuerfahnder benoetigen wuerde. Zum Glueck fuer die Steuerfahnder ist das aber wohl utopisch.

  28. 28

    Stammtischgespräch gestern im Biergarten: Dienstwagenaffäre der Ulla. Witz, Ironie, Satire, Mitleid! Dann wurde ein Gleichgewicht hergestellt: Angela mit Hubschrauber zu Frieda zum Kaffeekränzchen!

    http://www.shz.de/lokales/sylter-rundschau/artikeldetails/article/789/merkel-erst-die-arbeit-dann-das-vergnuegen.html

    War das nun ein Stammtisch mit politischem Tiefgang

  29. 29

    Wiedeking hat sich keinen Fehler geleistet, ausser auf seinen Chef zu hören.
    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/584/der-mohr-kann-gehn

  30. 30
    m.a.c.k.e.

    @Jan(TM): ‚Im Jahr 2003 wurden in Deutschland etwa 6,8 Milliarden Kilowattstunden elektrischer Strom für den Betrieb des Internets benötigt, für das Jahr 2010 gehen Schätzungen von einem Energiebedarf des Internets von 31,3 Milliarden Kilowattstunden nur in Deutschland aus. Berücksichtigt wurden sowohl die Endgeräte von Privathaushalt und Gewerbe sowie der Energieaufwand zur Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur des Internets an Serverstandorten. Nicht in diese Rechnung eingegangen ist der Energiebedarf von Serverstandorten im Ausland. Am Stromverbrauch eines Privathaushaltes ist die Nutzung des Internets zu einem großen Teil beteiligt.

    Für das Jahr 2005 wird weltweit von einem Energieverbrauch von 123 Milliarden Kilowattstunden nur für den Betrieb der Infrastruktur für das Internet ausgegangen.‘

    is also nix mit nur glaeser spuelen!

  31. 31

    In Berlin hat sich bald’s ausgeschnapselt und die Bierdimpfel haben auch an bayerischen Stammtischen nichts mehr zum Schauen. Weg mit den Lederhosen und vorallen den Dirndln mit Ausschnitt, denn das ist die Zukunft, nicht wahr?

    http://www.gruene-muslime.de/sprecher.html

  32. 32

    @epihelix: Da gebe ich dir 100 % Recht. Mein lehrer meint auch dass dass ganze Internet einen ausgrenzt und die alten wichtigen Sachen gehen verloren.

  33. 33
    RC

    Boah habt ihrs alle gut. Ich kann ja nur davon träumen in einem Umfeld zu leben wo das so ist. Leute zücken direkt das Notebook? GEIL! Hier läuft das so ab, das erst mal bei jedwedem Thema pauschal abgestritten wird das sowas überhaupt jemals passiert ist. Weil wir sind ja in Deutschland, da geht ja eh immer alles mit rechten Dingen zu…

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